02.07.2025
TOXIC TIPPS

Von Bullshit-Walls und verpassten Millionen: Eine Erzählung der schlechtesten Ratschläge

„Soll ich’s wirklich machen oder lieber sein lassen?“ Diese quälende Frage kennt jede Gründerin und jeder Gründer. Bei einem „Ja“ beginnt oft die Zeit der Hochspannung, in der man beobachtet, wie sich erhaltene Ratschläge in der Praxis auswirken – meist unspektakulär, manchmal sehr gut. Manchmal wünscht man sich, die Zeit zurückdrehen zu können, um den Rat nicht zu befolgen. Wir haben Gründer:innen nach ihrem besten und schlechtesten Ratschlag gefragt – und wie sie mit den Folgen umgingen.
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Propeller, hokify, Journi, ESG Plus, Dachgold, Austrian Startups, Job Twins
© Belinda Thaler/M.Wiglinzki_ESG_Plus/Daniela Clemencic/Journi/Austrian Startups/hokify/Job Twins - (v.o.l.) Karl Edlbauer, Mitgründer hokify, Hannah_Wundsam_Co-Managing Director bei AustrianStartups, Cornelia Daniel Founderin von Tausendundein Dach, Katharina Miller, Founderin JobTwins (m.l.), Armand Colard, geschäftsführender Gesellschafter bei ESG Plus (m.r.), Andreas Röttl, Founder Journi (u.l.) und Ana Simic, Founderin Propeller (u.r.).

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Juni 2025 “Neue Welten” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Man starrt in die Luft, die schwer wie Blei ist, und denkt sich: „Ja, guter Rat ist teuer. Doch wie viel kostet schlechter Rat?“ Nun weiß man es: Man blickt auf die Folgen seines Handelns, das zwar freiwillig war, aber dennoch getrieben von den Ideen anderer. Die Erkenntnis, einen Fehler begangen zu haben, bricht über einen herein wie eine Welle im Meer oder wie ein Haufen hungernder Investor:innen bei einem hochskalierbaren Produkt, das kein anderer besitzt. Zumindest bleibt nach dem schlechten Ratschlag, dem man tatsächlich gefolgt ist, etwas übrig: Man hat was gelernt.

Firma nach den Wünschen einer Person umbauen

Nicht ganz derart dramatisch, aber ähnlich ist es Armand Colard gegangen. Er ist geschäftsführender Gesellschafter bei ESG Plus – einem Unternehmen, das sich auf die Überprüfung der Nachhaltigkeit von Anlageprodukten spezialisiert hat.

„Der schlechteste Vorschlag, den ich jemals befolgt habe, war, die Struktur meines Unternehmens so zu verändern, dass sie zur Wunsch-Job-Description einer leitenden Person im Unternehmen passte und nicht zu dem, was das Unternehmen in diesem Moment tatsächlich gebraucht hätte. Mein Learning daraus war, niemals mehr Jobs um eine Person herum zu ‚bauen‘, egal wie talentiert diese Person auch sein mag.“

Die Folgen seiner Entscheidung waren aus Sicht des gesamten Unternehmens eine ineffizientere Struktur sowie der Verlust der Agilität und eine veränderte (negative) Teamdynamik. „Und höhere Fluktuation, als ich die Sache wieder in Ordnung gebracht habe“, erinnert sich Colard. „Reparieren konnte ich es nur, indem ich die Person gehen ließ, da unsere Vorstellungen zu weit auseinanderlagen.“

Eine hilfreiche Anmerkung dagegen, die der Founder befolgt hat: Mehr auf den Markt zu hören, statt die eigenen Wunschprodukte auf Biegen und Brechen durchsetzen zu wollen. „Dadurch konnten wir in den letzten Jahren eine skalierbarere Lösung finden, die weniger ressourcenintensiv ist und sich breiter ausrollen lässt“, sagt Colard. „Als direkte Folge daraus sind wir (kosten)effizienter geworden und können jetzt mehr Kund:innen mit derselben Anzahl an Mitarbeiter:innen bedienen.“

Netzwerken als schwarzes Loch

Hannah Wundsam, Co-Managing-Director bei AustrianStartups, erinnert sich ebenso an den einen Satz, den sie heute als schlechtesten Rat ihrer Laufbahn bezeichnet: „Einem weiteren Netzwerk beizutreten, kann nie schaden.“

