12.06.2025
THE ENERGY BRIDGE

Wie zwei TU-Studenten die Energiewende in Europa von Wien aus beschleunigen wollen

Von Wien aus wollen zwei Studenten die Energiewende in Europa neu denken. Mit The Energy Bridge, einem Projekt mit der Technischen Universität (TU) Wien, schaffen sie eine Plattform, die Politik, Industrie, Forschung und Innovation vernetzen soll.
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Daniel Schaub und Rahul Mishra bei der ersten Konferenz von The Energy Bridge. © privat

Der europäische Energiesektor befindet sich an einem Wendepunkt: Die Energiewende bringt enorme Chancen, stellt Europa jedoch auch vor komplexe Herausforderungen. Zwar wächst der Anteil erneuerbarer Energien kontinuierlich, doch fehlt es an ausreichend qualifizierten Fachkräften, um den Umbau flächendeckend umzusetzen.

Besonders deutlich werden die Unterschiede zwischen West- und Osteuropa: Während westliche Länder häufig auf etablierte Infrastrukturen und Regulierungen setzen können, stehen viele Staaten im Osten noch am Anfang dieses Transformationsprozesses. Unterschiedliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen, politische Prioritäten und technologische Standards erschweren eine einheitliche europäische Strategie.

Umso wichtiger sind grenzüberschreitende Kooperationen. Einen solchen Brückenschlag wagt die Initiative The Energy Bridge (TEB), gegründet von Rahul Mishra und Daniel Schaub. In Zusammenarbeit mit der TU Wien startete das Projekt Anfang des Jahres. Ziel ist es, einen hybriden Raum – digital und analog – für Akteur:innen aus dem Energiesektor zu schaffen, in dem Wissen ausgetauscht und gemeinsame Lösungen entwickelt werden. 

Aufbau einer länderübergreifenden Energy-Community

The Energy Bridge versteht sich selbst als „KI-gestützter Kollaborations-Club“ – ein Ort, der Wissenschaft, Industrie, politische Entscheidungsträger:innen und Innovator:innen im Energiesektor generationsübergreifend zusammenbringen soll. „Die ganze Idee von TEB ist es, die Lücke zwischen diesen vier Säulen der Energiewende zu schließen. Deshalb heißen wir auch Energy Bridge“, sagt Mishra.

Besonders in Mittel- und Osteuropa will die Initiative damit den Wandel hin zu einer nachhaltigen Energiezukunft beschleunigen. „Die Energiebranche funktioniert ein wenig anders. Die Umsetzung von Innovationen ist komplizierter als in vielen anderen Industrien. Es ist eine stark gemeinschaftsgetriebene Branche. Genau deshalb möchten wir auch eine Community aufbauen“, erklärt Mishra im Gespräch mit brutkasten.

Doch es mangelt nicht nur an Vernetzung. Auch aktuelle Energiedaten seien häufig fragmentiert, isoliert oder nicht über Ländergrenzen hinweg verfügbar. Hier will TEB mit einer eigenen digitalen Plattform ansetzen. Derzeit wird an einer Lösung gearbeitet, die eine länderübergreifende Energiedatenbank, einen KI-Agenten sowie einen interaktiven Raum für den fachlichen Austausch vereinen soll. „So stellen wir uns die Plattform vor: ein KI-Agent, der mit Energiedaten gefüttert wird – verbunden mit einem zentralen Daten-Repository, das sowohl juristische als auch technische Fachbibliotheken enthält. Ziel ist es, darüber eine Community aufzubauen“, so Mishra.

Fokus auf CEE-Region

„Man muss die Energiewende in Regionen unterteilen, um sie skalieren und beschleunigen zu können“, sagt Schaub. TEB habe erkannt, dass West- und Osteuropa vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Eine einheitliche Strategie für alle Länder sei daher wenig zielführend – vor allem, wenn man die regional stark variierenden Energiemixe, Infrastrukturen und politischen Rahmenbedingungen berücksichtigt. Deshalb legt TEB den Fokus gezielt auf die CEE-Region. 

„Mit unserem Kooperations-Club wollen wir diese Region stärken und gleichzeitig mit Expertinnen und Experten aus anderen Regionen verbinden“, erklären die Gründer. Ziel sei es, einen Zugang zu aktuellem Wissen, Daten und rechtlichen Grundlagen zu schaffen. „Damit sind sie gut ausgestattet, um die Energiewende in ihrer Region effektiv voranzubringen. Die Energiezukunft besser zu planen und die Energiewende zu beschleunigen – das ist unsere tägliche Mission“, so Schaub weiter.

