23.09.2019

Wie sich Trumps US-Zölle auf heimische Startups auswirken

Die Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump richtet sich abwechselnd mal stärker, mal schwächer gegen China und die EU. Für Unternehmen, die in die USA liefern, sorgen die US-Zölle für Einbußen und Gedankenspiele hinsichtlich Produktionsstätten. Darüber sprachen wir mit Stefan Ponsold, Gründer Sunnybag, Tractive CEO Michael Hurnaus, Georg Weiß, CEO Logsta, Petra Dobrocka, Co-Founder Byrd, und Florian Krisch vom österreichischen AußenwirtschaftsCenter New York.
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Die US-Zölle betreffen heimische Startups auf unterschiedliche Art und Weise - (l.o.) Stefan Ponsold, Sunnybag, (r.o.) das Tractive-Team, (l.u.) ByrdDas Logsta-Team, (r.u.) Petra Dobrocka, Byrd
Collage: Die US-Zölle betreffen heimische Startups auf unterschiedliche Art und Weise - (l.o.) Stefan Ponsold, Sunnybag, (r.o.) das Tractive-Team, (l.u.) ByrdDas Logsta-Team, (r.u.) Petra Dobrocka, Byrd

Es herrscht Krieg in der Weltwirtschaft. Und Frieden. Manchmal. US-Präsident Donald Trumps Zollpolitik wirkt sprunghaft und willkürlich. Doch mag dabei auch keine klare Strategie erkennbar sein, sie richtet trotzdem Schäden bei jenen Unternehmen an, die in die USA liefern. In Gesprächen mit heimischen Hardware- und Logistik-Startups wird klar, dass flexibles Denken und Planung nötig sind, um im Streit zwischen China und den USA Mehrkosten wegen neuer US-Zölle zu umgehen.

+++ Mehr Politik im Fokus-Channel +++

Beginn eines Handelskriegs

Der Beginn der neuen protektionistischen US-Politik lässt sich auf den Februar 2018 datieren. Die USA verhängten damals Zölle und Importkontigente für Waschmaschinen und Solarmodule. Knapp einen Monat später traten US-Zölle von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium in Kraft. Im April konterte China daraufhin mit Zöllen auf US-Landwirtschaftsprodukte.

Am sechsten Juli des selben Jahres rief die Trump-Administration Zölle von 25 Prozent auf chinesische Güter aus und setzte am 23. August eine zweite Welle von Strafzahlungen drauf. Insgesamt betrug das Handelswert-Volumen bei dieser Aktion rund 50 Milliarden US-Dollar. China reagierte mit Zöllen im gleichen Umfang. Die Folge: die USA klagten vor der WTO gegen die Strafzölle, die China gegen US-Produkte erhoben hatte.

Weitere Importe aus China wurden daraufhin mit Strafzöllen im kumulierten Handelswert von 200 Milliarden US-Dollar belegt und eine Liste mit betroffenen Gütern aus China veröffentlicht. Im Mai 2019 hob Donald Trump die Zölle auf Güter dieser Liste auf 25 Prozent an.

Danach kam es zu Gesprächen zwischen Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping, die einen „Waffenstillstand“ zur Folge hatten. Allerdings nur für kurze Zeit.

Weihnachtsbusiness nicht stören

Anfang August 2019 kam es erneut zu weiteren Strafzöllen von 10 Prozent auf chinesische Importe im Wert von rund 300 Milliarden US-Dollar. Diese sollten ursprünglich im September in Kraft treten. Die US-Regierung verschob allerdings die neuen Strafzölle auf Güter (Smartphones, Laptops und Spielzeug) auf den 15. Dezember, um das Weihnachtsgeschäft nicht allzu sehr zu „stören“, wie Trump sinngemäß per Twitter ausrichtete.

Zudem sei auch ein Zusatzzoll geplant, der Importe von Sojabohnen und Erdöl betreffe. Autozölle in Höhe von 25 Prozent sollen ebenfalls ab Mitte Dezember wirksam werden. Damit würden, falls all diese Vorhaben tatsächlich durchgezogen werden, fast alle chinesischen Produkte mit Strafzöllen belegt sein.

