11.05.2020

Vater Staat und seine (un-) freien Kinder: Europa zwischen China und den USA

Warum ist Europa so, wie es ist? Was unterscheidet uns von den USA und China? Und ist Kapitalismus der richtige Weg? Fragen, denen Politik- und Digitalisierungsexperte Mic Hirschbrich zum Auftakt seiner Kolumne "Mic am Montag" nachgeht.
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Coronakrise
Die Coronakrise zeigt erneut, dass Europa nicht nur geographisch zwischen den USA und China liegt. (c) Adobe Stock /Corona Borealis / Mic Hirschbrich

Der britische Philosoph Thomas Hobbes war gezeichnet vom englischen Bürgerkrieg und der Pest, als er in seinem Werk „Leviathan“ jene Frage stellte, die uns auch heute fundamental beschäftigt: Die Rolle des Staates zu Zeiten fundamentaler Krisen. Der Staat und sein Herrscher sollten laut Hobbes stets rational und objektiv agieren, auf Basis reiner Fakten und seine Bürger vor Krieg und Krankheit beschützen. Es war ihm ein Gräuel, wie egoistisch und machtbesessen, um Ansehen und Reichtum ritternde Feudalherren den europäischen Kontinent in Blut tränkten und wie schutzlos die Menschen diesem Treiben sowie den Seuchen ausgeliefert waren.

Der Ruf nach dem Staat und ein starkes China

Der „beschützende Staat“, der den nicht gender-konformen Begriff vom „Vater Staat“ nur unzureichend beschreibt, er wird heute in Zeiten einer neuen Pandemie gerufen, von links wie rechts, von arm wie reich. Er soll uns vor den Folgen der Pandemie und nicht weniger vor jenen, der daraufhin gesetzten Maßnahmen, schützen.

+++Der brutkasten startet neuen Schwerpunkt „Deine Welt“+++

Und noch eine Parallele findet sich zu Hobbes Welt. China war im 17. Jahrhundert erstarkt und ein administratorisch perfekt verwaltetes Reich mit der weltweit größten und fortschrittlichsten Metropole Peking als Hauptstadt. Es war damals Europa, das Chinas Strategien kopierte und lernte, effiziente Staatsverwaltungen aufzubauen. Das Wissen um die Kunst der Verwaltung ist zentral, wenn man nach einem starken Staat trachtet.

Von der autoritären Nazi-Diktatur in ein freies Österreich

Ein paar Jahrhunderte später sollte sich die Doktrin der freien Entfaltung der Menschen, sowohl hinsichtlich der Bürgerrechte aber auch des Wirtschaftens in Europa durchsetzen. Diese Freiheit schien mehr Menschen Wohlstand und dauerhaften Frieden zu bringen, als alle Staats- und Wirtschaftssysteme vor ihr. Nach dem 2. Weltkrieg verhalfen uns die USA politisch, aber auch wirtschaftlich zum Aufstieg. Heute ist das viel zu sehr in Vergessenheit geraten.

Der nach US-Außenminister benannte Marshallplan war dabei ein wichtiges Element, weitere Maßnahmen wie etwa Radio Rot-Weiß-Rot, ein amerikanischer Propagandasender in Wien sowie Auflagen zu Deregulierung, vereinfachter Unternehmensgründung und Zollabbau, trugen das ihre bei: Der wirtschaftliche Aufstieg nach dem letzten Weltkrieg war groß und nachhaltig. In den USA geschah dies mit wenigen staatlichen Eingriffen, in Europa mit durchwegs unterschiedlichen, staatlichen Strategien; von enorm hoher bis eher geringer staatlicher Regulierung, es war und ist alles vertreten.

Österreich geht den Weg der Sozialpartnerschaft

In Österreich ging man den Weg der durchaus in ihrer Form einzigartigen Sozialpartnerschaft, ideologisch gepaart mit Austro-Keynesianismus, einem groß ausgebauten Sozialstaat, einer teilweise regulierten aber auch sehr kompetitiven, freien Marktwirtschaft und, last but not least, einer ansehnlich großen, verstaatlichten Industrie, die größtenteils erst spät, mangels wirtschaftlichen Erfolges, privatisiert wurde.

