15.09.2025
VERBINDUNG

Zusammengeschweißt: Verbundenheit über den Exit hinaus

„Viel dick, viel dünn“: Sie durchlebten gemeinsam den Startup-Rollercoaster. Dann kam der erfolgreiche Exit – die beruflichen Wege trennten sich, doch die Verbundenheit bleibt. Einige der Founder von Prescreen und mySugr erzählen.
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Die Gründerteams von mySugr (l.) und Prescreen (r.) jeweils vor dem Exit ihrer Startups | © mySugr / Foto: privat
Die Gründerteams von mySugr (l.) und Prescreen (r.) jeweils vor dem Exit ihrer Startups | © mySugr / Foto: privat

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Als „österreichische Paypal-Mafia“ will einer der Gründer, mit denen wir sprechen, sich und seine ehemaligen Co-Founder nicht dargestellt sehen. „Ich mag einfach die Kirche im Dorf lassen“, sagt er. Und er hat wohl recht: Der Vergleich mit dem Netzwerk aus Gründern und ehemaligen Mitarbeitern von Paypal wäre gewiss überzogen. Das unter anderem von Elon Musk und Peter Thiel gegründete Unternehmen wurde 2002 an eBay verkauft – und die Gründer der beiden früheren Wiener Startups Prescreen und mySugr, mit denen wir sprachen, sind eben keine Musks und Thiels. Und doch gibt es Parallelen: ein Startup mit all seinen Ups and Downs, ein erfolgreicher Exit, viele neue Startups – und ein Netzwerk, das bleibt.

Aber zurück zum Anfang. 2013 gründeten nicht weniger als sieben Co-Founder das HR-Startup Prescreen – anfangs noch unter dem Namen „Mercury Puzzle“, der bald abgelegt wurde. Mit seiner Bewerbermanagement-Software konnte das Unternehmen im Lauf der Zeit eine ganze Reihe bekannter Unternehmen als Kunden gewinnen. Gekannt hatten sich die meisten der sieben Founder bereits eine Zeit vor dem Start, erzählt Alexander Birke, einer der Gründer: „Das wahre Netzwerk war das Gymnasium Klosterneuburg. Zumindest über zwei Ecken haben wir uns bereits vorher fast alle von dort gekannt.“ Sechs der sieben Founder gingen dort zur Schule.

„Bei Prescreen hat sich der Kontakt dann intensiviert“, so Birke. „Wir sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen – viel dick, viel dünn“, drückt es Andreas Altheimer aus, übrigens jener siebte Prescreen-Gründer, der nicht im niederösterreichischen Klosterneuburg zur Schule ging. Er wuchs in Deutschland auf.

„Klassenfahrt unter widrigen Umständen“

„Wir sind einmal gemeinsam 1.000 Kilometer weit zu einer Messe gefahren; mit einem kaputten Auto und einem selbst gebauten Messestand. Es war wie eine Klassenfahrt unter widrigen Umständen. Aber das schafft Erinnerungen, und die gehen auch nicht weg“, erzählt Altheimer. „Wenn man solche Höhen und Tiefen durchlebt, schweißt das zusammen. Wir bleiben verbunden und werden das wohl immer sein“, meint auch Alexander Birke.

„Klassenfahrt unter widrigen Umständen“ | Foto: privat

Doch es gab durchaus auch Reibungen, erinnert sich Nicola Vorsteher, ein weiterer Prescreen-Co-Founder: „Wir haben uns auch ziemlich die Sporen gegeben während der Zeit. Wir alle sieben waren Alpha-Männchen und wollten gewinnen. Und man wollte sich in Diskussionen keine Blöße geben. Aber wir waren dabei immer menschlich.“

Der selbstgebaute Messestand | Foto: privat

Gerald Stangl, einer der Co-Founder von mySugr, spricht einen ähnlichen Punkt an. Er und seine drei Mitgründer hatten ihr Startup 2012 gestartet und mit dessen App für Diabetiker:innen große Erfolge erzielt. „Ich glaube, es war eine der größten Qualitäten von uns mySugr-Gründern, dass wir eine extrem gesunde Streitkultur hatten – und ein starkes gemeinsames Wertesystem“, sagt Stangl. Auch für ihn ist klar: Das gemeinsame Startup habe die Gründer „total zusammen geschweißt“.