Auch EU und Japan betroffen

Neben China hat der US-Präsident auch andere Handelspartner ins Visier seiner Zoll-Politik genommen. Trump droht der EU neben den Schutzzöllen auf Aluminium und Stahl auch mit Sonderzöllen wegen Subventionen an den Luftfahrtkonzern Airbus. Auch Japan ist in den Fokus des US-Präsidenten geraten. Allerdings kam es mit dem Kaiserreich nach monatelangen Handelsgesprächen zu einer Einigung. Es soll zeitnah ein Abkommen zu Zollfragen und zum Thema digitaler Handel unterzeichnet werden. Dies teilte US-Präsident Donald Trump letzte Woche dem Kongress mit.

US-Handelsdefizit mit China

Zwischen regelmäßigen Drohungen und Rückziehern irritiert Trumps Wirtschaftspolitik sowohl Handelspartner als auch Beobachter. Seine Argumentation, er schütze die nationale Sicherheit, halten Experten für ein vorgeschobenes Argument. Die USA weisen gegenüber China ein Handelsdefizit von rund 419 Milliarden US-Dollar aus. Einer der Gründe für die aggressive Rhetorik des US-Präsidenten gegenüber dem Reich der Mitte.

„Property Theft“ als Problem

Zudem ist, wie etwa CNBC berichtet, „intellectual property theft“ ein riesiges Problem für die Vereinigten Staaten. Im März belegte die dort zitierte Studie, dass von China im Schnitt einem von fünf US-Unternehmen geistiges Eigentum gestohlen werde. Demnach richte diese Praktik jährlich Schäden im Wert von 600 Milliarden US-Dollar an.

„Wir überlegen mit unserer Produktion China zu verlassen und eventuell nach Vietnam zu gehen“

Auch Österreichische Startups betroffen

Auch heimische Startups hadern mit Einbußen aufgrund der US-Zölle, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Stefan Ponsold vom Solarladesystemhersteller Sunnybag, der in China seinen Solar Backpack produzieren lässt, berichtet von einem 17,6 Prozent Zollsatz zu dem obendrauf noch Strafzölle anfallen. Insgesamt würden sich die Extrakosten auf 42,6 Prozent des Warenwerts summieren, die als Zölle zu bezahlen sind.

Profiteure der US-Zölle

Wenig verwunderlich, dass sich das Startup andere Optionen ansieht, wie Ponsold erklärt: „Wir überlegen mit unserer Produktion China zu verlassen und eventuell nach Vietnam zu gehen“, sagt er. Er ist nicht der einzige, der diesen Schritt in Erwägung zieht. Laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Bain & Company unter 200 US-Konzernen mit Geschäftsverbindungen nach China erklärten 60 Prozent, sie würden nach neuen Lieferanten, neuen Innovationsquellen und neuen Regionen für die Fertigung Ausschau halten. Zielregionen sind dabei Kambodscha, Mexiko, sogar Europa und eben Vietnam.

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(c) Sebastian Reich – Sunnybag-Gründer Stefan Ponsold überlegt Produktionsverlagerung aufgrund der US-Zölle.

Strafe bei Leistungsbezug zu China

Florian Krisch vom Österreichisches AußenwirtschaftsCenter New York präzisiert das Zustandekommen der enormen Extrakosten: „In gewissen Konstellationen kann es zu einem Zolltarif von 42 Prozent und mehr kommen. Dies geschieht dann, wenn zum bisherigen ’normalen‘ Zolltarif ein Strafzoll hinzukommt. Ein Strafzoll wird ausgelöst, sobald die in die USA importierten Waren einen Leistungsbezug zu China vorweisen“, sagt er. „Die US-Zollbehörde erteilt in Rahmen schriftlicher ‚Binding Rulings‘ verbindliche Zollauskünfte, die online ersichtlich sind. Darin wird explizit erwähnt, dass ein Tarif von 17,6 Prozent in Rechnung gestellt wird“.

