19.11.2019

Europa und die digitale US-Hegemonie: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!

IT-Konzerne wie Apple, Google und Amazon sind so mächtig, weil sie radikal den Kunden in den Mittelpunkt rücken, schreibt Digitalexperte Michael Hirschbrich in einem Gastkommentar: In Europa herrscht hingegen Angst vor der Datenökonomie, wir bremsen uns selbst durch Regulierung und Gesetze.
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(c) Mic Hirschbrich
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So kompliziert die Datenökonomie auch erscheinen mag, in gewisser Weise ist sie erstaunlich simpel: "Schaffe auf Basis der dir verfügbaren Daten die größtmögliche Produkt-Zufriedenheit und die Kunden werden dir treu ergeben sein." Die Profis der Datenökonomie im Silicon Valley sind an Radikalität kaum zu überbieten. Sie stellen den Kunden radikal ins Zentrum all ihrer Anstrengungen. In meiner heutigen Inbox steht hingegen nur ein neues "Wiener Manifest, gegen die digitale Versklavung".

So kompliziert die Datenökonomie auch erscheinen mag, in gewisser Weise ist sie erstaunlich simpel: „Schaffe auf Basis der dir verfügbaren Daten die größtmögliche Produkt-Zufriedenheit und die Kunden werden dir treu ergeben sein.“

Die Profis der Datenökonomie im Silicon Valley sind an Radikalität kaum zu überbieten. Sie stellen den Kunden radikal ins Zentrum all ihrer Anstrengungen. Wir verwenden Youtube, ein technisch aufwendiges und somit sehr teures Videoservice, kostenlos, nutzen Netflix und Apple jahrelang ohne Störungen und bestellen bei Amazon, ohne je enttäuscht worden zu sein, mit nur einem Klick. Als europäischer Homo Politicus bereitet mir das Kopfzerbrechen, als Konsument halte ich die Treue, so wie viele andere Europäer auch.

Usability als oberstes Gebot

Freunde in Seattle erzählten mir schon vor Jahren über die enormen Anstrengungen von Amazon, die Usability zu verbessern und insbesondere die Klick-Rate bei Bestellungen zu reduzieren. Die Einfachheit in der Produkt-Nutzung zu steigern und die Klick-Rate im User-Flow zu reduzieren – das ist es, was alle Silicon Valley-Player eint. Es ist das oberste Gebot.

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Die Gesetzmäßigkeiten der Datenökonomie sind kein Geheimnis. Dennoch fällt es Europa schwer, die richtigen Antworten darauf zu finden, sie für sich zu nutzen. Derzeit hat man sogar den Eindruck, dass ein Gemisch aus ungeschickten Regulierungen und fehlendem Know-how in Union und Unternehmen für eine Rückentwicklung sorgen. Anbei ein paar (subjektive) Eindrücke.

Gestohlene Kreditkarte wird zur Odyssee

Als vor wenigen Wochen meine Kreditkarte gestohlen wurde, hat mein Betreiber sofort alle Bezahl-Services stillgelegt. Im Jahr 2019 hat es kein europäischer Betreiber geschafft, eine nahtlose Bezahlfunktion bereitzustellen, wenn man als Kunde physisch bestohlen wird. (In Kalifornien erhält man seit 10 Jahren sofort eine digitale Ersatznummer, die physische Karte wird nachgeliefert.) Stattdessen wird gleich alles, was online automatisch monatlich bezahlt wird stillgelegt. Aufgrund neuer Security-Bestimmungen kommt die neue Kreditkarte getrennt von weiteren Briefen an je unterschiedlichen Tagen, die 3d-Secure Code und Pin beinhalten, natürlich mit der Post. Physisch. Mit einem Briefträger.

