10.03.2026
INTERVIEW

„Wenn du als Tech-Company nicht signifikant KI verwendest, bist du in der Krise“

Speedinvest-General-Partner Markus Lang im großen Interview über KI-Investments und die Auswirkung von KI auf den VC-Bereich.
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Markus Lang | (c) Speedinvest
Markus Lang | (c) Speedinvest

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 “Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Während das Risikokapital-Volumen in Österreich 2025 weiter drastisch sank, stach ein Bereich – wenig überraschend – positiv hervor: künstliche Intelligenz (KI). Global flossen im Vorjahr Schätzungen von Crunchbase, CB Insights oder PitchBook zufolge mindestens 50 Prozent des gesamten Risikokapitalvolumens in KI-Unternehmen. Österreichs größter und bekanntester Venture-Capital-Fonds Speedinvest hat ein eigenes Team für KI- und (digitale) Infrastruktur-Investments. Dessen Leiter ist General Partner Markus Lang. Im Interview sprachen wir mit ihm über KI-Startups im weiteren und engeren Sinn, die Gefahr einer Bubble, die österreichische und die europäische Risikokapitallandschaft und den Einsatz von KI bei Speedinvest selbst.


brutkasten: Man hört heute ständig, dass Venture Capital in der Krise steckt – mit Ausnahme von KI und Defense. Unterschreibst du das auch aus Sicht von Speedinvest?

Markus Lang: Nein. Ich bin der festen Überzeugung, dass KI der wesentlichste Plattform-Shift ist, den zumindest ich bis jetzt miterlebt habe. Er steht auf einer Stufe mit Mobile und dem Internet. Ich glaube sogar, dass wir uns das Ausmaß zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht vorstellen können. KI ist eine Querschnittsmaterie. Das heißt, die Unternehmen, die wir sehen, haben einen anderen Tech-Stack und verwenden KI in den unterschiedlichsten Bereichen. Wir bei Speedinvest sehen KI daher nicht als isoliertes Investment-Vertical, sondern als übergeordneten technologischen Durchbruch, der alle unsere Investment-Verticals – von B2B-Software über Gesundheit und Fintech bis hin zu Deeptech – massiv beeinflusst und verändert.

Wo ich zustimmen würde: Wenn du heute eine Tech-Company bist und nicht signifikant KI verwendest, dann bist du in der Krise. Du wirst es schwer haben, einen effizienten Wachstumskurs fortzusetzen. Aber Venture Capital per se ist nicht in der Krise.

Ihr habt bei Speedinvest eine eigene KI-Unit, die du leitest. Wenn KI überall drinsteckt, was ist dann der Fokus dieses spezifischen Teams?

Man muss sich mit der Frage beschäftigen: Was ist eigentlich eine KI-Company? Für uns gibt es „AI Companies“ im weiteren und im engeren Sinn. Die Unternehmen, über die wir gerade sprachen, sind solche im weiteren Sinn: Sie nutzen KI-Capabilities in der Produktentwicklung, im Marketing oder im Sales. Dann gibt es KI-Companies im engeren Sinn, die tatsächlich das Tooling oder die Infrastruktur für alle anderen Industrien bauen.

Ein Vergleich: Vor zehn Jahren war fast jede Firma eine „Cloud Company“, weil sie auf AWS oder Google Cloud lief. Aber es gab auch Infrastruktur-Player wie Docker, die die Cloud erst ermöglichten. Damit beschäftigt sich unser KI-Team: mit Enabling-Technologien und dem Foundational Layer. Unsere Regel ist aber, dass bei einem Deal immer zwei oder drei Teams involviert sind. Wenn wir eine KI-Lösung im Gesundheitsbereich mit Payment-Logik sehen, schauen sich das Kollegen aus den Health-, Fintech- und KI-Teams gemeinsam an.

Du sprichst die Infrastruktur an. Welche Rolle spielen Unternehmen, die an eigenen Large Language Models (LLMs) arbeiten? Siehst du Chancen für europäische Unternehmen, die eigene Modelle bauen?

