29.10.2025
STUDIE

Was der neue „DEE Index“ über Österreich und den Donauraum verrät

Am Dienstag wurde im weXelerate der neue „Digital Entrepreneurship Ecosystem Index“ (DEE Index) des Vienna Institute for Global Studies (VIGS) vorgestellt – brutkasten war vor Ort. Die Analyse zeigt: Trotz stark ausgebauter digitaler Infrastruktur bleiben Skalierung, Finanzierung und Plattformökonomie die größten Schwachstellen im Donauraum.
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Foto: Konrad Gerger

Der neue Digital Entrepreneurship Ecosystem (DEE) Index des Vienna Institute for Global Studies (VIGS) zeigt, wie weit der Donauraum bei Infrastruktur und digitalen Kompetenzen aufgeholt hat – und wo die Region weiterhin zurückfällt. Für Österreich ist das Ergebnis doppelt relevant: Das Land gehört im Donauraum zur digitalen Spitze, bleibt jedoch beim Skalieren von Geschäftsmodellen und in der internationalen Sichtbarkeit hinter führenden Innovationsstandorten Europas zurück.

Entwickelt wurde der Index von einem Team rund um Zoltán Ács, László Szerb und Stefan Apostol. Der DEE Index betrachtet die Verbindung von Digitalisierung und Unternehmertum – über 170 Länder hinweg und entlang von vier Säulen: digitale Infrastruktur, digitale Bürgerkompetenzen, Plattformökonomie sowie Unternehmertum und Scaleup-Fähigkeit. Ein sogenannter „Penalty-for-Bottlenecks“-Ansatz soll dabei verhindern, dass Stärken Schwächen in anderen Bereichen überdecken können. Der Index versteht sich laut den Studienautoren als Diagnosewerkzeug für Politik und Ökosysteme: Schwachstellen sollen schneller sichtbar und gezielt adressierbar werden.

Der Donauraum: Fundament steht – Wertschöpfung fehlt

Die Analyse des Donauraums – 14 Länder, 115 Millionen Einwohner:innen – macht deutlich: Das digitale Fundament ist gelegt, aber die wirtschaftliche Wertschöpfung bleibt zurück. Die Region hat in den vergangenen Jahren massiv in digitale Infrastruktur investiert: Die Breitbandabdeckung ist um 30 Prozent gestiegen, 4G- und 5G-Netze sind nahezu flächendeckend verfügbar. Gleichzeitig nahm die digitale Kompetenz der Bevölkerung deutlich zu – und auch bei Cybersecurity legte der Donauraum mit einem Plus von 70 Prozent bei sicheren Internetverbindungen kräftig zu.

Doch bei Finanzierung, Internationalisierung und Plattformökonomie bleibt ein strukturelles Defizit: Weniger als 0,5 Milliarden US-Dollar Venture Capital fließen jährlich in Startups der Region – in Westeuropa sind es bis zu zehn Milliarden. Und nur jedes zehnte Startup skaliert über die Landesgrenzen hinaus; in Nordeuropa ist es jedes dritte. Damit bleibt ein Großteil der digitalen Wertschöpfung in globalen Plattformen verankert – und nicht in der Region selbst.

„Im Donauraum wurde viel gebaut, aber zu wenig skaliert. Wir haben eine digitale Basis, aber zu wenige Geschäftsmodelle, die daraus entstehen“, sagt László Szerb.

Österreich: Spitzenreiter mit Skalierungsproblem

Im regionalen Vergleich ragt Österreich klar heraus. Mit einem DEE-Score von 72 liegt das Land deutlich über dem Donauraum-Durchschnitt von 52. 57 Prozent der Unternehmen gelten laut EU-Kommission als „digital intensiv“, 55 Prozent der Bevölkerung vertrauen darauf, dass die EU ihre digitalen Rechte schützt. Auch bei Forschung und Entwicklung liegt Österreich vorn: Die Ausgaben sind doppelt so hoch wie im regionalen Mittel. Gleichzeitig fehlen aber rund 20.000 IT-Fachkräfte – ein struktureller Engpass für Wachstum.

„Österreich ist stabil, verlässlich und digital reif, aber Skalierung und Kapitalzugang bleiben die zentralen Herausforderungen“, betonen die Studienautoren.

Gerade bei der Plattformökonomie spielt Österreich noch kaum eine internationale Rolle. Abhängigkeiten von US-amerikanischen und asiatischen Tech-Giganten bleiben hoch – Wertschöpfung wandert ab.

Talent & Industrie im Wandel

Speziell in Industriebereichen wie Automotive, die im Donauraum stark verankert sind, kommt es zu tiefgreifenden Veränderungen. Wenn Entwicklung und Produktion zunehmend in andere Regionen verlagert werden, droht der Verlust hochqualifizierter Jobs – und damit jener Talente, die für neue digitale Geschäftsmodelle dringend benötigt werden. Die Fähigkeit, diese Kompetenzen im Inland zu halten, entscheidet künftig mit über die Innovationskraft des Standorts.