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Als die Kuverts auf sich warten ließen, ich aber dringend die Karte brauchte, ersuchte ich meine Assistentin, beim Betreiber zu urgieren. Doch sie durfte nicht, der Datenschutz verbietet es. Auch wenn es nur um ein Kuvert ging, das nicht ankam. Also ging ich aus einer Sitzung, telefonierte mit der Kreditkartenfirma und identifizierte mich, wie gefordert, mit Namen, Geburtsdatum, Straße und … den letzten Umsätzen, die ich vor 4 Wochen mit der gestohlenen Kreditkarte verbucht hatte. Natürlich wusste ich selbige nicht sofort, und der Prozess verlängerte sich weiter.

Als die Codes kamen, wurde man aufgefordert, einen 8-stelligen Code auswendig zu lernen, der zweite PIN kam als Rubbellos anmutend, war dann aber doch eine Kritzikratzi-Folie, die man abziehen und auf eine andere Fläche geben musste, um die gefinkelt geschützte Nummer lesbar machen zu können, um sie dann, genau, auch wieder auswendig zu lernen. Wer um Himmels Willen denkt sich diese Dinge aus? Hat man als Security-Berater Thomas Brezina engagiert? Die EU liebt uns Bürger und will uns schützen, sage ich mir. Das Ablaufdatum der neuen Karte endet in 2 Monaten (wie bei der gestohlenen, alten Karte). Alles ist neu und bei den Online-Services deshalb erneut zu hinterlegen, das Ablaufdatum der Kreditkarte nicht.

Apple Pay und andere Bedrohungen für Europa

Weil ich meine Services wie Netflix, Prime und Co nicht unbezahlt lassen konnte und auch beim Einkaufen ständig an meine Grenzen stieß, koppelte ich meine Debit-Karte mit meinem iPhone X und nutze seither Apple-Pay. Und jetzt haben wir – aus europäischer Sicht – den Salat, denn ich werde das nie wieder hergeben. Ich bezahle alles mit einem einzigen Doppelklick. Das iPhone öffnet ein Menü, scannt mein Gesicht zur Authentifizierung und binnen einer Sekunde Gesamtzeit zeigt mir ein kontaktloses Biep, dass erfolgreich bezahlt wurde. Eine Push bestätigt kurz später den Betrag.

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Viele Produkte, die ich benötige, finde ich auf Amazon billiger als sonst wo und bestelle sie dort mit, genau. einem Klick. Habe ich Amazon deshalb lieb? Als politischer Mensch mache ich mir Sorgen um diese Kompetenz und damit Dominanz, als Konsument bin ich einfach zufrieden. Und den vielen, Sie verzeihen, Daten-Phobikern, die mir erklären wollen, wie gefährlich der Gesichtsscan am iPhone oder eine 1-Klick Bestellung sei, möchte ich sanft aber bestimmt entgegnen: Diese Marken haben mich seit Jahrzehnten nicht einmal enttäuscht oder betrogen oder meine Daten missbraucht. Zumindest ist das meine Wahrnehmung.

Apple,  Google und Amazon als Gewinner der EU-Regeln

Die übertriebene Angstmache rund um das Thema Datennutzung hat unsere europäische Digital-Industrie in arge Bedrängnis gebracht (Öko-System-Schock) und ihr so viel Ballast, Missgunst und infolgedessen falsche Formen von Regulierung aufgebürdet, dass ich mich frage, ob wir als Europa die B2C-Märkte je werden zurück erobern können. Unsere Talkshows und Artikel sind voll mit „Experten“, die uns erklären, wie gefährlich die Datenökonomie sei, aber unser Geld als Konsumenten fließt in unfassbaren Mengen an digitale Unternehmen im Ausland, die die neuen Gesetzmäßigkeiten begriffen haben und ausschöpfen.

Die EU erlässt eine neue Datenschutzgrundverordnung und Bezahlregulierung und die einzigen, die noch weniger Klicks als vorher brauchen, sind Apple, Google und Amazon. Die EU verabschiedet eine Urheberrechts-Richtlinie und die einzige weltweit, die diese technisch überhaupt erfüllen könnte, ist Googles Content-Id.

