20.01.2015

Tipps von Business Angel Philipp Kinsky – Ein Couchgespräch

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Philipp Kinsky ist Business Angel und Rechtsanwalt. Er berät Investoren und Startups.

Rechtsanwalt und Business Angel Philipp Kinsky weiß wovon er spricht: Seit bereits zehn Jahren berät er Startups. Über 80 Finanzierungsrunden hat er abgehandelt. Wahrscheinlich sind auf diese Weise 250 Millionen Euro durch seine Hände gegangen. Startup Recht ist sein Fachgebiet. DieWirtschaftsrechtskanzlei Herbst Kinsky, bei der er Partner ist, startete überdies erst leztes Jahr mit HK Incube einen Inkubator und sind seitdem noch näher an Startups dran.

Mit dem Brutkasten spricht er über die häufigsten Fragen, die ihm Gründer stellen, welche Finanzierungsmöglichkeiten es gibt, ob man Ideen schützen kann und formuliert seine Wünsche für die Startup-Landschaft Österreichs. Außerdem verrät er, ob er nicht selbst Lust aufs Gründen hat.

Wenn man sich erst einmal dazu entschließt, ein Startup zu gründen, schießen einem hundert Fragen durch den Kopf. Das beginnt bei der Gründung an sich und hört bei Finanzierungsfragen auf. Philipp Kinsky kennt das. Längst bietet er nicht nur reine Rechtsberatung an, sondern ist auch Anlaufstelle für Finanzierungsfragen geworden. Immerhin ist eine der zentralen Fragen, die sich der Gründer stellt, folgende: Wie komme ich zu Geld?

Aber, das ist doch eigentlich nicht die klassische Frage, die man einem Rechtsanwalt stellt? 

Stimmt. Inzwischen steht der Rechtsbedarf gar nicht mehr so stark an erster Stelle, wenn ein junger Gründer zu uns kommt. Die meisten wissen inzwischen, dass wir viele Investoren kennen, bzw. selbst investieren und ein großes Netzwerk haben.

Dann kommen viele mit Fragen zu uns, die weniger rechtlicher als wirtschaftlicher Natur sind, wie: Sind meine Forderungen an den Investor völlig „out of the box“? Wir haben in den letzten Jahren viel Erfahrung gewonnen und können Startups in der Anfangsphase, aber auch im späteren Stadium unterstützen.

Was sind denn die meist gestellten Fragen?

  1. Zugang zu Investoren: Kennst Du wen, der Interesse haben könnte?
  2. Was ist meine Idee wert?
  3. Wie viel Geld brauche ich für die Umsetzung?

Viele Gründer wissen gar nicht, wie viel Geld sie brauchen, weil sie keine Liquiditäts- bzw. Finanzplanung gemacht haben. Ich rate, so viel Geld einzusammeln, dass das Startup zumindest die nächsten 18 Monate nicht auf eine neue Finanzierungsrunde angewiesen ist. Der Funding-Prozess ist langwierig und dann ist da die Gefahr, dass operativ zu wenig weiter geht.

Das Startup sollte zumindest so viel Geld aufnehmen, dass er die ersten 18 Monate über die Runden kommt.

Welche Möglichkeiten hat man denn?

Anfangs ist es bestimmt meist so, dass Gründer primär eigenes Geld in die Hand nehmen. Dann, wenn man schon ein wenig mehr braucht, als man es als Einzelperson zur Verfügung hat, gehen die meisten zu Friends&Family, um sich intern Kredite zu holen. (Ich rede hier auch nicht vom Unternehmer, der schon zwei Exits hinter sich hat) Die Bank gibt dir in der Regel auch keinen Kredit. Die fragt natürlich nach Sicherheiter, die der junge Gründer in der Regel nicht hat.

Bevor ich außerdem dort das Geld aufnehme, kommen Business Angel ins Spiel, die mit mir gemeinsam das Riskio eingehen. Neben ihnen gibt es dann noch die Förderungen, da gibt es in Österreich einige Programme, die bereits im Vorgründungsstadium interessant sind und bei der man 100% seines Unternehmens behält, bevor sie Business Angel adressieren und Anteile abgeben müssen. Das ist schließlich die teuerste Währung die der Gründer hat.

Die teuerste Währung, die ein Gründer hat, sind Anteile.

Übrigens, ich erkenn Startups, die bereit sind, schnell zu wachsen, an ihrer Bereitschaft Anteile abzugeben.

Wieso?

Es geht um einen gewissen Speed. Nur dann, wenn du heute Investoren an Board holst und auch bereit bist Unternehmensanteile abzugeben, schaffst du es auch die benötigte Power aufrecht zu erhalten. Wenn sich Gründer immer nur mit sehr kleinen Beträgen zur nächsten Finanzierungsrunde weiter hanteln, geht oft operativ nichts weiter.