Und diese Verbundenheit geht weit über das Berufliche hinaus: „Meine Co-Founder und viele weitere Kollegen von mySugr zählen zu meinen engsten Freunden“, erzählt Stangls Mitgründer Frank Westermann. Und es geht nicht nur ihm so: „Wir sind alle Freunde“, hält Nicolas Vorsteher über das siebenköpfige Prescreen-Gründerteam fest. Einer seiner Co-Founder, Constantin Wintoniak, „war und ist mein bester Freund“, erzählt Vorsteher. „Und nachdem wir in der Company auch Konflikte und Distanzen hatten, haben wir jetzt wieder einen ganz anderen Austausch.“

Die Prescreen-Gründer sind einander auch privat verbunden | Foto: privat

„Jetzt“ heißt in diesem Fall acht Jahre nach dem Exit. Es war 2017, als die beiden und ihre fünf Co-Founder Prescreen an den deutschen HR-Riesen XING (mittlerweile New Work SE) verkauften. Mit 17 Mio. €, die sich auf die sieben Gründer und die damals beteiligten Investor:innen aufteilten, und einigen weiteren Millionen, die später über das Erreichen von „Earn-out-Zielen“ an die Gründer ergingen, war der Deal „nicht riesig“, wie Wintoniak einmal gegenüber brutkasten sagte. Und er bezeichnete diesen Umstand als „Glück“ – denn so hätte er gar nicht erst die Wahl gehabt, bis zum Ende seines Lebens nichts zu tun.

Nach dem Verkauf war er zunächst noch eine Zeit lang bei New Work SE beschäftigt. Dann gründete er gemeinsam mit zwei weiteren der Prescreen-Gründer, Dominik Hackl und Markus Presle, ein neues Startup: fynk, das eine Vertragsmanagement-Software für Unternehmen anbietet. Und dabei kam ihnen auch die „nicht riesige“ Menge an Geld, die sie vom Prescreen-Verkauf mitnahmen, zugute, wie Wintoniak erzählt: „Wir konnten das Kapital dazu nutzen, die erste Phase von fynk selbst zu finanzieren, aber auch, um die Ruhe zu bekommen, nicht von einem monatlichen Gehalt abhängig zu sein.“

Viele neue Startups

Mit dieser Geschichte ist Wintoniak nicht allein. Die anderen Prescreen-Gründer Nicolas Vorsteher, Alexander Birke, Andreas Altheimer und auch die mySugr-Gründer Gerald Stangl, Frank Westermann und Fredrik Debong – sie alle gründeten neue Startups und profitieren dabei auch vom Kapital aus den Exits.

„Für niemanden von uns war der Exit das Ende der Fahnenstange. Alle haben das eher als schönen Start, als schönen ersten Case gesehen, um daran anzuschließen“, erzählt Altheimer. Er hatte schon 2022 einen weiteren Exit mit seinem zweiten Startup SaaS Industries und steht mittlerweile bei Startup Nummer drei, Everapi, das abermals im SaaS-Bereich angesiedelt ist. Dieses hat er unter anderem mit einem ehemaligen Prescreen-Mitarbeiter gegründet, der auch schon bei SaaS Industries sein Co-Founder war.

„Das Kapital war fundamental, weil das Unternehmen, das ich jetzt aufbaue, sehr kapitalintensiv ist“, erzählt auch Gerald Stangl. Mit Roots Energy gründete er 2020 ein Startup im Bereich Energie- und Wärmewende. Bis dahin hatte er für mySugr gearbeitet; denn auch dort ging es nach dem ebenfalls 2017 erfolgten Exit (an den Schweizer Pharma-Konzern Roche) noch eine Zeit lang für die Gründer weiter. Wie hoch der Verkaufspreis damals war, wurde übrigens nie bekannt gegeben, doch mit medial kolportierten „bis zu 200 Millionen Euro“ kann er für österreichische Verhältnisse – vor allem vor acht Jahren – durchaus als „riesig“ bezeichnet werden.

Die Feier zum mySugr-Exit 2017 | Foto: privat

Und das Kapital half Stangl und seinen Co-Foundern nicht nur beim Aufbau ihrer neuen Startups: Sie nutzten es auch für ein neues gemeinsames Projekt. „Wir haben zusammen etwa 50 Angel-Investments gemacht und nennen uns Sweet Ventures“, erzählt Co-Founder Fredrik Debong. Allein deswegen seien die vier Gründer nach wie vor zumindest monatlich miteinander in Kontakt. „Das Kapital gibt dir auch die Möglichkeit, das zu unterstützen, was du für richtig hältst; durch Investments, aber auch durch Spenden und Zeit“, sagt Debong.