„Installieren Sie die praktische Identity-App“

Zwischenzeitlich hat sich meine Bank gemeldet, das Online-Banking sei nun sicherer geworden. Genial, denke ich. In 25 Jahren Online-Banking hatte ich zwar noch nie ein Sicherheits-Problem, dafür täglich gefühlt drei Pishing-Warnungen der hiesigen Rechts-Abteilung. „Installieren Sie die praktische „Identity“-App als Zweit-App neben Ihrer alten Banking-App, dann geht das Genehmigen der Bezahlvorgänge in Windeseile“, stand da.

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Da in meinem CV steht, dass ich Digitalexperte sei, habe ich mutig sofort umgestellt und es sogleich bereut. Ich authentifiziere jetzt einzelne Umsätze, in dem die App auf die zweite App wechselt, 4 Mal den Screen wechselt, zwischendurch klicke ich mehrmals „OK“ und irgendwie habe ich dann, mit deutlich mehr Klicks als je zuvor und etwas irritierten Augen ob des Gehüpfes, eine einzige Transaktion beendet. Allerdings nicht die dringende an die Behörde, das erlaubt die App nicht, dafür solle ich doch bitte die Bank am Browser besuchen. Aha. Ich weiß ja nicht, ob Brüsseler Experten jetzt zufrieden sind, ich als einfacher Konsument bin es nicht.

Als ich in der Westbahn-App mein preisreduziertes Ticket mit der neuen Kreditkarte erwerben will, komme ich gehörig ins Schwitzen. Ich brauche seit den schärferen Sicherheits-Anforderungen an die 20 Klicks und der Schaffner steht schon vor mir. Hätte ich (teurer) bar bezahlt, es wäre deutlich komfortabler gegangen. Wir haben 2019, und analoges Handeln ist einfacher als digitales. Detto beim Online-Kauf des Bus-Tickets. Für 3 Euro 20 brauchte ich 16 Klicks, 2 Pins mit Secure Codes, SMS und Nerven ohne Ende.

Datenschutz-Wildwuchs in der Schule

Die Tochter meines Freundes zeigt mir ein Schul-Abschlussfoto, auf dem der Kopf des Kindes geschwärzt ist. Er hatte vergessen, eines der vielen DSGVO-Formulare an die Lehrer zurück zu senden. Sie ist stinksauer. Die Lehrer wiederum hatten Bedenken, dem Staat die Namen der Schüler zu nennen, die bei der Schulbuchaktion mitmachen wollten, denn das verstoße gegen Gesetze. Aber immerhin, die Tochter wusste auch nicht mehr, wie viele andere in der Klasse ebenfalls eine Fünf in Mathematik bekamen, denn selbst den allgemeinen Notenspiegel im Klassenzimmer vorzulesen, ist österreichweit verboten. OK, denk ich mir, ich muss das nicht verstehen. Wenn es andere Menschen glücklich macht, es sie sicherer fühlen lässt, das packen wir schon.

„Sag bloß niemandem, dass ich eine Prostata-Untersuchung hatte.“

Mein Arzt, den ich seit 35 Jahren aufsuche und um Diagnosen bitte, legt mir ein Formular mit „Opt-out“-Klauseln vor, das ich, obwohl in meinem CV steht, ich sei Digitalexperte, nicht verstehe. Ich unterschreibe, so sagt er, dass ich ihm auch nach 35 Jahren vertraue, dass er die Diagnosen, die er macht, auch wissen darf. Oder so ähnlich. „Fein“, sag ich: „Sag bloß niemandem, dass ich eine Prostata-Untersuchung hatte.“ Der gesamte mithörende Wartesaal lacht herzhaft. Ich auch. Immerhin. Datenschutz live sozusagen.

Cookie-Alarm in der Medienwelt

Was das Lesen von Online-Artikeln angeht, wurde ich auch etwas unrund. Ich habe es mir angewöhnt, immer den Original-Links zu folgen, damit die Medienbetreiber ihre Werbung zeigen und damit Geld verdienen können. Doch seitdem ich jedes Mal ein Cookie-Bestätigungsfenster klicken muss, tue ich das mobil immer weniger. Weil es nervt neben den zig Paywall-Fenstern die mich draußen halten.

