23.01.2025
URBANER BAUERNMARKT

Zweite markta-Filiale in Wien: „Seit ich ein Kind bin, find ich die Wirtschaft ein bisschen falsch“

Eine neue markta-Filiale wurde heute offiziell in der Wiener Zollergasse eröffnet. Bald soll es in Wien bis zu zehn davon geben.
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Theresa Imre vor der neuen markta-Filiale in Wien-Neubau (c) umdasch: Franz Moser

Auf einem Food-Blog basierend startete der heute als urbaner Bauernmarkt bekannte Marktplatz markta. 2017 entstand die Idee, am ersten März 2018 ging der Web-Shop für regionale Lebensmittel online. Heute findet sich markta nicht primär virtuell, sondern als Offline-Shop in Wien: Im März 2023 eröffnete der erste Laden in der Alserstraße im neunten Wiener Gemeindebezirk.

Im April 2024 wiederum wurde bekannt: markta-Web geht offline. Das bleibt auch vorerst so, erklärt CEO und Gründerin Theresa Imre am Donnerstag in einem Pressetermin. Zum selben Zeitpunkt eröffnet die gebürtige Steirerin nun offiziell ihre zweite markta-Filiale in Wien.

Gründerin Theresa Imre im neuen markta-Shop
(c) umdasch: Franz Moser

markta-Gründerin Imre denkt über „bis zu zehn Filialen“ nach

Neben ihrem ersten Standort am Wiener Alsergrund gibt es seit dem 10. Jänner auch in der Zollergasse 9 in Wien-Neubau Produkte von regionalen – nicht nur heimischen – Betrieben zu kaufen. Geplant sind einige weitere Standorte, verrät die Gründerin.

Bis zu zehn Filialen hat sie sich auf ihrer Wien-Karte als Ziel abgesteckt. Wo und wann genau gemietet, renoviert und eröffnet wird, ist noch in Planung. So viel steht aber fest: „Schau ma mal, was aus dem Naschmarkt wird. Auch der Kutschkermarkt und der 2. Bezirk lachen mich an.“

„Ich kritisiere nie den Konsumenten“

In ihren beiden ersten Filialen geht es Imre nun vor allem um eine Re-Definition von Regionalität: „Seit ich ein Kind bin, find ich die Wirtschaft ein bisschen falsch. Wir Menschen verirren uns im konsumgetriebenen Wirtschaftssystem. Ich kritisiere nie den Konsumenten selbst, aber ich glaube, dass wir alle Teil eines sehr starren Supermarktsystems sind, das gut 90 Prozent des Handels und damit unser Konsumverhalten dominiert.“

Nun will Imre auch mit ihrer zweiten Filiale „Bequemlichkeit und Nachhaltigkeit für Kund:innen in der Stadt vereinen“. Mit markta erleichtert sie der urbanen Kundschaft den Zugang zu Lebensmitteln von Klein- und Familienbetrieben. Diesen bietet sie außerdem ein transparentes Preismodell: „Ich weiß zwar nicht, von welchem Baum der Apfel kommt, aber genau von welchem Betrieb.“ Ein Drittel des Verkaufspreises geht dabei an markta, zwei Drittel an den Produzenten.

Regionalität ohne Staatsgrenzen

Regionalität müsse grundsätzlich breiter gedacht werden – am besten ohne Staatsgrenzen, sagt Imre: „Die Ukraine ist näher bei Wien als Vorarlberg. Regionalität muss auch über Staatsgrenzen hinweg funktionieren. Und genau dieses Konzept wollen wir verwirklichen: Wir wollen Produzent:innen aus der Umgebung unterstützen, wo es Sinn macht.“

Woher das Produkt kommt und wie es Logistik, Produzent und der Umwelt am ehesten gut tut, hängt davon ab, was es ist, meint die Gründerin: „Zitronen in einem Glashaus in Wien anzubauen kann aus CO2-Sicht noch viel schlimmer sein, als sie aus Sizilien zu importieren.“ So kommen etwa 60 Prozent der Produkte aus einem Filial-Umkreis von 100 Kilometern. Grundsätzlich gilt die Regel: wenn nicht regional, dann nur so fern als nötig.

Heute hält die neu eröffnete markta-Filiale auf einer Verkaufsfläche von 200 Quadratmetern Produkte von gut 150 Produzent:innen. Diese stammen nicht rein aus Österreich, erklärt Imre, denn „Regionalität muss sich nicht an Grenzen orientieren“.

1.500 regionale Produkte im markta-Filialnetz

Insgesamt listet markta 250 Kleinbetriebe, die über 1.500 Produkte in den beiden Wiener Filialen anbieten. Das Filialnetz füllt dabei eine Fläche von rund 400 Quadratmetern. Doch nicht in jedem Geschäft gibt es das gleiche Sortiment: Auch die Regalbestückung wechselt in regelmäßigen Abständen, um den gelisteten Betrieben dieselben Chancen zu bieten.