Das ist eine hervorragende Frage, die wohl niemand abschließend beantworten kann. Ich glaube, dass für generalistische LLMs der Zugang zu Kapital entscheidend ist – und da haben wir als Europäer nicht den besten Track Record. Man kann argumentieren, dass Firmen wie Mistral europäische Champions werden. Ich kann aber auch der Skepsis etwas abgewinnen: Selbst wenn man ein, zwei Milliarden einsammelt, ist das im Vergleich zu OpenAI, Anthropic oder xAI wenig.

Wir glauben bei Speedinvest, dass es spezialisierte Modelle für hochkomplexe Anwendungsfälle brauchen wird. In diesem Bereich haben wir fünf oder sechs Investments getätigt. Ein gutes Beispiel aus Österreich ist Emmi AI, die ein Modell bauen, um physikalische Simulationen mittels KI zu verbessern. Das ist ein Use Case, der wohl nicht so schnell durch ein allgemeines Modell von OpenAI ersetzt wird.

Wie stellt man als Investor sicher, dass Startups wirkliche Alleinstellungsmerkmale haben, wenn viele Anwendungen auf den großen allgemeinen LLMs aufbauen?

Die Zeit der dünnen „LLM-Wrapper“, wo man 90 Prozent der Funktionalität aus einem Modell nimmt und in drei Wochen eine Website darum baut, ist vorbei. Das mag für kurze Zeit Umsatz bringen, reicht uns als VC aber nicht. Üblicherweise brauchst du einen „Moat“.

Das kann Spitzentechnologie in einer Nische sein, wie bei physikalischen Simulationen. Das zweite Alleinstellungsmerkmal ist proprietärer Zugang zu Daten oder ein tiefes Kundenverständnis. Das fehlt einem generalistischen Modell zwangsläufig. Wir schauen genau darauf: Versteht das Team den idealen Kunden besser als alle anderen? Haben sie „Unique Insights“ und Zugang zu Daten, die niemand sonst hat?

Habt ihr in der Hype-Phase auch mal danebengegriffen?

Natürlich greifen wir auch daneben, das gehört zum Risikokapital dazu. Wir haben zwar nicht in diese dünnen Wrapper investiert, aber wir hatten Fälle, wo Technologien, an denen jahrelang gebaut wurde, über Nacht durch KI obsolet wurden. Wir hatten beispielsweise ein Portfoliounternehmen, das virtuelle Fotostudios mittels komplexen 3D-Modellings gebaut hat. Dann kamen die großen Bildmodelle und plötzlich konnte jeder ein Bild „prompten“ – günstiger, schneller und einfacher. Der Business Case war weg.

Solche Fälle werden wir auch in der KI haben. Aber was ist die Alternative? Nicht zu investieren – während gerade riesige Unternehmen entstehen –, weil wir nicht wissen, was in fünf Jahren passiert? Das ist keine tragfähige Lösung, auch nicht für Europa.

Wie stark hat sich eure eigene Arbeit bei Speedinvest durch generative KI verändert?

Wir müssen glaubwürdig sein. Ich kann nicht von meinen Unternehmen verlangen, KI zu implementieren, und wir selbst lassen alles beim Alten. Wir nutzen Automatisierung in Research, Marketing, Finance und Reporting. Unser Ziel ist es, repetitive Tasks zu automatisieren, um effizienter zu werden und mehr Zeit für die Arbeit mit unseren Gründern zu haben.

Wird KI irgendwann Jobs im VC-Bereich ersetzen?

Das glaube ich nicht – zumindest solange es keine „Ultimate AGI“ gibt. Wir investieren letztlich in Menschen. Wir sind Dienstleister. Es geht darum, Motivationen zu verstehen, Menschen zu vernetzen und in diesem „Rollercoaster“, der zehn Jahre dauern kann, ein vertrauenswürdiger Partner zu sein. Wir nutzen KI für Sourcing oder Market-Research, wo wir früher Stunden verbracht haben. Aber um eine Zusammenarbeit zu vereinbaren, sich die Hände zu schütteln und in guten wie schlechten Zeiten zur Seite zu stehen – dafür wird es den menschlichen Kontakt nur noch mehr brauchen.