In ihrer Anfangszeit war besonders Networking das Dogma der ersten Jahre, wie es für viele erfolgreiche Gründer:innen nicht unüblich ist: „In einer Führungsrolle im Startup-Ökosystem bekommt man ständig Einladungen, neuen Netzwerken, Boards oder Organisationen beizutreten. Anfangs habe ich viele dieser Angebote angenommen, mit der Idee, dass mehr Vernetzung immer besser sei. Doch irgendwann war ich an einem Punkt, an dem die Verpflichtungen einfach zu viel wurden: Veranstaltungen an fast jedem Abend, Retreats an Wochenenden und immer wieder Terminüberschneidungen.“

Wundsam betont, dass das Problem nicht zwangsläufig an den Netzwerken lag, die sie doch mitunter als spannend und wertvoll empfand, sondern an etwas anderem: „Meine Zeit und Energie sind begrenzt. Heute nehme ich neue Rollen oder Mitgliedschaften nur noch sehr bewusst an – denn jedes ‚Ja‘ zu einer Gelegenheit ist gleichzeitig ein ‚Nein‘ zu fünf anderen. Die selektierten Netzwerke und Veranstaltungen versuche ich dann mit voller Präsenz und Energie zu nutzen und mich einzubringen.“

Beim besten Tipp in ihrem Startup-Leben denkt Wundsam an Daniel Cronin, seines Zeichens Co-Founder von AustrianStartups und Speaker: In ihrem ersten Jahr im Startup-Thinktank brachte der Gründer den Begriff „Bullshit-Wall“ in ihr Leben – und erklärte, dass Personen, die bereits einiges erreicht haben, so eine Wand hätten.

„Das bedeutet“, erklärt Wundsam, „wenn du ihnen eine E-Mail schreibst, sie aber nicht antworten und du nicht mindestens drei Follow-ups schickst, dann kann dein Anliegen offenbar nicht so wichtig sein. Die meisten ignorieren deine Nachricht nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil sie ihre Zeit für die wirklich wichtigen Dinge schützen müssen. Dieser Rat hat meine Einstellung zu Follow-ups grundlegend verändert – von ‚unangenehm und pushy‘ hin zu ‚relevant und durchhaltend‘. Und genau das hat mir die Tür zu vielen spannenden Persönlichkeiten geöffnet.“

Verpasste Millionen

Andreas Röttl wiederum, der Gründer des Reise-Scaleups Journi, hat etwas auf einen Rat unterlassen, was ihm heute ein Millionenvermögen eingebracht hätte. Er hatte das Vorhaben gefasst, drei- bis fünftausend Euro in Bitcoin zu investieren, als der Kurs bei 50 Euro pro Coin lag.

„Ich bin dadurch leider kein Bitcoin-Millionär geworden. Aber so habe ich mich noch mehr auf den Erfolg von Journi konzentriert. Wer weiß: Wenn man fünf bis zehn Millionen mehr am Konto hat, reagiert man in gewissen Situationen vielleicht anders“, sieht er das pragmatisch.

„Einer der schlechtesten Ratschläge, den ich Gott sei Dank nicht befolgt habe, war, die ‚Journi Print App‘ nicht zu bauen. So ziemlich jeder, den ich kenne, hat uns davon abgeraten. Wir haben es trotzdem getan, und der Erfolg gibt uns recht.“

Zu den besten Worten, die als Ratschlag an das Ohr des Founders gedrungen sind, gehört folgende Aussage von US-Investor Peter Thiel: „Never fuck up the culture.“

Thiel hatte dies 2014 dem Airbnb-CEO Brian Chesky mitgegeben, als Röttl und sein Team just mit Journi in den USA waren.

„Wir hatten das Glück, dass uns Airbnb damals zu sich ins Büro eingeladen und eine Tour gegeben hat“, erinnert sich der Founder. „Das Thema war gerade in aller Munde und ist bei uns Gründern hängen geblieben. Aufgrund schlechter Erfahrungen bei anderen Firmen in der Vergangenheit haben wir das zu unserem Credo gemacht. Die zwei Dinge sind die Basis für unseren Erfolg.“

„Der Karriere wegen“

Bei Ana Simic, Gründerin und CEO der AI-Consultancy Propeller, gab es explizite Warnungen vor dem Ratschlag, den sie befolgt und der zu schweren Phasen in ihrer Job-Laufbahn geführt hat.

