08.07.2020

Shermin Voshmgir: „Ich werde mich nicht mundtot machen lassen“

Lange Fassung: Blockchain-Expertin Shermin Voshmgir nimmt im exklusiven Interview zum Plagiatsvorwurf, der Dienstfreistellung durch die WU Wien und der möglichen Aberkennung ihres Doktortitels Stellung.
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(c) Hutan Vahdani: Shermin Voshmgir
(c) Hutan Vahdani: Shermin Voshmgir
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Shermin Voshmgir gilt als eine der wichtigsten Blockchain-Expertinnen im deutschsprachigen Raum. Sie ist Direktorin des 2018 gegründeten Forschungsinstituts für Kryptoökonomie an der WU Wien. Doch seit Jänner ist sie dienstfrei gestellt. Grund dafür ist ein Plagiatsvorwurf durch die Online-Plattform VroniPlag Wiki.

+++ zum ausführlichen brutkasten-Beitrag +++

Im Exklusiv-Interview nimmt Shermin Voshmgir nicht nur direkt zu den erhobenen Vorwürfen, sodern auch zum Umgang der WU mit ihr und einer geplanten Berufung gegen die Entscheidung, ihr den Doktortitel zu entziehen Stellung. In dieser langen Fassung erzählt sie zudem unter anderem über die genaue Chronologie der Ereignisse. ⇒ Zur kurzen Fassung


Laut einem Bericht der FAZ wurde bzw. wird dein Doktortitel widerrufen. Was ist der Hintergrund?

Die Aberkennung ist nicht rechtskräftig, deswegen will ich mich inhaltlich noch nicht äußern. Es gibt aber einige andere Dinge, die ich sagen kann. Anfang des Jahres kontaktierte mich der FAZ-Journalist erstmals und bat mich und die Uni um einen Kommentar. Jemand hatte meine Dissertation auf die Plattform VroniPlag hochgeladen. Die funktioniert so ähnlich wie Wikileaks. Da gibt es Freiwillige die wissenschaftliche Arbeiten und Bücher etwa von bekannten Wissenschaftlern und Politikern hochladen und analysieren. Die meisten davon sind anonym – man weiß also nicht wer dahinter steht. Sie haben dort zwar ihre eigenen Statuten, aber den wissenschaftlichen Kriterien entspricht das nicht.

Sie nennen das dann einfach Plagiat. Das ist eine begriffliche Unschärfe, weil es viele Formen von „Plagiaten“ gibt, die unterschiedlich gravierend zu werten sind. Im Bericht wirkt es, als wäre alles abgeschrieben. Dabei geht es – wie im Fall meiner Dissertation – sehr oft um „Fehlzitate“ – es wurden also etwa Passagen mit Quellenangabe direkt übernommen, aber nicht mit Anführungszeichen als direktes Zitat ausgewiesen. Ein indirektes Zitat müsste eigentlich paraphrasiert sein. Diesen Zitierfehler habe ich etwa in meiner Arbeit öfters gemacht.

Diese Differenzierung passiert im FAZ-Artikel gar nicht und auf der Plattform VroniPlag nicht ausreichend. Man agiert insgesamt ziemlich reißerisch. Zuerst kommt die Anzahl der betroffen Seiten [Anm. 100 von 111] und nicht etwa der Prozentsatz des betroffenen Texts, der natürlich maßgeblich niedriger ist. Aber das würde sich als Schlagzeile nicht so gut verkaufen.

Wieso sind dir diese vielen Fehlzitate passiert?

Es gibt sehr unterschiedliche Arten, wissenschaftlich zu arbeiten. In der für Geisteswissenschaften typischen Exegese etwa ist das korrekte Zitieren besonders wichtig, weil aus den Gedanken anderer neue Überlegungen geformt werden – das muss klar ausgewiesen werden. In der Informatik geht es primär um das Erstellen von Modellen. Das habe ich in meiner Arbeit gemacht und das von mir entwickelte Modell steht auch überhaupt nicht zur Debatte. Das „Rundherum“ nennen wir den „common body of literature“, in dem das Bestehende aufgearbeitet wird, um das Modell darauf aufzubauen. In diesem „Allgemeinwissen-Teil“ sind die Zitierfehler passiert. Auch dieser Aspekt wird auf VroniPlag gar nicht beurteilt, ist aber entscheidend.