Was jetzt passieren muss

Die Studienergebnisse machen laut den Autoren klar, wo die Region ansetzen muss: Es braucht mehr Wachstumskapital, um erfolgreiche Startups und technologiegetriebene Firmen bis zur globalen Wettbewerbsfähigkeit zu begleiten.

„Wirklicher Fortschritt entsteht dort, wo Länder und Akteure ihre Stärken über Grenzen hinweg bündeln“, sagt Zoltán Ács. „Kooperation ist der Schlüssel, um Innovationen zu skalieren und die Region international sichtbar zu machen.

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Howie
© Suchart Wannaset - Ewa Lenart von Howie.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde nachträglich (11.9.2026) nach Erhalt eines Statements von Gründerin Ewa Lenart ergänzt.

„Ein Unternehmen mit 300 Ingenieurinnen und Ingenieuren gibt im Durchschnitt zwischen 1,8 und 36 Millionen Euro pro Jahr für die manuelle Informationsbeschaffung aus“, erklärt Ewa Lenart, Gründerin des Wiener Startups Howie, vergangenes Jahr. Ihr Unternehmen könne helfen, die Kosten dafür zu halbieren.

„AI Copilot for the Built Environment“

Dazu positionierte Howie sich als „AI Copilot for the Built Environment“. Die KI-gestützte Plattform für die Bau- und Immobilienbranche bereitet unter anderem Texte, Bilder und Konstruktionszeichnungen mit großen Datenvolumina auf. Dabei nutzt sie LLMs, um Muster in den Daten, etwa auch aus Berichten, E-Mails, Bildern und Zeichnungen, zu erkennen.

Zwei Investmentrunden 2025

Mit dem Konzept konnte Howie vergangenes Jahr mehrere Investoren überzeugen. Im März und im November 2025 verkündete das Unternehmen jeweils eine sechsstellige Finanzierungsrunde. Dabei dürfte es sich um Wandeldarlehen gehandelt haben: In den öffentlich einsehbaren Firmenbuch-Daten sind die Finanzierungsrunden nämlich in den Beteiligungsverhältnissen nicht ablesbar. Zudem holte Gründerin Lenart vergangenes Jahr den zweiten Platz in der Kategorie Startups beim brutkasten „Innovator of the Year“.

Konkursantrag – keine Details von Kreditschutzverbänden

Doch nun brachte das Startup einen Konkursantrag ein, wie die heimischen Kreditschutzverbände übereinstimmend berichten. Konkrete Informationen dazu liegen aktuell bei keinem der Verbände vor. Sollten die Investments tatsächlich in Form von Wandeldarlehen erfolgt sein, würde ihre Summe in die Passiva fallen.

Gründerin Lenart: Zwei Investments nicht rechtzeitig abgeschlossen

Auf brutkasten-Anfrage meldete sich Gründerin Ewa Lenart mit einem Statement zur Insolvenz. Man sei in einem „technisch sehr anspruchsvollen und noch relativ jungen Markt“ tätig, und habe in den vergangenen zwei Jahren ein starkes, wachsendes Interesse von weltweit führenden Architektur-, Ingenieur- und Beratungsunternehmen verzeichnen können. „Gleichzeitig erwiesen sich die Entwicklungs- und Implementierungszyklen in der Bau- und Immobilienbranche als länger und kapitalintensiver, als wir ursprünglich geplant hatten. Wir waren daher auf eine zusätzliche Finanzierung angewiesen, um die nächsten kommerziellen Meilensteine zu erreichen“, so die Gründerin.

Während der jüngsten Finanzierungsrunde habe man zwei Term Sheets mit etablierten Investoren unterzeichnet. „Letztendlich wurde jedoch keine der beiden Transaktionen innerhalb des Zeitrahmens abgeschlossen, den das Unternehmen benötigte“, schreibt Lenart. „Wir haben zudem ein deutlich schlankeres und stärker kundenfinanziertes Betriebsmodell geprüft, konnten die daraus resultierende Liquiditätslücke aber nicht rechtzeitig schließen.“

Weiterführung steht noch im Raum

Doch Lenart fügt an: „Die zugrunde liegende Marktthese ist aus meiner Sicht nach wie vor sehr stark. Als wir Howie gründeten, befanden sich KI-native Workflows für die Baubranche noch in einer sehr frühen Phase. In den letzten zwei Jahren haben sich die Investitionen und die Adaption in diesem Bereich deutlich beschleunigt.“ Man sehe weiterhin Interesse von Kunden und Branchenakteuren an Howie und seiner Technologie. „Ob und in welcher Form Teile des Unternehmens oder des Produkts fortbestehen werden, hängt nun vom Insolvenzverfahren ab“, so die Gründerin.

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