+++Kommentar: Coronakrise dauert Monate und kostet Milliarden – es ginge auch anders+++

Bei aller vorgebrachter Kritik an der Sozialpartnerschaft führte diese zu einem permanenten Ausgleich zwischen den sonst so starren ideologischen Fronten, allen voran zwischen Arbeitgebern – und -nehmern. Sie zwang die beiden Seiten ständig, auf einander zuzugehen – und das ohne ausartenden Arbeitskampf, wie dies in vielen anderen Ländern Europas der Fall war. Österreich war dabei nie besonders liberal oder kapitalistisch, aber auch nie richtig sozialistisch. Es war freier als viele Länder und gleichzeitig verwalteter. Je nachdem, wer an der Regierung war, wurde das Land mehr nach links oder rechts gezogen.

In Summe war es aber eine Erfolgsgeschichte, die wirtschaftlich eng gekoppelt war an jene des großen Nachbarn Deutschlands.

75 Jahre später: Wie viel Freiheit braucht die Wirtschaft?

75 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg stellt sich wieder dieselbe Frage: Wie viel Staat brauchen oder wollen wir, und wie viel Freiheit zum leben und zum erfolgreich arbeiten? Betrachten wir den Faktor „Innovation“, als einen wichtigen Gradmesser wirtschaftlichen Erfolges eines Landes, so schien das Rennen auf den ersten Blick entschieden.

Das so erfolgreiche Silicon Valley legt besonderen Wert darauf, vom Staat in Ruhe gelassen zu werden, die liberalen Rahmenbedingungen dort ziehen die Genies und das Kapital der Welt an, wie das Licht die Mücken. Und kein Ort hat seit den 50-er Jahren mehr Innovation hervorgebracht, als das Gebiet südlich von San Francisco. Dessen Software ist in so gut wie allen Haushalten und Unternehmen außerhalb Chinas fest verankert. Demokratie plus maximale Freiheit im Wirtschaften, sie haben sich bewährt, zumindest für die dort tätigen Unternehmer, Mitarbeiter sowie hinsichtlich der dort lukrierten Steuereinnahmen.

Chinas Erfolgsgeschichte: Kommunismus trifft Digitalisierung

Echte Demokratie funktioniert nur mit einer freien Marktwirtschaft und umgekehrt, so hatten wir es jahrzehntelang wahrgenommen und hielten die beiden für die „best buddies“ der jüngeren Menschheitsgeschichte. Doch dann kam wieder China und erteilte uns eine harte Lektion.

China nutzte die Technologie, die westliche Firmen jahrelang freiwillig ins Land brachten, um billige Arbeitskräfte zum Produzieren und Assemblieren ihrer Produkte zu nutzen und bewies uns das Gegenteil: Auch eine kommunistische 1-Parteien-Diktatur und Kapitalismus vertragen sich hervorragend. Dieser Schock hält noch immer an, hunderte Bücher müssen neu geschrieben werden. Man nahm die Samen der Europäer und Amerikaner gerne an, entwickelte sie zu chinesischer IP weiter und stellte diese, anders als Europa oder die USA, auch dem eigenen Staat zur Verfügung, wo sie kräftig austrieben und wuchsen.

+++Analyse: 5G, Drohnen und AI: Wie der Coronavirus Chinas Digitalisierung antreibt+++

Der Kommunismus war weltweit, nicht zuletzt in der Sowjetunion, unter anderem an seiner Unfähigkeit gescheitert, seine Länder bis ins kleinste Dorf, in die hinterste Kolchose, gut und effizient zu verwalten. Das war im Sinne der Planwirtschaft aber von, im wahrsten Sinne des Wortes, -zentraler- Bedeutung. Doch das Problem mangelnder Organisations-Ressourcen war nun vorbei. Modernste IT verhalf nicht nur dem Silicon Valley, Milliarden Kunden weltweit erfolgreich zu bedienen. Sie verhalf auch China seine Macht zu festigen und seine 1,4 Milliarden Bürger zu überwachen, dank Globalisierung aus der Armut zu führen und mit zunehmendem Wohlstand ruhig zu halten. Zumindest bis heute.

Als uns vor wenigen Wochen Corona erstmals heimsuchte, war plötzlich wieder ein starker Staat gefragt und eine „folgende“ Bevölkerung. China, Singapur und Süd-Korea taten sich verhältnismäßig leicht. Besonders disziplinierte Bürger und ein Volk, das an Überwachung gewöhnt war, sorgten dafür, die Bedrohung rasch in den Griff zu bekommen, nicht zuletzt mit Technologie. In den USA und UK tat man sich mit einem raschen staatlichen Lockdown schwerer.