In der öffentlichen Diskussion fällt auch regelmäßig der Begriff „Bubble“. Gibt es Parallelen zur Dotcom-Blase? Das Internet hat sich bekanntlich durchgesetzt, aber dennoch haben damals viele Investor:innen Geld verloren …

Ich kann nicht ausschließen, dass es erhebliche Korrekturen gibt und die aktuellen Gewinner nicht die langfristigen Sieger sind. Das kann kurzfristig zu Verwerfungen führen. Aber ich bin sicher, dass wir am Beginn einer unfassbaren Transformation stehen. Das wird in fünf Jahren zehnmal so viele Lebensbereiche betreffen. Sich nicht damit zu beschäftigen, weil es kurzfristig eine Blase sein könnte, wäre ein Fehler.

Ich möchte noch einmal herauszoomen: Siehst du in den aktuellen geopolitischen Verwerfungen Chancen für Europa?

Ich bin ein glühender Europäer. Ich glaube, hier ist der beste Ort zum Leben, wir haben hervorragende Universitäten und sind ein reicher Kontinent. Wir müssen nur in die Gänge kommen. Wir brauchen einen gemeinsamen europäischen Kapitalmarkt und müssen mehr Kapital, das aktuell geparkt ist, in Innovation lenken. Wir müssen Late-Stage-Funding in Europa ermöglichen. In den USA finanzieren Pensionskassen und Stiftungen die Innovation – und die Rendite kommt den amerikanischen Pensionisten zugute. Diesen Kreislauf müssen wir in Europa dringend in Gang kriegen.

Woran hakt es?

Wir haben ein träges, nationalstaatliches System. Aber Wirtschaftswachstum in Europa ist untrennbar mit Technologie verbunden – ob Robotik, KI oder Industrie. Die Startups von heute müssen die Leitbetriebe von morgen werden, um unser Wirtschaftssystem am Laufen zu halten. Neun der zehn größten US-Firmen sind ehemalige Startups. Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, damit solche Firmen auch hier wachsen können: Zugang zu Kapital, Talent, Regulatorik und Exit-Bedingungen.

Wie wirkt sich der durch die aktuelle US-Politik teilweise heraufbeschworene Konflikt zwischen Europa und den USA auf euch aus? Ihr seid als Seed-Investor oft darauf angewiesen, dass US-Fonds in späteren Runden einsteigen.

„Money follows opportunities.“ Wenn die besten Gründer hier starten, werden globale Investoren kommen. Aber wir brauchen auch europäisches Growth Capital, um nicht ab der Series B von amerikanischen Investoren abhängig zu sein. Wenn wir das richtig aufsetzen, macht das nicht nur Investoren reicher, sondern eine ganze Volkswirtschaft.

Speedinvest hat angedeutet, sich selbst stärker in Richtung Growth Capital zu entwickeln. Gibt es da Pläne?

Das ist ein logischer Prozess. Wir sind im Kern ein Seed-Fonds und werden das auch bleiben. Aber wir haben über 15 Jahre gelernt, Top-Companies zu identifizieren. Wir haben begonnen, mit einem dedizierten Vehikel selektiv auch im Growth-Bereich zu investieren – primär ins bestehende Portfolio, aber auch in neue Unternehmen. Das sind Tickets von zehn bis 30 Millionen Euro. Von den Milliarden-Runden im Late-Stage-Bereich sind wir aber weit entfernt.

Kann der geplante österreichische Dachfonds einen signifikanten Beitrag für heimisches Growth Capital leisten?

Er ist ein gutes Mittel, um institutionelles Kapital zu mobilisieren. Wichtig ist aber, dass er wirklich zusätzliches Kapital in die Asset-Klasse bringt und nicht nur vorhandenes Geld umschichtet. Wenn man es schafft, neue institutionelle Anleger zu begeistern und edukativ zu wirken, kann das den Standort voranbringen.

Zuletzt ein kurzer Ausblick: Was ist von Speedinvest 2026 zu erwarten?

Wir werden das tun, was wir die letzten 15 Jahre gemacht haben: die besten Gründerinnen und Gründer Europas dabei unterstützen, große Companies zu bauen. Ich wünsche mir weniger Schlagzeilen über uns als Fonds, sondern viele große Schlagzeilen über die Erfolge unserer Beteiligungen, die Europa digitaler und zukunftsfitter machen.

