17.06.2025
NAHRUNGSERGÄNZUNG

„Wir sind evolutionär nicht darauf ausgelegt, so lange zu leben“

Schon mal vom Gießkannenprinzip gehört? Oder von der Synplementation? Lisa Emmer, Ärztin und Co-Gründerin von Hormonic, liefert Antworten dazu – und klärt über die moderne Nahrungsergänzung auf.
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Lee Paulina Pape und Lisa Emmer, Co-Founderinnen von Hormonic | Foto: Hormonic, Lisa Emmer

Dieser Artikel erschien zuerst in der neuen Ausgabe des brutkasten-Printmagazins „Neue Welten“. Das Magazin wird exklusiv an die wichtigsten Stakeholder des österreichischen Innovations-Ecosystems zugestellt. Eine Möglichkeit zum Download findet sich am Ende des Artikels.


Ein großer Schluck Wasser, am besten 30 bis 60 Minuten vor dem nächsten Kaffee. Mehrere Pillen werden dabei auf einmal versenkt; in grüner, roter, weißer und silberner Ausführung, manche mit kleinen Kugeln drin. In vielen Farben und Größen hat sich die Nahrungsergänzung einen festen Weg in unsere Gesellschaft gebahnt. Selten war der Markt von Supplementen so gesättigt wie heute.

Paradoxerweise ist in unserem Gesundheitssystem aber wenig Platz dafür. Das sagt Ärztin und Gründerin Lisa Emmer. Sie hat nach ihrem Medizinstudium drei Jahre als Chirurgie-Assistenz gearbeitet und stieß dabei auf ein nicht ganz so rosiges Bild: „Unser System ist auf Schadensbegrenzung und Akutmedizin ausgelegt, nicht auf Prävention.“ Das sei ein Fehler, meint die Ärztin: „Bei meiner Arbeit in der Klinik habe ich erkannt, dass hormonelle Themen und die Prävention von chronischen Erkrankungen vernachlässigt werden.“

Lisa Emmer, Ärztin und Co-Gründerin von Hormonic | Foto: Hormonic, Lisa Emmer

Gleichzeitig beobachtet Emmer eine zunehmende Anzahl von Frauen und Männern mit Symptomen wie Erschöpfung, Zyklusunregelmäßigkeiten, Haarausfall, Schlafstörungen oder unerfülltem Kinderwunsch. Solche Symptome können Hinweise auf funk- tionelle oder hormonelle Ungleichgewichte sein. Sie bleiben im klassischen Gesundheitssystem oft lange unerkannt, da die Betroffenen nicht als „krank genug“ gelten. Dadurch werden Beschwerden häufig erst spät oder gar nicht ursächlich erfasst, obwohl frühzeitige Maßnahmen in vielen Fällen sinnvoll wären. Aus medizinischer Sicht sei das nicht der klügste Weg, meint Emmer. Ein Bereich brauche also mehr medizinische Aufmerksamkeit, um Prävention in unser System zu integrieren: die Nahrungsergänzung.

Älter und häufiger krank

Individuelle Präventionsmaßnahmen, wie jene der Nahrungsergänzung, sind nicht nur aus systemischen Gründen sinnvoll. „Die Daten weisen darauf hin, dass, obwohl der medizinische und technologische Fortschritt die Früherkennung von Krankheitsbildern ermöglicht, die Fallzahlen vieler Krebsarten, Autoimmunerkrankungen und Herz-Kreislauf-­Erkrankungen steigen“, so die Ärztin. Eine bessere technologische Entwicklung bringt also nicht gleich eine gesündere Gesellschaft. Das hat mehrere Gründe – und sich auch über Jahrzehnte hinweg verändert.