Und doch betont er, wie auch die anderen Gründer, mit denen brutkasten gesprochen hat, einen weiteren Aspekt, der mindestens ebenso wichtig sei wie das Kapital: „Die Leute, die man als Gründer kennenlernt, sind oft spannend: Kollegen, Investoren, Entscheidungsträger. Dann kann man schon was bewegen. In meinem Fall sind auch viele aus der Diabetes-Community zu meinen engeren Freunden geworden“, so Debong.

Letzteres hat für ihn eine besondere Bewandtnis – nicht nur bei mySugr stand damals die Krankheit Typ-1-Diabetes, an der Debong selbst leidet, im Zentrum: Nach einem Exkurs in den Insurtech-Bereich mit dem Startup hi.health, mit dem 2025 ebenfalls der Exit gelang, betreibt der Gründer mit „1921“ seit Kurzem eine Risikokapitalgesellschaft, die sich auf das Thema spezialisiert.

„Leider konnten wir nicht alle mitnehmen“

Auch Co-Founder Frank Westermann ist dem Thema Diabetes – im konkreten Fall Typ 2 – treu geblieben. Er gründete 2021 in den USA sein neues Startup 9amHealth, das Nutzer:innen beim Abnehmen und beim Management von Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hilft. Von mySugr nahm er sich dazu deutlich mehr mit als nur Kapital und Know-how, wie er erzählt: „Meine drei Co-Founder bei 9amHealth waren alle langjährige mySugr-Mitarbeiter“, erzählt er und fügt an: „Leider konnten wir nicht alle mitnehmen, da wir in den USA gestartet sind. Aber es gäbe nichts Schöneres, als mit der ganzen Truppe von damals wieder zusammenzuarbeiten.“

Doch auch ohne ein gemeinsames neues Unternehmen bleiben die Verbundenheit und auch das Netzwerk zwischen den durch „Startup-Rollercoaster“ und Exit zusammengeschweißten Gründern bestehen. „Eine Trennung? Ist nicht wirklich passiert“, sagt Fredrik Debong lachend. Gerald Stangl präzisiert: „Manche höre ich alle paar Wochen, andere vielleicht nur einmal im Monat. Aber wir sind in engem Kontakt und unterstützen uns mit Rat und Tat. Und manchmal geht es auch ein bisschen weiter. Jeder würde für den anderen sofort einspringen, wenn Feuer am Dach wäre.“

Sehr Ähnliches erzählt Nicolas Vorsteher, der mit seinem neuen Startup chatlyn eine Kommunikationslösung für die Hotellerie anbietet, über die Prescreen-Gründer: „Wenn wir Support brauchen, rufen wir uns gegenseitig an und helfen einander bei unterschiedlichen Fragen. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, die recht aktiv ist, und pushen uns gegenseitig auf LinkedIn. Wir haben einfach ein Vertrauen aufgebaut, das bleibt.“ Constantin Wintoniak ergänzt: „Natürlich versuchen wir, uns auch dort Gelegenheiten zuzuspielen, wo das Sinn macht – sei das jetzt im Bereich Investorensuche oder im Recruiting: Personen, die man selbst gerne eingestellt hätte, aber nicht kann, versuchen wir etwa immer weiterzuvermitteln.“

Die Prescreen-Gründer bei einem Treffen 2023 | Foto: privat

Gleichzeitig betont er, wie er in Sachen Recruiting vom Netzwerk aus der Prescreen-Zeit profitiert hat: „Wir haben sehr viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen von Prescreen, die sich entschieden haben, jetzt wieder mit uns arbeiten zu wollen und in unserem Team ganz wesentliche Rollen übernehmen. Dieses Wissen, wer gut ist und wie gut man mit den Menschen kann, erspart einem eine enorme Kapazität im Hiring. Das ist der Bereich, wo die meiste Zeit auf der Strecke liegen bleibt, wenn man es ohne dieses Netzwerk machen muss.“

„Sehr unterschiedliche Interessen“

Und stand es auch bei anderen im Raum, mit den ehemaligen Co-Foundern ein neues Startup zu gründen? „Ich glaube, wenn ich mit anderen Foundern gemeinsam etwas Neues gemacht hätte, würde es auch gehen“, meint Nicolas Vorsteher. Man sei auch nach dem Exit in der gemeinsamen Zeit bei New Work SE zusammengesessen und habe überlegt, ob man zusammen ein neues Projekt starten könne. „Aber wir hatten sehr unterschiedliche Interessen.“

„Krypto hat mich zum Beispiel gar nicht interessiert, aber ich wollte etwas im Bereich Hospitality machen“, erzählt Vorsteher und spielt damit auf seinen ehemaligen Co-Founder Alexander Birke an. Dieser hat sich mit seinem Startup 21bitcoin nach dem Exit einer Leidenschaft gewidmet, die er schon vor der Prescreen-Zeit gehabt hat. Die von seinem Co-Founder genannten unterschiedlichen Interessen sieht er in der Rückschau als größtes Asset im ehemaligen Gründerteam. „Wir hatten von Beginn an viel Manpower mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen. Jeder hatte seinen eigenen Bereich“, erzählt Birke.

