09.07.2024
SPACETECH

TTTech: Ein Wiener Nervensystem im Weltraum

Die europäische Trägerrakete Ariane 6 startet ins Weltall und österreichische Netzwerktechnologie ist mit an Bord. Das Wiener Unternehmen TTTech liefert Datenkommunikation.
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Eine weiße Rakete steht auf einem Launchpad, bereit für den Start ins Weltall.
Ariane 6 in ihrem LaunchPad (c) ESA

„Europa einen sicheren und autonomen Zugang zum Weltraum erhalten, sodass es nicht von den Fähigkeiten und Prioritäten anderer Nationen abhängig ist“ – das soll Ariane 6, die neue Trägerrakete der Europäischen Space Agency. Am Dienstagabend hob Ariane 6 vom europäischen Weltraumbahnhof im südamerikanischen Französisch-Guyana ab. Mit an Bord ist auch österreichische Aerospace-Technologie vom ehemaligen TU Spin-off TTTech.

„Natürlich wird das klappen, ganz einfach, weil Failure hier auch keine Option mehr ist“, gibt sich Matthias Mäke-Kail optimistisch. Der Sales-Manager gilt im Unternehmen als „Mister Ariane 6“ und sprach mit brutkasten im Vorfeld des Starts der Trägerrakete. Optimismus war hier auch angebracht, findet der Start der Trägerrakete doch bereits vier Jahre verspätet statt.

Matthias Mäke-Kail, Marketing CX Manager bzw. der „Mister Ariane 6 bei TTTech“ (c) TTTech

Als der ESA-Generaldirektor, der Österreicher Josef Aschbacher, den Raketenstart für Juli verkündete, bedankte er sich bei den „Teams vor Ort für ihre gemeinsame und unermüdliche harte Arbeit sowie ihr Engagement in dieser letzten Phase der Erstflug-Kampagne“. Darunter auch bei dem Wiener Unternehmen TTTech.

TTTech: Das Nervensystem aus Wien

Das Wiener Software-Unternehmen und ehemalige TU Spin-off TTTech hat an der Entwicklung der Trägerrakete mitgearbeitet. Die Entwicklungsphase dauerte acht Jahre und über die Zeit waren an die 50 Mitarbeiter:innen mit den Komponenten für die Bordelektronik beschäftigt.

Die Datenüberträger des ehemaligen Spin-offs verbinden Sensoren und Kontrollsysteme und sollen die ausfallsichere Kommunikation zwischen den verschiedenen Systemen garantieren. Nun sind mehr als 50 Avionikeinheiten in der Trägerraekte verbaut. Das Unternehmen erklärt die Technik in Analogie zum Körper: Die Sensorik und die Kontrollsysteme können als Körperteile verstanden werden, die mit dem Steuerungscomputer – in dieser Analogie dem Gehirn – verbunden werden müssen. Diese Verbindung funktioniere mit dem „Nervensystem“, also dem durch TTTech entwickelten Datennetzwerk.

Das österreichische Unternehmen setzte bei der Netzwerktechnologie ganz besonders darauf, dass sie möglichst ausfallssicher funktioniert. Dabei muss sie höchsten Belastungen wie Strahlung, Vibrationen, Hitze und Kälte standhalten und gleichzeitig mit hoher Geschwindigkeit Daten übertragen.

An der Entwicklung des Systems arbeitete TTTech seit 2012, so Mäke-Kail. Die Entwicklungsphase war bereits 2020 abgeschlossen, was folgte war vier Jahre langer Kundensupport. Darüber, wie viele finanzielle Ressourcen in das System geflossen sind, wird geschwiegen. Mehr als einen einstelligen Millionenbetrag habe es aber benötigt, verrät Mäke-Kail im Gespräch mit brutkasten.

Wiener Spin-Off geht ins Weltall

Das 1998 gegründete Unternehmen entstand als Spin-off an der Technischen Universität. Hermann Kopetz, sein Sohn Georg Kopetz und der damalige Student Stefan Poledna gingen hier ihrer Idee der Echtzeit-Datenübertragung nach. Heute hat das Unternehmen mehr als 2.300 Mitarbeiter:innen, die an 21 Standorten in 15 Ländern tätig sind. Es ist als TTTech Group in mehreren Sparten tätig, unter anderem im Automobilbereich, der Automatisierungstechnik und eben der Luft- und Raumfahrt.

