08.01.2021

vomLand: Steirer App für regionalen Konsum soll es „nicht dem Konsumenten recht machen“

Die App vomLand des gleichnamigen steirischen Startups soll nachhaltigen regionalen Konsum ermöglichen. Verpflichtet fühlt sich CEO Markus Freiinger vor allem den Landwirten - und bringt eine ungewöhnliche Ansage.
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vomLand: Die Gründer (vlnr.) Wolfgang Konrad (CMO), Markus Freiinger (CEO) und Christian Unger (CTO)
(c) vomLand: Die Gründer (vlnr.) Wolfgang Konrad (CMO), Markus Freiinger (CEO) und Christian Unger (CTO)

In urbanen Regionen wird das Problem kaum wahrgenommen, in vielen ländlichen ist es allgegenwärtig: das „Bauernsterben“. „Der Trend zur Regionalität steigt zwar aktuell wieder, aber die Probleme sind viel gravierender und tiefer“, sagt Markus Freiinger, Co-Founder und CEO des Steirer Startups vomLand. Laut dem „Agrarischen Ausblick Österreich 2025“ der Landwirtschaftskammer würden bis 2025 mehr als 14 Prozent aller Bauern aufgegeben, weitere elf Prozent seien sehr pessimistisch und tendierten ebenfalls dazu, erklärt der Gründer. Doch warum wird in den kommenden Jahren rund ein Viertel der Bauern die Arbeit niederlegen?

Gründe dafür gebe es einige, meint Freiinger: „Manche Landwirte werden wahrscheinlich auch einfach nicht mit der Zeit gegangen sein – das Ende des Sprücherls kennt man ja. Meiner Meinung sind aber vor allem der massive Preisdruck der Großkonzerne, Billigprodukte aus dem Ausland, die Anonymisierung der Käufer im Internet, massive Unterlegenheit an technischen Werkzeugen und Möglichkeiten, neue Medien und Technologien für sich zu nutzen und zu guter Letzt, die zu geringe Hilfe von Institutionen, Kammern und so weiter daran schuld, dass Landwirte sprichwörtlich den Huat drauf haun“.

vomLand-App: Hofläden, Selbstabholerhütten und Bauernmärkte finden

Gemeinsam mit seinen Co-Foundern Wolfgang Konrad (CMO) und Christian Unger (CTO) will Freiinger hier mit der vomLand-App unterstützen, die besonders nachhaltigen regionalen Konsum ermöglichen soll. Und der gelernte IT-Spezialist hat dabei auch eine sehr persönliche Motivation: „Da ich selbst mit meinen Eltern eine Landwirtschaft in der Steiermark bewirtschafte, wollte ich die Probleme nicht hinnehmen und habe mich an die Arbeit gemacht, um etwas zu verändern. Es hängt schließlich auch die Zukunft unseres Betriebes langfristig davon ab“.

Und so funktioniert es: Bauern und Konsumenten laden sich die selbe App herunter. Bei der Registrierung werden sie getrennt und bekommen jeweils andere Funktionen. „Der Bauer muss uns nun seine Verkaufsstandorte und deren Öffnungszeiten bekanntgeben. Möglich sind Hofläden, Selbstabholerhütten bzw. Automaten und Bauernmärkte. Danach stellt er seine ganzen Produkte mit Fotos hinterlegt online. Das dauert keine halbe Stunde, wenn man alle seine Produkte bei der Hand hat. Wir überprüfen dann die Eingaben und checken nochmal alle Adressen und dann wird er freigeschaltet“, erklärt Freiinger. Die Landwirte zahlen dabei eine fixe monatliche Gebühr – abhängig vom Package mit unterschiedlichem Umfang für verscheidene Betriebsgrößen.