Doch natürlich muss trotzdem richtig zitiert werden und dieses richtige Zitieren muss auch auf der Uni richtig vermittelt werden. Ich habe 1998 begonnen, meine Arbeit zu schreiben und sie 2001 abgeschlossen. Damals waren die Standards des wissenschaftlichen Arbeitens andere und sie wurden anders vermittelt. Es gab kaum Pflichtkurse dazu. Wir haben damals einfach ein Handout bekommen, aber eigentlich muss man das korrekte Zitieren wirklich lernen. Die WU hat in den vergangenen 20 Jahren mehrmals das Dissertations-Studium abgeändert, sodass inzwischen mehr Kurse belegt werden müssen, wo man wissenschaftliche Methoden besser lernt, mehr Betreuer hat und besser begleitet wird.

Zudem sollte man wissen, dass ich die Dissertation damals freiwillig online gestellt habe. Das war 2001 eine relativ neue Möglichkeit und sollte auch anderen helfen, leichter zu recherchieren. Ich habe mir natürlich nicht gedacht, dass ich irgendetwas falsch gemacht habe, sonst hätte ich das nicht gemacht. Ich ging also fest davon aus, dass ich nichts zu verstecken habe.

Also nochmal konkret: Waren dir diese Fehler damals, als du die Arbeit geschrieben hast, bewusst?

Wenn sie mir bewusst gewesen wären, hätte ich die Arbeit nicht hochgeladen. Weil blöd bin ich nicht. Habe ich vielleicht schlampig gearbeitet? Ja.

Worüber hast du eigentlich geschrieben?

Ich habe über das semantische Web, also XML geschrieben. Das war damals, 1998, ein sehr neuer Web-Standard. Ich habe dabei ein Investitionsbewertungsmodell entwickelt. Dieses Modell ist, wie gesagt, nicht infrage gestellt. Das hat VroniPlag nicht analysiert. Ich wurde übrigens damals von zwei WU-Professoren mit der Note Sehr Gut beurteilt. Niemand fragt, wie sie zu dieser Note gekommen sind.

Wie hat dann die Uni auf die Vorwürfe reagiert?

Es wurde ein Verfahren eingeleitet, das bis heute nicht rechtskräftig abgeschlossen ist. Die WU hat mich dienstfrei gestellt, ohne mich zu befragen. Mein Vorgesetzter war nicht dabei, das Rektorat war nicht dabei. Die Personalabteilung hat mich angerufen und darüber in Kenntnis gesetzt. Nachdem zwei Gutachter sich das angesehen hatten, konnte ich nach einigen Monaten erstmals Stellung nehmen.

Wichtig ist: Die Uni hat auf VroniPlag reagiert und vorerst nicht selbst die Arbeit analysiert. Schon gar nicht untersucht die Uni alte arbeiten proaktiv – heute passiert das ja mittels Big Data und AI, die Textdouböetten erkennt, regulär. Die wissenschaftlichen Standards haben sich dadurch sehr geändert.

Wieso glaubst du, ist das jetzt aktuell geworden?

Für den FAZ-Journalisten ist es eine Story. Er musste mich dazu als „Blockchain Queen“ titulieren – übrigens ohne Quellenangabe von einem Beitrag der Deutschen Welle übernommen – um mich größer zu machen. In Deutschland bin ich schließlich nicht so relevant zumal das Blockchain Hub nicht mehr aktiv ist.

Wirst du gegen die Entscheidung der Uni berufen?

Ich werde natürlich gegen die Aberkennung vorgehen. Die WU hat mir diesen Titel ja schließlich verliehen. Und sie hat mir auch mehrmals einen Arbeitsvertrag gegeben, wo ich immer den Link zu meiner Dissertation präsentiert habe. Ich finde es erstaunlich, dass der Titel mir jetzt aberkannt werden soll.

Was werden deine Hauptargumente, wenn du berufst?

