15.09.2025
VERBINDUNG

Zusammengeschweißt: Verbundenheit über den Exit hinaus

„Viel dick, viel dünn“: Sie durchlebten gemeinsam den Startup-Rollercoaster. Dann kam der erfolgreiche Exit – die beruflichen Wege trennten sich, doch die Verbundenheit bleibt. Einige der Founder von Prescreen und mySugr erzählen.
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Die Gründerteams von mySugr (l.) und Prescreen (r.) jeweils vor dem Exit ihrer Startups | © mySugr / Foto: privat
Die Gründerteams von mySugr (l.) und Prescreen (r.) jeweils vor dem Exit ihrer Startups | © mySugr / Foto: privat

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Als „österreichische Paypal-Mafia“ will einer der Gründer, mit denen wir sprechen, sich und seine ehemaligen Co-Founder nicht dargestellt sehen. „Ich mag einfach die Kirche im Dorf lassen“, sagt er. Und er hat wohl recht: Der Vergleich mit dem Netzwerk aus Gründern und ehemaligen Mitarbeitern von Paypal wäre gewiss überzogen. Das unter anderem von Elon Musk und Peter Thiel gegründete Unternehmen wurde 2002 an eBay verkauft – und die Gründer der beiden früheren Wiener Startups Prescreen und mySugr, mit denen wir sprachen, sind eben keine Musks und Thiels. Und doch gibt es Parallelen: ein Startup mit all seinen Ups and Downs, ein erfolgreicher Exit, viele neue Startups – und ein Netzwerk, das bleibt.

Aber zurück zum Anfang. 2013 gründeten nicht weniger als sieben Co-Founder das HR-Startup Prescreen – anfangs noch unter dem Namen „Mercury Puzzle“, der bald abgelegt wurde. Mit seiner Bewerbermanagement-Software konnte das Unternehmen im Lauf der Zeit eine ganze Reihe bekannter Unternehmen als Kunden gewinnen. Gekannt hatten sich die meisten der sieben Founder bereits eine Zeit vor dem Start, erzählt Alexander Birke, einer der Gründer: „Das wahre Netzwerk war das Gymnasium Klosterneuburg. Zumindest über zwei Ecken haben wir uns bereits vorher fast alle von dort gekannt.“ Sechs der sieben Founder gingen dort zur Schule.

„Bei Prescreen hat sich der Kontakt dann intensiviert“, so Birke. „Wir sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen – viel dick, viel dünn“, drückt es Andreas Altheimer aus, übrigens jener siebte Prescreen-Gründer, der nicht im niederösterreichischen Klosterneuburg zur Schule ging. Er wuchs in Deutschland auf.

„Klassenfahrt unter widrigen Umständen“

„Wir sind einmal gemeinsam 1.000 Kilometer weit zu einer Messe gefahren; mit einem kaputten Auto und einem selbst gebauten Messestand. Es war wie eine Klassenfahrt unter widrigen Umständen. Aber das schafft Erinnerungen, und die gehen auch nicht weg“, erzählt Altheimer. „Wenn man solche Höhen und Tiefen durchlebt, schweißt das zusammen. Wir bleiben verbunden und werden das wohl immer sein“, meint auch Alexander Birke.

„Klassenfahrt unter widrigen Umständen“ | Foto: privat

Doch es gab durchaus auch Reibungen, erinnert sich Nicola Vorsteher, ein weiterer Prescreen-Co-Founder: „Wir haben uns auch ziemlich die Sporen gegeben während der Zeit. Wir alle sieben waren Alpha-Männchen und wollten gewinnen. Und man wollte sich in Diskussionen keine Blöße geben. Aber wir waren dabei immer menschlich.“

Der selbstgebaute Messestand | Foto: privat

Gerald Stangl, einer der Co-Founder von mySugr, spricht einen ähnlichen Punkt an. Er und seine drei Mitgründer hatten ihr Startup 2012 gestartet und mit dessen App für Diabetiker:innen große Erfolge erzielt. „Ich glaube, es war eine der größten Qualitäten von uns mySugr-Gründern, dass wir eine extrem gesunde Streitkultur hatten – und ein starkes gemeinsames Wertesystem“, sagt Stangl. Auch für ihn ist klar: Das gemeinsame Startup habe die Gründer „total zusammen geschweißt“.