Nicht mehr „gesund durch Ernährung“

Wir erinnern uns an den Grundsatz „Gesund durch Ernährung“. Dieser lässt sich heute deutlich schwieriger umsetzen als früher. Nicht nur aufgrund von belastenden Umwelt- und Stressfaktoren, sondern auch wegen einer monokulturellen Landwirtschaft. „Dank weitverbreiteter Monokulturen unterscheiden sich unsere Böden heute deutlich von den Böden von früher. Gesunde Nahrungsmittel enthalten heute deutlich weniger Mikronährstoffe und Vitamine. Ausgewogene Ernährung ist ein essenzieller Bestandteil eines gesunden Lebens. Aber Nahrungsergänzung sollte mittlerweile dazugehören, da wir bestimmte Mikronährstoffe nicht mehr ausreichend über unsere Nahrung auf- nehmen können“, erläutert Emmer.

Diese Entwicklung zeigt bereits Auswirkungen: „Wir sehen es unter anderem an der sinkenden Fruchtbarkeitsrate: Hormonelle Störungen werden sowohl bei Frauen als auch bei Männern immer häufiger diagnostiziert“, führt die Gründerin weiter aus. Auch die Zahl der Krebsdiagnosen steigt, und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Todesursache.

Die Dos und Don’ts der Nahrungsergänzung

Ob man diese Entwicklung stoppen kann? Ja, kann man, meint Emmer – mit der richtigen Prävention. Und eine richtige und sichere Nahrungsergänzung ist ein wesentlicher Teil davon. „Zahlreiche Studien zeigen, dass bestimmte Mikronährstoffe zur Unter- stützung körpereigener antioxidativer Schutzsysteme beitragen können“, erklärt sie. „Oxidativer Stress steht im Verdacht, bei der Entstehung chronischer Erkrankungen eine Rolle zu spielen – darunter hormonelle Disbalancen, immunologische Fehlregulationen oder Einschränkungen der Fruchtbarkeit.“ Bei oxidativem Stress handelt es sich um ein Ungleichgewicht von freien Radikalen und Antioxidantien im Körper. „Eine ausgewogene Mikronährstoffversorgung kann hier präventiv unterstützen – individuell angepasst und evidenzbasiert.“

Um dabei allerdings keine Fehler zu machen und dem Körper keinen Schaden zuzufügen, sollte man ein paar Punkte beachten:

Schritt 1: Brauche ich Nahrungsergänzungsmittel?

„Ob ich einen Nährstoffmangel habe, merkt man häufig klinisch, also durch offensichtliche Symptome wie Erschöpfung, Unregelmäßigkeiten im Zyklus oder Haarausfall; aber auch subklinisch, also durch nicht offensichtliche Symptome“, erklärt Emmer. „So unter anderem, wenn man sich dauerhaft gestresst fühlt, Schlafstörungen oder einen Kinderwunsch hat, der seit Längerem unerfüllt ist. All das sind Hinweise darauf, dass unserem Körper etwas fehlt.“ Diese Daten lassen sich im Normalfall aus der Anamnese, also dem Lebensstil der Patientin oder des Patienten, erkennen. „Das Objektivste ist aber eine Kombination aus der Anamnese und einem Blutbild aus dem Labor“, erklärt die Ärztin.

Schritt 2: Welche Nährstoffe fehlen am häufigsten?

„Aus Studien weiß man, dass mehr als 60 Prozent der Frauen einen schweren Vitamin-D-Mangel haben“, so Emmer. Genauso wie Vitamin D trägt auch Magnesium vor allem bei Frauen zur Produktion wichtiger Hormone bei und kann daher gut ergänzt werden. Emmer empfiehlt einer nicht übermäßig sportlich aktiven Person im Durchschnitt maximal 400 Milligramm Magnesium pro Tag. Ein anderer Nährstoff, der häufig als mangelhaft diagnostiziert wird, ist Omega-3. Nicht zuletzt dank unserer westlichen Ernährungsweise, meint Emmer: „Vor allem in hoch verarbeiteten Lebensmitteln kommt viel Omega-­6 in ungesättigten Fettsäuren vor, aber wenig Omega-3.“ Daher kann, vor allem auch bei vegetarischer oder ve-ganer Ernährung, eine Omega-3-Supplementierung sinnvoll sein. Klassisch kommt Omega-3 nämlich in fettem Fisch wie Lachs oder Makrelen vor.

