24.04.2026
BEZIEHUNGEN

Work-Love-Balance: „Diese Zeit hat uns viel gekostet“

Was passiert mit Beziehungen, wenn einer gründet? Partner:innen von Gründer:innen erzählen, wie es ist, mit einem Menschen zu leben, der nie abschaltet.
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Nicole Berger und Andreas Tschas mitten in der Startup-Zeit mit der ersten Tochter im Jahr 2015 (c) Cihan Kadir
Nicole Berger und Andreas Tschas mitten in der Startup-Zeit mit der ersten Tochter im Jahr 2015 (c) Cihan Kadir

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Viele Abenteuer erkennt man erst hinterher. Gründen ist eines davon. Oft übersieht man: Nicht nur die Gründer:innen wagen diesen Schritt, sondern auch ihr Umfeld. Und die Betroffenen in – vermeintlich – zweiter Reihe ahnen noch weniger, was auf sie zukommt. So ergangen ist es Claudia Granig, Nicole Berger und Christoph Eichhorn.

Claudia Granig ist verheiratet mit Martin Granig, der 2018 das Fintech-Startup Monkee mitgegründet hat. Nicole Berger steht seit 17 Jahren an der Seite von Seriengründer Andreas Tschas – er co-initiierte unter anderem die Startup-Plattform Pioneers.io und 2020 das B2B-Edtech-Startup Glacier. Christoph Eichhorn erlebt Unternehmertum aus einer anderen Perspektive: Seine Frau Manon Soukup baut seit 2024 mit kultur*knistern ein neues Kulturmedium auf.

So unterschiedlich ihre Wege auch sind, eines verbindet alle drei Paare: Am Anfang steht Zuversicht – und die Ahnung, dass man noch nicht fassen kann, was da auf einen zukommt.

Sprung ins kalte Wasser

Die erste Zeit war für Claudia Granig geprägt von Energie, Hoffnung – und wenig Vorstellung davon, was wirklich kommen würde. „In der Theorie klingt Gründen machbar. In der Praxis merkt man erst später, was es emotional wirklich mit einer Familie macht“, erzählt sie. Sie sagte ihrem
Mann für die Gründung von Monkee volle Unterstützung zu, „ohne zu wissen, in welchem Ausmaß
sie irgendwann nötig sein würde.“ Christoph Eichhorn erlebte den Start von kultur*knistern aus einer ähnlichen Unsicherheit heraus: „Man weiß rational, was Gründen bedeutet – aber emotional ist man darauf nicht wirklich vorbereitet.“

Nicole Berger wiederum kannte es nie anders: Sie hat Andreas Tschas in der Gründungsphase seines ersten Unternehmens Pioneers kennengelernt. „Er war ständig auf Veranstaltungen unterwegs, um sein Netzwerk aufzubauen, das war von Anfang an Teil unseres Alltags.“ An Bergers Alltag änderte sich trotzdem einiges: „Damals war ich bei Korean Air am Flughafen Wien tätig und bin privat viel gereist. Das hat schnell aufgehört, weil Andi kaum Zeit für Urlaub hatte“, erzählt sie.

In guten wie in schlechten Zeiten

Die Partner:innen ermutigen, während sie selbst oft nicht mehr als beobachten können. Aber von Anfang an spüren alle den Druck: Zeitmangel, Geldfragen, Unsicherheit.

„Ich trage das Risiko emotional voll mit – auch wenn meine eigene Karriere davon eigentlich nichts hat. Aber ich möchte, dass kultur*knistern funktioniert“, sagt Christoph Eichhorn. Er selbst arbeitet als Teamleiter bei einem IT-Dienstleister, Überstunden sind auch für ihn keine Seltenheit. Dass sich Arbeit mental unterschiedlich anfühlen kann, erlebt er im Vergleich mit seiner Frau Manon Soukup besonders deutlich: „Am Anfang hat mich das frustriert, wenn sie abends wieder gearbeitet hat, obwohl wir eigentlich Zeit miteinander verbringen wollten. Aber man muss sich damit abfinden, dass ein Teil der mentalen Kapazität immer beim Projekt ist.“ Eichhorn versteht das nicht als Vorwurf, sondern als Learning: „Wenn ich sie daran hindern oder ihr ein schlechtes Gewissen machen würde, wäre das falsch. Ich will nicht, dass es am Ende heißt: Es hat nicht funktioniert – wegen mir, wegen unserer Beziehung oder aus irgendeinem anderen Grund. Wir haben uns einen Zeitrahmen vereinbart, in dem sie alles ins Projekt stecken kann“, sagt er.

