13.05.2026
ESTLAND

Vom e-Residency-Programm zur EU Inc.: Estlands Rolle als digitaler Pionier in Europa 

Mit seinem e-Residency-Programm ermöglicht Estland internationalen Gründer:innen bereits seit zehn Jahren eine volldigitale und ortsunabhängige Unternehmensverwaltung. Mats Kuuskemaa, Vertreter des Programms im DACH-Raum, erklärt, wie das Land durch eine historische Aufbruchstimmung zum europäischen Vorreiter bei digitaler Verwaltung und KI wurde – und welche Chancen dadurch für die EU Inc. entstehen.
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Mats Kuuskemaa lacht in die Kamera. Er hat blondes, lockiges Haar und ein pinkes Tshirt unter seinem schwarzen Blazer an. (c) e-Residency
Mats Kuuskemaa, Country Manager DACH, e-Residency (c) e-Residency

Auf der London Tech Week 2022 demonstrierte der österreichische Unternehmer Dominik Panosch die Schnelligkeit des e-Residency-Systems: Er gründete ein Unternehmen in 15 Minuten und 33 Sekunden – von der ersten Idee bis zur bestätigten Registrierung.

Das estnische Programm bietet internationalen Gründer:innen und Unternehmen eine vom Staat ausgegebene digitale Identität. Das Programm ermöglicht es, ortsunabhängig und vollständig online ein estnisches EU-Unternehmen zu gründen, rechtssicher Verträge zu unterzeichnen und die gesamte Verwaltung papierlos abzuwickeln.

„Wir haben sehr schnell gelernt, dass der größte Use Case für uns wirklich die Unternehmensgründung und -führung ist. Wir wussten in Estland nämlich nicht, dass das überall sonst in Europa so kompliziert ist“, so Mats Kuuskemaa. Seit dem Start des Programms im Jahr 2014 haben mehr als 139.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residenten-Status erhalten und zusammen etwa 40.000 Firmen gegründet. Bis heute zählen dazu laut e-Residency auch 1056 österreichische e-Residenten mit 363 Unternehmen.

Kein Steuerschlupfloch

Bei der e-Residency handelt es sich weder um ein Visum noch um eine Staatsbürgerschaft, sie gewährt somit kein physisches Aufenthaltsrecht. Zudem dient das Programm nicht als Steuerschlupfloch: Eine digitale Firmenanmeldung in Estland befreit Unternehmer:innen grundsätzlich nicht von ihren steuerlichen Pflichten in dem Land, in dem sie physisch ansässig sind und aus dem heraus sie die Geschäfte tatsächlich führen.

„Manchmal gründen Unternehmer zwar in Estland, sind mit ihrer Firma dann aber in ihrem Heimatland – wie etwa in Deutschland oder Österreich – steuerpflichtig. Das ist völlig normal, allerdings möchten wir in Zukunft noch umfassender über dieses Thema aufklären“, so Kuuskemaa.

Mit e-Residency haben über 139.000 e-Residents mehr als 40.000 Unternehmen gegründet. (c) e-Residency

Estlands Weg zur digitalen Führungsrolle

Wie Mathias Lipp-Rosenthal es in seinem Gastkommentar zu diesem Thema bei brutkasten schon erwähnte, nimmt Estland eine Vorreiterrolle bei digitaler Verwaltung und Public AI ein.

Estlands Bestrebungen als digitaler Staat und sein proaktiver Kurs bei der Künstlichen Intelligenz finden ihren Ursprung in einer historischen Aufbruchstimmung. Nach dem Ende der sowjetischen Besatzung nutzte das Land in den 1990er Jahren die Chance für einen radikalen technologischen Neustart, angetrieben von einer offenen Gesellschaft: „In den 90er Jahren hatten wir endlich Unabhängigkeit und damit die Gelegenheit, was Neues aufzubauen. Die ganze Bevölkerung wollte eine Veränderung“, so Kuuskemaa.

Dieser Zugang machte Estland zu einem First-Mover im Bereich der e-Staatsdienstleistungen. Das Land nutzt KI bereits für staatliche Prozesse, etwa Arbeitsvermittlung oder das Überprüfen von Agrarsubventionen via Satelliten. „Estland ist sehr, sehr ambitioniert. Wir haben einfach mehr integrierte Systeme, sodass wir in einer besseren Ausgangslage sind und wir sehen KI als große Chance“.