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Andreas Klinger ist einer der Initiatoren von EU Inc | (c) brutkasten / Dervisevic
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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Nach mehreren Karrierestationen bei großen Tech-Unternehmen kehrte der Österreicher Andreas Klinger während der Coronakrise aus dem Silicon Valley nach Europa zurück. Mittlerweile zählt er mit seinem Fonds Prototype zu den einflussreichsten Deeptech-Investoren des Kontinents und kämpft mit der Initiative „EU Inc.“ für einen geeinten europäischen Markt. Im Interview spricht er darüber, worauf er bei Investments schaut, über Robotics als Europas Chance, die Schwächen des EU-Inc.-Entwurfs – und darüber, warum die EU für ihn nur ein „Debattierklub“ ist.


brutkasten: Dein Fonds Prototype wurde kürzlich von 20VC als zweitbester Microfund Europas genannt. Du selbst wurdest von Dealroom unter die Top 30 der „Most Influential People in Deeptech in Europe“ gelistet. Was ist dein Erfolgsrezept?

Andreas Klinger: Glück. Glück in der Karriere zu haben würde ich auch jedem empfehlen.

Du sprichst deine Karriere an: Du warst beispielsweise CTO von Product Hunt. Wie hilft dir das, was du zuvor gemacht hast, jetzt als Investor?

Fast alle Stationen in meiner Karriere – egal ob als Founder, bei Product Hunt, AngelList oder On Deck – haben mir eine sehr gute Metaperspektive auf Startups gegeben. Also nicht nur auf eine spezifische Branche, sondern auf Startups als eigene Gesamtmechanik, oder wie man in der Ökonomie sagen würde: wie man Hochrisiko-Investments in der Innovation Economy macht. Diese Metaperspektive gibt mir einen gewissen Vorteil, den der typische Investor nicht hat. Wobei ich der starken Überzeugung bin, dass der typische Investor keine Benchmark sein sollte. VC folgt dem Power Law, genauso wie Startups. Du konkurrierst nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit den oberen zehn, fünf oder einem Prozent und das auf globaler Ebene.

Du bist mittlerweile zu einer sehr starken Stimme für Europa geworden. Bevor wir über dein Engagement für die „EU Inc.“ sprechen: Wie ist der Beschluss gefallen, es in Europa mit einem eigenen Micro-VC zu versuchen?

Ich bin aktiv geworden, weil ich mitbekommen habe, wie immer mehr meiner amerikanischen Kollegen und Freunde sehr abfällig über Tech in Europa und generell über Europa geredet haben. Das Problem dabei war: Die Hälfte der Dinge, die sie gesagt haben, schwankte irgendwo zwischen Propaganda, Misinformation oder absolut schwachsinniger Simplifizierung. Die andere Hälfte hat aber leider ziemlich gestimmt. In Europa hast du durch den kleineren Markt echte Nachteile. Viele denken, Europa sei ein Riesenmarkt, aber das stimmt nicht, weil alles in Silos fragmentiert ist. Du agierst nicht auf europäischer Ebene, sondern auf österreichischer oder slowenischer Ebene. Die einzelnen Märkte können nicht mit Amerika oder vor allem mit China konkurrieren.

Skalierung ist hier ein reales Problem. Wenn du in deinem eigenen Land viele große Kunden hast, ist es leichter, groß zu werden. Ob wir das in Europa mit den verschiedenen Sprachen jemals lösen können, ist eine Frage, aber das Problem besteht eben auch auf Investorenseite. Wenn du als Startup von Tag eins an mit China und Amerika konkurrierst, summiert sich jeder kleine lokale Nachteil.

Aus der Grundidee heraus, dass wir paneuropäische Lösungen für paneuropäische Probleme brauchen, ist mein Engagement entstanden. Bei EU Inc. geht es zum Beispiel darum, wie man Corporate Investments und Stock Options auf paneuropäischer Ebene in einen Standard gießen kann, der groß genug ist, sodass jeder Investor auf der Welt mit drei Klicks mitmachen kann, ohne erst herausfinden zu müssen, wie das Rechtssystem in Slowenien funktioniert und ob der lokale Anwalt überhaupt Ahnung von Startups hat. In der Praxis macht das sonst niemand, weniger als 18 Prozent der Frühphasen-Investments sind paneuropäisch.

Vor einiger Zeit wurde der EU-Inc.-Verordnungsentwurf der EU-Kommission veröffentlicht. Du warst nicht ganz zufrieden damit. Was ist gut gelungen und wo muss man nachbessern?