Dabei habe man mit dem siebenköpfigen Team eigentlich mit Konventionen gebrochen und entgegen allgemein üblichen Empfehlungen agiert. „Aber man muss sich nicht unbedingt immer an allgemeingültigen Normen orientieren. Es gibt auch Bands mit 20 Mitgliedern“, sagt Birke. Dieses Brechen mit Konventionen habe er letztlich auch bei 21bitcoin fortgesetzt.

Auch Andreas Altheimer betont die Vorteile der unterschiedlichen Kompetenzen im damaligen Prescreen-Gründerteam. Und trotzdem meint er: „Die Entscheidung, die Company zu verkaufen, war auch die Entscheidung: Wir geben das in andere Hände und die selbst auferlegten Fesseln aneinander sind damit gelöst. Jeder kann selbst entscheiden, was der nächste logische Schritt für ihn ist.“ Für ihn etwa habe sich die Zeit im Konzern – also bei XING – schon bald als „Ernüchterung“ herausgestellt. Ein Gefühl, das mehrere seiner Co-Founder – mitunter etwas anders formuliert – teilen.

„Der junge Wahnsinn hat einen auch viel gelehrt“

Bei aller bleibenden Verbundenheit habe es also durchaus viel Positives, dass jeder seinen eigenen Weg weiterging, meint Nicolas Vorsteher. „Wir sind alle Menschen. Man ist sich gegenseitig auch einmal auf die Nerven gegangen. Der frische Wind hat gut getan. Du weißt, wie du Dinge anders machst, und versuchst, sie mit deinem neuen Founding-Team so zu konzipieren, dass du nicht mehr über diese Stolpersteine fällst“, so der Gründer. „Man ist einfach auch reifer und älter geworden – der junge Wahnsinn hat einen auch viel gelehrt.“

Symbolbild: junger Wahnsinn | Foto: Prescreen
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Das Zyglox-Team in Graz, in der Mitte die Gründer Jakob Moder (links) und Erik Gerstl (rechts). © Zyglox

Rund die Hälfte der Lifecycle-Kosten eines Zuges entfällt auf die Wartung, und davon wiederum mehr als die Hälfte auf Räder, Achsen und Fahrwerk, sagt Jakob Moder. Wie stark diese Bauteile im Betrieb tatsächlich belastet werden, wird bisher aber kaum gemessen. Der Grund ist simpel: Es fehlt an präziser Messtechnik, die im Dauerbetrieb einsetzbar ist. Das Grazer Startup Zyglox will das ändern.

„Die Eisenbahn ist nicht ins 21. Jahrhundert gekommen“

Der Name ist ein Wortspiel: Zyglox, gesprochen „Zügloks“, steht für Messtechnik für Züge und Loks. Dahinter stehen Jakob Moder und Erik Gerstl, die zuvor gemeinsam in der Messtechnik gearbeitet haben. Moder wechselte später in den Eisenbahnbereich und erlebte die Lücke dort aus der Praxis. Was es brauche, sei eine Lösung, „die das einerseits zuverlässig erkennt und gleichzeitig gut applizierbar ist“. Sein Urteil: „Bei der Usability ist die Eisenbahn nicht ins 21. Jahrhundert gekommen.“ Ende 2023 gründeten die beiden Techniker Zyglox in Graz.

Die bisherige Methode mit Dehnmessstreifen sei „einfach zu teuer“, erklärt Moder. Der Zug müsse dafür ein bis zwei Wochen zerlegt und instrumentiert werden, deshalb passiere das nur bei der Zulassung. „Das dauert ein Jahr, diese Technik reinzubringen, die Zulassung durchzuführen, und dann wird es wieder rausgenommen.“ Im laufenden Betrieb bleiben nur Beschleunigungssensoren, wie sie auch in jedem Smartphone stecken. „Das ist von der Datenqualität her ganz was anderes. Unser Sensor ist wie 4K, der Beschleunigungssensor liefert ein verpixeltes Foto von den Zuständen.“

Ein Sensor für Zulassung und Dauerbetrieb

Die Lösung von Zyglox lässt sich ohne größere Änderungen am Bauteil anbringen. „Wir haben eine Plug-and-Play-Lösung, die kann man einfach aufstecken“, sagt Moder. Ein Techniker braucht dafür laut Zyglox 30 Minuten. Der Sensor messe Dehnungen an Achsen, Wellen oder Schienen und liefere „gleiche oder bessere Daten als die Lösungen bisher“. Das Ziel ist ein Universalwerkzeug: genau genug für die Zulassung, aber so ausgelegt, dass es danach auf dem Fahrzeug bleibt und die Kräfte im Rad-Schiene-Kontakt dauerhaft erfasst. „Da gibt es ein großes Anwendungsfeld, denn damit wird auch die Infrastruktur überwacht“, so Moder.