Gibt es Eigenschaften, die alle erfolgreichen Gründer ausmachen?

Ja, ich denke schon. Das ist etwas ganz Persönliches: Die Begeisterungsfähigkeit des Gründers, die Überzeugung von seinem Projekt. Das sehen in einem nicht nur die Berater und Investoren, sondern auch die Lieferanten, die Kunden, etc. Es ist das Leuchten in den Augen des Gründers.

Zweitens, dass er ein guter Verkäufer ist. Natürlich kann auch ein Techniker eine gute Idee haben, der einen sich einen Vertriebsmann dazu holt.

Drittens: Ist er Teamfähig? Gründer, die allein gründen, scheitern oft. Du brauchst immer Feedback. Jeder Tag in einem Startup ist eine neue Challenge. Natürlich kannst du Externe fragen, aber die sind nie so involviert, wie ein Gründerteam – und auch nicht immer verfügbar.

(Zwischenfrage: Wie viele sind ein gutes Team?)

3-4 Leute. Dann ist die Verantwortung ein bisschen auf den Schultern aller verteilt und es trifft einen nicht so sehr, wenn ein Partner wegfällt.

Viertens: Ist er ein offener Mensch? Hat er Ideen?

Wenn es um einen Bereich geht, bei dem es nicht ums Thema Patent anmelden ja/nein geht, sondern um Ideen, die vielleicht nicht schutzwürdig sind und der Gründer kommt mit Geheimhaltungserklärungen daher, dann ist das schon der falsche Ansatz. Heutzutage funktioniert das anders. Co-Working Spaces bauen etwas genau auf diesem „sich untereinander vernetzen“ auf.

Kann man eine Idee schützen?

Eine Idee an sich ist nicht schützbar. Wenn ein anderer sagt, er hatte die gleiche Idee, muss man beweisen, dass man mit gewissen Konzepten oder Papieren schon viel früher da war. Eine Idee kann man nicht in Registern schützen lassen, sondern muss den Nachweis erbringen, dass man sie hatte – anders als bei Patenten oder Marken.

Eine Idee kann man nicht in Registern schützen lassen. Sie ist nicht schützbar.

Eine Erfindung hingegen kann man schützen lassen, wenn sie Patent fähig ist. Und dann gibt es noch das Urheberrecht. Etwa den Schutz auf Software. Aber jeder könnte weltweit etwas Ähnliches machen, ohne, dass er dieses verletzt, weil er es originär erarbeitet hat.

Ab wann ist ein Startup ein Startup?

Rein rechtlich dann, wenn sich mehrere Personen zusammen fügen und interne Regelungen vereinbaren, wie sie mit ihrer Geschäftsidee umgehen. Es gibt Gesellschaften, die entstehen, ohne dass sie im bürgerlichen Gesetzbuch eingetragen werden. Interessensgemeinschaften.

Zum Beispiel: Wir arbeiten gemeinsam an der Entwicklung einer App. Du entwickelst sie und ich bin für das Marketing verantwortlich. Damit bildet man bereits eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, bei der klar ist, dass das, was entsteht, uns beiden zu gleichen Teilen gehört.

Eine Firma allerding, die nach außen hin auftritt, entsteht erst mit der Eintragung ins Firmenbuch. Es gibt allerdings auch viele Einzelunternehmer – da muss man nicht zwangsweise im Firmenbuch eingetragen sein. Erst nach einer gewisser Umsatzschwelle.

In der Theorie könnte ich heute etwas Programmieren und ins Internet hineinstellen. Auf der Website des Booking Systems, oder was auch immer, ich erstellen möchte, steht dann im Impressum: Inhaber ist Philipp Kinsky, EU Einzelunternehmer – damit bin ich auch ein Startup. Immerhin: Dann bin ich nach außen hin aufgetreten und visible geworden. Damit wird mein Startup auch in der Community als solches gesehen.

Mit Startups werden heutzutage Unternehmensgründungen in gewissen Branchen bezeichnet. Wenn wir heute von Startups reden, reden wir von Hightech-Bereich, Internet/Mobile Bereich, von Greentec, Medtech oder Biotech. Wenn ich heute eine Fleischerei grüne, würde man mich als Jungunternehmer und nicht als Startup Gründer bezeichnen.

Wieso eigentlich?

Die Bezeichnung Startup als solches kommt da nach dem angloamerikanischen Bereich und wird überwiegend für schnell wachsende Branchen verwendet. Den Einzelhandelsunternehmer, der ein Modegeschäft aufmacht und der grundsätzlich jemand mit ähnlichen Problemen ist (er muss gründen, braucht eine Gewerbeberechtigung, muss Mitarbeiter anstellen, Kunden akquirieren), bezeichnet man im Sprachgebrauch üblicherweise nicht als Startup.