Die Gründerin nennt darüber hinaus zwei essenzielle Mikronährstoffe, die in unseren Böden mittler- weile „quasi verschwunden sind“: Zink und Selen. Die beiden Nährstoffe er- weisen sich als besonders wichtig für Haut, Haare und Nägel. Selen sei überdies ein wichtiger Nährstoff zum gesunden Erhalt der Schilddrüse. Darüber hinaus ist auch Eisen gerade für Frauen ein Nährstoff, der häufig in Kombination mit vegetarischer Ernährung oder einer starken Monatsblutung zu mangeln scheint. „Eisen ist allerdings ein Nährstoff, bei dem Vorsicht geboten ist. Die Supplementierung ist sehr individuell – sie hängt bei Frauen vom Zyklusstatus sowie von der Ernährung der jeweiligen Person ab“, so die Founderin. Denn auch zu viel Eisen hat seine Nebenwirkungen: Es lagert sich bei Überdosierung in der Leber ab, was das Organ in seiner Funktion einschränkt.

Schritt 3: Welche Fehler sollte ich vermeiden?

„Am meisten aufpassen würde ich bei der Supplementierung von Zink und Eisen. Das kann schnell in einer Überdosis resultieren und eher schaden als wirken“, meint Emmer. Die häufigste Folge einer Überdosis ist bekanntlich der oxidative Stress, der Stress auf Zellen und Gewebe ausübt. Dieser zeigt sich kurzfristig nicht sofort, kann langfristig aber Zellfunktionen oder unser Darmmikrobiom stören. „Es gibt auch Studien, die zeigen, dass oxidativer Stress, unter anderem durch eine falsche Kombination von Supplementen, das Krebsrisiko erhöhen kann“, so Emmer.

Auch der wasserlösliche Stoff Magnesium wird bei Überdosierung ausgeschieden und kann dabei zu Nebenwirkungen wie Durchfall oder einer Überlastung der Nieren führen, was den Nährstoff Kalzium verdrängen kann. Bei fettlöslichen E- oder D-Vita- minen hingegen „ist es sehr schwer, eine Überdosierung zu erreichen“, erklärt Emmer. „Langfristig können sich allerdings auch diese im Gewebe ablagern und die Zellteilung oder den Stoffwechsel stören.“

Schritt 4: Die Konkurrenz erkennen

Doch nicht nur die Überdosis scheint eine Gefahr zu sein. Emmer zufolge gibt es nämlich auch Nährstoff-Kombinationen, die in ihrer Aufnahme konkurrieren, so zum Beispiel Kalzium und Eisen: „Wenn man diese Stoffe zusammen einnimmt, kann man eines davon schlechter aufnehmen, weil eines das andere blockiert.“ Das heißt: Eisentabletten am besten nicht mit kalziumhaltiger Milch schlucken. „Vitamin-B-Komplexe, Vitamin-D-Kombinationen und Magnesium gelten bei angemessener Dosierung als gut verträglich“, erklärt die Ärztin. „Nebenwirkungen treten meist erst bei deutlich überhöhter Zufuhr auf – dennoch sollte auch hier auf die richtige Dosierung geachtet und diese idealerweise mit medizinischem Fach- personal abgestimmt werden.“

Schritt 5: Wie nimmt man die richtige Dosis ein?

Das geht am besten mit ärztlicher Begleitung, meint Emmer. Am wichtigsten sei dabei allerdings das Bewusstsein, dass „mehr“ nicht unbedingt immer „besser“ ist: „Viele glauben, Nahrungsergänzungsmittel funktionieren nach dem Gießkannen­-Prinzip. Man schüttet sehr viele positiv wirksame Stoffe in sich rein und erwartet sich davon die maximale Wirkung.“ Dass das nicht stimmt, hat Emmer bereits mehrfach betont: Eine Überdosierung kann dem Körper bekanntlich schaden, die Zellfunktionen beeinträchtigen und den Nutzen der Supplementierung hemmen.