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Ich habe prompt eine nicht repräsentative Online-Umfrage gestartet, wie viele meiner Freunde und Bekannten denn zumindest einmal gelesen hätten, was diese Cookie-Warn-Fenster anzeigten und wurde in meiner Annahme bestätigt: Ich war der einzige. I´m not kidding. DER EINZIGE. Fragen Sie selbst herum. In meinem CV steht, dass ich angeblich Digitalisierungs-Experte sei, deshalb habe ich es einmal gelesen, nicht verstanden was man daran bedenklich finden sollte und danach immer auf „Ok“ geklickt. So wie die anderen 256 Befragten, die klicken auch täglich zig Mal „OK“ – nur, sie haben es nie gelesen. Aber wenn wir uns jetzt sicherer fühlen, ok, dann soll es so sein.

Europa: Angst vor der Datenökonomie

Aber mal ganz im Ernst: Das Valley investiert Milliarden, um die User-Experience zu erhöhen, Klicks zu reduzieren und uns als Konsumenten zufriedener zu machen. Ich habe den Eindruck, wir tun in Europa genau das Gegenteil. Wir verbreiten Angst vor der Datenökonomie – dem erfolgreichsten Wirtschaftsmodell der Weltgeschichte -, bauen immer mehr Hürden auf und verkomplizieren Prozesse. Wir stimmen als Wähler der Kritik an Datenmodellen politisch vielleicht sogar zu, aber als Konsumenten wenden wir uns immer mehr den Services zu, die uns zufrieden machen. Wir agieren zunehmend schizophren.

„Ja, ist der Datenschutz denn nicht wichtig?“, werde ich dann und wann gefragt. Doch, ist er, sehr sogar! Datenschutz ist wirklich wichtig. Aber er soll im globalen Wettbewerb in keinem Widerspruch zu Userfreundlichkeit und Kundennutzen stehen. Und – „good news!“ – das muss er auch nicht, wenn er sach- und fachkundig gestaltet und umgesetzt wird. Und das ist der entscheidende Punkt! Und leider sind es die Amerikaner, die uns lehren, wie auf EU-Regulierung zu antworten ist, nämlich mit noch kundenfreundlicherer Technologie.

Facebook ist nicht das Internet

„Ja, aber“, höre ich dann so gut wie immer, „haben Sie denn nicht den Cambridge Analytica Skandal mitbekommen?“. „Doch, habe ich“, erwidere ich dann. Doch „Sie alle, die Sie diesen einen Skandal ständig zitieren, die Sie ganze Bücher darüber verfassen, vorm Daten-Überwachungskapitalismus warnen, Cambridge auf Podien bis zum Bersten herunterbeten und als Politiker dagegen wettern, – Sie alle sind noch auf Facebook. Und ich nicht mehr.“ Cambridge – aber vor allem ganz andere Missstände wie die permanente Werbung, irrelevanter Content und andere Dinge – haben mich von Facebook weggebracht. Aber es spielt keine Rolle. Facebook ist nicht „das Internet“, das Internet sind wir alle und das ist auch gut so.

„Technologie hat dem Menschen zu dienen und nie umgekehrt.“

Auch unsere Post hatte ihren Daten-Skandal (den ich auch bedenklich fand), und so wie jedes neue Wirtschaftsmodell wird auch die Datenökonomie ihre Probleme und Skandale bewältigen müssen. Vergehen werden rigoros zu bestrafen sein, damit die Konsumenten und Bürger geschützt bleiben, denn Technologie hat dem Menschen zu dienen und nie umgekehrt. Doch wenn wir dabei den überragenden Fortschritt, sowie die Chancen übersehen, die die Datenökonomie Unternehmern sowie Konsumenten bietet, weil sie Kundenbedürfnisse immer besser erkennt und friktionsfreier stillt, werden wir uns weiter ins digitale Abseits manövrieren. Das geht wegen diverser Trägheitsfaktoren eine Zeit lang gut, doch irgendwann kratzt das alles gehörig an der Wettbewerbsfähigkeit, unserer Produktivität und damit am Wohlstand Europas.

