18.09.2025
SEBASTIAN KURZ

„Wenn man mit großen Playern in Konkurrenz tritt, funktioniert ‚Klein-Klein‘ nicht“

Nach seinem Abgang aus der Politik gründete Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zunächst ein Beratungsunternehmen, mit dem er international aktiv war. 2022 folgte der nächste Schritt: Er wurde Co-Founder des auf Cybersecurity spezialisierten KI-Startups Dream mit Sitz in Tel Aviv. Drei Jahre nach der Gründung hat das Unternehmen über 150 Mio. US-$ an Investorengeldern aufgenommen – und kommt mittlerweile auf eine Bewertung von 1,1 Mrd. US-$. Im brutkasten-Studiotalk erläutert Sebastian Kurz, wie es dazu kam, warum er als Startup-Gründer erst lernen musste, in Finanzierungsthemen nicht zu konservativ zu denken – und warum es in Europa seiner Meinung nach zu viel Regulierung für zu wenig Innovation gibt.
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Sebastian Kurz im brutkasten-Talk | © brutkasten
Sebastian Kurz im brutkasten-Talk | © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2025 “Schubkraft” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Mit 24 wurde Sebastian Kurz der jüngste Staatssekretär, den Österreich je hatte, mit 27 der jüngste Außenminister und mit 31 nicht nur der jüngste Bundeskanzler, sondern auch der damals weltweit jüngste amtierende Regierungschef. Einige Jahre später – nun mit 38 Jahren (zum Zeitpunkt unseres Interviews) – befindet sich Kurz inmitten der nächsten „Bilderbuchkarriere“; diesmal als Mitgründer eines Tech-Startups: Nicht einmal drei Jahre brauchte sein KI-Cybersecurity-Unternehmen Dream Security von der Gründung bis zur Milliarden-Dollar-Bewertung, also dem in der Startup-Welt so heiß begehrten „Unicorn“-Status. Wie kam es dazu?

Ungewissheit nach Rücktritt als Kanzler

Das Ende der Polit-Karriere des Wieners ist – zumindest in Österreich – allgemein bekannt: Es verlief aufsehenerregend und von einer öffentlichen Kontroverse begleitet. Bereits im Mai 2021 hatte die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) Ermittlungen gegen Kurz mit dem Vorwurf der Falschaussage im „Ibiza-Untersuchungsausschuss“ aufgenommen – im Mai 2025 wurde er von diesen Vorwürfen in zweiter Instanz rechtskräftig freigesprochen. Später kam ein weiteres Ermittlungsverfahren in der sogenannten „Inseratenaffäre“ hinzu, das nach wie vor läuft. Im Oktober 2021 trat Kurz im Lichte der gegen ihn laufenden Ermittlungen vom Kanzleramt zurück, in den Wochen darauf auch von allen anderen politischen Funktionen.

Über das, was dann folgte, sagt Kurz im brutkasten-Talk: „Ich muss zugeben, es hat sich alles eigentlich sehr zufällig entwickelt. Ich habe damals die Politik verlassen, ohne zu wissen, was ich danach tue.“ Seinen Rücktritt erklärte der damalige Kanzler genau in der Woche, in der er auch Vater wurde. „Ich bin nach der Pressekonferenz ins Spital gefahren, habe meine Freundin und unser Kind abgeholt, und als die beiden dann am Abend schlafen gegangen sind, habe ich mir bei uns in der Wohnung einen Tisch freigeräumt. Und ich kann mich noch erinnern, ich bin gesessen und habe gedacht: ‚Was tue ich jetzt eigentlich?‘“

Unternehmertum statt Vorstandsposten

Zumindest der Druck, einen neuen Job zu finden, sei aber schon „innerhalb von wenigen Stunden weg“ gewesen, erzählt Kurz: „Ich habe sofort nach dem Rücktritt ein paar Angebote und Nachrichten von Leuten aus Deutschland, der Schweiz und Amerika bekommen, die sich gemeldet haben und gesagt haben: ‚Wir hätten Interesse, lass uns reden!‘ Ich war sicher in einer privilegierten Situation.“ Doch er räumt ein: „Nichtsdestotrotz: Wenn man spannende Dinge im Leben tun durfte, wie zehn Jahre in der österreichischen Bundesregierung zu dienen, dann ist das Monetäre das eine; das andere ist aber natürlich: Man sucht nach etwas, das einem Freude macht, wo man sich entfalten kann, wo man vielleicht auch wieder etwas Neues lernt. Und da war ich natürlich in einer gewissen Phase der Unsicherheit und habe überhaupt nicht gewusst, wie es weitergeht.“

