15.09.2025
VERBINDUNG

Zusammengeschweißt: Verbundenheit über den Exit hinaus

„Viel dick, viel dünn“: Sie durchlebten gemeinsam den Startup-Rollercoaster. Dann kam der erfolgreiche Exit – die beruflichen Wege trennten sich, doch die Verbundenheit bleibt. Einige der Founder von Prescreen und mySugr erzählen.
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Die Gründerteams von mySugr (l.) und Prescreen (r.) jeweils vor dem Exit ihrer Startups | © mySugr / Foto: privat
Die Gründerteams von mySugr (l.) und Prescreen (r.) jeweils vor dem Exit ihrer Startups | © mySugr / Foto: privat

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Als „österreichische Paypal-Mafia“ will einer der Gründer, mit denen wir sprechen, sich und seine ehemaligen Co-Founder nicht dargestellt sehen. „Ich mag einfach die Kirche im Dorf lassen“, sagt er. Und er hat wohl recht: Der Vergleich mit dem Netzwerk aus Gründern und ehemaligen Mitarbeitern von Paypal wäre gewiss überzogen. Das unter anderem von Elon Musk und Peter Thiel gegründete Unternehmen wurde 2002 an eBay verkauft – und die Gründer der beiden früheren Wiener Startups Prescreen und mySugr, mit denen wir sprachen, sind eben keine Musks und Thiels. Und doch gibt es Parallelen: ein Startup mit all seinen Ups and Downs, ein erfolgreicher Exit, viele neue Startups – und ein Netzwerk, das bleibt.

Aber zurück zum Anfang. 2013 gründeten nicht weniger als sieben Co-Founder das HR-Startup Prescreen – anfangs noch unter dem Namen „Mercury Puzzle“, der bald abgelegt wurde. Mit seiner Bewerbermanagement-Software konnte das Unternehmen im Lauf der Zeit eine ganze Reihe bekannter Unternehmen als Kunden gewinnen. Gekannt hatten sich die meisten der sieben Founder bereits eine Zeit vor dem Start, erzählt Alexander Birke, einer der Gründer: „Das wahre Netzwerk war das Gymnasium Klosterneuburg. Zumindest über zwei Ecken haben wir uns bereits vorher fast alle von dort gekannt.“ Sechs der sieben Founder gingen dort zur Schule.

„Bei Prescreen hat sich der Kontakt dann intensiviert“, so Birke. „Wir sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen – viel dick, viel dünn“, drückt es Andreas Altheimer aus, übrigens jener siebte Prescreen-Gründer, der nicht im niederösterreichischen Klosterneuburg zur Schule ging. Er wuchs in Deutschland auf.

„Klassenfahrt unter widrigen Umständen“

„Wir sind einmal gemeinsam 1.000 Kilometer weit zu einer Messe gefahren; mit einem kaputten Auto und einem selbst gebauten Messestand. Es war wie eine Klassenfahrt unter widrigen Umständen. Aber das schafft Erinnerungen, und die gehen auch nicht weg“, erzählt Altheimer. „Wenn man solche Höhen und Tiefen durchlebt, schweißt das zusammen. Wir bleiben verbunden und werden das wohl immer sein“, meint auch Alexander Birke.

„Klassenfahrt unter widrigen Umständen“ | Foto: privat

Doch es gab durchaus auch Reibungen, erinnert sich Nicola Vorsteher, ein weiterer Prescreen-Co-Founder: „Wir haben uns auch ziemlich die Sporen gegeben während der Zeit. Wir alle sieben waren Alpha-Männchen und wollten gewinnen. Und man wollte sich in Diskussionen keine Blöße geben. Aber wir waren dabei immer menschlich.“

Der selbstgebaute Messestand | Foto: privat

Gerald Stangl, einer der Co-Founder von mySugr, spricht einen ähnlichen Punkt an. Er und seine drei Mitgründer hatten ihr Startup 2012 gestartet und mit dessen App für Diabetiker:innen große Erfolge erzielt. „Ich glaube, es war eine der größten Qualitäten von uns mySugr-Gründern, dass wir eine extrem gesunde Streitkultur hatten – und ein starkes gemeinsames Wertesystem“, sagt Stangl. Auch für ihn ist klar: Das gemeinsame Startup habe die Gründer „total zusammen geschweißt“.