Auch finanziell bringt eine Gründung harte Einschnitte. Während andere jährlich mehr verdienen, zahlen sich viele Founder:innen monatelang gar kein Gehalt aus. Selbst wenn der Partner oder die Partnerin genug verdient oder Ersparnisse für den Notfall bereitliegen, nagt die ständige Ungewissheit. „Man trägt ein Risiko mit, das man selbst nie bewusst gewählt hat. Auch wenn objektiv genug Geld da war, hatte ich ständig das Gefühl von Mangel“, erinnert sich Claudia Granig. Vor der Gründung arbeiteten sowohl sie als auch ihr Mann Martin angestellt bei Swarovski. Als Martin Granig das Startup gründete, wusste seine Frau: Notfalls lag es an ihr, das Familieneinkommen zu sichern. Was das hieß, wurde ihr erst später klar. „Das finanzielle Risiko habe ich erst richtig gespürt, als es um Finanzierungsrunden ging – da stand plötzlich alles auf der Kippe“, sagt Granig. „Diese finanzielle Unsicherheit ist etwas, das wir emotional bis heute ein Stück weit mitschleppen.“

Oft geht es vor allem darum, die Situation mental durchzustehen. Nicole Berger empfand es so: „Die finanzielle Unsicherheit war tragbar, aber sie war nicht immer leicht auszuhalten. Besonders unsere Eltern haben sich viele Sorgen gemacht. Der Exit von Andreas’ erstem Unternehmen Pioneers hat uns dann zum ersten Mal echte Sicherheit gegeben und vieles entspannt.“ Das Unternehmen hinter dem Pioneers Festival, die JFDI GmbH, wurde 2018 von der startup300 AG zu einem mittleren siebenstelligen Eurobetrag übernommen. Tschas hat zum Zeitpunkt des Verkaufs etwas mehr als 28 Prozent an der Gesellschaft gehalten. Wie viel er mit dem Exit verdient hat, ist öffentlich nicht bekannt.

Christoph Eichhorn erlebt mit seiner Frau Manon Soukup gerade die Gründungsphase.

Startup und Familie

Aber lange vor jedem Exit belastet die Gründungsphase das gesamte Umfeld: Partner:innen, Eltern und Kinder. Diese Zeit hat auch Claudia Granig als schwierig in Erinnerung: „Der Mental Load war unglaublich hoch – der Großteil des privaten Alltags lag bei mir. Während Martin für Monkee monatelang Fundraising gemacht hat, habe ich versucht, zu Hause alles zusammenzuhalten.“ 2018, als Martin Granig Monkee gründet, hat das Paar eine kleine Tochter. „Martin hat in dieser Zeit viele Momente mit unserer Tochter verpasst – nicht nur, weil er nicht immer am selben Ort war, er war auch mit dem Kopf ganz woanders. Zumindest habe ich es so wahrgenommen“, sagt Claudia Granig. Denn das Unternehmen war unterschwellig immer präsent: bei gemeinsamen Aktivitäten wie Urlauben, Feiertagen oder Besuchen bei den Eltern.

Nicole Berger und Pioneers-Co-Founder Andreas Tschas haben zwei Kinder, die heute sechs und zehn Jahre alt sind. Besonders herausfordernd fand Berger die Zeit, als die beiden noch klein waren: „In der Karenz bei unserem zweiten Kind bin ich in ein Burn-out gerutscht und habe gemerkt, dass ich meine eigenen Grenzen lange ignoriert habe.“ Ohne die Unterstützung ihrer Eltern, sagt sie, hätte sie das nicht geschafft.

Wie das Gründen Familien verändert, zeigt sich nicht nur im Alltag mit Kindern – sondern auch in den Entscheidungen davor. Denn die Fragen beginnen früher. Auch Christoph Eichhorn, der keine Kinder hat, beschäftigt das Thema: „Die Selbstständigkeit mit kultur*knistern beeinflusst natürlich auch unsere Familienplanung – einfach, weil sich Lebensrealitäten verschieben.“ Dafür, wie Familie und Unternehmertum zusammengehen, gibt es keine Blaupause.

Es bleibt: Bewunderung

Warum also bleiben, wenn es einen so viel kostet? Auf diese Frage haben alle drei viele schöne Antworten. „Ich sage Manon mindestens einmal die Woche, dass ich gerne so wäre wie sie. Ich finde es bewundernswert, wie sie das alles stemmt“, sagt Christoph Eichhorn. Claudia Granig beschreibt ihren Mann Martin als Kämpfer: „Er hat unglaublichen Biss, er kann über Monate, über Jahre am Anschlag arbeiten. Ich habe ihn oft nah am Burn-out gesehen – und trotzdem hat er sich immer wieder aufgerappelt“, erzählt sie. Auch Nicole Berger bewundert an Partner Andreas Tschas seine mentale Stärke und „wie er heute mit schwierigen Phasen umgeht. Er hat in den letzten Jahren viel über sich gelernt und ist reflektierter geworden“.

Claudia Granig hält das Leben am Laufen, während ihr Mann gründet – und baut am Ende selbst ein Unternehmen auf (c) Isabelle Bacher

Erholungsinseln

Gelernt haben die drei Paare vor allem eines: bewusster mit ihrer gemeinsamen Zeit umzugehen – und besser auf die eigenen Grenzen zu achten. Denn auch, wenn sich das Zusammenleben bis zu einem gewissen Grad gestalten lässt, verschiebensich Prioritäten im Gründungsalltag oft schneller, als man es erwartet.