Zusätzlich dazu sei zu prüfen, ob das Produkt von den (jetzt neuen) Strafzöllen/Zusatzzöllen für chinesische Waren betroffen ist. Dies könne man dieser Liste entnehmen. In dem oben genannten Fall von Sunnybag, und als Anleitung für ähnlich betroffene Startups, sei unter der Nummer 4202.92 (Travel, sports and similar bags) ein „Yes“ zu finden. Somit würden die weiteren 25 Prozent an Zöllen anfallen. Diese werden auf den normalen Tarif aufgeschlagen.

Billiger: Logsta routet Container um

Auch das Logistik-Startup Logsta, das viele heimische Startups als Kunden hat, musste Alternativen finden, um Kosten zu sparen, wie CEO Georg Weiß erklärt. „Einer unserer Kunden ließ seine Ware von China in die USA verschicken. Genau in der Zeit der Verschiffung wurden die Strafzölle eingeführt. Da der Verkauf für unseren Kunden nicht mehr wirtschaftlich war, haben wir den Container nach Österreich umgeroutet. Selbst die Mehrkosten für das Umrouten der Ware waren billiger, als die Strafzölle“, erklärt er.

Weiß hat zudem mit seinem Team in den USA analysiert, wann es ratsamer wäre, bestimmte Warengruppen nicht so intensiv zu importieren. „Die Entscheidung obliegt stets unseren Kunden. Daher besprechen wir das immer individuell, um ihnen bei der Entscheidung zu helfen, ob sie trotz Zoll und Transportkosten noch gewinnbringend in den USA operieren können. Wir sind froh, dass dennoch viele Kunden den Schritt wagen und mit unserer Hilfe den amerikanischen Markt erobern“, erklärt der Gründer.

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(c) Adrian Almasan: Das Logsta-Team. Laut Logsta-CEO Georg Weiß sei „Umrouten“ der Ware billiger als Starfzölle zahlen.

Laut Logsta sind Alternativen zur Produktion in China für viele Startups immer noch schwer zu finden. Schließlich seien die Lohn- und Produktionskosten dort sehr niedrig: „Auch hier versuchen wir gemeinsam zu kalkulieren, welcher Weg der finanziell Beste ist, um den optimalen Service bereit zu stellen und unseren Kunden die Sorge um die Zölle abzunehmen“, sagt Weiß.

Getbyrd: „Zölle für unsere Kunden ein Vorteil“

Für  Getbyrd, ebenfalls ein Logistik-Startup, zeigen die US-Zölle eine andere Wirkung, wie Founderin Petra Dobrocka erklärt: „Wir betreuen Online-Händler, die Produkte in die USA verkaufen, aber der Großteil dieser Händler produziert die Ware nicht in China. Viele unserer Kunden sind direkt auch Hersteller und produzieren meist lokal, oft im DACH-Raum oder zumindest in Europa. Man könnte also sagen, dass die Strafzölle im Rahmen unserer Kundengruppe aktuell sogar einen Vorteil bringen, da unsere Kunden so möglicherweise ihre Produkte besser in die USA verkaufen können“, sagt sie.

(c) Byrd: CMO Petra Dobrocka

In Gesprächen mit Fullfilment-Partnern

Dobrocka fügt aber an: „Wir sehen jedoch, dass die aktuelle Situation sich auch großflächiger auf europäische Produkte ausweiten kann und sind deshalb bereits in Gesprächen, um Fuflillment-Partner in den USA zu finden. Damit möchten wir einerseits den weiteren Entwicklungen in den USA einen Schritt voraus sein, aber gleichzeitig auch allen unseren Kunden einen einfachen Marktstart in den USA ermöglichen“.

Tractive: „meisten Verkäufe in Europa“

Weniger Probleme mit den USA hat das Paschinger Startup Tractive, wie Gründer Michael Hurnaus dem brutkasten erklärt. „Ich denke nicht, dass beim Handel die USA viel anders sind, als andere Länder“, sagt er. Da das Unternehmen die Massenproduktion in China hat, spüre man den Handelskrieg zwar etwas: „Allerdings sind 90 Prozent unserer Verkäufe in Europa, daher betrifft es uns tatsächlich nur am Rande“.

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(c) jakoblehner.com: Das Tractive-Team. Tractive-Gründer Michael Hurnaus: „90 Prozent unserer Verkäufe sind in Europa“.