Die zentralen Fragen sind: Hat die WU die damaligen Standards berücksichtigt? Hat die WU die Standards unseres Faches berücksichtigt? Hat die WU den Unterschied zwischen den damaligen österreichischen und deutschen Standards berücksichtigt [Anm.: VroniPlag referenziert auf die aktuellen deutschen Standards]? Hat die WU die Art der Fehlzitate berücksichtigt, oder nicht? Hat die WU die eigenständige wissenschaftliche Leistung gewürdigt, oder nicht? Hat die WU sich alle anderen Dissertationen aus dem Zeitraum angesehen? Hat die Uni die Leute, die damals wissenschaftliches Arbeiten unterrichtet haben befragt, was sie wirklich unterrichtet haben? Hat die WU überhaupt meine Stellungnahme berücksichtigt? Und hat sie die Stellungnahme der Betreuer meiner Dissertation berücksichtigt? All diese Fragen sind noch nicht geklärt. All diese Sachen müsste man eigentlich untersuchen, bevor man etwas beurteilen kann.

Was hat das alles eigentlich mit Blockchain zu tun?

Mit Blockchain hat das erstmal gar nichts zu tun. Aber nicht nur meine Blockchain-Kompetenz steht nicht zur Diskussion, sondern wie gesagt auch der eigentliche Inhalt meiner Dissertation.

Du hast auch den Begriff „Public Shaming“ in Spiel gebracht…

Ja, hier geht es vielleicht auch um Public Shaming oder Cyber Bullying. Schließlich weiß ich nicht, wer das war. War es jemand, der eine persönliche Vendetta gegen mich hat? War das jemand, der frauenfeindlich ist? War das jemand, der ausländerfeindlich ist? War das jemand, der auf den Erfolg unseres Forschungsinstituts neidig war? Wir wissen nicht, was die Motivation dieser Leute ist.

Die Software erkennt jedenfalls nur Textdoubletten. Also müssen fünf, zehn oder zwanzig Leute über Monate hinweg manuell überprüft haben, ob ich die anderen Autoren zitiert habe, oder die mich und ob das korrekt passiert ist. Es müssen Hunderte Arbeitsstunden gewesen sein, die ohne Bezahlung investiert wurden, um mich meiner Fehler zu überführen.

Warum ich und nicht jemand anderer? Da wird jemand auf einer Online-Plattform denunziert. Dann meldet sich ein Journalist und sagt, er ist von der FAZ und dann wird man panisch und stellt mich dienstfrei. Das ist, was passiert ist. Niemand diskutiert meine Blockchain-Kompetenz, niemand diskutiert meine bisherige Leistung am Forschungsinstitut.

Ich bin ja eine Außenseiterin. Nach einer kurzen Zeit in der Wissenschaft mit Mitte 20 habe ich viele verschiedene Dinge gemacht, war etwa beim Film, und bin dann plötzlich gekommen, um ein Forschungsinstitut zu leiten. Das ist ja nicht üblich so. Das hat vielen Leuten sehr gefallen, aber manchen auch gar nicht.

Warum analysiert die WU nicht alle anderen Dissertationen aus der Zeit? Sie kann es sich einfach nicht leisten. Also ist es eine Lotterie. Jemand mag mich nicht. Ich werde zur Zielscheibe. Mir wird der Titel aberkannt. Jemandem anderen, der nicht in der Öffentlichkeit steht, wird er nicht aberkannt. Ich kann zu meinen Fehlern stehen. Kann die WU auch zu ihren Fehlern stehen? Ich werde mich nicht mundtot machen lassen durch so eine Schlagzeile. Ich habe was zu sagen.

Wie ist das alles vor sich gegangen?

Es war im Jänner, drei Tage, nachdem ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe. An dem Tag wurde der Server des Blockchain Hub in Berlin gehackt. Es war verwunderlich: Jemand hatte die Daten gelöscht – das ist unüblich für solche Attacken. Und wir hatten kein Backup mehr. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob diese Ereignisse nicht miteinander in Verbindung stehen. Jedenfalls: Nach zwölf Stunden, als wir das Problem endlich gelöst hatten, wollte ich noch schnell meine Mails checken und da war diese Email von dem Journalisten.

Und da rutscht dir natürlich das Herz in die Hose. Was bedeutet das? Ein Plagiat – das ist in der Wissenschaft der Todesstoß. Das ist, wie wenn du jemanden Nazi oder Rassist nennst. Das ist einer jener Begriffe – wenn du damit assoziiert wirst, wirst du zu einer Persona non grata.