Und diese Verbundenheit geht weit über das Berufliche hinaus: „Meine Co-Founder und viele weitere Kollegen von mySugr zählen zu meinen engsten Freunden“, erzählt Stangls Mitgründer Frank Westermann. Und es geht nicht nur ihm so: „Wir sind alle Freunde“, hält Nicolas Vorsteher über das siebenköpfige Prescreen-Gründerteam fest. Einer seiner Co-Founder, Constantin Wintoniak, „war und ist mein bester Freund“, erzählt Vorsteher. „Und nachdem wir in der Company auch Konflikte und Distanzen hatten, haben wir jetzt wieder einen ganz anderen Austausch.“

Die Prescreen-Gründer sind einander auch privat verbunden | Foto: privat

„Jetzt“ heißt in diesem Fall acht Jahre nach dem Exit. Es war 2017, als die beiden und ihre fünf Co-Founder Prescreen an den deutschen HR-Riesen XING (mittlerweile New Work SE) verkauften. Mit 17 Mio. €, die sich auf die sieben Gründer und die damals beteiligten Investor:innen aufteilten, und einigen weiteren Millionen, die später über das Erreichen von „Earn-out-Zielen“ an die Gründer ergingen, war der Deal „nicht riesig“, wie Wintoniak einmal gegenüber brutkasten sagte. Und er bezeichnete diesen Umstand als „Glück“ – denn so hätte er gar nicht erst die Wahl gehabt, bis zum Ende seines Lebens nichts zu tun.

Nach dem Verkauf war er zunächst noch eine Zeit lang bei New Work SE beschäftigt. Dann gründete er gemeinsam mit zwei weiteren der Prescreen-Gründer, Dominik Hackl und Markus Presle, ein neues Startup: fynk, das eine Vertragsmanagement-Software für Unternehmen anbietet. Und dabei kam ihnen auch die „nicht riesige“ Menge an Geld, die sie vom Prescreen-Verkauf mitnahmen, zugute, wie Wintoniak erzählt: „Wir konnten das Kapital dazu nutzen, die erste Phase von fynk selbst zu finanzieren, aber auch, um die Ruhe zu bekommen, nicht von einem monatlichen Gehalt abhängig zu sein.“

Viele neue Startups

Mit dieser Geschichte ist Wintoniak nicht allein. Die anderen Prescreen-Gründer Nicolas Vorsteher, Alexander Birke, Andreas Altheimer und auch die mySugr-Gründer Gerald Stangl, Frank Westermann und Fredrik Debong – sie alle gründeten neue Startups und profitieren dabei auch vom Kapital aus den Exits.

„Für niemanden von uns war der Exit das Ende der Fahnenstange. Alle haben das eher als schönen Start, als schönen ersten Case gesehen, um daran anzuschließen“, erzählt Altheimer. Er hatte schon 2022 einen weiteren Exit mit seinem zweiten Startup SaaS Industries und steht mittlerweile bei Startup Nummer drei, Everapi, das abermals im SaaS-Bereich angesiedelt ist. Dieses hat er unter anderem mit einem ehemaligen Prescreen-Mitarbeiter gegründet, der auch schon bei SaaS Industries sein Co-Founder war.

„Das Kapital war fundamental, weil das Unternehmen, das ich jetzt aufbaue, sehr kapitalintensiv ist“, erzählt auch Gerald Stangl. Mit Roots Energy gründete er 2020 ein Startup im Bereich Energie- und Wärmewende. Bis dahin hatte er für mySugr gearbeitet; denn auch dort ging es nach dem ebenfalls 2017 erfolgten Exit (an den Schweizer Pharma-Konzern Roche) noch eine Zeit lang für die Gründer weiter. Wie hoch der Verkaufspreis damals war, wurde übrigens nie bekannt gegeben, doch mit medial kolportierten „bis zu 200 Millionen Euro“ kann er für österreichische Verhältnisse – vor allem vor acht Jahren – durchaus als „riesig“ bezeichnet werden.