Und diese Verbundenheit geht weit über das Berufliche hinaus: „Meine Co-Founder und viele weitere Kollegen von mySugr zählen zu meinen engsten Freunden“, erzählt Stangls Mitgründer Frank Westermann. Und es geht nicht nur ihm so: „Wir sind alle Freunde“, hält Nicolas Vorsteher über das siebenköpfige Prescreen-Gründerteam fest. Einer seiner Co-Founder, Constantin Wintoniak, „war und ist mein bester Freund“, erzählt Vorsteher. „Und nachdem wir in der Company auch Konflikte und Distanzen hatten, haben wir jetzt wieder einen ganz anderen Austausch.“

Die Prescreen-Gründer sind einander auch privat verbunden | Foto: privat

„Jetzt“ heißt in diesem Fall acht Jahre nach dem Exit. Es war 2017, als die beiden und ihre fünf Co-Founder Prescreen an den deutschen HR-Riesen XING (mittlerweile New Work SE) verkauften. Mit 17 Mio. €, die sich auf die sieben Gründer und die damals beteiligten Investor:innen aufteilten, und einigen weiteren Millionen, die später über das Erreichen von „Earn-out-Zielen“ an die Gründer ergingen, war der Deal „nicht riesig“, wie Wintoniak einmal gegenüber brutkasten sagte. Und er bezeichnete diesen Umstand als „Glück“ – denn so hätte er gar nicht erst die Wahl gehabt, bis zum Ende seines Lebens nichts zu tun.

Nach dem Verkauf war er zunächst noch eine Zeit lang bei New Work SE beschäftigt. Dann gründete er gemeinsam mit zwei weiteren der Prescreen-Gründer, Dominik Hackl und Markus Presle, ein neues Startup: fynk, das eine Vertragsmanagement-Software für Unternehmen anbietet. Und dabei kam ihnen auch die „nicht riesige“ Menge an Geld, die sie vom Prescreen-Verkauf mitnahmen, zugute, wie Wintoniak erzählt: „Wir konnten das Kapital dazu nutzen, die erste Phase von fynk selbst zu finanzieren, aber auch, um die Ruhe zu bekommen, nicht von einem monatlichen Gehalt abhängig zu sein.“

Viele neue Startups

Mit dieser Geschichte ist Wintoniak nicht allein. Die anderen Prescreen-Gründer Nicolas Vorsteher, Alexander Birke, Andreas Altheimer und auch die mySugr-Gründer Gerald Stangl, Frank Westermann und Fredrik Debong – sie alle gründeten neue Startups und profitieren dabei auch vom Kapital aus den Exits.

„Für niemanden von uns war der Exit das Ende der Fahnenstange. Alle haben das eher als schönen Start, als schönen ersten Case gesehen, um daran anzuschließen“, erzählt Altheimer. Er hatte schon 2022 einen weiteren Exit mit seinem zweiten Startup SaaS Industries und steht mittlerweile bei Startup Nummer drei, Everapi, das abermals im SaaS-Bereich angesiedelt ist. Dieses hat er unter anderem mit einem ehemaligen Prescreen-Mitarbeiter gegründet, der auch schon bei SaaS Industries sein Co-Founder war.

„Das Kapital war fundamental, weil das Unternehmen, das ich jetzt aufbaue, sehr kapitalintensiv ist“, erzählt auch Gerald Stangl. Mit Roots Energy gründete er 2020 ein Startup im Bereich Energie- und Wärmewende. Bis dahin hatte er für mySugr gearbeitet; denn auch dort ging es nach dem ebenfalls 2017 erfolgten Exit (an den Schweizer Pharma-Konzern Roche) noch eine Zeit lang für die Gründer weiter. Wie hoch der Verkaufspreis damals war, wurde übrigens nie bekannt gegeben, doch mit medial kolportierten „bis zu 200 Millionen Euro“ kann er für österreichische Verhältnisse – vor allem vor acht Jahren – durchaus als „riesig“ bezeichnet werden.