Jeden Tag werden auf der Schiene hunderttausende Kilometer zurückgelegt. Zyglox will jeden davon nutzbar machen, um zu lernen, zu verbessern und vorherzusagen. Mit herkömmlichen Methoden war das Erfassen dieser Daten bisher zu teuer, zu langsam und zu aufwendig. © Zyglox

Physik aus dem Trafo, Sensoren aus dem Weltraum

Technisch nutzt Zyglox hochsensitive Magnetfeldsensoren aus der Raumfahrt, das Startup ist Teil eines Downstream-Programms der ESA. Das Prinzip erklärt Moder am Transformator: Der brummt, weil das Magnetfeld des Wechselstroms den Stahl minimal dehnt. „Und wir machen das Umgekehrte: Wenn sich der Stahl dehnt, ändert sich sein Magnetfeld in der Umgebung.“ Ein aktives Messverfahren berücksichtigt dabei den linearen Zusammenhang zwischen Belastung und Sensorsignal. Die Technologie ist patentiert, entwickelt und montiert wird in Graz.

Betreiber als Kunden, Wartung als Hebel

Als primäre Kunden sieht Zyglox die Bahnbetreiber, bei denen die Wartungskosten anfallen. Dazu kommt die Sicherheit: „Es gibt viele Vorfälle, die vielleicht nicht zu einem Unfall führen, wo man aber trotzdem sicherer und zuverlässiger unterwegs wäre, wenn man gutes Condition Monitoring hat.“

Ein kleines Pilotprojekt ist bereits abgeschlossen. Für 2027 ist der Einbau des Systems in Fahrzeuge im regulären Streckenbetrieb geplant, zunächst als Prototyp für einige Wochen Messung. Danach folgt die Zulassung. Ende 2027 soll daraus ein fertiges Produkt werden, erst dann könne die Skalierung beginnen, sagt Moder. An Interesse mangelt es nicht: „Wir können gar nicht alle Pilotprojekte machen“, weil Sensorentwicklung samt Software personalintensiv sei. Ende September zeigt das Team den Prototyp auf der InnoTrans in Berlin, der größten Messe für Schienenfahrzeuge.

Mit aws Preseed und aws Seed vom Effekt zum Produkt

Finanziert hat sich Zyglox bisher aus eigenen Mitteln und über die Austria Wirtschaftsservice (aws). Mit aws Preseed, konkret im Programm „aws Preseed | Seedfinacing – Deep Tech“, hat das Startup die ersten eineinhalb Jahre an der Sensortechnologie getüftelt. „Es hat uns die Möglichkeit gegeben, eine Idee, die bereits validiert war, einfach zu erproben. Einfach Zeit zu haben, weil Hardware dauert ein bisschen, etwa Prototypen zu iterieren“, sagt Moder. Es sei vor allem darum gegangen, „sicherzustellen, dass das dann ein Produkt werden kann“. Seit Mitte 2025 ist Zyglox im Seed-Programm der aws, das voraussichtlich bis Anfang 2028 läuft. Das Team ist inzwischen auf rund sieben Personen gewachsen. Für die Skalierungsphase im kommenden Jahr will sich das Startup nach Investoren umsehen: „Wenn eine Bestellung eintritt oder größer wird, werden wir das mit den aktuellen Mitteln wahrscheinlich nicht mehr stemmen können.“

Standortvorteil Graz

Den Standort Graz sieht Moder als klaren Vorteil: Siemens fertigt hier Fahrwerke, dazu kommen Messdienstleister, Prüfstandbauer und Nextsense. Zyglox sitzt direkt am Campus der TU Graz, mit Zugang zu Prüfständen der Universität und Maschinen der voestalpine. „Die gesamte Infrastruktur ist einzigartig“, sagt Moder. „Im Silicon Valley könnten wir das Produkt wahrscheinlich nicht entwickeln, in Österreich geht es besser. Das ist eigentlich ein bisschen verrückt, aber wir haben hier die optimalen Bedingungen.“


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienkooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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