Die Feier zum mySugr-Exit 2017 | Foto: privat

Und das Kapital half Stangl und seinen Co-Foundern nicht nur beim Aufbau ihrer neuen Startups: Sie nutzten es auch für ein neues gemeinsames Projekt. „Wir haben zusammen etwa 50 Angel-Investments gemacht und nennen uns Sweet Ventures“, erzählt Co-Founder Fredrik Debong. Allein deswegen seien die vier Gründer nach wie vor zumindest monatlich miteinander in Kontakt. „Das Kapital gibt dir auch die Möglichkeit, das zu unterstützen, was du für richtig hältst; durch Investments, aber auch durch Spenden und Zeit“, sagt Debong.

Und doch betont er, wie auch die anderen Gründer, mit denen brutkasten gesprochen hat, einen weiteren Aspekt, der mindestens ebenso wichtig sei wie das Kapital: „Die Leute, die man als Gründer kennenlernt, sind oft spannend: Kollegen, Investoren, Entscheidungsträger. Dann kann man schon was bewegen. In meinem Fall sind auch viele aus der Diabetes-Community zu meinen engeren Freunden geworden“, so Debong.

Letzteres hat für ihn eine besondere Bewandtnis – nicht nur bei mySugr stand damals die Krankheit Typ-1-Diabetes, an der Debong selbst leidet, im Zentrum: Nach einem Exkurs in den Insurtech-Bereich mit dem Startup hi.health, mit dem 2025 ebenfalls der Exit gelang, betreibt der Gründer mit „1921“ seit Kurzem eine Risikokapitalgesellschaft, die sich auf das Thema spezialisiert.

„Leider konnten wir nicht alle mitnehmen“

Auch Co-Founder Frank Westermann ist dem Thema Diabetes – im konkreten Fall Typ 2 – treu geblieben. Er gründete 2021 in den USA sein neues Startup 9amHealth, das Nutzer:innen beim Abnehmen und beim Management von Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hilft. Von mySugr nahm er sich dazu deutlich mehr mit als nur Kapital und Know-how, wie er erzählt: „Meine drei Co-Founder bei 9amHealth waren alle langjährige mySugr-Mitarbeiter“, erzählt er und fügt an: „Leider konnten wir nicht alle mitnehmen, da wir in den USA gestartet sind. Aber es gäbe nichts Schöneres, als mit der ganzen Truppe von damals wieder zusammenzuarbeiten.“

Doch auch ohne ein gemeinsames neues Unternehmen bleiben die Verbundenheit und auch das Netzwerk zwischen den durch „Startup-Rollercoaster“ und Exit zusammengeschweißten Gründern bestehen. „Eine Trennung? Ist nicht wirklich passiert“, sagt Fredrik Debong lachend. Gerald Stangl präzisiert: „Manche höre ich alle paar Wochen, andere vielleicht nur einmal im Monat. Aber wir sind in engem Kontakt und unterstützen uns mit Rat und Tat. Und manchmal geht es auch ein bisschen weiter. Jeder würde für den anderen sofort einspringen, wenn Feuer am Dach wäre.“

Sehr Ähnliches erzählt Nicolas Vorsteher, der mit seinem neuen Startup chatlyn eine Kommunikationslösung für die Hotellerie anbietet, über die Prescreen-Gründer: „Wenn wir Support brauchen, rufen wir uns gegenseitig an und helfen einander bei unterschiedlichen Fragen. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, die recht aktiv ist, und pushen uns gegenseitig auf LinkedIn. Wir haben einfach ein Vertrauen aufgebaut, das bleibt.“ Constantin Wintoniak ergänzt: „Natürlich versuchen wir, uns auch dort Gelegenheiten zuzuspielen, wo das Sinn macht – sei das jetzt im Bereich Investorensuche oder im Recruiting: Personen, die man selbst gerne eingestellt hätte, aber nicht kann, versuchen wir etwa immer weiterzuvermitteln.“