Schritt 6: Wie bekommt man die beste Wirkung?

Überdosierung und konkurrierende Wirkung will Emmer mit ihrem Startup Hormonic verhindern: „Wir haben mehrere Hundert Studien ausgewertet und Folgendes gesehen: Bestimmte Wirkstoffe wirken in Kombination viel effizienter, als wenn man sie alleine in hoher Dosis nimmt oder wild kombiniert.“ Dazu hat Emmer mit ihrer Co-Founderin Lee Paulina Pape das Konzept der Synplementation entwickelt – ein strategisches Wortspiel aus Synergie und Supplementation: „Wir setzen in unseren Kapseln zum Beispiel auf geringere Dosen der einzelnen Nährstoffe, die in Zusammenwirkung aber einen größeren Effekt erreichen als alleine.“

Lee Paulina Pape und Lisa Emmer, Co-Founderinnen von Hormonic | Foto: Lisa Emmer, Hormonic

Einfach und sicher

Ihre Mission, Frauen mehr Klarheit in ihrer hormonellen Gesundheit zu bieten, haben Emmer und Pape im vergangenen Oktober gestartet. Heute versuchen die beiden mit Hormonic die Versorgung von Frauen mit gezielter Supplementation und telemedizinischer Beratung so niederschwellig wie möglich zu gestalten.

Dass es dazu neben der Mitarbeit von Einzelpersonen auch mehr Gleichberechtigung in der Wissenschaft braucht, kann die Ärztin be-stärken: „Am besten sieht man sich als kleine Selbststudie. Damit wir Krankheiten allerdings effektiv vermeiden und präventiv vorsorgen können, brauchen wir mehr Studien zu Krankheitsbildern bei Frauen und mehr Investitionen in den Femtech-Sektor, die es aktuell noch nicht aus- reichend gibt“, appelliert die Gründerin.

Ob wir der zunehmenden Prävalenz von chronischen Krankheiten mit gezielter Nahrungsergänzung entgegenwirken können? „Es kann helfen, ist aber nicht alles. Es gibt nicht diesen einen Grund für den Ausbruch einer Krankheit. Was ich aber sagen kann, ist, dass wir evolutionär nicht darauf ausgelegt sind, so lange zu leben und vor allem so lange fruchtbar zu bleiben. Frauen machen Karriere und bekommen immer später Kinder. Das ist ein sehr wichtiges Empowerment und richtig so, aber leider leidet unser Körper mit. Wir arbeiten mit Hormontherapien, wir verhüten hormonell, wir nehmen Umwelttoxine auf. All das spielt eine große Rolle in der Entartung von Zellen und beim Entstehen von Krankheiten, die wir bislang noch nicht am Schirm hatten“, so die Gründerin.

Aussichtslos sei die Lage allerdings keineswegs, meint Emmer: „Gerade weil wir in einer Welt voller Reize leben, möchte ich den Zugang zu Supplementen vereinfachen – und ihn mit ärztlichem Hintergrundwissen kombinieren. Am wichtigsten ist es, dass wir jeder Person Zeit und Raum geben, damit sie versteht, was in ihrem Körper vorgeht. Das sind Dinge, die man in Kliniken und Praxen aufgrund von Ressourcenmangel nicht leicht umsetzen kann. In einer neuen und vor allem gleichberechtigten Digital-Health-Generation ist das aber sehr gut möglich.“

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ISS, SAP
Philipp Herzig, CTO SAP I © SAP

SAP hat auf seiner jährlichen Entwicklerkonferenz „SAP TechEd“ Ende Oktober eine Reihe von KI-Innovationen bekannt gegeben, die das SAP-Portfolio für Entwickler erweitern. Erweiterungen der Joule-Lösungen und der SAP Business AI Platform – einschließlich des neuesten Foundation Models von SAP für tabellarische Daten – sollen neue Tools zur Entwicklung und Erweiterung von KI-Agenten bereitstellen. Zugleich sollen sie den Agenten Daten- und Geschäftskontext für logisches Denken sowie zusätzliche Governance-Kontrollen bieten. Um sie unternehmensweit verantwortungsvoll einsetzen zu können, so der Plan.