Vier Listen und Qualitätsverlust

Laut Florian Krisch gibt es als Informationsquelle aktuell vier Listen (siehe Links unten), die von Strafzöllen betroffenen Waren auflisten. Die letzte und vierte Liste sei jedoch noch nicht fertig ausgehandelt. „Es kann also sein, dass Trump und Xi Jinping sich noch auf ein paar Zollbefreiungen einigen“, sagt er. Diese Strafzölle seien besonders für österreichische Startups relevant, die in China Waren produzieren und diese dann in die USA exportieren wollen.

Laut Forbes Magazine planen rund 14 Prozent der europäischen Unternehmen sich aufgrund des Handelskrieges aus China zurückzuziehen. „Stattdessen beziehen sie ihre Produkte aus anderen asiatischen Ländern. Zwar bezahlen sie dann keine Strafzölle, jedoch leidet möglicherweise die Produktqualität darunter: In Indien und Pakistan sind zum Beispiel 37 Prozent der inspizierten Waren mangelhaft, in Kambodscha sogar 40 Prozent. In der Türkei sind es nur 25 Prozent, gleich dem Wert für China“, merkt Krisch an.

US-Zölle nichts Neues für heimische Startups

Insgesamt sieht der Außenwirtschafts-Experte den Handelskrieg für die österreichische Startup-Szene nicht allzu drastisch. „Einführzölle in die USA sind für österreichische Unternehmen nichts Neues. Mithilfe der Zolltarifnummer kann für jedes Produkt individuell ermittelt werden, ob ein Zoll zu entrichten ist und wie hoch diese Abgabe sein wird. Neben dem Produkt an sich, ist das Ursprungsland einer Ware der ausschlaggebende Faktor zur Berechnung des Einfuhrzolls. Trumps Zusatzzölle richten sich aktuell ja nur gegen Produkte aus chinesischer Fertigung.“, fasst Krisch zusammen.

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(c) WKO – Florian Krisch, Manager Startups & Innovation, WKO AußenwirtschaftsCenter New York zu Abwanderungsgedanken: „In Indien und Pakistan sind zum Beispiel 37 Prozent der inspizierten Waren mangelhaft,…“.

Apps und Saas-Lösungen als Exportschlager in die USA

Da österreichische Startups in den USA jedoch hauptsächlich Softwareprodukte (SaaS Lösungen oder Apps) verkaufen würden und weniger auf Hardwareprodukte setzen, seien sie von den Zusatzzöllen auf chinesische Produkte weniger stark betroffen. „Es gibt natürlich Sondersituationen, vor allem wenn das Startup in China fertigen lässt und dann in die USA exportiert, jedoch haben wir noch nicht mitbekommen, dass Startups aufgrund der neuen US-Zölle die Pläne für den US-Markteintritt verschieben“. Die Außenwirtschaft Austria sei jederzeit bereit, detailliertes Feedback zu geplanten Markteintrittsvorhaben zu geben. „Außerdem sind wir in regem Austausch mit Experten und Behörden und können umgehend die passenden Infos zu anfallenden Einfuhrzöllen recherchieren“, sagt Krisch.

Abwarten und auf Dynamik hoffen

Auch wenn bisher US-Zölle trotz des großen medialen Echos noch keine großen Auswirkungen auf österreichische Startups hatten, so könne leider nicht ausgeschlossen werden, dass sich dieses Problem nicht noch verschlimmert, meint Krisch.

„Viele heimische Startups haben auch in anderen Ländern eine starke Präsenz aufgebaut und ein generelles Abkühlen der Wirtschaft, bedingt durch einen Handelsstreit der beiden größten Volkswirtschaften der Welt, kann auf mehreren Ebenen – etwa schwächerer Konsum und schlechteres Investorenklima – negative Auswirkungen haben. Momentan bleibt nicht viel mehr als abzuwarten, ob und in welcher Form ein Trade-Deal mit China zustande kommt. Die Tatsache, dass nächstes Jahr in den USA gewählt wird und der Präsident wohl noch eines seiner größten Wahlversprechen umsetzen möchte, könnte der Debatte neue Dynamik verleihen“, so Krisch abschließend.