Der Journalist hat mir also einen Link zu VroniPlag geschickt mit bitte um Stellungnahme und einer Deadline. Ich habe das sofort meinem Vorgesetzten gemeldet. Die Uni war scheinbar bereits informiert. Ich bin natürlich auf VroniPlag gegangen und war erst einmal selbst schockiert über all die markierten Passagen und fragte mich auch: Bin ich eine schlechte Wissenschaftlerin?

Ich habe dem Journalisten dann gesagt: Die Uni untersucht das und er soll sich wieder melden, wenn die Untersuchung abgeschlossen ist. Der Journalist hat sich am Freitag dann wieder gemeldet und mir eine neuerliche Deadline bis Sonntagnachmittag gesetzt. Weil ich meine Blockchain Hub-Mails nicht täglich checke, habe ich die Mail erst knapp vor ende der Frist gesehen. Aber ich will mich ohnehin nicht so unter Druck setzen lassen. Ich habe das gleich der Uni gemeldet und sie gefragt, ob sie das auch bekommen haben. Sie haben das bejaht und haben dem Journalisten auch geantwortet. Ich habe nicht geantwortet, weil mir der Umgangston nicht gefällt.

Wie nahe geht dir das?

Natürlich geht es mir nicht gut, weil das ein massiver Vorwurf ist. Das grenzt ja an Rufmord, was der Journalist geschrieben hat. Die meisten Leute kennen wissenschaftliches Arbeiten gar nicht und fallen leicht auf so eine Schlagzeile herein. Ich werde hier als Betrügerin dargestellt.

Ich fühle mich natürlich umso schlechter, nachdem die eigene Uni mich, ohne mich zu befragen wie einen Schwerverbrecher dienstfrei gestellt hat. Und das, nachdem ich aus einem anderen Land gekommen bin, und hier eigenhändig ein Forschungsinstitut mit Blockchain- und Kryptoökonomie-Kompetenz aufgebaut habe. Man kann auch anders mit Menschen umgehen und trotzdem genau analysieren, ob es ein Fehlverhalten gibt.

Was ich nun auch gelernt habe: Wenn sie an der Universität einmal Angst bekommen haben, dass etwas falsch läuft, dann schlägt die bürokratische Krake zu. Und dann ist es relativ egal, was du vorher geleistet hast. Das ist besonders enttäuschend. Man wird zu einem Problemfall degradiert. Vorher gab es noch Face-to-Face-Meetings – plötzlich redet man nur mehr mit Rechtsabteilung und Personalabteilung.

Glaubst du, es ist jemand aus dem Blockchain-Umfeld, der dir mit dem Hochladen der Arbeit absichtlich schaden wollte?

Kann sein, wir wissen ja nicht, wer es hochgeladen hat. Das ist ja das ganze Problem bei VroniPlag. Sie geben vor, dass sie die Retter der wissenschaftlichen Integrität sind. Aber es gibt ganz andere Arten von wissenschaftlichem Fehlverhalten. Die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität hat etwa acht Arten definiert. Eine davon ist falsches Zitieren. Es gibt auch Ghostwriting – das ist viel schlimmer, weil man seine Arbeit gar nicht selber geschrieben hat, wie Berichten zufolge im Fall von Guttenberg [Anm. Karl-Theodor zu; ehem- deutscher Wirtschaftsminister], mit dem ich verglichen werde, der scheinbar öffentliche Angestellte seine Arbeit hat verfassen lassen. Studien Fälschen ist auch ein viel größeres Vergehen. Und, und, und…

Das falsche Zitieren ist also nur eine Form. Da muss man auch die Kirche im Dorf lassen und sich fragen, warum sich Universitäten und die Politik Plattformen wie VroniPlag treiben lassen. Und selbst die Wissenschaften sind hier nicht einheitlich. Für Juristen etwa ist das falsche textuelle Zitieren sehr viel gravierender als für einen Computer Science-Experten, weil hier der wissenschaftliche Kern der Arbeit eben in der Entwicklung eines Modells liegt. Da kannst du nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Der Journalist selbst ist Jurist.

Wirst du gegen den Journalisten vorgehen?

Ich brauche nicht gegen den Journalisten vorgehen. Meine Arbeit spricht für sich. Die Frage ist einfach. Warum hat er sich nicht all diese Fragen gestellt? Warum hat er nicht ergründet, ob die WU diese Fragen gestellt hat. Das wäre Qualitätsjournalismus. So ist das Rufmord.