„Ich bin dem Rat gefolgt, der ‚Karriere wegen‘ einen Job bei einer Führungskraft anzunehmen, vor der mich Kolleg:innen gewarnt haben. Sie sei schwierig im Umgang mit eigenen Mitarbeiter:innen“, sagt Simic. „Das ist mir sogar ein zweites Mal passiert. In beiden Fällen habe ich dieselbe Erfahrung wie die Kolleg:innen gemacht und wirklich schwierige Zeiten durchlebt. Dadurch habe ich aber gelernt, dass mir eine gute, menschliche, offene und freundschaftliche Beziehung mit meinen Führungskräften und meinen Mitarbeiter:innen sehr wichtig ist und ich darauf immer besonders viel Wert lege. Und dass ich nicht jeden Job um jeden Preis mache.“

Der beste Tipp, den Simic erhalten hat und den sie gerne weitergibt, ist, dass es mit großartigen Menschen fast egal ist, was man mit ihnen mache: „Man kann jede Herausforderung gemeinsam meistern und dabei richtig Spaß haben. Diesen Rat kann man nicht oft genug wiederholen. Orientiert euch in eurer Karriere an Menschen, nicht an Titeln, Marken oder Logos!“

Produkt-Upcycling

Katharina Miller, Founderin und General Manager der Jobsharing-Plattform JobTwins, wartet gleich mit drei ihrer „Top-Worst-Advices“ auf: „Gründe eine GmbH, das brauchst du, sonst nimmt dich keiner ernst“ war einer. „Ich frage mich, ob Männer auch diesen Ratschlag bekommen hätten“, sagt sie.

Ein weiterer lautete, eine SaaS-Lösung zu entwickeln. Das „skaliere nämlich am besten und würde am meisten gefundet“. Den dritten wohlgemeinten, aber unnützen Ratschlag, den sie befolgt hat, teilt sie mit Hannah Wundsam. Er lautete: „Du musst auf Netzwerkveranstaltungen präsent sein, sonst kennt dich keiner.“

Die Folge davon war Ressourcen-Intensität auf allen Ebenen, wie Miller erzählt: „Eine GmbH zahlt sich einfach erst ab einem gewissen Umsatz aus und ist vorher einfach nur eine komplexe Gesellschaftsform. Und eine SaaS-Lösung zu bauen, nur weil man schon ein IT-Produkt hat, zwei Kunden zudem meinten, sie brauchen genau so etwas, und weil mich die Startup-Bubble dabei angefeuert hat, war ziemlich dumm. Das verbrauchte viel Arbeitszeit und Geld. Ich konnte Teile der Architektur letztlich für ein neues Cloud-Produkt abwandeln; ein Produkt-Upcycling quasi.“

Die Sache mit den Netzwerkveranstaltungen nennt die Founderin hingegen „ein Fass ohne Boden“. „Das kostet einfach nur viel Zeit und Energie und bringt aber so gut wie keinen Umsatz. Da hilft nur Konsequenz“, so ihre heutige Einstellung.

Der beste Rat für sie war, „auf ihre innere Stimme zu hören“, denn die hatte eigentlich bei allen drei Fällen gewarnt. „Gerade als Gründerin und Unternehmerin brauchst du eine verlässliche und klare innere Stimme. Um die zu hören, war bei mir jedoch zuvor noch etwas Kalibrierung des Kompasses nötig. Das macht das Leben dann wesentlich einfacher.“

„Seeking Perfection“

Karl Edlbauer, Co-Founder von hokify, das 2024 zu einer Bewertung von 40 Millionen Euro vollständig an karriere.at ging, hörte etwas, das wohl anderen aus der Startup-Szene ebenfalls ein Begriff ist. „Einer der schlechtesten Ratschläge war definitiv: ‚Warte, bis du die perfekte Idee hast‘“, erinnert er sich. „Wenn du aber auf den perfekten Moment wartest, startest du nie. Viele bleiben genau deshalb in der Theorie hängen; aus Angst, dass es noch nicht ausgereift genug ist.