⇒ Logsta

⇒ Getbyrd

⇒ Sunnybag

⇒ Tractive

⇒ AUSSENWIRTSCHAFT Austria

⇒ Liste der Strafzölle 1.1

⇒ Liste der Strafzölle 1.2

⇒ Liste der Strafzölle 2.1

⇒ Liste der Strafzölle 2.2

⇒ Liste der Strafzölle 3.1

⇒ Liste der Strafzölle 3.2

⇒ Proposed List der Strafzölle 4.1

⇒ Proposed List der Strafzölle 4.2

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Neoom Ex-CEO Walter Kreisel (l.) und sein Nachfolger Nikolas Iwan © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wer das neoom-Headquarter in Freistadt betritt, blickt zuerst nach oben: Im Eingangsbereich hängt ein Astronaut von der Decke, daneben führt eine Wendeltreppe empor, die an eine startende Rakete erinnert. Das Gebäude trägt den Namen „Free City“. Walter Kreisel, neoom-Gründer und seit Anfang des Jahres nicht mehr CEO, nennt es „Freistadt neu interpretiert als Raumschiff“ – mit Stadtmauer, grünem Turm, Stadtgraben und Zugbrücke.

Außen setzt sich diese Konsequenz fort: Schwarze Photovoltaikmodule nord-, ost-, west- und südseitig, dazu am Dach; rund 400 Kilowatt verteilt auf eine Bauwerkshülle, die zuerst Strom produziert und den Überschuss im 1,2 Megawattstunden großen Speicher zwischenlagert. Davor: ein Parkplatz, auf dem fast jedes Fahrzeug ein Elektroauto ist, fünfzig Ladestationen. Rund hundert neoom-Mitarbeiter:innen arbeiten hier auf 780 Quadratmetern, weitere hundert verteilt auf andere Standorte. 80 bis 85 Prozent der verbrauchten Energie produziert das Gebäude selbst.

Es ist eine Inszenierung, die Kreisels Stil als CEO über acht Jahre präzise zusammenfasst: Vision, Symbolik, Größe. Umso bemerkenswerter, dass dieser Mann seit Februar nicht mehr operativ verantwortlich ist – er hat das Steuer übergeben; an Nikolas Iwan, der zuvor bei Shell, H2 MOBILITY und McKinsey in Führungspositionen die Energiewende mitgestaltet hat. Mitte April 2026, am Tag des neoom-Live-Events, zu dem die wichtigsten Geschäftspartner – die „Power Partner“ – nach Freistadt anreisen, übernimmt erstmals Iwan die Hauptbühne. Kreisel hat sich am informellen Abend zuvor bewusst zurückgehalten.

„Wenn Walter gestern aufgetaucht wäre, hätte sich vieles auf ihn konzentriert“, sagt Iwan. „Er hat die Beziehungen zu den Power Partnern aufgebaut. Wir haben uns vorher abgestimmt.“ Diese Abstimmung – wer wann sichtbar ist, wer wo nicht auftaucht – ist seit Monaten Teil des täglichen Geschäfts der beiden. Sie ist der Grund, warum das Unternehmen den Wechsel an der Spitze bisher reibungslos gemeistert hat.

Denn ein CEO-Wechsel ist für ein Scaleup eine der riskantesten Operationen überhaupt. „Du hast dauerhaft den Zünder einer ungesicherten Handgranate in der Hand“, sagt Kreisel. „Wenn du da nicht stabil bist, sprengt es dir das Unternehmen; weil der Prozess völlig undefiniert abläuft – und ein massives Risiko ist.“

Das Tabuthema

Kreisels offene Worte sind selten – obwohl es zuletzt einige ähnliche Fälle gab. Im November 2025 gab Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth seine Co-CEO-Rolle ab und wechselte als Executive Chairman in den Verwaltungsrat; Lukas Enzersdorfer-Konrad führt das Krypto-Unicorn nun allein. Im Januar 2026 zog sich Prewave-Mitgründerin Lisa Smith aus der Geschäftsführung zurück, ihr Co-Founder Harald Nitschinger übernahm die alleinige operative Verantwortung. Drei prominente Fälle innerhalb weniger Monate – das deutet auf einen Trend hin.