Warum hat sich der Journalist genau am 3. Juli gemeldet? Wurde an dem Tag eine Entscheidung von der WU getroffen?

Einen Tag davor. Man muss fragen: Was ist die Agenda? Leute, die mich nicht kennen lesen das und sind schockiert, weil wir den Medien vertrauen. Warum wird man plötzlich jetzt aktiv, nach sechs Monaten Inaktivität VroniPlag ist einen Tag vor dem Journalisten aktiv geworden. Es gibt hier Auffälligkeiten.

Wie geht es dir heute?

Die vergangenen sechs Monate waren ein Rollercoaster, weil ich die ganze Zeit in der Warteposition war, was passieren wird. Gleichzeitig hatte mich die WU dienstfrei gestellt. Das heißt ich konnte für mein Team – Leute, die von mir abhängig sind, nicht arbeiten. Ich konnte nichts machen, musste mich aber emotional um mein Team kümmern. Und dann kam auch noch Corona dazu. Ich hatte mich zwar aus den Teammeetings herausgenommen, weil ich nicht arbeiten durfte, musste mich aber trotzdem um die Leute kümmern. Die Leute waren unter Druck und selbst in die Warteposition gezwungen. Da geht es etwa auch um die Akquise, weil das Institut ja zu 100 Prozent selbstfinanziert ist.

In dieser Ohnmacht zu sein, ist wirklich, wirklich hart. Ich bin eine Macherin. Wer mich kennt, weiß: Ich baue immer Sachen auf. Was wirklich das härteste war, war wirklich nichts beeinflussen zu können. Das einzige, was ich hatte, war meine persönliche Stellungnahme. Und dann musste ich Monate lang warten und konnte nichts machen. Das wichtigste, was ich gelernt habe, ist, dass ich so eine Situation niemandem wünsche. Das ist ein potenzielles Karriere-Aus.

Was mich in dieser unglaublich harten Zeit wirklich gerettet hat, waren meine Freunde und meine Familie. Ich wäre heute nicht so stark, wie ich bin, wenn ich nicht dieses resiliente Netzwerk von Freunden, Familie und Kollegen hätte. Auch einige Kollegen an der WU und meine Mitarbeiter haben mich sehr unterstützt.

Aber ich bin froh, dass es jetzt raus ist. Jetzt kann ich darüber reden.

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GoStudent, Ohswald, Lern Trends, Lerntrends, Lernen 2022
(c) GoStudent - GoStudent-Co-Founder Felix Ohswald: "Nur 18 Prozent der Schulen nutzen KI im Unterricht."

1. Die kontroversen Ansichten zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Bildung

Durch den verstärkten Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Bildung wird der Unterricht messbarer. Daraus ergibt sich ein enormes Optimierungspotenzial: Lerninhalte und Lehrmethoden können so viel genauer auf die individuellen Bedürfnisse eines jeden Kindes zugeschnitten und Lernerfolge nachvollziehbar gemacht werden. Auf Basis der Erkenntnisse, die KI-basierte Bildungsprogramme bieten, ist es möglich Lernpläne individuell und effektiv anzupassen.

Das in San Francisco ansässige EdTech Unternehmen ELSA beispielsweise nutzt Spracherkennung und Aussprache-Analyse, um präzise Verbesserungsbereiche identifizieren zu können. Memrise ist eine Online-Lernplattform aus London, die maschinelles Lernen einsetzt, um Lektionen auf der Grundlage der Vorkenntnisse des Nutzers zu personalisieren und dem Lernenden dabei hilft, sich neue Vokabeln, Phrasen und Schriftsysteme einzuprägen.

Laut dem am 30. November 2021 veröffentlichten GoStudent-Bildungsreport steckt der Einsatz von künstlicher Intelligenz jedoch noch in den Kinderschuhen. Nur 18 Prozent der Schulen nutzen KI im Unterricht und nur fünf Prozent der Eltern unterstützen ihre Kinder mit KI-basierten Lernmethoden außerhalb des Klassenzimmers. In Europa sehen spanische Eltern den Einsatz von KI im Klassenzimmer am positivsten (50 Prozent Befürworter), während die Eltern in Frankreich und Großbritannien mit nur einem Drittel Zustimmung das Schlusslicht bilden.