Keine Lieferung – aus Prinzip

Der Kunde sieht im Umkreis von 25 Kilometern alle bei vomLand registrierten Bauern und was diese verkaufen. „Konsumenten können die Produkte in den Warenkorb geben und dann einen Abholtermin vereinbaren. Der Bauer muss die Bestellung aber erst noch bestätigen, bevor diese wirksam ist“, erklärt der CEO. Dabei sehen nicht registrierte User keine Preise und können auch nicht bestellen. Bei der Erklärung, warum das so ist, wird Freiinger deutlich: „Wir müssen unsere Bauern hier schützen. Nach Preis wird man bei uns nie sortieren können, denn darum geht es nicht bei Regionalität. Und wir liefern nicht, weil Lebensmittel nicht verschickt werden müssen. Regionalität bedeutet für uns: Der Konsument fährt zum Bauern in seiner Gegend und kauft dort die Produkte die er braucht“.

Der CEO gibt dazu ein durchaus außergewöhnliches Motto aus: „In erster Linie wollen wir es – im Gegensatz zu den großen Konzernen – nicht dem Konsumenten recht machen, sondern den Bauern. Deswegen steht bei uns auch nicht der Preis der Produkte im Vordergrund, sondern die Qualität und die Regionalität“. Das werde seitens der Landwirte gut angenommen: „Den Bauern ist klar, dass es ohne solche technischen Helferleins nicht mehr geht in Zukunft. Auch unser Geschäftsmodell gefällt ihnen. Fixe monatliche Kosten, die sich nicht nach dem Umsatz richten, sondern wirklich nach den Services, die sie benötigen. Auch dass sie monatlich kündigen können, kommt gut an“.

„Bauern die Werkzeuge in die Hand geben, um auf dem Smartphone ihren Platz zu finden“

Mittelfristig soll die Vernetzung von Bauern und regionalen Konsumenten auf technischem Weg noch deutlich verbessert werden. „Wir alle werden täglich von mächtigen Algorithmen – etwa dem Google Suchalgorithmus – beeinflusst, um gezielt zu konsumieren. Genau hier setzen wir auch für den Landwirt an. Wir entwickeln im Hintergrund algorithmische Lösungen, um die Bauern auf Zukunftsmärkte vorzubereiten und ihnen zu ermöglichen, ihre Kunden besser zu verstehen. Diese Funktionen werden dann in die App integriert und stehen zur Verfügung“, sagt Freiinger. Und der CEO resümiert: „Alles in allem wollen wir den Bauern endlich die Werkzeuge in die Hand geben, um in der digitalen Welt und vor allem auf der wichtigsten Werbefläche der Welt, dem Smartphone, ihren Platz zu finden und zu behalten“.

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(c) Ruiz Cruz
(c) Ruiz Cruz

Zwei Tage lang haben die Entrepreneurship-Verantwortlichen der österreichischen Hochschulen am 13. und 14. Oktober an der Universität Wien und der WU Wien darüber beraten, wie Ausgründungen aus der Wissenschaft leichter gelingen können. Das Entrepreneurship Center Network (ECN), das inzwischen 36 Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen verbindet, hat rund um seine sechste Konferenz auch neue Zahlen veröffentlicht: 2025 wurden 530 studentische Startups und akademische Spinoffs an den Partnerhochschulen betreut, ein Jahr davor waren es 457.

Strategiearbeit im Fokus

Auch die Konferenz selbst ist gewachsen. „Als wir 2021 die erste ECN-Konferenz hier in Wien organisiert haben, hatten wir so 25 bis 30 Teilnehmer, und heuer waren über 80 Teilnehmende dabei”, sagt Rudolf Dömötör, Direktor des WU Entrepreneurship Center und Gründer des Netzwerks, im brutkasten-Talk. Statt Keynotes und Workshops gab es heuer Strategiearbeit: In Kleingruppen wurden zuerst die größten Probleme bei Ausgründungen gesammelt, dann ein Wunschzustand formuliert und daraus Maßnahmen abgeleitet.

(c) Ruiz Cruz

Mehr Role Models?

Diskutiert wurde dabei auch, wen das Thema überhaupt erreicht. Sara Matt, Leiterin der Transferstelle Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Innsbruck, sieht die bisherigen Role Models fast ausschließlich im MINT-Bereich. „Ganz viele helle Köpfe kommen nicht aus der Technik, sondern aus den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Die muss man auch abholen.“ Und nicht jede Person mit unternehmerischen Fähigkeiten müsse ein eigenes Unternehmen gründen: „Die könnten zum Beispiel Betriebsnachfolgen übernehmen oder in bestehenden Unternehmen Innovation vorantreiben.”