Sehr spannend ist, dass die Kommission den Ansatz nach unserem Projekt benannt hat. Das Proposal selbst ist aber nicht wirklich das, was wir vorgeschlagen haben, sondern eine typische EU-Lösung. Das Hauptproblem: Weil die EU Angst vor einem einstimmigen Votum hat – das leider für alle großen Dinge in Europa nötig ist –, haben sie eine Art Workaround entwickelt. Sie sagen: Es bleibt alles national, aber es wird alles genau gleich aufgebaut. In der Praxis heißt das: Du hast zwar dieselbe rechtliche Entität in jedem Land, aber die Gerichtshöfe und Firmenbücher bleiben lokal. Es ist zwar toll als administrative Harmonisierung, aber wenn ich wirklich schnell 100 Millionen in eine Company investieren will, brauche ich absolute rechtliche Klarheit.

Der Gesetzgebungsprozess passiert erst jetzt. Was ist in den nächsten Schritten noch möglich, um Verbesserungen zu erzielen, und was ist der Plan B?

Grundsätzlich gibt es zwei Pfade. Der eine: Man repariert den jetzigen Vorschlag, indem man ein zentralisiertes Firmenbuch und einen zentralisierten Gerichtshof einführt. Das könnte man theoretisch sogar komplett optional gestalten, ähnlich wie beim Patentrecht. Plan zwei ist ein Neustart: Man versucht es noch einmal als echtes 28th Regime mit den korrekten EU-Artikeln, aber nicht über ein einstimmiges Votum, sondern über die sogenannte Enhanced Cooperation – ein Opt-in-Verfahren für einzelne Länder, das über die EU moderiert wird. Mindestens neun Länder müssen dafür an Bord sein.

Wir wissen, dass in einigen Ländern ein sehr starkes Interesse besteht. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die EU keine Regierung im klassischen Sinne ist, sondern eher eine Art Debattierklub. Die Länder müssen sich nun entscheiden: Wollen wir mehr Europa oder nicht? Die Spieltheorie macht das für die einzelnen Staaten sehr schwierig, weil zwar alle sagen, sie wollen mehr Europa, in Wahrheit aber niemand Kompetenzen abgeben möchte. Das ist die Grundfrage unserer Generation: Werden wir ein starker, vereinter Block wie die USA oder bleiben wir einzelne Länder mit ein paar Handelsbeziehungen wie in Lateinamerika? Letzteres wird von größeren Akteuren wie China und den USA sehr stark gegeneinander ausgespielt.

Du hast nun auch Erfahrungen als eine Art Insider in der EU-Politik gesammelt. Wie war das für dich persönlich?

Ich nehme daraus vier Learnings mit. Das erste: Die Kommission wird von den Mitgliedsstaaten gerne als „Shadow Government“ dargestellt – „die Bösen in Brüssel, die uns Dinge aufzwingen“. In Wahrheit liegt die gesamte Entscheidungsmacht bei den Mitgliedsstaaten. Alle Erfolge werden gerne national verbucht, alles Furchtbare ist europäisch.

Das zweite Learning: Der Job eines Politikers ist nicht so, wie man ihn sich vorstellt. Man denkt oft, man müsse nur die richtige Information zur richtigen Entscheidungsperson bringen und dann wird das Problem gelöst. Aber das Problem ist nicht, dass Politiker nicht zuhören. Sie hören Tausende Dinge, die sich widersprechen, von Leuten mit völlig verschiedenen Incentives. Der Job in der Policy-Arbeit besteht nicht darin, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen, sondern Signal versus Noise zu filtern und komplexe Probleme zu simplifizieren. Drittens besteht die Aufgabe von Politikern darin, Momentum wahrzunehmen und abzugleichen, wo wirklich Bewegung herrscht.

Und mein letztes Learning: Wenn du aus einem Meeting mit einem Politiker gehst und das Gefühl hast, du wurdest gehört, war es oft ein schlechtes Meeting. Ein guter Politiker gibt dir nämlich immer das Gefühl, gehört worden zu sein. Produktiv war das Meeting erst, wenn du wirklich die internen Probleme der anderen Seite verstanden hast. Wenn man in einem Startup arbeitet und überlegt, in die Politik zu gehen, ist mein Haupttipp ohnehin: Lass es. Du hast wahrscheinlich mehr politischen Einfluss, wenn du eine Company baust, die Millionen oder Milliarden an Umsatz macht.