Die Prescreen-Gründer bei einem Treffen 2023 | Foto: privat

Gleichzeitig betont er, wie er in Sachen Recruiting vom Netzwerk aus der Prescreen-Zeit profitiert hat: „Wir haben sehr viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen von Prescreen, die sich entschieden haben, jetzt wieder mit uns arbeiten zu wollen und in unserem Team ganz wesentliche Rollen übernehmen. Dieses Wissen, wer gut ist und wie gut man mit den Menschen kann, erspart einem eine enorme Kapazität im Hiring. Das ist der Bereich, wo die meiste Zeit auf der Strecke liegen bleibt, wenn man es ohne dieses Netzwerk machen muss.“

„Sehr unterschiedliche Interessen“

Und stand es auch bei anderen im Raum, mit den ehemaligen Co-Foundern ein neues Startup zu gründen? „Ich glaube, wenn ich mit anderen Foundern gemeinsam etwas Neues gemacht hätte, würde es auch gehen“, meint Nicolas Vorsteher. Man sei auch nach dem Exit in der gemeinsamen Zeit bei New Work SE zusammengesessen und habe überlegt, ob man zusammen ein neues Projekt starten könne. „Aber wir hatten sehr unterschiedliche Interessen.“

„Krypto hat mich zum Beispiel gar nicht interessiert, aber ich wollte etwas im Bereich Hospitality machen“, erzählt Vorsteher und spielt damit auf seinen ehemaligen Co-Founder Alexander Birke an. Dieser hat sich mit seinem Startup 21bitcoin nach dem Exit einer Leidenschaft gewidmet, die er schon vor der Prescreen-Zeit gehabt hat. Die von seinem Co-Founder genannten unterschiedlichen Interessen sieht er in der Rückschau als größtes Asset im ehemaligen Gründerteam. „Wir hatten von Beginn an viel Manpower mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen. Jeder hatte seinen eigenen Bereich“, erzählt Birke.

Dabei habe man mit dem siebenköpfigen Team eigentlich mit Konventionen gebrochen und entgegen allgemein üblichen Empfehlungen agiert. „Aber man muss sich nicht unbedingt immer an allgemeingültigen Normen orientieren. Es gibt auch Bands mit 20 Mitgliedern“, sagt Birke. Dieses Brechen mit Konventionen habe er letztlich auch bei 21bitcoin fortgesetzt.

Auch Andreas Altheimer betont die Vorteile der unterschiedlichen Kompetenzen im damaligen Prescreen-Gründerteam. Und trotzdem meint er: „Die Entscheidung, die Company zu verkaufen, war auch die Entscheidung: Wir geben das in andere Hände und die selbst auferlegten Fesseln aneinander sind damit gelöst. Jeder kann selbst entscheiden, was der nächste logische Schritt für ihn ist.“ Für ihn etwa habe sich die Zeit im Konzern – also bei XING – schon bald als „Ernüchterung“ herausgestellt. Ein Gefühl, das mehrere seiner Co-Founder – mitunter etwas anders formuliert – teilen.

„Der junge Wahnsinn hat einen auch viel gelehrt“

Bei aller bleibenden Verbundenheit habe es also durchaus viel Positives, dass jeder seinen eigenen Weg weiterging, meint Nicolas Vorsteher. „Wir sind alle Menschen. Man ist sich gegenseitig auch einmal auf die Nerven gegangen. Der frische Wind hat gut getan. Du weißt, wie du Dinge anders machst, und versuchst, sie mit deinem neuen Founding-Team so zu konzipieren, dass du nicht mehr über diese Stolpersteine fällst“, so der Gründer. „Man ist einfach auch reifer und älter geworden – der junge Wahnsinn hat einen auch viel gelehrt.“