Die Feier zum mySugr-Exit 2017 | Foto: privat

Und das Kapital half Stangl und seinen Co-Foundern nicht nur beim Aufbau ihrer neuen Startups: Sie nutzten es auch für ein neues gemeinsames Projekt. „Wir haben zusammen etwa 50 Angel-Investments gemacht und nennen uns Sweet Ventures“, erzählt Co-Founder Fredrik Debong. Allein deswegen seien die vier Gründer nach wie vor zumindest monatlich miteinander in Kontakt. „Das Kapital gibt dir auch die Möglichkeit, das zu unterstützen, was du für richtig hältst; durch Investments, aber auch durch Spenden und Zeit“, sagt Debong.

Und doch betont er, wie auch die anderen Gründer, mit denen brutkasten gesprochen hat, einen weiteren Aspekt, der mindestens ebenso wichtig sei wie das Kapital: „Die Leute, die man als Gründer kennenlernt, sind oft spannend: Kollegen, Investoren, Entscheidungsträger. Dann kann man schon was bewegen. In meinem Fall sind auch viele aus der Diabetes-Community zu meinen engeren Freunden geworden“, so Debong.

Letzteres hat für ihn eine besondere Bewandtnis – nicht nur bei mySugr stand damals die Krankheit Typ-1-Diabetes, an der Debong selbst leidet, im Zentrum: Nach einem Exkurs in den Insurtech-Bereich mit dem Startup hi.health, mit dem 2025 ebenfalls der Exit gelang, betreibt der Gründer mit „1921“ seit Kurzem eine Risikokapitalgesellschaft, die sich auf das Thema spezialisiert.

„Leider konnten wir nicht alle mitnehmen“

Auch Co-Founder Frank Westermann ist dem Thema Diabetes – im konkreten Fall Typ 2 – treu geblieben. Er gründete 2021 in den USA sein neues Startup 9amHealth, das Nutzer:innen beim Abnehmen und beim Management von Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hilft. Von mySugr nahm er sich dazu deutlich mehr mit als nur Kapital und Know-how, wie er erzählt: „Meine drei Co-Founder bei 9amHealth waren alle langjährige mySugr-Mitarbeiter“, erzählt er und fügt an: „Leider konnten wir nicht alle mitnehmen, da wir in den USA gestartet sind. Aber es gäbe nichts Schöneres, als mit der ganzen Truppe von damals wieder zusammenzuarbeiten.“

Doch auch ohne ein gemeinsames neues Unternehmen bleiben die Verbundenheit und auch das Netzwerk zwischen den durch „Startup-Rollercoaster“ und Exit zusammengeschweißten Gründern bestehen. „Eine Trennung? Ist nicht wirklich passiert“, sagt Fredrik Debong lachend. Gerald Stangl präzisiert: „Manche höre ich alle paar Wochen, andere vielleicht nur einmal im Monat. Aber wir sind in engem Kontakt und unterstützen uns mit Rat und Tat. Und manchmal geht es auch ein bisschen weiter. Jeder würde für den anderen sofort einspringen, wenn Feuer am Dach wäre.“

Sehr Ähnliches erzählt Nicolas Vorsteher, der mit seinem neuen Startup chatlyn eine Kommunikationslösung für die Hotellerie anbietet, über die Prescreen-Gründer: „Wenn wir Support brauchen, rufen wir uns gegenseitig an und helfen einander bei unterschiedlichen Fragen. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, die recht aktiv ist, und pushen uns gegenseitig auf LinkedIn. Wir haben einfach ein Vertrauen aufgebaut, das bleibt.“ Constantin Wintoniak ergänzt: „Natürlich versuchen wir, uns auch dort Gelegenheiten zuzuspielen, wo das Sinn macht – sei das jetzt im Bereich Investorensuche oder im Recruiting: Personen, die man selbst gerne eingestellt hätte, aber nicht kann, versuchen wir etwa immer weiterzuvermitteln.“

