02.03.2026
KOLUMNE

Von Souveränität zu Resilienz – was das für Corporate Venturing wirklich bedeutet

In ihrer neuen Corporate-Venturing-Kolumne erläutert Viktoria Ilger, wie die aktuelle Souveränitäts-Debatte im Kontext von Innovation im Unternehmen verstanden werden kann und plädiert für das Konzept "Minimum Viable Ecosystem" (MVE).
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Viktoria Ilger
Viktoria Ilger | Foto: Viktoria Ilger/Adobe Stock (Hintergrund)
Corporate Venturing

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Wenn wir derzeit über Innovation in Europa sprechen, fällt ein Begriff besonders häufig: Souveränität. Doch was bedeutet sie konkret für Unternehmen – und für ihre Innovationsstrategie?

Souveränität ist zurück auf der politischen und wirtschaftlichen Agenda Europas. Egal, welche Veranstaltungen ich rund um Innovation und Corporate Venturing besuche – ich höre von Datensouveränität, technologischer Unabhängigkeit und eigenen Produktionskapazitäten.

Und ich halte diese Debatte für wichtig. Sie betrifft unmittelbar Fragen der Innovation – und damit auch des Corporate Venturing: Welche Produkte müssen wir künftig selbst entwickeln? Wo können wir bewusst mit europäischen Startups partnern? Und wo entscheiden wir uns strategisch dagegen, Lösungen großer internationaler Konzerne einzukaufen?

Dieser Tenor landet zwangsläufig bei der Innovation in Unternehmen. Und dennoch beschleicht mich immer wieder eine Frage: Verstehen wir Souveränität im Unternehmenskontext richtig – oder verwechseln wir sie mit Autarkie?

Für mich ist Souveränität kein Selbstzweck, sondern die Basis für Handlungsfähigkeit. Und Handlungsfähigkeit bedeutet heute nicht, alles selbst zu besitzen oder nachzubauen. Es bedeutet, Systeme so zu gestalten, dass sie auch unter Druck funktionieren.

Oder anders gesagt: weg von Autarkie – hin zu Resilienz.

Beteiligung als Unabhängigkeit – und ihre Grenzen

Corporate Venturing wurde in den letzten Jahren häufig mit einer klaren Erwartung verknüpft: Durch Beteiligungen Nähe schaffen, technologische Optionen sichern und damit strategische Unabhängigkeit gewinnen.

Das ist nachvollziehbar. Investments schaffen Zugang, Transparenz und Einfluss. Sie ermöglichen es, Entwicklungen frühzeitig zu verstehen und Optionen offen zu halten.

Und doch zeigt die Praxis: Eine Beteiligung allein garantiert noch keine langfristige Handlungsfähigkeit.

Viele europäische Startups werden hier früh finanziert, entwickeln starke Technologien – und skalieren später dort, wo größere Märkte und tiefere Kapitalpools zur Verfügung stehen. Spätere Finanzierungsrunden sind international häufig deutlich umfangreicher. Wer diese Runden prägt, beeinflusst oft auch strategische Richtung und Exit.

Das bedeutet ganz und gar nicht, dass Beteiligungen falsch sind – im Gegenteil, sie sind wichtig. Aber es bedeutet, dass Beteiligungen allein oft nicht ausreichen. Wenn Souveränität Handlungsfähigkeit sichern soll, müssen wir weiterdenken.

Was Corporate Venturing jetzt leisten muss

Ich glaube, dass es derzeit weniger um maximale Kontrolle geht – die ist in vernetzten Märkten ohnehin nur begrenzt möglich –, sondern um Resilienz. Um die Fähigkeit, auch dann handlungsfähig zu bleiben, wenn sich Rahmenbedingungen verschieben: Lieferketten verändern sich; technologische Sprünge beschleunigen sich; regulatorische Rahmenbedingungen entwickeln sich dynamisch.

Resilienz bedeutet in diesem Kontext nicht Abschottung, sondern Anschlussfähigkeit. Systeme so zu gestalten, dass sie flexibel reagieren können, ohne jedes Mal neu aufgebaut werden zu müssen.

Übertragen auf Corporate Venturing heißt das: Es geht nicht nur darum, einzelne Technologien zu sichern. Es geht darum, Wertschöpfung so zu vernetzen, dass sie belastbar bleibt.

Vom MVP zum Minimum Viable Ecosystem

Wenn wir heute von Venture Building, Venture Clienting oder strategischen Investments sprechen, orientieren wir uns häufig am MVP – am Minimum Viable Product. Wir testen Kernfunktionalitäten einer neuen Lösung, iterieren und skalieren. Doch viele der Herausforderungen, vor denen Unternehmen stehen, sind keine Produktprobleme mehr. Sie sind Systemprobleme: Energie, Kreislaufwirtschaft, Digitale Infrastrukturen und Lieferketten.