Sebastian Kurz (r.) im Talk mit brutkasten-CEO Dejan Jovicevic (l.) | © brutkasten

Jobangebote für Vorstandspositionen in großen Unternehmen in Deutschland und der Schweiz, die er erhalten habe, seien für ihn dabei „im ersten Moment das absolut Naheliegendste“ gewesen, erzählt Kurz. Aber dann hätten einige Freunde auf ihn eingeredet und gesagt“ „Na, du kannst jetzt nicht einfach irgendeinen Job annehmen in irgendeiner Branche. Du kennst dich weder aus noch weißt du, ob dich das interessiert. Du musst das doch ein bisschen freier gestalten“, so der Ex-Kanzler. „Und ich habe mir immer gedacht: ‚Die haben alle leicht reden!‘, wenn sie gesagt haben, ich soll Unternehmer werden, weil: Wie denn und was denn? Und auf der anderen Seite habe ich in der Politik immer so viel davon gepredigt, dass es Leute braucht, die Unternehmer werden, dass ich mir gedacht habe: Eigentlich wäre es an der Zeit, dass ich es jetzt selbst tue.“

Seinen Einstieg ins Unternehmertum, der dann Anfang 2022 folgte, machte Kurz mit einem Beratungsunternehmen, „was ja naheliegend ist nach der Politik und auch viele ehemalige Politiker machen“, wie er sagt. Noch davor, bereits im Dezember 2021, hatte er eine andere Tätigkeit publik gemacht, die öffentlich durchaus kontrovers diskutiert wurde, aber auch einen Anknüpfungspunkt in die Startup-Szene lieferte: Er nahm einen Job bei Thiel Capital des umstrittenen Silicon-Valley-Milliardärs und PayPal-Gründers Peter Thiel an. Hinzu kamen mehrere Tätigkeiten in Abu Dhabi.

Co-Founder mit Vorgeschichte

„Es hat sich gut entwickelt“, erzählt Kurz. „Ich habe mit einem kleinen Team von zehn Leuten diese Beratungstätigkeit gemacht. Ich hatte aber nach einiger Zeit das Gefühl, das ist zwar interessant und auch Gott sei Dank gut angelaufen, aber ich habe damals gesehen, insbesondere in der Arbeit mit Peter Thiel, aber auch zum Teil in Abu Dhabi, wie stark künstliche Intelligenz ganze Branchen verändert und was da gerade alles Neues am Entstehen ist.“

So entstand der Gedanke, neben der beratenden Tätigkeit „auch selbst etwas Unternehmerischeres zu starten“. „Ich bin herumgereist auf der Suche nach Partnern oder Menschen, mit denen ich potenziell gemeinsam etwas machen könnte. Und durch Zufall habe ich dann zwei junge Leute in meinem Alter in Tel Aviv in Israel kennen gelernt, die schon vorher sehr erfolgreich im Cyber-Offensive-Bereich waren. Wir hatten dann gemeinsam die Idee, dass wir all diese Expertise im Cyber-Offensive-Bereich mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz schneiden, um eine KI- Cybersicherheitsplattform für kritische Infrastruktur zu bauen, um Staaten, aber auch große Corporates besser zu schützen“, so Kurz.

Kurz mit Co-Founder Shalev Hulio | Foto bereitgestellt

Einer der beiden neuen Geschäftspartner von Kurz, Shalev Hulio, war schon zu diesem Zeitpunkt international alles andere als ein Unbekannter: Als Mitgründer und Ex-CEO des Unternehmens NSO hatte er mit dessen Spionagesoftware Pegasus, die an Staaten vertrieben wurde, weltweit für Kontroversen gesorgt. Mit dem bereits eingangs erwähnten Startup Dream Security, das Hulio dann 2022 mit Kurz gründete, wechselte Hulio die Seiten, vom Cyber-Offensive- in den Cybersecurity-Bereich. Neben staatlichen Institutionen sind hier auch Großkonzerne Teil der Zielgruppe. Dass Kurz dabei sein Netzwerk aus der Zeit in der Spitzenpolitik gut einbringen kann, liegt auf der Hand. Mit seinem eigenen Large Language Model (LLM) kann das Unternehmen Cyberangriffe frühzeitig identifizieren und abwenden.