SAP Business AI Plattform als Basis

„Auf der SAP TechEd präsentieren Entwickler seit jeher die neuesten Innovationen“ sagt Philipp Herzig, CTO von SAP. „In diesem Jahr zeigen wir, wie KI nicht einfach nur lernt, Unternehmen zu verstehen, sondern auch Geschäftsprozesse abzuwickeln. In ‚Joule Work‘ machen Nutzer ihre Eingaben und erledigen Aufgaben in einer durchgängigen Anwendungsumgebung, in der gesamten SAP-Landschaft und darüber hinaus. Das ist die Neuerung, die wir in großem Maßstab bereitstellen.“

Die Basis von allem bildet die SAP Business AI Plattform. Sie sorge für eine schnellere Wertschöpfung, da Geschäftsprozesse von Anfang an verstanden würden, und biete eine höhere Genauigkeit. „Außerdem erfüllt sie die Anforderungen von Unternehmen, gewährleistet ab der ersten Implementierung einen sicheren, kontrollierten und konformen Betrieb und bietet eine einzigartige Kontextebene, die auf dem Prozess- und Branchenwissen aus über 50 Jahren aufbaut, das in jeder Agenten-Aktion verankert ist“, so Herzig weiter.

Code und No-Code

Gebaut werden KI-Agenten im „Joule Studio“. Das ist sowohl ohne Programmierkenntnisse per Klick-Baukasten (No-Code) möglich, als auch mit eigenem Code (Pro-Code). Dafür stehen über 70 verschiedene KI-Modelle zur Auswahl.

Durch neue Funktionen für „Joule Work“ sollen KI-Agenten noch wirkungsvoller komplexe Geschäftsprozesse über offene Protokolle (A2A und MCP) handhaben können. Diese Innovationen machen „Joule Work“ leistungsfähiger, um den Kontext besser zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und mehrstufige Workflows über Unternehmenssysteme und Geschäftsbereiche hinweg auszuführen, so der Claim.

SAP erweitert seine KI-Plattform damit eigenen Angaben zufolge um eine neue Orchestrierungsschicht, damit Assistenten und Agenten komplexe, mehrstufige Abläufe über verschiedene SAP-Systeme hinweg zuverlässiger erledigen können. Der SAP Knowledge Graph soll künftig auch Daten aus kundeneigenen SAP- und Drittquellen einbinden, sodass Nutzer ihre Informationen in natürlicher Sprache durchsuchen und exakte, auf den eigenen Daten basierende Antworten erhalten.

Auch andere Anbieter-Einbindung möglich

Agenten anderer Anbieter sollen außerdem über ein kontrolliertes Agenten-Gateway sicher auf „Joule Agents“ zugreifen und mit ihnen zusammenarbeiten können, ohne dass „Kontrolle und Governance verloren gehen“. Das neue „SAP Enterprise AI Gateway“ bündelt zudem Authentifizierung, Richtlinien, Routing, Überwachung, Nutzungsverfolgung und Auditing des gesamten KI-Datenverkehrs im Unternehmen. Ergänzend sollen ein neuer „Joule Assistent“, der „SAP AI Agent Hub“ und ein „AI Governance Assistant“ Kunden dabei helfen, die EU-KI-Verordnung einzuhalten.

Beim „Tabular Foundation Model“ kündigt SAP das Modell „SAP-RPT-2.0“ an, das künftig auch Anomalien und Ausreißer in Tabellendaten erkennen soll. „SAP-RPT-TS“ hingegen soll Geschäftskennzahlen prognostizieren können.