„Freiheitswütige“ Amerikaner und „obrigkeits-hörige“ Chinesen

In vielen US-Genen sitzt quasi eine „staatliche-Maßnahmen-Abwehrhaltung“ drinnen. Das Recht, frei zu wirtschaften, ist vielen Amerikanern so wichtig, wie das, eine Waffe zu tragen. Das Reduzieren vieler europäischer Medien darauf, dass das halt eine Tugend radikaler Republikaner sei, trifft es dabei nicht. Der Grund sitzt breiter und auch tiefer in der Gesellschaft.

Wir müssen diese Eigenheiten der Amerikaner weder teilen noch sympathisch finden, aber wir könnten aufhören, sie mit europäischer Brille zu beurteilen. Die manchmal etwas eigenwillig verteidigte Freiheit der Amerikaner, die uns oft seltsam erscheint, hängt stark mit dem Gründungsmythos des Landes sowie seiner Genese zusammen. Der selbstbewusste Amerikaner möchte sich selbst schützen, möglichst frei entscheiden und für sich selbst sorgen können. Schützen übrigens nicht zuletzt auch vor einem korrupten Washington, dem man prinzipiell misstraut.

So überraschen die Bilder wütender Amerikaner, die gegen die Corona-Maßnahmen auch dieses Wochenende lautstark demonstrierten, Amerika-Kenner wenig. Sind die Maßnahmen für die einen pragmatisch richtig, einleuchtend und zeitlich begrenzt hinzunehmen, so sind sie für andere völlig unzumutbare Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Einschränkungen als Unternehmer aber auch als Bürger, die sich vor Geschäften desinfizieren oder Masken tragen sollen, weil der Staat es ihnen aufträgt, um der Pandemie Herr zu werden.

Europa liegt nicht nur geographisch zwischen China und den USA

In den USA dominieren die wirtschaftlichen Stimmen, die vom Staat möglichst unabhängig sein wollen, in China ist der Staat omnipräsent und übermächtig. In Europa und speziell bei uns in Österreich möchte man meinen: Geht es uns gut und sind wir wirtschaftlich erfolgreich, als Unternehmer oder Arbeitnehmer, freuen wir uns über möglichst viel Unabhängigkeit vom Staat, wir lieben unsere Freiheit. Schlittern wir in die Arbeitslosigkeit oder kämpfen wir auch als Unternehmen mit Krisen wie einer Pandemie, erwarten wir selbstverständlich einen starken Staat, der sich um alles kümmert.

+++Covid-Startup-Hilfsfonds: Alle Details und Voraussetzungen+++

Das ist so selbstverständlich und die Not teils so groß, dass es kaum hinterfragt wird. Viele Unternehmer, allen voran österreichische Hoteliers, werden den Staat klagen, weil sie „wegen ihm“ keinen Umsatz mach(t)en. Er würde ja ihre unternehmerische Freiheit rigoros verletzen. Und auch wenn ich mich als Autor dem Gedanken freien Unternehmertums absolut erwärmen kann, diese Argumentation klingt nicht hinreichend konsistent. Denn hätte der Staat keinen Lockdown durchgeführt, Corona hätte ungehindert gewütet und das hätte der Wirtschaft ebenfalls geschadet, sogar nachhaltiger, wie etliche Experten meinen.

Hier schlagen zwei Herzen in unserer Brust. Als empathische oder solidarische Bürger wollen wir, dass möglichst viele Menschen gesund sind und das Gemeinwohl intakt bleibt, als Unternehmer wollen wir in unserem freien Handeln nicht behindert werden. Nur, hier geht es diesmal nicht um Ideologie oder Kosmetik, sondern um harte Schicksale, Existenzen und Millionen von Jobs.

Kapitalismus abschaffen?