Dabei ist der Ariane 6 Start nicht der erste Weltraumflug für das Unternehmen: So kam die „Nervensystem“-Technologie bereits in mehreren Raumfahrtmissionen der NASA zum Einsatz. Was jetzt für Ariane 6 entwickelt wurde, kann auch in der Luftfahrt, in Windturbinen und in einigen autonom fahrenden Automobilen eingesetzt werden. Allerdings wohl die kostengünstigere Variante, die Eigenschaften wie Strahlungsresistenz nicht aufweist und somit pro Stück günstiger produziert werden.

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Alexander Pöllmann, Director IT & Digital bei der Viessmann Generations Group, und Michael Maier, Director Austria von iteratec (v.l.) | (c) iteratec / beigestellt

Es war eine der bemerkenswertesten Transformationen der deutschen Industrie: 2023 verkaufte Viessmann sein Kerngeschäft, die Klimasparte Viessmann Climate Solutions, für zwölf Milliarden Euro an den US-Konzern Carrier (brutkasten berichtete). Seit Anfang 2024 agiert das Familienunternehmen als Unternehmensgruppe, die aus Deutschland ein globales industrielles Beteiligungsportfolio steuert. Und dieses Kernteam soll nun KI-nativ werden: Gemeinsam mit dem Technologieunternehmen iteratec baut Viessmann ein Multi-Agenten-System, das die Mitarbeiter:innen zu “Buildern von Agenten” verändert.

Vom Heizungsbauer zum langfristigen Unternehmensentwickler  

Das reinvestierte Kapital floss vor allem in industrielle Mittelständler mit Fokus auf nachhaltige Energietransformation: von Grid-Infrastruktur über Fernwärme- und Kühlungslösungen bis zu Kühlhäusern. Dazu zählt etwa die isoplus-Gruppe, ein Hersteller von Nah- und Fernwärmeleitungen mit großen Standorten in Österreich. Über Minderheitsbeteiligungen ist Viessmann außerdem unter anderem an Encavis sowie am Software-Unternehmen AMCS beteiligt, das Emissionen in der Recycling- und Abfallwirtschaft reduzieren soll. 

Beim Thema KI unterscheidet Pöllmann klar zwischen zwei Ebenen: „Wenn wir auf unsere Partner schauen, ist der Kerntreiber klassischerweise Effizienz, also Use Cases entlang der Wertschöpfungskette, um Top- oder Bottom-Line-Potenziale einzusammeln. Auf Ebene des Viessmann-Teams schauen wir viel stärker auf Effektivität: Wie können wir noch bessere Investmententscheidungen treffen und unsere zentrale Entscheidungsqualität maßgeblich erhöhen?“ 

Deal-Screening statt Deal-Sourcing 

Genau das sei allerdings die schwierigere Disziplin, so Pöllmann: „Effizienz-Use-Cases sind aus unserer Sicht häufig leichter, als die Qualität zu erhöhen. KI tendiert in ihrer ursprünglichsten Natur dazu, lieber zu halluzinieren und ungenau zu sein, als eine sehr klare Antwort auf die Frage zu geben: Sollte ich dieses Investment tätigen oder lieber nicht? Welche Risiken habe ich noch nicht gesehen?“ Dies bedingt vor allem den ganzen Kontext einer Transaktion zu kennen. 

Konkret setzt das Multi-Agenten-System deshalb dort an, wo Präzision zählt: beim Screening. Es gehe nicht darum, Deals zu sourcen, betont Pöllmann, sondern den Prozess „Ist ein Deal für uns wirklich relevant?“ deutlich zu verkürzen. Ein Letter of Intent könne so viel schneller analysiert und daraus ein Investmentmemo gebaut werden, angereichert mit weiteren Quellen. 