Erst 20, dann 34, dann 100 Millionen

Gleich zum Start holte sich Dream Security ein 20-Millionen-Dollar-Investment. „Insbesondere aufgrund des Teams“ habe man sich mit dem Aufstellen dieser beachtlichen Kapitalrunde „nicht schwergetan“, meint Kurz. „Wir hatten schon eine gewisse Vision, wo wir hinwollen. Wir hatten ein Team, das schon vorher im Leben einiges gemacht hat: Ich war mal Bundeskanzler, die anderen beiden waren sehr erfolgreiche Unternehmer im Cyber-Bereich. Und wir wussten auch schon relativ klar, welche Talente wir an Bord bringen wollen. Aber ich war mir trotzdem nicht sicher, ob das Fundraising gleich funktioniert“, erzählt der Gründer.

Es funktionierte. „Wir haben 20 Millionen geraist und haben dann zu arbeiten begonnen. Und da kam für mich schon ein Stück weit die Phase der Unsicherheit – denn wenn man selbst kein Techniker ist, wenn man selbst nicht programmiert, das nicht bauen kann, kann man natürlich schwer abschätzen, wann es fertig wird, wie gut es wird und ob es auch funktioniert“, erzählt Kurz. Auf seine Rückfragen, wie lange es noch dauere, habe das Team stets mit „a few weeks“ geantwortet. „Es waren für mich gefühlt Jahre, in Wahrheit waren es aber Gott sei Dank nur Monate“, erzählt er.

Dennoch: „Wir sind draufgekommen: Es dauert länger und braucht mehr Geld. Dann haben wir noch mal 34 Millionen geraist und weitergebaut und schließlich ein erstes Produkt gehabt, das sehr gut ankommt und mit dem wir die ersten doch ganz guten Umsätze erzielen konnten.“ Diese besagte zweite Finanzierungsrunde schloss Dream Security im Herbst 2023 ab. Ende 2024 schließlich verkündete das Startup, bereits neunstellige Umsätze zu erzielen. Im Februar 2025 wurde die bislang letzte Finanzierungsrunde über 100 Mio. US-$ unter dem Lead des US-Investors Bain Capital publik gemacht, mit der das Unternehmen mit einer Bewertung von 1,1 Mrd. US-$ zum „Unicorn“ wurde. Dieses Kapital habe man aufgenommen, um das LLM weiter zu verbessern, so Kurz.

„Ich bin immer noch viel zu konservativ“

Dabei habe er in Sachen Mindset einen Lernprozess hin zu „Think Big“ durchgemacht, den er auch noch nicht abgeschlossen habe, erzählt der Ex-Kanzler. „Ich bin immer noch viel zu konservativ“, sagt er. „Als wir begonnen haben, habe ich gesagt: ‚Starten wir mal mit fünf Millionen‘, und er (Anm.: Shalev Hulio) hat gesagt: ‚Nein, mit mindestens 20!‘ Er hatte natürlich recht. Ich war auch bei unserer letzten Finanzierungsrunde eher skeptisch, weil ich mir dachte, es läuft eigentlich ganz gut, wir sind gut unterwegs, wir sind Cashflow-positiv. Also wieso?“

Er sei „nicht so geboren und nicht so erzogen“, aber versuche, sich anzupassen, meint Kurz. Denn er habe gelernt, dass weitere finanzielle Möglichkeiten Chancen brächten, noch schneller zu wachsen. Und: „Wenn man mit ganz großen Playern in Konkurrenz tritt, die natürlich sehr große finanzielle Möglichkeiten haben, dann funktioniert ‚Klein-Klein‘ nicht.“

Doch auch aus seiner Zeit in der Politik habe er viel Erfahrung für seine unternehmerische Tätigkeit mitgenommen, erzählt der Ex-Kanzler. Sein wichtigstes Learning schon als Staatssekretär sei „First Who“ gewesen, also das Bestreben, immer die „besten Leute“ um sich haben zu wollen. „Es geht darum, gute Leute zu finden und zu schauen, dass jeder sich bestmöglich einbringen kann und jeder den richtigen Platz findet, Hand in Hand gehend mit seinen Talenten und Fähigkeiten. Das ist, was wir täglich probieren. Mal gelingt es besser, mal schlechter, aber in Summe bin ich nicht unzufrieden.“