Ein Produkt kann funktionieren – und dennoch in einem instabilen Umfeld scheitern. Deshalb halte ich es für sinnvoll, hier um eine zusätzliche Perspektive zu erweitern: das Minimum Viable Ecosystem (MVE).

Es geht dabei weniger um ein neues Modell als um eine andere Betrachtungsweise. Ein MVE testet nicht nur, ob eine Technologie funktioniert, sondern ob ein Zusammenspiel tragfähig ist. Es geht nicht um die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Bausteins, sondern um die Stabilität des Gesamtsystems.

Ein Beispiel: Systemisch statt isoliert

Ein Automobilhersteller investiert in ein Batterie-Startup. In einer rein technologischen Betrachtung steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Batterie leistungsfähiger, günstiger oder effizienter ist als bestehende Lösungen. In einer Resilienzlogik stellt sich jedoch eine weitergehende Frage: Welche Akteure müssen von Anfang an mitgedacht werden, damit das Gesamtsystem stabil wird?: Ein Recycling-Spezialist, um Rohstoffabhängigkeiten zu reduzieren; ein Anbieter für Energiemanagement-Software, um Netzintegration zu sichern; möglicherweise Infrastruktur- oder Regulierungspartner?

Nicht, um alles selbst zu kontrollieren, sondern um Abhängigkeiten bewusst zu gestalten. Hier entsteht kein isoliertes Produkt, sondern ein belastbares Gefüge. Entscheidend ist, ob mehrere Akteure gemeinsam ein tragfähiges System bilden.

Corporate Venturing im Verbund denken

Das eröffnet eine strategische Perspektive. Wenn Unternehmen ähnlichen systemischen Risiken ausgesetzt sind – etwa Energieabhängigkeit oder Rohstoffknappheit –, warum sollten sie im Corporate Venturing ausschließlich isoliert agieren?

Gemeinsames Scouting, geteilte Pilotprojekte und komplementäre Rollen innerhalb einer Wertschöpfung – das sind keine politischen Konzepte, sondern operative Optionen innerhalb bestehender Corporate-Venturing-Strategien.

Orchestrierung als Weiterentwicklung

In einer solchen Logik verändert sich auch die Rolle der Corporate-Venturing-Einheiten. Sie sind nicht mehr nur Investorinnen oder strategische Übersetzer zwischen Startup und Konzern. Sie werden zu Gestalterinnen von Konstellationen. Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr: Passt dieses Startup zu uns? Sondern: Welche Kombinationen erhöhen unsere systemische Belastbarkeit?

Und genau hier – in dieser Fähigkeit zur Orchestrierung – könnte eine echte Weiterentwicklung des Corporate Venturing liegen. Vielleicht könnte Europa gerade hier einen strukturellen Vorteil entwickeln. Unsere Märkte sind fragmentierter, unsere Wertschöpfungsketten stärker verteilt, unsere regulatorischen Rahmen komplex. Das zwingt Unternehmen seit jeher dazu, stärker zu koordinieren, zu vermitteln und unterschiedliche Akteure zusammenzubringen.

Diese Fähigkeit zur Orchestrierung könnte im Kontext resilienter Innovationssysteme zu einem echten Wettbewerbsvorteil werden. Wenn wir den Fokus stärker auf diese Fähigkeit zur Zusammenarbeit legen – auf das bewusste Gestalten von Ökosystemen, dann wird Corporate Venturing zu einem Hebel für Resilienz.

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Manuel Prohaska ist Gründer von MPC² | (c) LA-Cinematics / MPC²

Es ist eines dieser Themen, mit denen sich Normalverbraucher:innen im Alltag zwar nicht beschäftigen, die aber letztlich indirekt alle betreffen: Korrosionsprüfung. Oder sehr vereinfacht gesagt: Rohre müssen leckagefrei sein und bleiben, vor allem dort, wo nicht nur sinnbildlich mit Hochdruck gearbeitet wird.

Doch die Überprüfung der Korrosionsbeständigkeit kritischer Komponenten bei bestehenden Anlagen ist mit dem derzeitigen Standard-Prozedere schwierig bis schlicht unmöglich. „Die regelmäßige Korrosionsprüfung ist in manchen Märkten und Anwendungen verpflichtend, kann jedoch verlässlich nur im Labor durchgeführt werden. Dazu müssen Bauteile ausgebaut werden, was teilweise einfach nicht möglich ist. Daher behilft man sich oft mit separaten ‚Qualifizierungsstücken‘, vor allem während der Fertigung der Komponenten. Und dann dauert die Überprüfung im Labor mindestens eine, oftmals bis zu sechs Wochen“, sagt Manuel Prohaska, Gründer des steirischen Startups MPC².