Dass viele Prominente ausgerechnet Corona zum Anlass nehmen, den Kapitalismus abschaffen oder über neue politische Systeme diskutieren zu wollen, erscheint absurd und verführerisch gleichermaßen. Absurd, weil wir derzeit nicht wegen des Kapitalismus sondern wegen eines externen Schocks, einer Pandemie, in eine erhebliche Wirtschaftskrise schlittern. Millionen von Existenzen sind bedroht und einige wollen genau jetzt jenes System bekämpfen, meist auch noch ohne Alternativen zu nennen, das uns seit dem 2. Weltkrieg zu einem nie dagewesenen Wohlstand verhalf.

Verführerisch aber klingen die Systemdebatten, weil kaum jemand bestreiten wird, dass der Kapitalismus zwar enorme Kräfte entfalten kann, aber auch erhebliche Schwächen aufweist. Diese zeigen sich weniger in Bezug zu Corona, als auf die vielen Antworten, die der Kapitalismus schuldig bleibt; z.B. zum Klimawandel oder diversesten Gerechtigkeitsfragen.

Kapitalismus ist weder schuld an unserem Lebenswandel noch am Konsum

Kein Thema steht mehr für das historische Gefecht zwischen absolutistischem Schutz durch den Staat einerseits und maximaler Freiheit und individueller Entfaltung andererseits, wie der Klimawandel. Der Kapitalismus als System ist aber mitnichten schuld daran, dass wir zu viel fliegen und individuelle Mobilität vor alles stellen, wir uns lieber über Autos definieren als über Philanthropie, viel zu viel Fleisch aus Massentierhaltung essen oder gerne billigen Ramsch aus aller Welt importieren. Er ist nicht schuld daran, dass wir uns zu einer materiellen Wegwerfgesellschaft entwickelten. Der Kapitalismus ist weder schuld an unserem Lebenswandel noch an unserem Konsumverhalten. Aber er ermöglicht, sich frei für all das und gegen eine andere Lebensweise zu entscheiden. Er dient allen Konsum-Zielen, ob vernünftig oder nicht, konsequent, wertfrei und effizient. Und das ist der entscheidende Punkt.

+++Österreich: Klimakrise bereitet mehr Sorgen als Coronakrise+++

Andererseits scheinen wir frei entscheidende Bürger und Konsumenten bisher nicht in der Lage gewesen zu sein, das eigene Verhalten, selbst wenn dringend nötig, so zu adaptieren, dass wir z.B. ohne große staatliche Zwangsmaßnahmen den Folgen des Klimawandels entkommen. Oder hätten wir die Folgen der Corona-Pandemie ohne staatlichen Zwang bewältigen können? Ich denke nicht, jedenfalls nicht grundsätzlich. Man kann über einzelne Maßnahme vortrefflich debattieren, aber die Menschen hätten sich nicht allesamt isoliert und Masken gekauft, und das alles nur aus Eigenverantwortung und Selbstorganisation heraus.

Wenn wir offenkundig diese Corona-Pandemie nicht ohne großen staatlichen Zwang meistern, nicht ohne seine Rettung auf die Beine kommen und auch die Folgen des Klimawandels und andere Krisen nicht durch eine „vernünftige Verhaltensänderung freier Bürger“ abwenden werden können, provozieren wir nicht spätestens dann das Entstehen eines zunehmend absolutistisch agierenden Staates? Eines Staates, der für uns „vernünftig und rational“ entscheiden und unerwünschtes Verhalten verbieten und bestrafen soll? Wird dann die zeitlich begrenzte Einschränkung unserer Freiheit zu einer dauerhaften? Weil wir an unserer Freiheit letztendlich selbst gescheitert sind und nur der Staat uns vor uns selbst schützen kann? Thomas Hobbes hätte jedenfalls sicher eine Antwort darauf. Und ich hoffe, sie wird nie nötig.


Über den Autor

Mic Hirschbrich ist CEO des KI-Unternehmens Apollo.AI, beriet führende Politiker in digitalen Fragen und leitete den digitalen Think-Tank von Sebastian Kurz. Seine beruflichen Aufenthalte in Südostasien, Indien und den USA haben ihn nachhaltig geprägt und dazu gebracht, die eigene Sichtweise stets erweitern zu wollen. Im Jahr 2018 veröffentlichte Hirschbrich das Buch „Schöne Neue Welt 4.0 – Chancen und Risiken der Vierten Industriellen Revolution“, in dem er sich unter anderem mit den gesellschaftspolitischen Implikationen durch künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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Die beiden Geschäftsführer von mathion.ai Christoph Blizenetz und Alexander Buchinger | © mathion.ai

„Nächste Stunde ist Mathestunde“, ist vermutlich einer der gefürchtesten Sätze vieler Schüler:innen. Die Aufgaben sind oft schwierig und zermürbend. Da bietet es sich im Zeitalter von KI an, einen kurzen Prompt zu schreiben und Sekunden später wird die Lösung geliefert. Der Lerneffekt hält sich dabei bei vielen Schüler:innen in Grenzen. Hier setzt mathion.ai an.