Als Logistikpartner sind der Lieferservice veloce und die Österreichische Post im Einsatz. Betriebe brauchen einen Ab-Hof-Verkauf, um am markta-Konzept teilzunehmen, sagt Imre.

In die Filialen kommen Produkte über das markta-Logistikzentrum am Wiener Franz-Josefs-Bahnhof – eine vergleichsweise kurze Lieferkette. Üblicherweise sind bei Handelskonzernen nämlich bis zu sieben Intermediäre zwischen Hersteller und Endverbraucher:in im Einsatz.

Die neue markta-Filiale begrüßt mit frischem Gebäck direkt beim Eingang (c) umdasch: Franz Moser

Vom Bauernhof auf die Gabel

Die zweite markta-Filiale dient jedoch nicht nur als Nahversorger für Lebensmittel und Haushaltsprodukte – niederösterreichisches Klopapier findet sich ebenso im Sortiment wie nachhaltig gelieferte Bio-Eier – sondern auch als Gemeinschaftsraum mit Genossenschaftssinn.

Imre setzt im siebten Bezirk auf einen gemeinschaftlich genutzten Innenhof sowie auf die aktive Einbindung der „Grätzl-Gemeinschaft“. In Zukunft sollen auch Mittagsmenüs zum Direktverzehr angeboten werden.

Die Filiale bietet überdies einen unteren Stock nach dem „Farm to Fork“-Prinzip: Hier soll es Zusammenkünfte, Events und Workshops von Produzent:innen für Konsument:innen geben, im Zuge derer Wissen über nachhaltige Landwirtschaft und regionale Produkte geteilt werden soll.

Hödlmayr nicht mehr Co-CEO, Gebrüder Weiss unter Investoren

Auch zur Firmenkonstellation äußerte sich Imre im Rahmen des heutigen Pressetermins: Aktuell sei die Gründerin als einzige CEO im Einsatz. Das soll vorerst so bleiben. Der ehemalige Müller-Chef Julian Hödlmayr, der von September 2022 bis März 2024 neben Imre in der markta-Geschäftsführung tätig war, ist nicht mehr an Bord.

Als Investoren beteiligt sind Fabian Kaufmann, der Expertise aus dem stationären Handel mitbringe, sowie Heinz Senger-Weiss, Vorstand des Logistik-Unternehmens Gebrüder Weiss. Laut wirtschaft.at hält Imre über die markta Beteiligungs GmbH einen Firmenanteil von 56,48 Prozent, während Kaufmann 34,06 Prozent und Senger-Weiss 9,46 Prozent der Anteile hält.

Bio-Obst „günstiger als Bio-Handelsmarken“

Konzept und Cap-Table scheinen durchdacht, nun muss man sich der aktuellen Marktentwicklung stellen: Bekannterweise zählt Österreich zu den EU-Ländern mit der höchsten Supermarktdichte. Einkommen und Ausgaben sinken konstant – mittlerweile geben wir im Durchschnitt nur noch 12 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus.

Theresa Imre sieht dennoch Potenzial für das markta-Konzept – denn die Produkte sind nicht ausschließlich in der mittleren bis oberen Preisklasse angesiedelt: „Unser Bio-Obst und -Gemüse ist günstiger als jenes in den Supermarkt-Ketten. Und wir setzen nicht auf Aktionspolitik, denn ich finde, das trägt zur Verschwendung von Lebensmitteln bei.“

1,5 Millionen Euro Umsatz geplant

Aktuell spricht Imre von einem leichten Umsatzrückgang im stationären Handel. Im aktuell stillgelegten Online-Handel erzielte man einen Umsatz von sechs Millionen Euro. Pro Laden rechnet Imre dieses Jahr mit 1,5 Millionen Euro Umsatz.

Trotz der ambitionierten Filialnetz-Erweiterung plant Imre nicht mit einem Franchise-Konzept. Auch über eine Wiedereröffnung des Online-Shops wird nachgedacht. Dann allerdings vorerst als Abomodell. „Wenn wir 1.000 Abo-Interessenten haben, öffnen wir den Online-Shop wieder“, meint Imre dazu. Bis dahin setzt das markta-Team auf Stammkundschaft und Menschen, denen regionale Lebensmittel, faire Preise für Betriebe und Transparenz für Lieferketten am Herzen liegen.