„Das Private passt sich irgendwann dem Unternehmen an, nicht umgekehrt“, sagt Christoph Eichhorn. Trotzdem versuchen er und Manon Soukup, sich im Alltag kleine gemeinsame Inseln zu schaffen – etwa, indem sie morgens bewusst gemeinsam Kaffee trinken, bevor der Arbeitstag beginnt.

Auch bei Nicole Berger und Andreas Tschas spielt Zeit am Morgen eine zentrale Rolle. „Seit einiger Zeit nehmen wir uns jeden Morgen zwischen 5 Uhr 30 und 6 Uhr 30 Zeit nur für uns, zum Meditieren und Reflektieren. Diese Morgenroutine hat unsere Beziehung und unseren Alltag spürbar verändert“, erzählt Berger.

Claudia Granig setzte während der intensiven Gründungsphase von Monkee vor allem auf gemeinsame Abende und Familienzeit mit ihrem Mann Martin. Gleichzeitig betont sie, dass diese Momente oft nur oberflächlich erholsam waren: Das Startup sei „immer unterschwellig“ präsent gewesen. Selbst bei Familienbesuchen an Feiertagen arbeitete ihr Mann häufig als Beifahrer im Auto am Laptop oderführte nach dem Mittagessen Gespräche mit potenziellen Investoren. „Heute sehe ich: Diese Zeit hat uns viel gekostet, aber sie hat uns auch unglaublich geprägt“, sagt sie.

Martin Granig arbeitet nach der Insolvenz seines Startups Monkee im Unternehmen seiner Frau (c) Victor Malyshev

Zusammenfinden

Nach und nach findet Claudia Granig mit Gesichtsyoga sogar selbst in die Selbstständigkeit. Dass ihr Mann Martin vor einigen Jahren Monkee gegründet hat, sieht sie dabei allerdings nicht als Vorbild; sie ist ihren eigenen Weg gegangen. Mit an Bord ist er jetzt trotzdem – denn Monkee musste im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden; die Sanierung ist gescheitert. Die Gesellschaft besteht rechtlich noch, ihre Schließung ist aber angeordnet. Nun hat Martin Granig bei Bare Skin, dem Unternehmen seiner Frau, die Rolle des Co-Geschäftsführers übernommen. „Martin ist jemand, der gern an der Front steht, der Dinge in die Hand nimmt und Kontrolle haben möchte. Jetzt muss er lernen, ein Stück davon abzugeben“, sagt Granig. Denn diesmal ist sie das Gesicht des Unternehmens – ohne sie läuft das Business nicht. Mit ihrem Partner zusammenzuarbeiten hätte sie früher für eine Schnapsidee gehalten, jetzt findet sie es spannend: „Natürlich gibt es Konflikte, man reibt sich viel. Aber man hat jemanden an der Seite, auf den man sich zu hundert Prozent verlassen kann – und das ist einfach so viel wert“, sagt sie. Ihr Unternehmen finanziere mittlerweile den ganzen Familienunterhalt; darauf ist sie stolz.

Und sie genießt, dass es viel mehr Freiheiten gibt. Claudia und Martin Granig nehmen sich bewusste Auszeiten und Urlaub. Wichtig ist ihnen, dass sie beide zu Hause sind, wenn die Tochter von der Schule kommt. Für die nächste Generation hat das Unternehmertum der Eltern gleich mehrere positive Effekte: „Unsere Tochter bekommt dadurch einen anderen Zugang zu Arbeit und Geld, ich finde das schön.“

Ansteckungsgefahr

Nicole Berger wiederum hat die Startup-Welt so sehr fasziniert, dass sie 2018 gleich selbst eingestiegen ist: „Ich war fasziniert, wie schnell sich ein Startup in nur einem Jahr entwickeln kann. Genau diese Dynamik hat mich inspiriert, selbst in ein Startup zu gehen: damals Feinkoch, heute Happy Plates. Damit habe ich
den Rollercoaster ganz bewusst auch in mein eigenes Leben geholt.“

Während ihr Partner Andreas Tschas mit der Plattform ConXious gerade ein neues Projekt gestartet hat, arbeitet Nicole Berger an ihrem eigenen – und unterstützt auch seines im Backoffice und bei Events. Dass es kein „klassisches Startup“ ist, erleichtert sie: „Sein jetziges Unternehmen fühlt sich anders an, weil es weniger um ‚Höher, schneller, weiter‘ geht und mehr um Bewusstsein und Achtsamkeit. Heute teilen wir uns Kinderbetreuung, Organisation und Alltag deutlich ausgeglichener. Das entlastet mich enorm“, sagt Berger.

Ihr gemeinsames Leben habe sich deutlich normalisiert; zum Positiven. Ihr Mann sei im Familienalltag präsenter und auch finanziell sei die Familie stabil. Was sie sich für die Zukunft wünscht? „Mehr Leichtigkeit.“ Der Weg bis hierhin sei intensiv gewesen, aber heute überwiege der Stolz.

Christoph Eichhorn, der noch mittendrin steckt in der Gründungsphase seiner Frau, seufzt ein wenig bei der Frage nach seiner aktuellen Gefühlslage. Aber er findet eine diplomatische Antwort: „Beides kann gleichzeitig existieren: Müdigkeit und Stolz.“


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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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