Korrosionsprüfung direkt vor Ort in Stunden statt Wochen

Mit dem patentierten System „Corrosion Ray“ arbeiten er und sein Team an einer Lösung. „Wir versuchen, die Korrosionsprüfung zu revolutionieren, indem wir sie zum Kunden bringen, anstatt der Kunde die Proben zu uns ins Labor“, sagt Prohaska. Mit dem mobilen Gerät lassen sich Rohre und insbesondere deren Schweißnähte ohne Beschädigung direkt vor Ort prüfen. „Wir nutzen dazu elektrochemische Methoden und liefern Ergebnisse, die qualitativ und vor allem quantitativ Laborergebnissen entsprechen“, so der Gründer.

Nicht nur die Überprüfungszeit lasse sich damit von Wochen auf Stunden reduzieren. „Auch der Umweltaspekt ist nicht zu vernachlässigen. Wir sparen mit der Methode im Vergleich zur konventionellen Auslagerungsprüfung 99 Prozent der Energie, brauchen kaum Chemikalien und deutlich weniger Wasser“, sagt Prohaska. Für Kunden sei aber der finanzielle Aspekt am entscheidendsten. „Bei großen Anlagen bedeutet ein Tag Ausfall sechs- bis siebenstellige Einbußen“.

„Wir sind mit unserer Prüfmethodik einfach näher an der Wahrheit“

Prohaska weiß sehr genau, wovon er spricht. In seinen früheren beruflichen Stationen baute der studierte Werkstoff- und Korrosionswissenschaftler nicht nur genau die fachliche Expertise auf, die er jetzt mit MPC² umsetzt. Als Geschäftsführer von Betrieben mit mehreren Hundert Mitarbeiter:innen lernte er auch die betriebswirtschaftliche Seite genau kennen.

(c) LA-Cinematics / MPC²

Aktuell befindet sich „Corrosion Ray“ aber noch im fortgeschrittenen Prototypen-Stadium. Die Technologie dahinter nicht: Schon jetzt setzen mehrere Stahlkonzerne, Komponenten-Hersteller und Chemie-Riesen, die auch die Zielgruppe für das neue System sind, auf die bestehenden Korrosionsprüfungs-Angebote von MPC² – teilweise mit sechsstelligen Auftragseingängen. „Wir haben einen speziellen Prüfstand, mit dem wir unsere Methode auch mit konventionellen Korrosionsprüfungen vergleichen. Wir sind mit unserer Prüfmethodik einfach näher an der Wahrheit, als mit den alten Methoden, die lange dauern und gleichzeitig relativ ungenau sind“, so Prohaska.

Mit Predictive Maintenance auf den Weltmarkt

Momentan ist das Angebot mit diesem Prüfstand noch der lukrativste Geschäftsbereich des Unternehmens. In den kommenden Jahren soll sich das ändern. Bis 2035 will MPC² auf 60 Millionen Euro Jahresumsatz anwachsen. Davon soll „Corrosion Ray“ laut Plan 65 bis 70 Prozent bringen. Technologisch soll dann der Bereich Predictive Maintenance im Zentrum stehen. „Wir können Kunden schon jetzt sehr genau sagen, wo es in ein paar Jahren Probleme beim Material geben wird. Mit den Daten, die wir jetzt dazu sammeln, wollen wir diese Lebensdauer-Vorhersage mit Hilfe von KI künftig noch deutlich präziser machen“, erklärt Prohaska.

Um diese Ziele umzusetzen, will das vierköpfige Team in einem ersten Schritt 600.000 Euro Investment-Kapital aufnehmen, mit dem die Kleinserienfertigung von „Corrosion Ray“ aufgebaut werden soll. „Wir halten schon jetzt Ausschau nach strategischen Investoren. Noch wichtiger werden die, wenn es in einigen Jahren an die große Produktion geht“, sagt der Gründer. Dann sei auch eine größere Kapitalrunde geplant.

aws als größter Fördergeber – „sonst wären wir nicht so weit gekommen“

Bislang finanziert sich das Unternehmen aus den eigenen Umsätzen und aus Förderungen. Dank der hohen Auftragseingänge werden kommendes Jahr die Unternehmenseinnahmen erstmals den Förderbetrag übersteigen. Dennoch sei man noch auf die Fördergelder angewiesen. „Den mit Abstand größten Anteil beim Fördervolumen hatten die Programme aws Preseed und aws Seedfinancing – Deep Tech“, erzählt Prohaska. „Das war extrem wichtig, sonst wären wir nicht so weit gekommen.“ Dabei betont der Gründer auch das Service: „Wenn man etwas gebraucht hat, waren sie immer da.“


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienbeauftragung mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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