In Sachen persönliche Resilienz sei die Politik für ihn eine „harte Schule“ gewesen, erzählt Kurz. „Spitzenpolitik ist ein Bereich, in dem man viel lernen kann, unter anderem, mit Druck umzugehen. Und nachdem ich das zehn Jahre gemacht habe, bin ich, glaube ich, für den Rest des Lebens, egal was noch kommt, relativ gut vorbereitet“, so der Ex-Kanzler. „Ich glaube, in kaum einem Bereich lernt man so stark wie in der Politik, mit Ablehnung umzugehen und nicht nach Zustimmung und Unterstützung süchtig zu werden. Man lernt, sich nicht vom Applaus abhängig zu machen, man lernt aber auch, nicht jede Kritik gleich persönlich zu nehmen.“

„Zu viel Regulierung für zu wenig Innovation“ in Europa

Und wie sieht Kurz das zuvor angesprochene Thema „Think Big“ auf makroökonomischer Ebene in Europa? „Ich glaube, das Wichtigste wäre einmal, zu verinnerlichen, dass wir in Europa nicht mehr das Zentrum der Welt sind“, meint der Unternehmer. „Wenn man sich ansieht, wo die wertvollsten Unternehmen der Welt im Moment angesiedelt sind: die Masse nicht in Europa; wenn man sich ansieht, wer in den Bereichen künstliche Intelligenz und Quantencomputing die wirklich führenden Staaten sind: definitiv nicht in Europa.“

Kurz in New York | Foto bereitgestellt

Er mache sich daher „wirklich, wirklich große Sorgen“, was den Standort angeht. „Wenn ich unterwegs bin, erlebe ich an so vielen Orten eine ganz andere Dynamik, einen ganz anderen Hunger nach Erfolg. An vielen Orten der Welt gibt es ganz viele Menschen, die arbeiten wollen, die was verdienen wollen, die was aufbauen wollen. Es gibt in Europa meiner Meinung nach einfach zu viel Regulierung für zu wenig Innovation“, so Kurz. „Ein Bewusstsein, wie hart der Wettbewerb ist und dass all der Wohlstand, den unsere Eltern- und Großeltern-Generation aufgebaut hat, auch sehr schnell weg sein kann, wäre extrem notwendig.“ Er sehe eine große Gefahr, dass Europa in ganz entscheidenden Bereichen abgehängt werde.

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Es war ein seltener Moment der Unverblümtheit, als mich Lukas Zitz, der stellvertretende österreichische Wirtschaftsdelegierte in New York, vor einigen Monaten kontaktierte: „Mario, we have to talk.“ Seine Botschaft aus dem Epizentrum der globalen Wirtschaft: In den USA geht gerade richtig die Post ab, und zwar bei einem Thema, das man dort bis vor kurzem kaum buchstabieren konnte: Apprenticeships. Der klassischen, praxisnahen Berufsausbildung nach europäischem Vorbild.

Während wir in Österreich und Europa seit Jahrzehnten ein Narrativ pflegen, das möglichst jeden Jugendlichen in die Hörsäle der Universitäten treibt, vollzieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt eine radikale Kehrtwende. Im April 2025 unterzeichnete US-Präsident Trump eine weitreichende Executive Order mit dem vielsagenden Titel „Preparing Americans for High-Paying Skilled Trade Jobs of the Future“. Das Ziel ist brutal ambitioniert: Die Zahl der registrierten Lehrlinge soll auf eine Million hochgeschraubt werden. Angetrieben von einer Reindustrialisierungsstrategie, die Fabriken aus Asien zurückholt, und getragen von den größten Playern der Tech- und Finanzwelt. Weniger „College for All“, heißt das neue Motto in Washington.

Der Irrtum der akademischen Elite

Wir haben uns in Europa schlichtweg kaputt studiert. Wir haben Generationen eingeredet, dass Wohlstand und gesellschaftlicher Status nur über einen akademischen Titel führen. Das Ergebnis? Ein dramatischer Überschuss an Absolventen in Fächern, die der Markt in dieser Dichte schlicht nicht braucht, während uns an allen Ecken und Enden die Praktiker fehlen.

Die Quittung liefert der heimische Arbeitsmarkt unmissverständlich. Auswertungen der Agenda Austria auf Basis von AMS-Daten zeigen: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern steigt zuletzt deutlich an, während Menschen mit einer klassischen Lehrausbildung zu den krisenfestesten Gruppen auf dem Arbeitsmarkt zählen. Mehr noch: Das alte Vorurteil, dass sich nur ein Studium finanziell lohnt, gerät zunehmend ins Wanken. In Deutschland etwa verdienen Beschäftigte mit Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss laut Statistischem Bundesamt (Verdiensterhebung, April 2025) im Schnitt 5.405 Euro brutto im Monat und damit mehr als Bachelor-Absolventen mit 5.289 Euro.