Die nächste Stufe der Digitalstrategie: „Eesti.ai“

Dass Estland seine Vorreiterrolle weiter ausbauen will, beweist die jüngste Offensive der Regierung: Im Januar 2026 rief Premierminister Kristen Michal die Initiative „Eesti.ai“ ins Leben. Das staatlich gelenkte Programm verfolgt ein äußerst ambitioniertes Ziel – bis zum Jahr 2035 soll der Wert der estnischen Arbeit durch den systematischen Einsatz von Künstlicher Intelligenz verdoppelt werden. Indem der baltische Staat KI gezielt auch in seine öffentlichen Dienstleistungen für Unternehmen integriert, positioniert er sich einmal mehr als Standort, der speziell darauf ausgerichtet ist, die nächste Welle internationaler digitaler Unternehmen anzuziehen.

Vorzeigeprojekt für die EU Inc.

Was Estland mit der volldigitalen Unternehmensgründung durch sein e-Residency-Programm vorgemacht hat, kann heute als Grundlage für eine europäische Vision betrachtet werden.

Um europäische Startups auf dem globalen Markt wettbewerbsfähiger zu machen, zielt die Initiative der „EU Inc.“ darauf ab, eine standardisierte, grenzüberschreitende Unternehmensform zu etablieren (brutkasten berichtete). Die EU Inc. ist als sogenanntes „28. Regime“ konzipiert. Das bedeutet, sie ersetzt nicht die bestehenden nationalen Unternehmensformen (wie die österreichische GesmbH), sondern wird als zusätzliche, rein europäische Option parallel zu den 27 nationalen Systemen angeboten. Im aktuellen Entwurf zur EU Inc. ist der 28. Unternehmensrahmen nur bedingt umgesetzt, was zu Kritik am Entwurf führte.

Estland sieht sich als natürliches Testfeld für das 28. Regime und bietet seine bewährte digitale Infrastruktur sowie das e-Residency-Programm als skalierbaren Proof of Concept an. „Vieles von dem, was das vorgeschlagene 28. Regime ermöglichen soll, ist in Estland bereits Realität. Durch e-Residency können Unternehmer weltweit ein EU-Unternehmen vollständig online gründen und verwalten – und zwar innerhalb eines vertrauenswürdigen und vollständig digitalen EU-Rahmens. Damit ist die e-Residency auch zu einem zuverlässigen digitalen Zugangstor für Gründer aus Nicht-EU-Ländern und EU-Gründer geworden, die Zugang zum europäischen Binnenmarkt suchen”, so Kuuskemaa.

Erst 2027/2028 kann es frühestmöglich zur Verabschiedung der Rechtsvorschriften zum 28. Regime kommen.

EU-Kommission
Offene Fragen zur EU Inc. müssen von Seiten der EU noch geklärt werden (c) Guillaume Périgois/Unsplash

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„Was das Team im vergangenen Jahrzehnt aufgebaut hat, macht uns stolz – und das ist erst das Fundament. Als völlig unabhängiges Unternehmen liegt unser Fokus nun ganz auf der Zukunft: der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit Unternehmern und dem Aufbau beständiger, digitaler Unternehmen“, kommentiert Russ in einer Aussendung.

Bis zu 250 Millionen Euro pro Beteiligung

Die drei Partner investieren über die Gesellschaft ausschließlich eigenes Kapital und fokussieren klar auf Mehrheitsübernahmen und langfristige Beteiligungen. Bei einem Einzeldeal können nach Unternehmensangaben bis zu 150 Millionen Euro fließen, für eine Beteiligung insgesamt bis zu 250 Millionen. Dabei definiert RM Equity Partners klare Anforderungen, die auch auf der Website abzulesen sind: Das übernommene Unternehmen muss Marktführer oder starker Zweiter in seinem Segment sein und ein EBITDA über fünf Millionen Euro bzw. einen Nettoumsatz über 20 Millionen Euro vorweisen.

Gleichzeitig geben die Partner ihrerseits drei Versprechen: Kommt ein Unternehmen für einen Deal in Frage, bekomme es einen ersten Call innerhalb von 48 Stunden, eine konkrete Antwort innerhalb von sieben Tagen und, wenn ein Deal zustande kommt, dessen Abschluss innerhalb von acht Wochen. „Wenn es uns gefällt, sagen wir ja. Wenn nicht, sagen wir schnell nein. Hinter uns steht kein Investmentkomitee, und zwischen uns stehen keine Berater“, so die Partner auf der Homepage.

Zuletzt Verkauf von Alpy.com

Nach der Übernahme restrukturiere man dann nicht, aber unterstütze in jenen Bereichen, in denen man Expertise habe. Wiewohl RM Equity Partners als PE-Gesellschaft im Gegensatz zu einer VC-Gesellschaft nicht Exit-getrieben ist, sind auch Verkäufe übrigens keineswegs ausgeschlossen. Brutkasten berichtete erst im August vom Verkauf der Beteiligung Alpy.com. Es war der zweite Exit für die Gesellschaft in diesem Jahr.

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