Einsatz auf der ISS

„Es gibt große Weiterentwicklungen bei unseren Tabular Foundation Models“, ergänzt Herzig. „Daraus ist inzwischen eine ganze Modellfamilie geworden. Ein etwas ausgefallener technischer Ausblick ist, dass wir diese Modelle gemeinsam mit Hewlett Packard Enterprise auch auf der Internationalen Raumstation (ISS) einsetzen – für die vorausschauende Wartung im Weltraum.“ Das Modell soll zudem Ausfälle vorhersagen können, ohne dass die dafür benötigten Daten zur Erde übertragen werden müssen.

„SAP-RPT wurde generisch trainiert und kann– ähnlich wie große Sprachmodelle im Bereich Sprache – auf eine Vielzahl unterschiedlicher Anwendungsgebiete übertragen werden“, so Herzig weiter. „Creditplus verwendet solche Modelle beispielsweise für die Risikobewertung. Hitachi setzt sie für die vorausschauende Wartung seiner Maschinen ein. ‚Oxford Cancer‚ nutzt sie, um anhand von Proteinmarkern Krebserkrankungen bei Patienten besser vorherzusagen als mit bisherigen Modellen“, sagt er.

Wenn man sich die Internationale Raumstation ansehe, genauer gesagt das Columbus-Modul, in dem SAP das Modell einsetzt, gebe es dort enorme Datenmengen.

„Nicht einfach zur Erde herunterladen“

„Die Maschinen auf der ISS erzeugen Telemetriedaten, die sehr nützlich sind. Allerdings handelt es sich um rund zehn Gigabyte an Daten. Diese kann man nicht einfach zur Erde herunterladen – das würde viel zu lange dauern, wenn man schnell reagieren möchte, etwa um bestimmte Muster oder Auffälligkeiten in Zeitreihen zu erkennen“, erklärt Herzig. „Die Modelle lassen sich direkt vor Ort einsetzen, weil sie im Vergleich zu großen Sprachmodellen relativ klein sind. Sie können also unmittelbar auf der Raumstation betrieben werden. Und es ist kein Training erforderlich. Man speist die aktuellen Daten direkt als Live-Datenstrom ein und erhält sofort Vorhersagen.“

Der CTO sieht den Anwendungsfall auf der Raumstation nicht bloß als eine Marketingaktion, sondern als Zeugnis dafür, wie weit man gehen könne. Er sagt: „Wie nützlich ist die Technologie unter solch extremen Bedingungen? Auf der Erde ist heute vieles einfach. Wir haben schnelle Internetverbindungen und leistungsfähige GPUs. Bei solchen Anwendungsfällen spielt die Latenz kaum eine Rolle. Aber können wir auch in einer Umgebung echten Mehrwert schaffen, die nur eingeschränkt angebunden ist – oder zumindest sehr weit entfernt? Genau das wollten wir zeigen: Mit einer lokalen Verarbeitungsumgebung lassen sich Probleme lösen, deren Lösung sonst schwierig wäre, weil man zunächst sämtliche Daten zur Erde übertragen müsste. Anschließend müsste man sie dort auswerten und die Ergebnisse zurückübermitteln. Dann könnte es aber bereits zu spät sein.“

SAP löst „Data Drift“-Problem

Ein zentrales Problem bei klassischen KI-Modellen ist der sogenannte Data Drift: Data Scientists trainieren ihre Modelle auf historischen Daten, doch schon beim Abschluss des Trainings können sich die eintreffenden Daten statistisch verändert haben. Die neuen Modelle von SAP wollen genau hier ansetzen.

Man könne jederzeit aktuelle Daten ins Kontextfenster geben und erhalte darauf basierend präzise Vorhersagen, ohne neu trainieren zu müssen. „Veränderungen in Struktur oder Eigenschaften der Daten erkennt das Modell unmittelbar“, betont Herzig. „Das wollten wir demonstrieren: Müsste man bei veränderten Bedingungen erst alle Informationen zur Erde übertragen und das gesamte Modell neu trainieren, wäre es dafür viel zu spät. Dann würde man auf der ISS sagen: ‚Schön, dass ihr uns das jetzt mitteilt – aber das hättet ihr uns schon vor einem oder zwei Monaten sagen müssen‘.“

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