Die Folgen dessen waren beim heutigen Co-Founder und CEO der yfactory, die sich auf Consulting-Services fokussiert, jedoch nicht verheerend. Er und seine damaligen Mitgründer Daniel Laiminger und Simon Tretter hatten nämlich zu ihrem Glück eines relativ früh verstanden:

„Es geht nicht darum, mit der perfekten Idee zu starten, sondern darum, Ideen zu testen, anzupassen und auch wieder zu verwerfen. Was wirklich zählt, ist Begeisterung für ein Thema, ein Problem, ein Produkt. Wenn dich etwas packt, dann fang an. Durch echte Neugier, schnelles Feedback und kontinuierliches Weiterbauen ist auch bei uns aus einer Idee etwas richtig Starkes geworden. Klarheit entsteht nicht durch Nachdenken, sondern durchs Tun.“

Eine Kultur zu schaffen, in der man wachsen kann, ist der beste Ratschlag, der Edlbauer im Kopf geblieben ist. „Der Alltag als Gründer ist intensiv“, sagt er, „umso wichtiger ist es, ein Umfeld zu schaffen, in dem man gerne arbeitet; mit einem Team, das einen inspiriert.“

„Politik schlägt Technik“

Cornelia Daniel, Mitgründerin der Photovoltaik-Initiative Tausendundein Dach und Inhaberin der Solarberatung Dachgold, hat 2008 begonnen, Solaraktien zu kaufen. Vier Jahre danach, als der Niedergang der deutschen Modulhersteller begann und sie jedoch „noch gute Gewinne zu realisieren hatte“, fragte sie einen Hobbyfinanzberater um Rat.

„Weil ich gerade das Gefühl hatte, dass es jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, zu verkaufen. Es war nur ein Zwei-Minuten-Gespräch und er sagte sinngemäß: „Nein, das wird schon wieder besser, du solltest behalten.“

Sie hörte entgegen ihrem Gefühl auf den Ratschlag und verlor am Ende alles. „Weil ich damals sehr bald ins Minus gerutscht bin und dann eben nicht verkaufen wollte. Irgendwie hatte ich dann immer noch die Hoffnung, dass es die Firma schafft.“

Dies geschah nicht, Daniel jedoch hatte ein Learning mitgenommen: „Es ist schwer, mit Solaraktien Geld zu verdienen, weil so viel Politik in das Energiethema reinspielt. Politik schlägt Technik.“

Was die Gründerin aber getan hat, war, in eine eigene PV-Anlage und in gemanagte Solarfonds zu investieren. Heute blickt sie auf 15 Prozent Rendite und seit fünf Jahren auf Gratis-Strom aus der Anlage zurück. „Den Solarfonds habe ich nach circa zehn Jahren mit 100 Prozent Gewinn verkauft, auch wenn er dann noch mal sehr stark angestiegen war. Ich wollte aber nicht wieder den gleichen Fehler machen.“

Den besten Rat bekam sie vor der Unternehmensgründung von Dachgold: „Nimm nur Ratschläge von Menschen, die dort sind, wo du sein willst.“

„Diesen Ratschlag finde ich so essenziell wichtig, weil so ziemlich jeder Ratschlag eine autobiografische Komponente hat, und das sollte man immer im Hinterkopf haben“, sagt sie. „Man lässt sich leicht von Menschen beeinflussen, die ‚eh alles besser wissen‘, und gerade hier lohnt es sich, zu prüfen, wo der- oder diejenige gerade selbst steht. Bei meinen Gastvorträgen an der Karl-Franzens-Universität zum Thema ‚Sustainability Entrepreneurship‘ ist das mitunter einer meiner wichtigsten Inhalte.“


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brutkasten hat Paul Blaguss zum Interview getroffen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Das Wiener Familienunternehmen Blaguss hat zwölf batterieelektrische Reisebusse in den Regelbetrieb genommen und zählt damit zu den ersten Anbietern Österreichs, die E-Fahrzeuge im Reise- und Linienverkehr einsetzen. Geschäftsführer Paul Blaguss, der in seinem Berufsleben über 2.500 Busse gekauft und verkauft hat, spricht im brutkasten-Interview über die Wahl des chinesischen Herstellers Yutong, über ein hartes Zeugnis für die europäische Industrie und die EU-Industriepolitik, über Millioneninvestitionen in Lade- und Energieinfrastruktur und darüber, warum die Zukunft der Mobilität für ihn elektrisch, digital und perspektivisch autonom ist. Ein Gespräch über Standortfragen, Startup-Beteiligungen und die Frage, wann der letzte Buslenker in Pension geht.

Blaguss hat 2024 und 2025 einen zweistelligen Millionenbetrag in die Elektrifizierung der Flotte investiert. Was war der ausschlaggebende Grund?