Die KI von Founder Christoph Blizenetz liefert nicht fertige Lösungen, sondern chattet mit den User:innen und bringt sie so zum Ergebnis. Nach einem Pilotprojekt feierte die KI ihren Launch im vergangenen August. Sie ist in der Schweiz, Deutschland und Österreich erhältlich.

Harvard: „KI-gestütztes Tutoring übertrifft aktives Lernen im Unterricht“

Unterstützung erhalten KI-Tutoren wie jene von Blizenetz von der US-amerikanischen Harvard Universität. Im Juni 2025 veröffentlichte sie eine Studie, laut der KI-gestütztes Tutoring aktives Lernen im Unterricht übertreffe. Studierende, die mit einem KI-Tutor arbeiteten, lernten „deutlich mehr in kürzerer Zeit“ als in einer Präsenzveranstaltung. Außerdem würden sich Schüler:innen stärker eingebunden und motivierter fühlen. Harvard betont die Wirksamkeit „einer breit zugänglichen KI-gestützten Pädagogik zur signifikanten Verbesserung der Lernergebnisse“ und erklärt, dass die Ergebnisse überzeugend für die breite Anwendung einer KI-gestützten Pädagogik sprechen.

ChatGPT bringt dir Fertigkeiten bei, „die einfach nicht stimmen“

Für Blizenetz kann nicht einfach eine beliebige KI zum Lernen verwendet werden. Als ehemaliger Nachhilfelehrer kennt er die Probleme, die auftreten können. „Eine Schülerin hat mittels ChatGPT, das war damals noch etwas Neueres, gelernt und sich dabei Fertigkeiten und Begrifflichkeiten angeeignet, die einfach nicht stimmen“, sagt der 21-Jährige und ergänzt: „Nicht, weil das Opus der Mathematik aus der KI bzw. der LLM falsch ist. Es ist einfach nicht so lehrplanbezogen, wie es nun einmal das Schulbuch aber auch eine Lehrkraft ist.“

Daher begann Blizenetz mit der Entwicklung von mathion.ai, das sich aktuell auf die fünfte bis zur achten Schulstufe fokussiere. Es sei aber ein Ausbau bis hin zu Matura geplant.

Das Programm baut auf einem sogenannten „sokratischen“ System auf. Es stellt User:innen immer wieder Fragen, bis jene die Lösung selbst erarbeitet haben. Mathion.ai möchte dadurch zum Nachdenken anregen.

Dabei kann mit der KI geschrieben als auch gesprochen werden. „Wir haben gemerkt, dass junge Menschen einfach lesefaul sind. Sie können oft einfach nicht mehr wirklich sachlich lesen und Informationen über Texte sauber aufnehmen“, erklärt der mathion.ai-Gründer. Der Text wird dabei nicht einfach vorgelesen, sondern erklärt, „wie es ein Mensch tun würde“.

Mathion.ai liefere nicht einfach nur Ergebnisse, es erarbeite die Lösungen mit den Schüler:innen gemeinsam. | © mathion.ai

Standardisierter Lehrplan

Mathion.ai arbeite dabei nicht nur mit willkürlichen Inhalten, sondern mit einem standardisierten Lehrplan durch seinen Verlagspartner Lemberger, dessen Schulbuch „Genial! Mathematik“ von der fünften bis zur achten Schulstufe in mathion.ai eingefügt wurde. User:innen können Aufgaben aus diesen Büchern auswählen.