Im Rahmen der Konferenz wurde – in Anwesenheit von Sektionschef Elmar Pichl aus dem BMFWF – auch der neue Ausgründungsrahmen für diese sog. SHAPE-Disziplinen vorgestellt. SHAPE steht für Social Sciences, Humanities and the Arts for People and the Economy, also für Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften sowie die Künste. Dieser Rahmen ergänzt den 2024 erarbeiteten Ausgründungsrahmen für den technischen und naturwissenschaftlichen Bereich.

Die Frage des Budgets?

Die Ergebnisse der Konferenz treffen auf einen schwierigen Moment. Wie sich das Universitätsbudget in den nächsten Jahren entwickelt, ist offen, mehr Geld wird es nach Einschätzung von Dömötör wohl nicht geben. Die Frage sei, wo gespart werde: bei etablierten Bereichen oder im Transfer, „der noch nicht so etabliert ist und auch keine starke Lobby in Budgetdiskussionen hat”. Das Budget sei deshalb ein Leitmotiv der Konferenz gewesen: „Was können wir tun, um dieses weiterhin zwar größer werdende, aber immer noch zarte Pflänzlein, das in den letzten fünf bis zehn Jahren entstanden ist, zu schützen?”

(c) Ruiz Cruz

Matt beobachtet die Folgen bereits. An einigen Universitäten sei das Personal im Transferbereich zurückgefahren worden. „Das finde ich einen falschen Ansatz, weil gerade jetzt müssen wir darauf achten, Innovation voranzutreiben.” Dass überall gespart werden müsse, sehe sie ein, „aber für die langfristige Sicht eines Wirtschaftsstandortes ist es nicht die richtige Entscheidung, an der Innovation zu sparen”.

Konkret bedauert Matt, dass es im Herbst keine Fellowship-Ausschreibung gab. Eine Handvoll Forscher:innen an ihrer Universität hätte gerne eingereicht. Wenn man in dieser Situation doch die akademische Karriere wähle, sei das nachvollziehbar, weil man es sich auf dem Weg dorthin kaum leisten könne, ein paar Jahre für einen unternehmerischen Versuch liegen zu lassen. Eine bei der Konferenz diskutierte Maßnahme sei deshalb ein Forschungsfreisemester, „damit diese Entscheidung nicht so früh fallen muss: Unternehmertum oder Forscherkarriere”.

Gründen soll in der akademischen Laufbahn zählen

Genau an diesem Punkt setzt der Maßnahmenplan an, den das ECN aus der Konferenz ableitet und Ende des Jahres veröffentlichen will. Gründen soll ein gleichwertiger Karriereweg werden, der auch in der akademischen Laufbahn anerkannt wird. „Kulturwandel bedarf auch der entsprechenden Incentives”, sagt Dömötör. „Wie wird es von meiner Uni gewürdigt, wenn ich gründe? Werde ich nur für die traditionellen Kernaufgaben einer Universität belohnt, Forschung und Lehre, oder wird auch die Third Mission stärker berücksichtigt?” In den letzten Jahren habe es eine positive Entwicklung gegeben, „aber da ist immer noch Luft”.

Der zweite Kernpunkt richtet sich an den Gesetzgeber: Das ECN fordert einen klaren Rechtsrahmen für Ausgründungen im Universitätsgesetz (UG) und im Fachhochschulgesetz (FHG). Dazu kommen österreichweite Standards für IP und Beteiligungen sowie Entrepreneurship Education für alle Studierenden. Die Details sollen im Plan Ende des Jahres folgen.

Verbündete in der Politik?

Unterstützung erhofft sich das ECN aus der Politik. Elisabeth Zehetner, Staatssekretärin für Energie, Startups und Tourismus im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus, stellte sich bei einem Kamingespräch den Fragen der Community. Für Dömötör „ein sehr wertschätzendes Signal”. Man nehme aus dem Gespräch mit, „in ihr eine Verbündete zu haben”. Für die Änderungen an UG und FHG, die das ECN anstrebt, ist allerdings nicht ihr Ressort zuständig, sondern das Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung.

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