Überall dort, wo es technologisch und produktseitig schon so weit ist, hat die Elektromobilität deutliche Vorteile gegenüber herkömmlichen Antrieben. Das fängt bei ganz banalen Dingen an: Standklimaanlage und Standheizung. Wenn ein Bus in der Nacht bei 40 Grad auf den Fahrer wartet, ist er vorgekühlt, ohne dass ein Motor läuft. Dazu kommt, dass wir in Österreich sehr viel Strom aus erneuerbarer Energie gewinnen, das hat einen enormen Impact. Für mich ist hundertprozentig klar, dass Elektromobilität die Zukunft ist.

Paul Blaguss am Firmengelände im 23. Bezirk vor einem der neuen batterieelektrischen Reisebuss | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Sie haben sich für den chinesischen Hersteller Yutong entschieden. Hätten Sie lieber europäisch gekauft?

Natürlich. Wir sind seit Jahren einer der Top-drei-, vier-Kunden von Daimlers Premiummarke Setra, ich kenne dort sämtliche Entwickler und den Vorstand, und wir finden die Produkte hervorragend. Aber Mercedes und MAN können heute keinen elektrischen Reisebus liefern, MAN kommt nächstes Jahr, Mercedes erst um 2030. Wir haben weltweit den Markt erkundet und sind relativ schnell in China gelandet, dort haben wir uns fünf, sechs, sieben Hersteller angesehen. Yutong erfüllt unsere Anforderungen an Qualität, Ausstattung, Erfahrung und Mindset am besten, das Fahrzeug hat eine Batteriegarantie von 15 Jahren für 1,5 Millionen Kilometer. Davon ist das, was Deutschland anbieten wird, meilenweit entfernt. Ich habe schon 2015 in Entwicklungsgesprächen gesagt, dass das kommt, das wollte man nicht hören. Die europäische Industrie ist nicht rechtzeitig auf diesen Zug aufgesprungen, das hat man schlicht verschlafen. Wasserstoff spielt im Pkw übrigens keine Rolle und im Busbereich höchstens im Fernverkehr, der Antrieb der Zukunft ist elektrisch.

Wie blicken Sie auf die Debatte rund um „Made in Europe“ und die Standortpolitik?

Made in Europe ist wichtig, wir brauchen Wertschöpfung in Österreich und in Europa. Ich finde es auch in Ordnung, ausländische Produzenten zu einer gewissen Wertschöpfung in Europa zu verpflichten. Die wesentlichen Komponenten dieses chinesischen Busses kommen ohnehin aus deutscher Industrie, da sind Bosch und ZF Friedrichshafen drinnen. Die Mobilitäts- und Industriepolitik der EU sehe ich in einigen Punkten durchaus kritisch. Man kann nicht den Import seltener Erden erschweren und gleichzeitig glauben, bei der Batterietechnologie aufzuholen. Wir können Batterien zu 99 Prozent recyceln, aber dann muss man die Voraussetzungen schaffen, dass hier wirklich geforscht werden darf, bis hinunter zu den nötigen Rohstoffen. In den vergangenen Jahren war die politische Linie zur Elektromobilität, sowohl auf Ebene der Bundesregierung als auch der EU, nicht immer konsistent. Aus meiner Sicht braucht es hier mehr Planbarkeit, Verlässlichkeit und Konsequenz.

Technologieoffenheit ist in dieser Debatte zu einem echten Buzzword geworden. Grundsätzlich ist diese Offenheit natürlich wichtig. Gleichzeitig sprechen die aktuellen Entwicklungen ganz klar dafür, dass die Elektromobilität im Pkw- und Busbereich die Zukunft ist.

Zwölf E-Reisebusse des chinesischen Herstellers Yutong hat Blaguss in den Regelbetrieb genommen | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Parallel investieren Sie massiv in die Energieinfrastruktur. Was bedeutet das konkret?