Während in den USA der Wechsel vom Gründer-CEO zum professionellen Manager als normaler Skalierungsschritt gilt – Investor Hermann Hauser hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Europa nicht nur ein Kapital-, sondern auch ein Management-Problem habe –, herrscht hierzulande Schweigen über das Wie. „Bei Herr und Frau Österreicher ist so etwas ein Tabuthema“, sagt Kreisel. „Der Eigentümer ist Geschäftsführer bis zu seinem Tod, dann macht der Sohn oder die Tochter weiter.“

Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt.

Die Reaktionen auf seine Ankündigung im Februar bestätigen das. In der Region Freistadt wurde gefragt: „Haben sie ihn rausgehaut?“ In der Startup-Bubble wurde gefragt: „Wie viel Geld hast du rausgezogen?“ Dass der Gründer freiwillig in den Aufsichtsrat wechselt und keine Anteile verkauft hat, passte nicht ins gängige Schema. „Vom Aufsichtsrat über die Berater bis zu den Headhuntern: Niemand kennt sich aus“, kritisiert Kreisel. „Das war ein leerer Wald, ohne Baum und ohne Holz.“ Best-Practice-Modelle? Fehlanzeige. „Witzigerweise ist der CEO ein massives Tabuthema. Aber an COO, CFO – da wird permanent rumgeschraubt“, ergänzt Iwan.

Acht Jahre – ein Kilimandscharo

Schon während seines MBA-Studiums habe er sich mit Nachfolge beschäftigt, sagt Kreisel. Konkreter wurde es, als neoom vom freiwilligen Advisory Board zum echten Aufsichtsrat überging und schließlich zur AG wurde. Mitte 2023 entschied sich Kreisel, an der Donau-Universität Krems eine Ausbildung zum zertifizierten Aufsichtsrat zu absolvieren; nicht als formaler Akt, sondern um die Rolle in der Tiefe zu verstehen. Im Frühjahr 2025 schloss er ab.

Parallel begann ein bewusster persönlicher Reset – nach acht intensiven Jahren symbolisch verankert in einer Bergbesteigung. Es war der Kilimandscharo, ein 18 Jahre alter Traum, den Kreisel öffentlich als sein Ziel nach dem CEO-Ausstieg kommunizierte.

Die CEO-Suche selbst lief über eine internationale Executive-Search-Firma. Aus einer Longlist wurde eine Shortlist von sieben Kandidat:innen, am Ende blieb Iwan – obwohl er die entscheidende LinkedIn-Nachricht der Recruiterin beinahe übersehen hätte: „Die Nachricht kam am 30. Juni. Erst am 18. Juli habe ich sie zufällig gesehen – und bin gerade noch auf den Zug aufgesprungen“, erinnert sich Iwan. In der zweiten Interview-Runde lernten sich Kreisel und Iwan persönlich kennen. Die offizielle Zeit war nach 45 Minuten vorbei – sie redeten noch eine halbe Stunde weiter.

„Ich war noch nicht bereit“

Rückblickend würde Kreisel den Prozess sogar früher anstoßen, sagt er. Iwan widerspricht lachend: „Also ich wäre noch nicht bereit gewesen!“ Der Satz verweist darauf, dass Iwans Werdegang genau jetzt in die Rolle passte: Acht Jahre bei Shell in unterschiedlichen Managementpositionen, zuletzt als Country Manager für das Tankstellengeschäft in Österreich. 2016 der Wechsel als CEO zum deutschen Wasserstoff-Startup H2 MOBILITY, das er bis 2023 führte. Anschließend Geschäftsführer bei ennoo Rental in Berlin und als Senior Advisor bei McKinsey.