Um auf deinen Fonds Prototype zurückzukommen: Bei all den Herausforderungen investierst du dennoch in europäische Startups…

Wir investieren aus zwei Gründen in Europa. Erstens, weil Europa die nächsten großen BIP-treibenden Unternehmen hervorbringen muss, sonst sind wir weg vom Fenster. Zweitens, weil der Markt extrem unterschätzt wird. Wir sind in Europa Weltmeister in Hardware, Maschinenbau und Robotics, verkaufen uns aber ständig unter Wert. Wenn du den besten Roboter für eine Industrie baust, is es dem Kunden völlig egal, ob er aus China, den USA oder Europa kommt – solange es wirklich der beste Roboter der Welt ist.

Wir investieren daher sehr aggressiv in Themen, in denen Europa stark ist und die wir auch strategisch behalten müssen. Robotics erlebt gerade eine unglaubliche Entwicklung, eine Art „ChatGPT-Moment“, wo auf einmal Dinge möglich werden, die vorher unvorstenbar waren. Gerade in der CEE-Region, von Slowenien über Österreich bis in die Schweiz und nach Süddeutschland, haben wir wahrscheinlich eines der besten Machinery- und Manufacturing-Netzwerke der Welt.

Was sind die Schlüsselmerkmale, auf die du bei Gründer:innen schaust, wenn du dich für ein Investment entscheidest?

Da ich sehr früh investiere, ist die Entscheidung stark auf die Founder fokussiert. Es gibt für mich zwei zwingende Dinge, die überraschend selten vorkommen. Das erste ist Obsession. Ich empfehle technischen Foundern oft, anfangs gar nicht so sehr über das Business-Modell nachzudenken, sondern sich wirklich obsessiv in ein Thema reinzutigern und darin zu den besten zwei Prozent in einer Region zu gehören.

Das zweite ist „Bias to Action“, also ein starker Drang zur Umsetzung. Wir haben leider eine Gründerkultur, die extrem auf Pitch-Decks, Competitions, Acceleratoren und Startup-Programme fokussiert ist. Das ist alles Bullshit. Was du als Gründer brauchst, ist die Fähigkeit, in kürzester Zeit möglichst weit voranzukommen. Wir neigen zu einer Intellektualisierung des Ganzen – man sucht nach der perfekten Idee, anstatt einfach Traction aufzubauen. Es bringt nichts, ein Pitch-Deck zu schreiben, bevor man mit Kunden geredet hat. Sprich mit 50 Kunden, hol dir die Aufträge: und wenn du nicht mehr nachkommst, such dir das Investment für diese große Opportunity.

Eine klassische Abschlussfrage: Wie optimistisch blickst du in die Zukunft – als Investor, aber auch bezogen auf Europa?

Ich glaube, Europa steht jetzt an einem Scheideweg. Wir müssen uns in einer Welt von Giganten entscheiden: Sind wir ein Gigant oder nur ein Netzwerk von guten Ländern? In Industrien, die dem Power Law folgen, bedeutet Marktdominanz alles – der Unterschied zwischen gut und großartig kann ein Faktor von eins zu hundert sein.

Es ist erschreckend, wie viele Zukunftsindustrien in Europa aktuell schon abgeschrieben werden. Wenn man in Brüssel redet, sagen viele, bei KI könnten wir ohnehin nicht mehr mithalten. Meiner Meinung nach ist das Blödsinn. Aber im aktuellen Setup, wenn wir als Europa nicht geeint auftreten, können wir tatsächlich nicht mithalten. Das Problem ist, dass diese Industrien die Zukunft sind. Aus Software wurde Cloud, aus Cloud wurde AI, aus AI wird nun Physical AI beziehungsweise Robotics. Mittlerweile zahlt jede Firma eine Art „ChatGPT-Steuer“. Wir können aber nicht ewig nur reine Kunden bleiben. Früher oder später müssen wir selbst Premium-Unternehmen haben, die Marktrelevanz besitzen, sonst sind wir geostrategisch einfach weg vom Fenster. Tech-Strategie und Geopolitik wachsen heute sehr stark zusammen.

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