Gleichzeitig offenbart eine großangelegte Unternehmensbefragung des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) aus dem Jahr 2023 das ganze Dilemma unserer Wirtschaft: Satte 60,9 Prozent aller Betriebe klagen über massive Schwierigkeiten, Stellen mit Lehrabschluss zu besetzen. Universitätsabsolventen werden dagegen nur noch von mageren 8,1 Prozent der Unternehmen dringend gesucht. Wir bilden am Bedarf vorbei. Dabei ist die Lehre die beste Medizin gegen soziale Krisen: Daten des ibw („Lehrlingsausbildung im Überblick“, 2023) belegen, dass jene Bundesländer mit einer hohen Lehranfängerquote wie Oberösterreich, Salzburg oder Tirol die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweisen, während das akademisierte Wien mit fast 12 Prozent Jugendarbeitslosigkeit das Schlusslicht bildet.

Die USA bauen die „neue Elite“ mit unserem Modell

Ein Blick nach Übersee zeigt, wie blind Europa für die eigenen Stärken geworden ist. Bei einer Delegationsreise von Advantage Austria durch Chicago und Atlanta konnte ich mit österreichischen Vorzeigebetrieben wie Palfinger, KNAPP, Inteco oder STIWA sprechen, die vor Ort produzieren. Sie alle stehen vor derselben Herkulesaufgabe: Workforce Development.

Doch die Dynamik in den USA hat sich komplett verändert. Für den aktuellen KI-Boom, für den Bau und Betrieb gigantischer Rechenzentren und hochautomatisierter Logistikzentren braucht es keine Menschen, die auf niedrigstem Niveau stupide Handgriffe wiederholen. Und es braucht dafür überraschenderweise auch keine Master-Absolventen, die komplexe Systeme nur aus dem Lehrbuch kennen. Für moderne Wartung (Maintenance), Automation und Mechatronik braucht es Fachkräfte, die in der Lage sind, hochkomplexe, reale Probleme direkt an der Maschine zu lösen. Köpfe, die mit den Händen denken.

Bisher hinken die USA beim Fachpersonal im internationalen Vergleich zwar hinterher: rund 700.000 Apprentices auf 340 Millionen Einwohner, verglichen mit 1,2 Millionen Azubis im deutlich kleineren Deutschland. Genau dieser Unterschied erklärt, warum amerikanische Unternehmen derzeit so intensiv nach Vorbildern aus Österreich, Deutschland oder der Schweiz suchen. Das Problem für uns: Die Amerikaner holen im Eiltempo auf. Seit Beginn der aktuellen US-Administration wurden laut US-Arbeitsministerium bereits über 386.000 neue Apprentices registriert. Das entspricht einem gewaltigen Zwischenspurt.

Ein Weckruf für Europa: Es ist eins vor zwölf

Österreich hat rund 100.000 Lehrlinge, ein historisches Pfund, um das uns die Amerikaner beneiden. Doch während die USA die bürokratischen Hürden für Betriebe radikal abbauen, Qualifikationen wie Micro-Credentials anerkennen und das System mit Milliarden professionalisieren, verwalten wir in Europa den Mangel und klammern uns an den kollektiven Titel-Wahn.

Wir müssen aufhören, die Lehrlingsausbildung als gesellschaftliche „Notlösung“ abzutun. Es ist für Europa nicht mehr fünf vor zwölf, es ist eins vor zwölf. Während wir uns in endlosen Debatten über Vier-Tage-Wochen und akademische Befindlichkeiten verlieren, zieht die größte Wirtschaftsmacht der Welt mit unserem eigenen Modell im Sprint an uns vorbei.

Wo bleibt unser großer Aufbruch? Wo bleibt das laute, stolze Begehren für das Handwerk? Wir müssen uns in Europa endlich zusammenreißen, den akademischen Hochmut ablegen und die Macher wieder zu den echten Helden unserer Wirtschaft machen. Wenn wir das System jetzt nicht radikal modernisieren und aufwerten, stehen wir bald mit einer Million theoretischer Master-Arbeiten da, aber ohne eine einzige Hand, die die Welt von morgen überhaupt noch bauen oder warten kann.

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