Symbolbild: junger Wahnsinn | Foto: Prescreen
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Lirone Glikman, Branding-Expertin und Gründerin der Agentur The Human Factor, spezialisiert auf Founder-Led Branding

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


In einer Welt, in der KI Inhalte massenhaft produziert und Unternehmen täglich neu entstehen, verschiebt sich der entscheidende Wettbewerbsfaktor: weg vom reinen Produkt, hin zum Vertrauen. „Founder Led Branding“ heißt das Konzept, das Gründer:innen dazu bringt, sich selbst als sichtbare Persönlichkeiten ihrer Unternehmen zu positionieren – authentisch, strategisch und mit klarer Botschaft. Anders als beim klassischen Personal Branding geht es dabei nicht nur um die eigene Person, sondern um die enge Verzahnung von Founder-Identität und Unternehmensmission. Studien und Beobachtungen auf LinkedIn zeigen: Beiträge von Personen erzielen deutlich höhere Reichweiten als jene von Unternehmensseiten. Investoren prüfen Profile, bevor sie ein Meeting zusagen. Kunden googeln Gründer, bevor sie kaufen. Wer als Founder unsichtbar bleibt, verliert Deals – noch bevor sie überhaupt verhandelt werden.

Eine, die dieses Thema international bearbeitet, ist Lirone Glikman. Die israelisch-französische Branding-Expertin begann bereits mit 16 Jahren ihre Karriere, indem sie beim CEO eines israelischen Radiosenders an die Tür klopfte und kurz darauf jüngste Radiomoderatorin des Landes wurde. Heute leitet sie ihre Agentur The Human Factor, die sich auf Founder-Led Branding spezialisiert hat, unterrichtet seit über zwölf Jahren in 28 Ländern und ist Autorin des Buchs „The Super Connector’s Playbook“. Zudem ist sie Executive Director des NGO Committee on Sustainable Development – NY, das mit der UNO affiliiert ist. Im Interview spricht sie über die Trust Economy, häufige Fehler von Gründern und darüber, warum es heute nicht mehr genügt, einfach nur ein gutes Produkt zu haben.

brutkasten: Frau Glikman, beginnen wir mit einer einfachen Frage: Wer sind Ihre Kundinnen und Kunden?

Glikman: Ich pendle zwischen Berlin und Tel Aviv. Meine Klienten sind Startups in frühen oder späteren Phasen, die Sichtbarkeit brauchen; meist dann, wenn sie Kapital aufnehmen, Kunden gewinnen oder in einen neuen Markt eintreten wollen. Dazu kommen Innovationsmanager in Konzernen.

Ein Beispiel ist Celleste Bio, ein israelisches Startup, das als erstes Unternehmen der Welt Milchschokolade mit echter Kakaobutter aus Zellsuspensionskultur-Technologie vorgestellt hat; ein Meilenstein für eine skalierbare, kommerziell tragfähige Kakao-Lieferkette. Jüngst wurde gemeinsam mit Mondelez die erste Tafel produziert, deren Kakaobutter zu 100 Prozent bio-identisch im Labor erzeugt wurde.

Wie nähern Sie sich einem Founder, der mehr Sichtbarkeit braucht?

Zuerst geht es um die Bereitschaft. Viele Gründer wissen, dass sie sichtbar sein müssen – bevor sie einen Raum betreten, ist die Entscheidung beim Investor oft schon teilweise gefallen. Er googelt, schaut auf LinkedIn, gleicht ab, ob das Gesagte zum Gesendeten passt. Unsere Marke arbeitet für uns, bevor wir den Raum betreten – aber zwischen dem Wissen und dem Tun klafft eine Lücke. Viele sind kamerascheu oder arbeiten lieber am Produkt.