Europa hat noch nicht verloren

Noch ist es nicht zu spät für Europa, denn die meisten Services heute sind technologisch betrachtet Web1.0 oder Web2.0. Die Macht von Web3.0, dem semantischen Web und neue Modelle Künstlicher Intelligenz, sie werden noch kaum eingesetzt und hier stünde uns ein gewaltiger Markt offen, auch um mit dem Silicon Valley gleich zu ziehen und Europa auf der Weltbühne stark zu positionieren.

Doch hier legt man digitalen Innovatoren Steine in den Weg. Aus dem Medien- und Plattform-Markt mussten sich junge, disruptive Kräfte aus dem europäischen Markt  zurückziehen, der wurde rigoros reguliert. Ein großer Verlag erteilt seit einem Jahr einen spannenden Auftrag nicht, bei dem es darum ging, Kundenanfragen mit einem neuronalen Netz zu klassifizieren. Das Programm würde nichts anderes tun, als eine Kunden-Mail zu analysieren, ob es eine Beschwerde, Lob, Abo-Verlängerung, -Kündigung oder ein Umzug des Lesers sei. Das würde 6-stellige Beträge im Call-Center sparen und die Agenten auf Qualitätssicherung fokussieren lassen. Der IT-Leiter wagt es nicht, die Daten anonymisiert (!) zur Verfügung zu stellen. Zu groß seien die befürchteten Strafen. Der NDA, den es zu unterschreiben galt, würde die KI-Firma zudem mit seinen Pönalen existentiell bedrohen.

„Arzt verkauft Bilder von Busen“

Ein anderes Projekt an einem Krankenhaus scheiterte bei einem Anbieter, da man nicht Mammographie-Bilder anonymisiert überlassen wollte. Ein KI-Algorithmus könne Brust-Krebs deutlich besser diagnostizieren und dem Arzt helfen, weniger Fehler zu machen und damit Leid und Folgekosten sparen. Aber die Krankenhaus-Kette müsste laut Rechtsabteilung 60.000 Patientinnen individuell befragen, ob die ihre anonymisierten Bild-Daten zur Verfügung stellen würden. Natürlich würden sie das nicht in unserem Daten-Klima, erklärt man dem Anbieter. „Arzt verkauft Bilder von Busen seiner Patientinnen an Datenkraken“ würde womöglich jemand schreiben. Das könne man nicht riskieren, hieß es.

++zum InsureTech-Channel des brutkasten+++

Übrigens: Das Klassifizierungsprogramm für Emails bietet ab kommendem Jahr Salesforce, ein Unternehmen aus San Francisco, auch in Deutsch an. Es hat Milliarden in die KI-Entwicklung gesteckt, und der Konzern will mit ihnen zusammenarbeiten. Die Krankenhaus-Kette will mit Google kooperieren. Die hätten schon genug Daten von US-Krankenhäusern bekommen, hieß es jüngst, und die Diagnose-Erfolge seien groß. Google erkennt auch die Schwächen der heimischen Banken und will Gerüchten zufolge zusammen mit der Citigroup ein Girokonto anbieten. Apple wird seinerseits auch nicht nur Apple-Pay für fremde Debit-Karten anbieten, sondern – ebenfalls unbestätigten Gerüchten zufolge – gemeinsame Sache mit Goldman Sachs machen. Die alten US-Player am Rücken der Valley-Technologen quasi. Und im Medien-Bereich sprudelt seit der raffinierten Urheberrechts-Richtlinie auch nicht gerade das Geld an unsere Print-Häuser.