Wien als „Tor zu Osteuropa“

Hierbei würde Wien würde eine zentrale Rolle spielen. Nicht nur, weil das Projekt gemeinsam mit der TU Wien dort den Ursprung hat, sondern auch weil Wien “das Tor zu Osteuropa” sei. Die Gründer erklären, dass der Energiesektor in Westeuropa und Osteuropa sehr unterschiedlich sei. Während in vielen westeuropäischen Ländern der Ausbau erneuerbarer Energien durch politische Förderungen und Regulierungen weit fortgeschritten ist, sind Staaten auf dem Balkan noch stark von fossilen Energieträgern abhängig.

Trotz dieser Unterschiede zeichne sich ein schrittweiser Angleichungsprozess ab – getrieben von gemeinsamen EU-Zielen, transnationalen Investitionsprogrammen und regulatorischen Vorgaben aus Brüssel. „Wenn man also historisch zurückblickt, bevor Brüssel zur politischen und regulatorischen Zentrale der EU wurde, war Wien das Machtzentrum für diese Region“, sagt Schaub. Heute wird Energiepolitik vor allem auf EU-Ebene gestaltet – doch viele Länder, insbesondere im Osten, fühlen sich dort nicht ausreichend vertreten oder verstanden.

Internationale Perspektive

Die Gründer Rahul Mishra und Daniel Schaub bringen eine internationale Perspektive und langjährige Erfahrung in den Energiesektor mit. Beide arbeiten seit rund einem Jahrzehnt in diesem Bereich, Mishra stammt aus Indien, Schaub aus Chile. Aktuell studieren sie gemeinsam an der TU Wien mit dem Schwerpunkt auf erneuerbare Energien. „Wir haben diese Wissenslücke zwischen Osteuropa und Westeuropa gesehen. Also haben wir TEB geschaffen, um beide Seiten miteinander zu verbinden und die Lernkurve zu beschleunigen“, erklärt Schaub.

“Mit einem internationalen und frischen Blick auf den Energiesektor möchten wir ein breites Publikum ansprechen und dazu einladen, gemeinsam mit uns den Prozess der Energiewende zu verstehen – und Wege zu finden, ihn zu beschleunigen”, ergänzt Mishra.

Erste Konferenz mit Leonore Gewessler

Neben der digitalen Plattform setzt TEB auch auf Wissensvermittlung über verschiedene Medienformate. So produziert die Initiative Podcasts und YouTube-Formate mit Expert:inneninterviews und veranstaltet Events für die Energy-Community. Im Mai fand die erste Konferenz unter dem Titel „AI, Energy Security and Market Integration“ statt – mit Gästen wie Leonore Gewessler, Kambis Kohansal, Vertreter:innen von Wien Energie, Thiem Energy und OMV.

„Diese Konferenz soll Zusammenarbeit und Wissensaustausch fördern – unter Einsatz von KI und innovativen Lösungen, um eine nachhaltige Energiezukunft für die Region zu gestalten“, erklärt Schaub. Künftig soll die Konferenz zweimal jährlich stattfinden.

Globale Expansion geplant

Für die Zukunft haben sich die Gründer große Ziele gesetzt. Im Gespräch mit brutkasten kündigen sie an, dass sie innerhalb eines Jahres 10.000 Mitglieder:innen EU-weit erreichen möchten. Bis Ende 2027 soll TEB dann global ausgerollt werden. „Wir starten hier in Europa, aber der Plan ist, die Reichweite auszuweiten, da Rahul aus Indien kommt und ich aus Chile“, sagt Schaub. „Unser Ansatz ist es, mit einem regionalen Fokus zu arbeiten – zuerst Zentral- und Osteuropa, hier bauen wir die Brücke. Danach wollen wir schrittweise weitere Regionen in den Blick nehmen. Das ist unsere Vorstellung von Skalierung.“

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Vl. A1-CCO Martin Resel und IBM-Österreich-Chef Marco Porak | © A1/APA/Hörmandinger
Vl. A1-CCO Martin Resel und IBM-Österreich-Chef Marco Porak | © A1/APA/Hörmandinger

Dass für Unternehmen kein Weg mehr an Agentic AI vorbeiführt, ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Dass eine sichere und konforme Umsetzung davon nicht so einfach ist, ebenfalls. „Für KI im Unternehmenskontext gelten andere Spielregeln als im privaten Bereich. Ich spreche hier besonders von souveräner KI“, sagt Marco Porak, Generaldirektor von IBM Österreich, bei einem gemeinsamen Pressetermin mit A1 und dessen Cloud-Tochter Exoscale. Mit einer gemeinsamen Plattform, die IBM watsonx auf A1 Exoscale bringt, will man Unternehmenskunden gemeinsam eine sichere und digital souveräne Lösung bieten.

„Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur“

Denn Schatten-KI, also die Nutzung privater bzw. vom Unternehmen nicht genehmigter KI-Anwendungen durch Mitarbeiter:innen, sei ein echtes Sicherheitsrisiko, betont Martin Resel, stv. Vorstandsvorsitzender von A1 und CCO Enterprise. „Unternehmen können es sich nicht leisten, KI nicht zu nutzen. Da geht es um Wettbewerbsfähigkeit. Alles muss effizienter werden, etwa auch in der Verwaltung. Wenn man dann aber Daten global findet, die eigentlich nicht global gespeichert werden sollten, ist das ein Problem“, sagt Resel.

Für viele A1-Unternehmenskunden und auch für A1 selbst sei das besonders relevant. „Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur. Viele hochsensible Daten laufen auf unseren Netzen. Wir haben nicht nur Unternehmen aller Größen als Kunden, sondern zum Beispiel auch Ministerien“, sagt der A1-CCO. Gerade in der aktuellen geopolitischen Situation müssten sich Österreich und ganz Europa daher souverän aufstellen.

Orchestrierte KI-Agenten mit klaren Regeln und voller Transparenz

Und wie macht das die gemeinsame Plattform? „Ich bin mir bewusst, dass ich Repräsentant eines amerikanischen Unternehmens bin“, räumt Marco Porak ein. IBM habe aber nach nicht weniger als 98 Jahren am österreichischen Markt ein anderes Standing, als etwa die US-Hyperscaler. Warum? „IBM hat seit jeher das Prinzip, dass Kundendaten Kundendaten sind und die Architektur vom Kunden bestimmt wird“, so Porak. Und: „Globale Innovation und lokale Kontrolle widersprechen einander nicht.“ Genau so sei es auch bei watsonx. Kunden können dort entscheiden, welche KI-Modelle genutzt werden und wo die Daten liegen. Die Bandbreite geht dabei von lokal gehosteten On-Premise-Lösungen über europäische bzw. Open-Source-Modelle auf europäischen Servern bis zu Frontier-Modellen in Datencentern der US-Hyperscaler.

Konkret greift das System auf eine Vielzahl an Large Language Models (LLMs) und Agentic-Modelle zurück und orchestriert KI-Agenten, um Tasks zu erfüllen. Die dazugehörige Governance-Plattform ermöglicht nicht nur das Festlegen der Regeln dafür, sondern bietet auch jederzeit komplette Transparenz, um jeden Arbeitsschritt und die dafür genutzten Modelle nachvollziehen zu können. Für Martin Resel ist dabei ebenfalls klar: „Dass alles, was aus Asien oder Amerika kommt böse ist, sehen wir nicht so. Wichtig ist die Wahlfreiheit.“ Die Plattform sei daher offen für sämtliche Modelle.

„Wir folgen einer sehr strikten Datenklassifizierung – selber und auch für unsere Kunden“

Je nach Usecase und dem damit verbundenen Sicherheits-Level der Daten seien unterschiedliche LLMs und Speicherorte sinnvoll. „Wir folgen einer sehr strikten Datenklassifizierung – selber und auch für unsere Kunden“, sagt Resel. Nach dieser erfolge die Entscheidung, welche Modelle genutzt werden können. Gleichzeitig optimiere die Plattform durch die passende Modell-Auswahl auch den Token-Verbrauch. „Das kann sonst bekanntlich schnell teuer werden“, sagt der A1-CCO.

A1 bietet seinen Enterprise-Kunden nicht nur Zugang zur Plattform, sondern auch begleitende Services, um diese aufzusetzen. Mit den europäischen Datencentern der Tochter Exoscale kommt noch das Angebot der souveränen Cloud im eigenen Land hinzu.

Wie watsonx für A1 und seine Kunden konkret funktioniert, zeigt Exoscale-KI-Experte Christos Kapodistrias beim Pressetermin vor. In seinem Beispiel arbeiteten nicht weniger als 14 KI-Agenten orchestriert zusammen, um eine optimale Vorbereitung auf ein Kundengespräch zu erstellen. „Diesen Usecase nutzen wir auch selber“, erklärt der Experte und zeigt die verschiedenen Sicherheits- und Kontrollmechanismen ebenso wie die Nachvollziehbarkeit über die Governance-Plattform. Marco Porak merkt dazu an: „Man sieht, es gibt mehrere Checkpoints im Prozess, der ‚Human in the Loop‘ bleibt erhalten.“ Denn es gehe eben darum, Menschen bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

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