Wenn sie zu mir kommen, beginnen wir mit der Strategie. Founder-Persönlichkeit und Unternehmenswerte liegen am Anfang oft sehr nah beieinander. Wir bauen eine Markenidentität auf – authentisch, nicht aufgesetzt. Welche Botschaften, welche Werte, welche Stärken? Ist die Person warm, eher kühl, fürsorglich? Wir nehmen, wer sie sind, und betonen die relevanten Aspekte online.

Was unterscheidet Founder-Led Branding vom klassischen Personal Branding?

Personal Branding ist ein abgenutzter Begriff – wir alle haben eine Marke, ob wir wollen oder nicht. Founder-Led Branding bedeutet, dass man als Gründer bewusst Botschaften platziert, die einem selbst und dem Unternehmen dienen. Heute vertrauen wir Institutionen, großen Namen und Regierungen weniger – wir vertrauen einander.

Wenn Vertrauen zur Währung wird – gerade in einer Welt, in der KI Posts schreibt und Unternehmen über Nacht entstehen lässt – bleibt das Menschliche. Wenn Sie mir vertrauen, vertrauen Sie vielleicht auch meinem Unternehmen.

Auf LinkedIn performt Founder-Content stärker als Unternehmenscontent. Warum?

Der Algorithmus will, dass Sie sich mit einer Person verbinden. Unternehmensbeiträge werden weniger ausgespielt. Es geht um die Verbindung von Mensch zu Mensch.

Was sind die größten Fehler, die Gründer machen?

Erstens: Viele halten Sichtbarkeit für ein „Nice to have“. Damit fehlt die Konsistenz.

Zweitens: Es gibt keinen roten Faden. Wenn man sich Posts der letzten Monate ansieht, sollte ein Muster erkennbar sein. An einem Tag der Urlaub, am nächsten das Unternehmen, dann etwas anderes – das funktioniert nicht. Es braucht Markensäulen.

Drittens: Viele teilen nur Beiträge ihrer Firmenseite oder von Kollegen. LinkedIn mag das nicht. Die Plattform will wissen, was Sie zu sagen haben, was Ihre Kämpfe und Erkenntnisse sind.

Und viertens: Manche gehen zu Medien, die nicht zu ihrer Phase passen. Wenn das Produkt noch nicht reif ist, sollte man etwa in einem Podcast über das Feld sprechen, nicht über die Lösung. Sonst verspricht man zu viel und liefert zu wenig.

Wie viele Posts pro Woche sind realistisch sinnvoll?

Optimal wären zwei pro Woche. Realistisch reicht ein guter, tiefgehender Post pro Woche, der eine eigene Perspektive zeigt. LinkedIn liebt sogenannte „Scar Stories“ – Geschichten von Verletzungen, aus denen man gelernt hat.

Über Fehler zu sprechen ist guter Content?

Ja, weil es verbindet. Es muss nicht der größte Fehler sein. Sie können sagen: Wir haben anfangs in diese Richtung investiert, dann hat sich der Markt verändert, also haben wir gepivotet. Das ist „Building in Public“ – Sie nehmen Ihre Follower mit auf die Reise. Stellen Sie sich vor, Sie haben Ihre eigene Show!

Im DACH-Raum spricht kaum jemand über Misserfolge. Wie ist das in anderen Kulturen?

Es geht nicht darum, sich in schlechtem Licht zu zeigen, sondern Lernerfahrungen zu teilen. Die israelische Kultur ist sehr expressiv und leidenschaftlich. Wir haben Gründer, die ihre tiefen Kämpfe und Frustrationen während des Aufbaus ihres Unternehmens radikal offen teilen. Das gibt anderen Gründern die Erlaubnis, es ihnen gleichzutun – was am Ende sowohl persönlich als auch für das Unternehmen hilfreich ist.

In asiatischen Kulturen, im Baltikum, im DACH-Raum oder in Skandinavien sind Menschen reservierter und risikoaverser. Das ist nicht schlecht – Israelis springen auf jede Idee; manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Die Frage ist: Wie viel kann ich teilen, das mir dient, anderen Wert gibt, mir aber nicht schadet?