Lehrer:innen haben auf der anderen Seite die Möglichkeit über ein Verwaltungsportal ihren Schützlingen Inhalte zuzuweisen. „Da haben wir tausende Übungsaufgaben, die auch kapitelweise in Blöcke gezielt nach Themenbereichen zugewiesen werden können, zu den Schüler:innen und zu den Gruppen“, sagt Blizenetz. Zusätzlich können Lehrkräfte im Verwaltungsportal die Lernstände ihrer Schüler:innen einsehen und auch Inhalte erstellen: „Wir haben da einen eigenen Editor, wo, wie in einer PowerPoint, Textelemente, Dateien, interaktive Aufgaben gebaut und erstellt werden können.“ Der virtuelle Coach Tom führt anschließend durch den Kurs. Zusätzlich können von Lehrer:innen Aufgaben erstellt und zugewiesen werden.

Pädagog:innen durch KI zu ersetzen „ist auch gar nicht unser Ziel“

Wenn die KI bereits eigene Kurse halten kann, drängt sich naturgemäß die Frage auf, ob Lehrkräfte nicht ersetzbar sind. „Weder Lehrpersonen noch Pädagogen wird man durch KI in irgendeiner Art und Weise wirklich ersetzen können, das ist auch gar nicht unser Ziel“, stellt der TU-Student fest. Auch herkömmliche Nachhilfe sieht Blizenetz als sinnvoll an. Für ihn ist mathion.ai eine „Ergänzung“.

Es gebe auch die Möglichkeit für Nachhilifeinstitute, Inhalte einspielen zu können. „Als Schüler bzw. Schülerin habe ich den Unterricht mit der Lehrperson in der Klasse und im Nachhinein kann ich dann die Inhalte, gezielt mit den Aufgaben und dem Input der Lehrperson, weiter üben“, sagt Blizenetz.

Von B2C zu B2B

Mathion.ai kommt ursprünglich aus dem sogenannten Nachmittagsmarkt, in dem Eltern für ihre Kinder ein Abo abschließen. Allerdings möchte sich das Unternehmen nun im B2B-Bereich etablieren.

„Es ist einfach sehr schwierig, vor allem als österreichisches Unternehmen, in diesem B2C-SaaS-Bereich (Anm.: Software-as-a-Service-Bereich) wirklich standhaft zu werden“, erklärt Blizenetz. In Zukunft will sich mathion.ai auf Bildungsinstitute bzw. Bildungseinrichtungen fokussieren. Daher möchte der Gründer sein Unternehmen als zertifizierter Anbieter des Bildungsministeriums auf dem Markt etablieren. Das sei aber ein langer Weg. Mathion.ai befinde sich aktuell am Anfang des Genehmigungsverfahrens, ab September 2027 wolle man die Zertifizierung haben.

100 % eigenfinanziert

Das Unternehmen, offiziell bereits im Juli 2025 gegründet, kommt bisher ohne Investoren-Kapital aus und ist von Anfang an gebootstrappt. Blizenetz hat mathion.ai in Zusammenarbeit mit Weitsprung Solutions aufgebaut, das einen KI-gestützten Lerncoach anbietet. Bisher hat das Unternehmen noch keine Förderungen erhalten, allerdings laufe ein Förderantrag bei Netidee und ein FFG-Antrag für ein Forschungsprojekt werde aktuell erstellt.

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AI Summaries

Vater Staat und seine (un-) freien Kinder: Europa zwischen China und den USA

  • Der britische Philosoph Thomas Hobbes war gezeichnet vom englischen Bürgerkrieg und der Pest, als er in seinem Werk „Leviathan“ jene Frage stellte, die uns auch heute fundamental beschäftigt: Die Rolle des Staates zu Zeiten fundamentaler Krisen.
  • Der Staat und sein Herrscher sollten laut Hobbes stets rational und objektiv agieren, auf Basis reiner Fakten und seine Bürger vor Krieg und Krankheit beschützen.
  • Als uns vor wenigen Wochen Corona erstmals heimsuchte, war plötzlich wieder ein starker Staat gefragt und eine „folgende“ Bevölkerung.
  • In den USA dominieren die wirtschaftlichen Stimmen, die vom Staat möglichst unabhängig sein wollen, in China ist der Staat omnipräsent und übermächtig.
  • In Europa und speziell bei uns in Österreich möchte man meinen: Geht es uns gut und sind wir wirtschaftlich erfolgreich, als Unternehmer oder Arbeitnehmer, freuen wir uns über möglichst viel Unabhängigkeit vom Staat, wir lieben unsere Freiheit.
  • In schwierigen Zeiten erwarten Europäer hingegen, dass der Staat einspringt.

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