Die Eltern sind dabei der Meinung, dass KI verstärkt eingesetzt werden sollte, um eine Lernumgebung zu schaffen, die auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt ist (62 Prozent). Wir sehen, dass immer mehr Startups diesem Trend folgen, und so wurden in letzter Zeit verschiedene EdTech-Unternehmen gegründet, die KI-basierte Lernlösungen anbieten. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieser Trend im kommenden Jahr weiter zunehmen wird.

Auch wir bei GoStudent werden weiterhin erforschen, wie wir KI einsetzen können, um die Lernerfahrung für Kinder in der Einzelnachhilfe stetig zu verbessern. Dazu setzen wir zum Beispiel Techniken des Emotiontracking ein, um mehr darüber zu erfahren, wie Gefühle und Engagement beim Online-Lernen zusammenhängen.

2. Digitale Innovation demokratisiert die Bildung

Obwohl 85 Prozent der Kinder den Wert von Nachhilfe sehen, erhielten laut dem GoStudent Bildungsbericht im letzten Schuljahr nur 16 Prozent von ihnen Nachhilfe. Diese Zahl war für mich sehr überraschend, da wir gleichzeitig wissen, dass acht von zehn Kindern in ganz Europa mit bildungsbezogenen Herausforderungen konfrontiert sind, während sie in einer pandemischen Welt lernen. Wie in vielen anderen Bereichen wird die Digitalisierung im Bildungssektor dazu führen, dass Bildungsdienstleistungen leichter und erschwinglicher zugänglich werden.

Online-Nachhilfeanbieter wie GoStudent können 30 Prozent niedrigere Preise anbieten als traditionelle Offline-Nachhilfeanbieter. In unserer repräsentativen Studie wurde festgestellt, dass Eltern in ganz Europa die Vorteile der Online-Nachhilfe bereits erkannt haben und angeben, dass sie kostengünstig ist, Zeit spart und ihren Kindern eine flexible und interaktive Lernerfahrung bietet.

Laut dem von GoStudent veröffentlichten Bildungsbericht liegt der durchschnittliche Preis für eine Nachhilfestunde europaweit bei 25 Euro, wobei die Inanspruchnahme eines Nachhilfelehrers im Vereinigten Königreich am teuersten ist (33,5 Euro). Um Kindern auf der ganzen Welt eine Lernerfahrung zu ermöglichen, die ihnen hilft, ihr volles Potenzial auszuschöpfen, ist es wichtig, den Zugang zu individueller Nachhilfe zu erleichtern.

Durch technologische Innovationen im Bildungsbereich können personalisierte Online-Lerndienste nicht nur zu geringeren Kosten angeboten werden, sondern auch in geografischen Gebieten, in denen solche Nachhilfedienste ‚offline‘ nicht existieren. Ein Vorbild in diesem Bereich ist die Khan Academy, eine Non-Profit-Organisation, die derzeit rund vierzehntausend Lernvideos kostenlos online anbietet.

3. Metaversum zur Verbesserung der Lernerfahrungen

Pioniere aus der Tech-Welt haben bereits eine Vision davon, wie das Metaversum, das meist als Verschmelzung der physischen und virtuellen Welt definiert wird, unser Leben in den nächsten Jahrzehnten verändern wird. Auch wenn es im nächsten Jahr wahrscheinlich noch zu früh sein wird, um abzuschätzen, inwieweit dieser Trend auch die Bildung beeinflussen kann, ist es offensichtlich, dass einige Trends recht bald umgesetzt werden: Erweiterte Realität als wichtiger Bestandteil der Metaversum-Idee wird Bildung noch erlebbarer machen, indem sie Lehrer:innen erlaubt, Theorie anschaulich zu vermitteln. Statt ein Video abzuspielen, um den Kindern beispielsweise zu zeigen, wie es in der Steinzeit war, können sie mit einer VR-Brille digital in die Welt eintauchen. Die Kinder können durch die Landschaft wandern und steinzeitliche Tiere beobachten, als wären sie wirklich auf einer Zeitreise.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, warum das Metaversum, meiner Meinung nach, seinen Weg in die Bildung finden wird, ist das Erlernen des Umgangs mit dem Metaversum selbst. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass wir es bei der Entwicklung der sozialen Medien versäumt haben, den Kindern beizubringen, wie sie diese verantwortungsvoll und sicher nutzen können.