Wie misst man eigentlich, ob Sichtbarkeit auch Umsatz bringt?

Anders als im Vertrieb, wo Sie 50 Leute ansprechen und zwei Deals abschließen, geht es hier um Signale. Verbinden sich qualitativ relevante Menschen aus Ihrer Zielgruppe mit Ihnen? Merken Sie, dass Investoren Sie schon kennen, bevor Sie den Raum betreten? Sprechen Menschen über Sie? Das nennt man „Dark Social“ – wenn das passiert, funktioniert Ihre Marke.

Ein konkreter Tipp zur Monetarisierung: Vor jedem Meeting werden Sie beobachtet. Posten Sie zwei oder drei Tage vorher etwas, das Fragen oder Einwände beantwortet, die im Gespräch kommen werden. Wenn Investoren an der Skalierbarkeit zweifeln könnten, schreiben Sie über die Skalierbarkeit Ihrer Branche.

Das ist strategische Kommunikation pur…

Genau. Wenn Sie sich auf ein Meeting vorbereiten, gehört ein LinkedIn-Post auf die To-do-Liste. Sichtbarkeit ist kein Privileg, sondern ein Business-Tool, eine Infrastruktur.

Wie viel Zeit sollte ein Gründer investieren?

Mit KI ist das heute leichter. Erstellen Sie ein Projekt in ChatGPT oder Claude, füttern Sie es mit Ihrer Marke, Werten, Botschaften, kopieren Sie E-Mails oder Texte hinein. Dann sagen Sie: Ich möchte über die Skalierbarkeit unseres Geschäfts schreiben, hier sind drei Punkte. So entstehen Posts in Ihrer Stimme. Minimum: ein Post pro Woche. Sie können sich 30 Minuten wöchentlich Zeit nehmen oder einmal im Monat ein, zwei Stunden für alle Posts.

LinkedIn ist mit KI-Content geflutet. Sehen wir eine Gegenbewegung hin zu mehr Authentizität?

Es heißt, etwa 80 Prozent der Posts seien KI-generiert – ich denke, es sind mehr. Was Sie vermeiden sollten: den langen Gedankenstrich, den alle KI-Tools lieben; und typische Strukturen wie „Don’t do X, do Y“ oder kurze Sätze mit Punkt am Ende. Ich habe gestern in einem Post einen Tippfehler gefunden und ihn drin gelassen – weil er menschlicher ist. Verwenden Sie keine Wörter, die Sie sonst nie benutzen. KI können Sie trainieren, aber vertrauen Sie ihr nicht zu 100 Prozent.

Welche Trends sehen Sie auf LinkedIn?

Authentizität mit eigenem Stil und visuellen Wiedererkennungsmerkmalen. Und Spezifität: LinkedIn will Sie mit relevanten Menschen vernetzen – fokussieren Sie sich also auf Ihr Fachgebiet.

In Österreich gibt es Gründer, die sehr laut auftreten. Birgt das Risiken?

Kulturell, ja. Wenn Sie Wertvolles teilen, das anderen hilft, ist Lautstärke okay. Aber im DACH-Raum kann das Türen schließen. In Israel sind die Menschen wie gesagt von Natur aus lauter und leidenschaftlicher. Heute sehen wir auch einen Shift zu Solopreneuren oder Drei-Personen-Unicorns. Als Solopreneur müssen Sie Ihre Marke draußen haben – das Ziel sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Gibt es internationale Vorbilder?

Jensen Huang von Nvidia versteht, dass er das Gesicht des Unternehmens ist. Auf seinem LinkedIn-Profil steht Nvidia und davor ein Job als Tellerwäscher in einem Burgerladen.

Oder Sam Altman: Vor drei Jahren, als die Menschen Angst vor OpenAI hatten, machte er mit seinem Mitgründer eine Welttournee, traf Menschen auf Events. Sie nutzten ihre Founder-Marke, um Botschaften zu transportieren und Vertrauen aufzubauen.

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