Gemeinsam gerecht

„Gerade aufgrund unserer gesellschaftlichen Verantwortung und Haltung ist jetzt der richtige Zeitpunkt, dass wir unsere Präsenz im stationären Handel stärken“, schließt Imre den heutigen Pressetermin. „Ich merke, wir können die Leute über persönliche Gespräche erreichen und begeistern. Nicht mit dem günstigsten Preis, aber für eine Entscheidung mit Herz und Haltung. Ich glaube, wir müssen aufhören, immer nur gegeneinander zu sein, sondern wir müssen gemeinsam für ein gerechtes System einstehen.“

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© kalkül - Michael Leister (links) und Lukas Weilguny (rechts) von kalkül.

Entstanden ist kalkül aus einem eigenen Problem. Lukas Weilguny und Michael Leister entwickeln als Selbstständige seit 2017 Software für Unternehmen. Als ihr damals genutztes Rechnungsprogramm nach einer Übernahme spürbar schlechter wurde, sahen sie sich nach Alternativen um und testeten mehr als zehn Buchhaltungsprogramme.

„Wir haben kein einziges gefunden, das wirklich einfach und gleichzeitig auf Österreich zugeschnitten war. Buchhaltung ist der langweiligste Teil im Alltag von Selbstständigen. Niemand will stundenlang eine Software lernen, nur um die erste Rechnung zu schreiben. Genau das ändern wir“, erinnert sich Leister.

kalkül: von 1.000 auf 10.000 Nutzer:innen

Also schufen sie 2023 eine eigene Lösung: Ihre Software, die von der we-dev e.U. betrieben wird, dient der Erstellung von Angeboten und Rechnungen, führt die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung mit und deckt Mahnwesen und Zahlungsabgleich ab. Laut Unternehmen ist sie auf die österreichischen Steuervorgaben abgestimmt.

Im November 2024 zählte kalkül 1.000 Nutzer:innen, im Februar 2026 waren es 5.000. Seither hat sich die Zahl innerhalb von sieben Monaten noch einmal verdoppelt. Treibende Kraft hinter dem organischen Wachstum waren den Gründern zufolge persönliche Empfehlungen und die Sichtbarkeit in Suchmaschinen. Bezahlte Werbeanzeigen testen die Gründer erst seit Kurzem. Das Unternehmen ist eigenfinanziert und hat bis heute keine externe Finanzierung aufgenommen.

Allgemein wird der Markt für Rechnungssoftware im deutschsprachigen Raum von deutschen Anbietern dominiert. Österreich werde dort meist nur als kleines Nischenland mitgedacht. Besonderheiten wie Kleinunternehmerregelung, Einnahmen-Ausgaben-Rechnung, BAO-Aufbewahrungspflichten oder Verzugszinsen nach österreichischem Recht werden oft nur oberflächlich abgedeckt, sagen die Founder. Kalkül sei hingegen exakt für diesen Markt gebaut, inklusive Rechnern für Einkommensteuer, SVS-Beiträge, Gewinnfreibetrag und Abschreibungen.

Freemium-Modell

Um Selbstständige gerade zu Beginn zu entlasten, setzt kalkül auf ein Freemium-Modell: Kernfunktionen wie Angebote, Rechnungen, Mahnwesen und die Einnahmen-Ausgaben-Rechnung sind ohne Limits dauerhaft kostenlos. Ein Abo indes schaltet Zusatzfunktionen wie den automatischen Bankabgleich mit über 2.600 Banken frei. Der überwiegende Teil der 10.000 Nutzer:innen verwendet die Gratisversion, wie man mitteilt.

„Als wir das Abo eingeführt haben, gab es dafür wochenlang praktisch keine exklusiven Funktionen. Trotzdem haben Leute bezahlt, einfach um die Entwicklung zu unterstützen. Das war für uns das ehrlichste Feedback, das wir bekommen konnten“, sagt Weilguny.

Integrierte Registrierkassenlösung als nächster Schritt

Als nächsten großen Schritt kündigen die Gründer eine integrierte Registrierkassenlösung an. Parallel baut kalkül die Zusammenarbeit mit Steuerberatern aus: Enger Partner ist die Linzer Kanzlei Raml & Partner, die zwölffach als „Steuerberater des Jahres“ (in der Kategorie „Allrounder Oberösterreich“) ausgezeichnet wurde. Weitere Kooperationen sind geplant. Mittelfristig soll außerdem eine KI-gestützte Belegerkennung Ausgaben automatisch auslesen und kategorisieren.

Welche Funktionen zuerst kommen, entscheidet – laut Foundern – weitgehend die Community: Je häufiger ein Feature angefragt wird, desto weiter rückt es nach vorn. „Wir wollen das einfachste Rechnungsprogramm für Selbstständige in Österreich sein“, sagt Leister. „Mit 10.000 Nutzern sind wir ein gutes Stück weiter, aber bei 376.112 Ein-Personen-Unternehmen im Land haben wir noch viel vor uns.“

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