Dass das Viessmann-Team das System selbst baut, statt auf eine Fertiglösung zu setzen, ist für Pöllmann eine Grundsatzentscheidung: „Wir wollen die Governance in der eigenen Hand haben, aber auch den Prozess, wie wir zu Entscheidungen kommen.“ Fertige KI-Finanzlösungen von der Stange würden der Organisation wenig bringen: „Das ist zwar alles nett und funktioniert auch schnell, aber nicht in der Qualität, wie wir sie erwarten.“ 

Jede:r Mitarbeiter:in wird zum „Builder“ 

Der vielleicht radikalste Teil des Ansatzes: Alle Mitarbeiter:innen der Viessmann Generations Group sollen befähigt werden, selbst KI-Agenten zu bauen. Der Prozess dahinter ist mehrstufig: Ein Intake-Agent nimmt die Idee auf und schärft sie, ein Specification-Agent zieht anschließend das nötige Fachwissen aus den Mitarbeiter:innen heraus und gibt erst ab einem bestimmten Confidence Score grünes Licht. Danach erstellt ein weiterer Agent, der sogenannte Agent-Builder, den fertigen KI-Kollegen. 

Gestartet wurde Ende Jänner mit einem „Hypersprint“, die ersten Prozessagenten gingen im Frühjahr live. „Es ist schon verrückt, was wir in der Zeit entwickelt haben“, sagt Pöllmann. Die größte Herausforderung sei dabei nicht die Technologie: „Die Herausforderung ist wirklich, das Wissen der Kolleg:innen “freizulegen” und die Leute, die verantwortlich sind, in die Verantwortung zu bekommen. So können wir dann gemeinsam den Input, den wir brauchen, identifizieren, um daraus vernünftige Agenten mit hoher Output-Qualität zu bauen.“ 

„Die Rolle des Menschen in der KI-Transformation wird maßgeblich“ 

Bei aller Automatisierung bleibt die Verantwortung beim Menschen, stellt Pöllmann klar: „Am Ende braucht es immer einen Verantwortlichen, und das kann nicht die Maschine sein. Dadurch wird vor allem die Rolle des Menschen in der KI-Transformation maßgeblich gestärkt.“ Wer einen Agenten verantwortet, müsse dessen Ergebnisse kontrollieren, ihn testen und etwa bei der Abkündigung eines KI-Modells nachjustieren. „Damit bekommt jeder in gewisser Weise eine Führungsaufgabe“, so Pöllmann. 

Um den Rollenwandel greifbar zu machen, ließ Viessmann die Mitarbeiter:innen ein eigenes „Role Canvas“ ausfüllen: Was bleibt an Verantwortung beim Menschen, wenn KI-Agenten übernehmen? Das habe viel Verständnis für die Transformation geschaffen, auch bei jenen, deren Berufsbild sich am stärksten verändert. Denn das klassische Profil eines Investmentbankers werde sich fundamental drehen, so Pöllmann. Die Betroffenen hätten das Thema allerdings „sehr gut aufgeschnappt und zeigen große Begeisterung dafür“. 

iteratec: „Die Unschärfe reduzieren“ 

Auf der Umsetzungsseite steht mit iteratec ein Software-Dienstleister, der seit 30 Jahren Individualsoftware entwickelt und sich zunehmend auf KI-Transformation fokussiert. „Unser eigenes Geschäft ändert sich aktuell selbst radikal aufgrund von KI“, sagt Michael Maier, Director Austria von iteratec. Das Unternehmen setzt Multi-Agenten-Projekte unter anderem bei Banken um und hat mit dem Recycling-Konzern Ragn-Sells ein neues Recyclingverfahren auf Basis KI-gestützter Materialanalysen entwickelt. Das Viessmann-Projekt sei „mitunter eines der spannendsten, das wir gerade machen dürfen“, so Maier: „Das nimmt sicher eine Vorreiterrolle ein.“ 

Die Kunst liege darin, schnell voranzukommen und trotzdem verlässliche Resultate zu liefern: „Du musst die Unschärfe so weit reduzieren, dass du dort, wo es wichtig ist, belastbare Ergebnisse hast, mit denen du arbeiten kannst“, sagt Maier. Viessmann kam über einen klassischen Anbieterauswahlprozess zu iteratec. Ausschlaggebend sei das Team gewesen, so Pöllmann: „Ein sehr professionell aufgestelltes Team mit High-End-AI-Capabilities. Die Entwickler sind fast AI-native unterwegs.” 

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