Warten auf die Innovation

Da bleibt nur eine Frage: Wird Europa endlich proaktiver, selbstbewusster und kompetenter Gestalter der Datenökonomie, der für seine Bürger deren enorme Chancen nutzt, echte Bedrohungen eliminiert und eigene Technologien basierend auf Europäischen Werten baut – oder wird es weiter nur Konsument fremder Technologie bleiben? In meiner heutigen Inbox steht jedenfalls nur ein neues „Wiener Manifest, gegen die digitale Versklavung“. Auf das Mail, das eine global erfolgreiche, europäische und ethisch akzeptierte Technologie ankündigt, warte ich bislang vergebens.


Über den Autor

Der leidenschaftliche Unternehmer Michael (Mic) Hirschbrich ist ein technischer Autodidakt und hat Handelswissenschaften, sowie Politik, Kommunikation und Geschichte studiert. Er ist stolzer Vater von drei Kindern und hat den Großteil seines Berufslebens im Ausland verbracht, in Südost-Asien, Indien und das letzte Jahrzehnt in den USA und Europa. Er spielt gerne Klavier und im kleineren Kreis stimmt er auch mal ein Lied an. Privat schätzt er den Gegenpol zum Beruf, nämlich Erdung in der Natur und da besonders das Wandern und Bergsteigen.

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Steckt euch den „Purpose“ sonst wo hin: Deswegen wollen die Jungen „nix arbeiten“

Laut einer Umfrage nimmt die Arbeitsmoral derzeit drastisch ab. Ein Tipp: Versucht es doch einmal mit bezahlten Überstunden statt mit mehr Marketing-Bullshit.
/purpose-darum-wollen-die-jungen-nix-arbeiten/
Purpose Arbeitsmoral Work-Life-Balance Dominik Perlaki
brutkasten-Redakteur Dominik Perlaki | (c) brutkasten / Hintergrund (c) Carl Heyerdahl via Unsplash
kommentar

Im Lichte der Diskussionen rund um Vier-Tage-Woche und Co wurde vor allem jungen Arbeitnehmer:innen zuletzt immer öfter fehlende Arbeitsmoral attestiert. Das ist nicht nur „so ein Gefühl“ von Leuten wie KTM-Chef Stefan Pierer und Ex-Spar-Chef Gerhard Drexel. Eine Studie (in Deutschland, die sich gewiss auch auf Österreich anwenden lässt) zeigte nun: Der Arbeitswille ist in der Bevölkerung – und da vor allem in deren jüngerem Teil – in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich drastisch zurückgegangen.

Sind die Krisen schuld?

Ist Corona schuld? Oder sind es die vielen anderen Krisen, zu denen gefühlt ständig weitere dazukommen? Ganz gewiss. In mehrerer Hinsicht verstärken diese aber nur bereits bestehende Probleme oder schärfen den Blick auf diese. Wer sich nicht ganz sicher war, ob sein Job wirklich notwendig für die Gesellschaft ist, wusste vielleicht nach ein paar Monaten Corona-Kurzarbeit ganz genau, dass er es nicht ist. Wer schon bislang trotz Vollzeit-Tätigkeit gerade einmal mit dem Gehalt auskam (z.B. wegen in den vergangenen Jahren enorm gestiegenen Mietkosten), weiß jetzt in der starken Inflation nicht mehr weiter.

Willkommen im Arbeitnehmer:innen-Markt

Aber warum sind die (jungen) Leute in der Multi-Krisensituation denn nicht „glücklich, dass sie überhaupt einen Job haben“? Die Unternehmen senden hier mit dem Mantra des „händeringenden Suchens nach Fachkräften“ eindeutig das falsche Signal aus. Wir sind eben nicht mehr in einem Arbeitgeber:innen- sondern in einem Arbeitnehmer:innen-Markt. Vielen Unternehmen gelingt es aber nicht, ihre eignen Mitarbeiter:innen zufrieden zu stellen, obwohl sie sich doch so bemühen…