Dass Iwan ausgerechnet aus der Wasserstoffwelt zu einem Strom-Scaleup wechselt, ist kein Zufall – „ich komme aus der Molekülwelt“, sagt er. „Über 80 Prozent der Energie werden in Molekülform bewegt. Aber wir stehen am Beginn des Elektronen-Zeitalters.“

Bei H2 MOBILITY habe er sieben Jahre lang erlebt, dass Wasserstoff „nicht so schnell kommt, wie wir damals dachten“. Im Stromspeicher-Markt ist das Tempo ein anderes: 2025 wuchs der europäische Batteriespeichermarkt nach Daten von SolarPower Europe um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr; seit 2021 hat sich die installierte Kapazität auf 77,3 Gigawattstunden verzehnfacht
. BloombergNEF prognostiziert für 2026 weltweit 33 Prozent Zuwachs. Bis 2030 erwarten Analysten eine weitere Verzehnfachung. Entsprechend hoch sei allerdings auch der Wettbewerb bereits, merkt Iwan an

Sichtbarkeit als Strategie

Die heikelste Phase eines Wechsels ist nicht die Auswahl des Nachfolgers, sondern die Choreografie danach. „Es muss einen Cut geben“, sagt Kreisel, „sonst wird die Rollenveränderung durch die natürlichen Emotionen ein Stück weit überschrieben.“ Iwan formuliert nüchterner: „Wenn Walter jeden Tag hier rumlaufen würde, würden diese informellen Verbindungen meine Autorität ganz leicht unterminieren; obwohl alle wissen, dass es formal nicht mehr so ist.“ Deshalb stimmen sich die beiden vor jedem öffentlichen Auftritt ab. Es ist eine Disziplin, die Kreisel sich abverlangen muss: „Ich stehe auch gerne im Mittelpunkt. Aber es ist gerade wichtig, dass ich es nicht mehr bin – sonst funktioniert das Loslösen gar nicht.“ Gleichzeitig hat sich Iwan bemüht, die DNA des Unternehmens nicht anzutasten. Er nennt sich „neoomian“, trägt die Firmenkleidung.

„Normalerweise ist das Erste, was ein neuer Vorstand macht: Logo ändern, Vision umformulieren. Da gehen zwei Jahre drauf, in denen man sich gar nicht auf das Wesentliche konzentriert“, sagt Kreisel. „Dass Nikolas das nicht macht, ist ein riesiger Unterschied. Es zeigt, wie stark er sich mit der Vision und vor allem der Mission des Unternehmens und mit der Leidenschaft des Teams identifiziert.“

„It’s not about strategy, it’s about execution“

Inhaltlich hat Iwan in seiner ersten Aufsichtsratssitzung im März 2026 einen klaren Rahmen gesetzt: „Es geht nicht um Strategie – es geht um Umsetzung.“ Vision, Produktportfolio, Zielmärkte – all das stehe. Was fehle, sei methodische Umsetzungsstärke. In den ersten sechs Wochen habe er vor allem zugehört: „Ich saß stundenlang in den Wohnzimmern von Endkund:innen, habe den Vertrieb begleitet, mit Partnern und Industriekunden gesprochen.“ Erst danach wurden gemeinsam mit dem Management sechs Prioritäten für drei Monate festgelegt – inspiriert von OKR-Methoden. Intern werden sie „ROKKS“ genannt, visualisiert als sechs Berggipfel.

Es ist genau jener konsequente Stil, den Kreisel im eigenen Führungsverhalten als Schwachstelle identifiziert: „Diese Konsequenz habe ich als Gründer nicht immer eingehalten. Ein Markt, der jetzt anstrengender ist, braucht jemanden, der mehr Erfahrung mitbringt.“ Iwan formuliert den Unterschied: „Walter hat Ideen, die so stark sind, dass sie manchmal einfach rausmüssen, auch wenn kurz vorher noch eine andere wichtig war. For the good kannst du damit ein Unternehmen gründen; for the bad ist das in der täglichen Führung schwierig.“