In einem kürzlich von der EdTech-Bloggerin und Englischlehrerin Raquel Ribeiro für den Cambridge-Blog geschriebenen Artikel erkennt sie die wachsende Notwendigkeit an, die neuesten digitalen Fortschritte in den Lernkontext der Schülerinnen einzubauen. Sie können zu dem Lernfortschritt von Kindern beitragen – nicht nur bei dem Erlernen einer Sprache, sondern auch bei der Fähigkeit, die Herausforderungen einer immer kompetitiveren Welt außerhalb des Klassenzimmers zu bewältigen.

4. Schulunterricht am Vormittag und Nachhilfeunterricht am Nachmittag wachsen immer mehr zusammen

Ein weiterer Trend im Bildungswesen, für den sich GoStudent aktiv einsetzt, ist die zunehmende Verschmelzung von regulärem Schulunterricht mit zusätzlichen Lernangeboten am Nachmittag. Im Klassenzimmer steht meist nur eine Lehrkraft für 20 bis 30 Kinder zur Verfügung, was die Möglichkeit einschränkt, auf individuelle Lernschwierigkeiten oder besondere Bedürfnisse der Kinder einzugehen.

In unserem GoStudent Bildungsbericht haben wir Kinder gefragt, wo sie die Vorteile der Nachhilfe sehen. Fast die Hälfte der befragten Kinder antwortete, dass die Nachhilfe ihnen die Möglichkeit gibt, in einem ’sicheren Raum‘ Fragen zu stellen, um den Schulstoff besser zu verstehen. Um dieses grundlegende Problem zu lösen, müssen Schulen und private Nachhilfeanbieter verstärkt zusammenarbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass durch eine verbesserte Kommunikation und Koordination, die sich voll und ganz auf die individuellen Lernbedürfnisse der Kinder konzentrieren, die Lernerfahrung der Schüler verbessert und somit der Lernerfolg der Schüler gesteigert werden kann.

5. Gamification bietet eine spielerische Lernmöglichkeit für Kinder

Heutzutage sind Kinder schon von klein auf mit Technologie und digitalen Unterhaltungsangeboten konfrontiert. Laut dem GoStudent-Bildungsreport werden die Hobbys der ‚Gen Z‘ zunehmend digitaler. Die ‚Top 3‘ Hobbys von Kindern und Jugendlichen in Österreich sind: Freunde treffen (59 Prozent), YouTube-Videos schauen (52 Prozent) und Videospiele spielen (49 Prozent).

Mit zunehmendem Alter wird dies zusätzlich verstärkt. Lediglich 16 Prozent der 16- bis 18-Jährigen sind noch gerne draußen aktiv. Viel lieber schauen sie Filme und Serien (55 Prozent) oder sind auf sozialen Medien unterwegs (41 Prozent). Warum sollte man diesen Trend jedoch nicht auf spielerische Weise mit Lerninhalten kombinieren, die das Kind unterhalten, aber gleichzeitig Inhalte vermitteln, von denen Kinder lernen können?

Da Kinder positive Emotionen erleben, wird ihr Engagement und ihre Aufmerksamkeit erhöht, was wiederum zu einem besseren Lernerfolg führt. Wenn das Lernen Kindern schon in jungen Jahren Spaß macht, trägt das unterhaltsame Material dazu bei, dass sie eine positive Einstellung zum Lernen entwickeln.

Junge EdTEch-Gründer:innen können sich von der Erfolgsgeschichte von Duolingo inspirieren lassen. Duolingo ist eine bereits etablierte Freemium-Sprachlern-App, die verschiedene Gamification-Elemente einsetzt, um ihren Nutzern eine spannende Lernerfahrung zu bieten: Die Nutzer können nicht nur eine interne Währung für das Absolvieren verschiedener Aktivitäten verdienen und verwenden, sondern auch mit Freunden zusammenarbeiten, über die besten Übersetzungen abstimmen und Abzeichen für Erfolge, wie das Erlernen einer bestimmten Anzahl von Fähigkeiten, erhalten.

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