„Purpose“, „Passion“ und „Commitment“

Sie zahlen zum Beispiel viel Geld für Agenturen, die mit ihnen (Vorsicht Sarkasmus!) super-individuelle „Company Values“ ausarbeiten. „Purpose“, „Passion“, „Commitment“ – viele durften in den vergangenen Jahren dieses Buzzword-Bullshit-Bingo kennenlernen. Der Succus: Als Mitarbeiter:in sollst du die „Mission“ deines Unternehmens mit ganzer Seele mittragen, den Erfolg und Misserfolg als deinen eigenen wahrnehmen und die Bedürfnisse des Unternehmens vor alles andere stellen (auch wenn das natürlich nicht genau so gesagt wird). Das sollst du aus intrinsischer Motivation heraus machen. Deswegen verstehen sich Überstunden vielerorts von selbst und werden nicht gezählt (und schon gar nicht gezahlt), sondern mit einer Pauschale abgegolten.

Purpose Purpose

Nun gibt es natürlich Unternehmen, der „Mission“ allgemein unterstützenswert erscheint, weswegen auch ihr „Purpose“ Mitarbeiter:innen zu echter „Passion“ und echtem „Commitment“ zu bewegen vermag. Es gibt aber auch eine ganze Menge Unternehmen, die Produkte anbieten, die für die Menschheit oder den Planeten keinen essenziellen Nutzen haben. Sie sind praktisch, machen Spaß, bringen Komfort, Entspannung oder Freude oder helfen anderen Unternehmen, ihre Gewinne zu maximieren. Es ist manchmal mehr, manchmal weniger toll, dass es diese Produkte gibt. Aber ihre Daseinsberechtigung soll an dieser Stelle nicht zur Diskussion gestellt werden, bloß der Narrativ gegenüber den Mitarbeiter:innen.

Der ehrliche Narrativ

Der ehrliche Narrativ gegenüber den Mitarbeiter:innen wäre nämlich: „Es gibt einen Markt für unser Produkt. Deswegen können wir Geld damit verdienen. Und wenn du mitarbeitest, kannst du auch Geld damit verdienen. Und wenn du mehr Leistung erbringst, kannst du noch mehr Geld verdienen“. Diese einfache Erklärung wurde in den vergangenen Jahren durch das oben beschriebene Marketing-Bla-Bla ersetzt. Nicht mehr nur die potenziellen Kund:innen sollen glauben, dass ihre Zufriedenheit der wichtigste Daseinszweck der Belegschaft des Anbieters ist, auch die Belegschaft selber soll davon mit Herz und Seele überzeugt sein.

Überforderung für die Jungen

So steht es eben in den „Company Values“ die dann sinnigerweise oft auch noch „Authenticity“ einfordern. Doch den Mitarbeiter:innen sind dann sehr oft doch – Überraschung – ihre Familien, Freunde oder auch einfach Hobbies wichtiger. Die älteren Semester kommen mit dieser Diskrepanz noch recht gut zurecht. Sie haben ihren Modus der „Work-Life-Balance“ (oder besser oft „Work-Familiy-Balance“, weil „Life“ ist beides) gefunden und denken sich ihren Teil zu den übermotivierten Management-Floskeln. Die Jungen aber sehen sich durch die als solche verstandene Forderung, ihre Seele dem Arbeitgeber zu überschreiben, überfordert und versuchen sich mit dem Schrei nach mehr „Work-Life-Balance“ abzugrenzen.

Leistung muss sich wieder lohnen!

Am Ende geht es um den im liberalen Umfeld zum Thema Steuersenkungen beliebten Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“. Sowohl Stefan Pierer als auch Gerhard Drexel fordern eine Steuerfreistellung von Überstunden. Das ist eine tolle Idee, aber dazu müssten diese überhaupt einmal wieder bezahlt werden. Stunden zählen mag für viele antiquiert wirken, wenn es doch um den Output geht. Aber ein Flatrate-Gehalt unabhängig von der Leistung ist hier sicher nicht die motivierende Lösung.

Steckt euch den „Purpose“ sonst wo hin, bezahlt die geleisteten Überstunden und ihr werdet sehen, dass die Jungen wieder gerne mehr als weniger arbeiten. Dann kommen auch „Passion“ und „Commitment“ von selbst.

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