Deutschland, Konsolidierung, schwarze Null

Operativ steht 2026 unter klaren Vorzeichen: organisches, profitables Wachstum, keine Hyperscale-Vorhaben. Österreich, wo neoom Marktführer ist, soll konsolidiert werden. Den eigentlichen Hebel sieht Iwan in Deutschland. Das mag überraschen, denn Deutschland gilt als der weiter entwickelte Markt. Beim regulatorischen Rahmen ist es aber umgekehrt: Während Österreich bei der Smart-Meter-Durchdringung bei rund 90 Prozent liegt, sei sie in Deutschland im einstelligen Prozentbereich, sagt Iwan. Energiegemeinschaften sind in Österreich seit Jahren etabliert, in Deutschland gibt es sie noch gar nicht. „Da können wir mit dem Absender Österreich punkten.“ Der Markt selbst sei riesig und weitgehend unbearbeitet. Erst zwei von zehn Dächern in Österreich tragen Photovoltaik, nur eines von zehn Gebäuden hat einen Stromspeicher. „Die Branche hat eigentlich noch alles vor sich“, sagt Kreisel. „Das war kurz gehypt mit Greta und Putin; jetzt mit dem Iran. Aber es ist nicht mehr so sexy, weil KI alle Aufmerksamkeit zieht.“

Wie konsequent neoom aufgestellt ist, zeigt ein Gang durchs Headquarter: ein Schaltschrankraum mit 1,2 Megawatt Netzanschluss, ein eigenes Hochvolt-Testlabor in Holzbau, eine Holzkiste, in der nach Kreisels Worten „neoom eigentlich begonnen hat“. Das Unternehmen entwickelt selbst Software, testet und integriert Hardware. Verkauft wird über Partner: Rund 20% der Installationsbetriebe machen 80 Prozent des Umsatzes, über 200 sind registriert. Das Geschäftsmodell ist B2B2C.

Oberstes Ziel für 2026: Profitabilität aus eigener Kraft. Eine konkrete Zahl wollen die beiden nicht nennen. „Profitabilität, ein wertvolles Unternehmen – das ist das oberste Ziel“, sagt Kreisel. „Darum ist das auch kein Rückschritt, sondern ein Anlauf; ein Anlauf, um in einer Branche, die noch gar nicht richtig gestartet hat, mit voller Kraft loszulegen.“

KI als Hebel

Eine zentrale Rolle spielt KI – nicht als Buzzword, sondern als Werkzeug für Effizienzgewinne. neoom hat knapp 100.000 Geräte an über 16.000 Standorten in seiner Cloud zu einem virtuellen Kraftwerk vernetzt. Diese Software-Schicht ist nach Iwans Überzeugung ein zentraler Enabler. „Hardware-Innovation kommt von externen Zulieferern. Aber die Innovationskraft im Software-Bereich entsteht bei uns Inhouse – und zeichnet uns gegenüber Wettbewerbern aus.“ Der KI-Hebel sei dramatisch: zwischen 50 und 1.000 Prozent Effizienzsteigerung in der Code-Entwicklung, je nach Review-Tiefe. Kreisel ergänzt: „Wir haben in den letzten Jahren genügend Ressourcen in Software investiert. Und wir haben keine Legacy. Das ist heute, mit KI, plötzlich unfassbar relevant.“

Was das österreichische Startup-Ökosystem lernen kann

Sowohl Kreisel als auch Iwan verstehen das, was sie gerade durchlaufen, als Beitrag zu einer offeneren Diskussion. „Ich glaube, viele würden Geld dafür bezahlen, diese Learnings zu hören“, sagt Kreisel. Was es brauche, seien sichtbare Best-Practice-Fälle. Iwan nennt einen strukturellen Grund, warum europäische Scaleups beim CEO-Thema zögern: „Es hängt mit dem knappen Kapital und dem Horizont der Investoren zusammen. Die erste Euphorie ist riesig. Dann läuft es nicht so wie gedacht – und die Euphorie ist plötzlich ganz klein.“ Statt pragmatisch nach Stellschrauben zu suchen, werde dann das Unternehmen als Ganzes infrage gestellt – nur die CEO-Frage bleibe das letzte Tabu.

Für neoom kommt jetzt die eigentliche Bewährungsprobe: das Hochfahren in einen Markt, der aufwärts geht – mit einem Team, das eine Konsolidierungsphase hinter sich hat, und einem Gründer im Aufsichtsrat, der sich bewusst zurücknimmt, ohne wegzugehen. Sein Nachfolger sieht die Aufgabe als langfristig an: „Ich bin hier, um zu bleiben“, sagt Iwan.

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