Die Prescreen-Gründer bei einem Treffen 2023 | Foto: privat

Gleichzeitig betont er, wie er in Sachen Recruiting vom Netzwerk aus der Prescreen-Zeit profitiert hat: „Wir haben sehr viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen von Prescreen, die sich entschieden haben, jetzt wieder mit uns arbeiten zu wollen und in unserem Team ganz wesentliche Rollen übernehmen. Dieses Wissen, wer gut ist und wie gut man mit den Menschen kann, erspart einem eine enorme Kapazität im Hiring. Das ist der Bereich, wo die meiste Zeit auf der Strecke liegen bleibt, wenn man es ohne dieses Netzwerk machen muss.“

„Sehr unterschiedliche Interessen“

Und stand es auch bei anderen im Raum, mit den ehemaligen Co-Foundern ein neues Startup zu gründen? „Ich glaube, wenn ich mit anderen Foundern gemeinsam etwas Neues gemacht hätte, würde es auch gehen“, meint Nicolas Vorsteher. Man sei auch nach dem Exit in der gemeinsamen Zeit bei New Work SE zusammengesessen und habe überlegt, ob man zusammen ein neues Projekt starten könne. „Aber wir hatten sehr unterschiedliche Interessen.“

„Krypto hat mich zum Beispiel gar nicht interessiert, aber ich wollte etwas im Bereich Hospitality machen“, erzählt Vorsteher und spielt damit auf seinen ehemaligen Co-Founder Alexander Birke an. Dieser hat sich mit seinem Startup 21bitcoin nach dem Exit einer Leidenschaft gewidmet, die er schon vor der Prescreen-Zeit gehabt hat. Die von seinem Co-Founder genannten unterschiedlichen Interessen sieht er in der Rückschau als größtes Asset im ehemaligen Gründerteam. „Wir hatten von Beginn an viel Manpower mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen. Jeder hatte seinen eigenen Bereich“, erzählt Birke.

Dabei habe man mit dem siebenköpfigen Team eigentlich mit Konventionen gebrochen und entgegen allgemein üblichen Empfehlungen agiert. „Aber man muss sich nicht unbedingt immer an allgemeingültigen Normen orientieren. Es gibt auch Bands mit 20 Mitgliedern“, sagt Birke. Dieses Brechen mit Konventionen habe er letztlich auch bei 21bitcoin fortgesetzt.

Auch Andreas Altheimer betont die Vorteile der unterschiedlichen Kompetenzen im damaligen Prescreen-Gründerteam. Und trotzdem meint er: „Die Entscheidung, die Company zu verkaufen, war auch die Entscheidung: Wir geben das in andere Hände und die selbst auferlegten Fesseln aneinander sind damit gelöst. Jeder kann selbst entscheiden, was der nächste logische Schritt für ihn ist.“ Für ihn etwa habe sich die Zeit im Konzern – also bei XING – schon bald als „Ernüchterung“ herausgestellt. Ein Gefühl, das mehrere seiner Co-Founder – mitunter etwas anders formuliert – teilen.

„Der junge Wahnsinn hat einen auch viel gelehrt“

Bei aller bleibenden Verbundenheit habe es also durchaus viel Positives, dass jeder seinen eigenen Weg weiterging, meint Nicolas Vorsteher. „Wir sind alle Menschen. Man ist sich gegenseitig auch einmal auf die Nerven gegangen. Der frische Wind hat gut getan. Du weißt, wie du Dinge anders machst, und versuchst, sie mit deinem neuen Founding-Team so zu konzipieren, dass du nicht mehr über diese Stolpersteine fällst“, so der Gründer. „Man ist einfach auch reifer und älter geworden – der junge Wahnsinn hat einen auch viel gelehrt.“

Symbolbild: junger Wahnsinn | Foto: Prescreen
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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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