Wir hatten am Standort ursprünglich rund 150 bis 200 kW Anschlussleistung, die haben wir auf 1,2 Megawatt versechsfacht. Die Photovoltaik haben wir in mehreren Etappen auf rund 235 kWp ausgebaut und dazu einen Batteriespeicher von 1,5 Megawatt gebaut, um am Spotmarkt besser agieren zu können. In der Nacht ist Strom günstiger, im Sommer fallen die Preise zwischen 10 und 15 Uhr bei Sonnenschein teilweise sogar ins Negative. Dann ist es sinnvoll einzuspeisen, und wenn die Busse zurückkommen, laden wir sie entsprechend. Das ist auch eine Antwort auf die Dieselpreise jenseits der zwei Euro: In Österreich produzieren wir rund 80 Prozent unseres Stroms erneuerbar, würden wir alle Pkw umstellen, bräuchten wir zehn Prozent mehr Strom, die Busse und Lkw noch einmal fünf bis sechs Prozent. Das ist machbar.

500 Kilometer Reichweite: Wo sind aktuell die Grenzen?

Wir haben das gesamte Jahr 2024 analysiert und kommen zu dem Schluss, dass wir 95 Prozent aller Fahrten elektrisch durchführen können, die Reichweite schätzen wir sogar eher über 550 Kilometer. Acht dieser Busse werden schrittweise Linien in Bratislava bedienen, das sind Fahrzeuge mit 200.000 bis 250.000 Kilometern im Jahr. Beim Song Contest hatten wir das erste große Event, das wir mehrheitlich elektrisch gefahren sind. Das Feedback von Fahrern und Kunden ist hervorragend, der Kunde merkt den Unterschied gar nicht, außer dass es ruhiger ist.

brutkasten-Chefredakteur Martin Pacher im Gespräch mit Paul Blaguss über E-Mobilität, Energieinfrastruktur und autonomes Fahren | (c) brutkasten / Haris Dervisevic

Blaguss investiert auch in Startups. Mit welcher Motivation?

Vor rund neun Jahren, als die Elektromobilität noch sehr stiefmütterlich behandelt wurde und kein Hersteller sie wirklich wollte, haben wir mit VIBE begonnen. VIBE kann elektrische Großflotten managen und servicieren, das wird relevant, wenn etwa Uber mit einer autonomen Flotte nach Wien kommt: Die haben bisher Taxiunternehmen gemanagt, aber nie ein eigenes Auto, das kann VIBE. Taxi, Sharing und Firmenflotten wachsen zu einer Dienstleistung zusammen, und diese Learnings, etwa was Ladekapazität betrifft, fließen direkt in unser Kerngeschäft. Andere Beteiligungen liegen entlang unserer Wertschöpfungskette, sehr viel im Tourismus und Entertainment: Vienna Pass, immersive Shows, Virtual-Reality-Projekte, der Donauturm, das Johann-Strauß-Museum, zuletzt ein KI-Chatbot für die Hotellerie. Es muss reinpassen: Mobilität, Tourismus oder Entertainment.

Welches Innovationsthema beschäftigt Sie als Nächstes?

Das ganze Thema autonomes Fahren. Technisch ist es möglich, und ich mache mir Sorgen, dass wir eine ähnliche Verzögerung erleben wie bei der Elektromobilität. Wir sollten sehr schnell großflächig testen und selbst lernen, was diese Systeme können und was nicht, natürlich extrem abgesichert. Unser Infrastrukturminister ist sich dessen bewusst und geht in die richtige Richtung. Wir haben durch die Personalkostenentwicklung der letzten fünf Jahre rund 20 Prozent gegenüber Deutschland verloren, das erhöht den Druck enorm. Um gewisse Serviceleistungen hochzuhalten, werden wir in autonome Systeme gehen, etwa auf der letzten Meile oder bei Taxisystemen. Auch hier muss die europäische Automobilindustrie aufpassen, dass sie nicht hinten nachsteht, es kann nicht sein, dass das nur Teslas, Waymos und Baidus sind.

Abschließend: Wann erleben wir die letzten Buslenker in Österreich?

Das wird noch sehr lange dauern. Im Reisebus wollen wir den Lenker gar nicht ersetzen, er ist Begleiter und Manager der Reise und Ansprechperson für logistische Themen, ich möchte nicht, dass diese Dienstleistung zu unpersönlich wird, denn gerade dieser persönliche Kontakt macht einen wesentlichen Teil unseres Services aus. Auch im öffentlichen Nahverkehr werden wir den Buslenker noch lange sehen, weil wir viel zu viele Änderungen haben, Staus, Baustellen, Umleitungen. Im Pkw wird das autonome Fahren deutlich schneller kommen. Dass Reisebusse ohne Fahrer fahren, werde ich aber nicht mehr erleben.

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