Als Investor und Berater muss man den ganzen Dschungel, den es mittlerweile gibt – und es werden noch viel mehr Ideen kommen, die auch einfach Copy/Paste sind – scannen und die außergewöhnlichen Technologien finden. Wo sind die neuen Produkte, die den Markt verändern werden und das Leben vereinfachen?

Gibst du Empfehlungen ab? Investiert man aufgrund deines Tipps?

Die meisten Deals funktionieren genau so. Es ist eine Art Vertrauenssache, ob du über genügend Fachkenntnisse verfügst. Darum ist es auch wichtig, als Meinungsmacher, selbst mitzuziehen und mit eigenem Geld zu investieren. Die Business Angel Szene erweitert sich momentan, da kann es schon vorkommen, dass der ein oder andere mitzieht, weil er meiner Entscheidung vertraut und weiß, dass ich mich auskenne, weil ich eben schon seit zehn Jahren im Business bin.

Was sollten Startups bei der Suche nach Business Angels beachten?

Die Startups selbst tun sich leichter, wenn sie einen Business Angel, der für das Startup hinaus geht und wirbt. Dadurch wirbt man gemeinsam, um neue Investoren, was einen ganz anderen Vertrauensbereich schafft und es authentischer wirkt. Wenn ein Business Angel für ein Startup wirbt, vertraue ich dem eher.

Thema Knowledge – Startups profitieren bekanntlicher Maße von der Erfahrung – und der Business Angel?

Startup kann für Business Angel lehrreich sein. Es gibt welche, die gehen nur in Bereiche, in denen sie sich auskennen, weil sie wissen, wie der Markt (auch in Hinblick auf Internationalisierung) funktioniert.

Natürlich muss man sich die Frage stellen, was einen interessiert. Es kann schon sein, dass man auch mit einem Leadinvestor mitgeht, obwohl man nicht die spezifischen Branchenkenntnisse mitbringt. So schaffen es Business Angel in neue Branchen hinein zu schnuppern – und lernt mit. Es funktioniert also auch umgekehrt mit dem Austausch. Nicht nur das klassische vom Business Angel zum Startup.

Der Business Angel kann auch von einem Startup lernen. Das funktioniert auch umgekehrt. 

Muss der Lead Investor eigentlich der sein, der am meisten investiert?

Nicht zwangsweise, aber es ist meistens so. Der Lead Investor macht meist die Abwicklung des Deals und verhandelt die Terms. Im Regelfall ist das der, der das meiste Geld hinein gibt und seine Wünsche demensprechend verhandelt haben möchte. Der Lead Investor ist daher meist derjenige, der nicht weniger, aber notwendiger Weise nicht mehr reinsteckt. Bei der ersten Runde. Beim Folgeinvestment ist das was anderes. Da hat man dann zum Beispiel einen Hansi (Anm. Johann „Hansi“ Hansmann) der die Koordination übernimmt, das Bindeglied zwischen Gesellschaft und Investoren darstellt und indirekt auch das Sprachrohr der Investoren wird. Der „matcht“ die Wünsche des Unternehmens mit denen der neuen Investoren.

In wie vielen Startups bist Du selbst investiert?
Momentan in 4. Bei ein paar bin ich mit einem sehr geringen Prozentsatz drin.

Ich denke, dass Startups das zu schätzen wissen: Da gibt es jemanden, der gibt mir immer einen objektiven Rat gibt und kein Eigeninteresse hat. Der Berater würde manchmal etwas anderes empfehlen als der Business Angel. Das muss man dann auch im konkreten Fall auch so kommunizieren, dass man jetzt als Berater/Business Angel auftritt.

Startup als Anlage – eine Möglichkeit?

Ich glaube, jeder der in ein Startup investiert, muss damit rechnen, dass das Geld weg ist. Es kann ein sinnvollvoller Weg sein in Hinblick auf Diversifizierung: Da investiere ich etwas in Immobilien, mit diesem Betrag geh ich auf den Aktienmarkt, bzw. substituiere ich dann in Statups. Bei Aktien kann ich nicht beeinflussen, ob der Kurs runtergeht oder nicht, beim Startup bin ich vielleicht näher dran und hab ein besseres Gefühl. Für den klassischen Business Angel ist diese Geld, das er investiert, dann aber doch „Spielgeld“. Wenn nichts aus dem Startup wird, hat er auch damit gerechnet und freut sich aber, wenn es zu einem Exit kommt. Das unterscheidet den Busines Angel vom Super Angel, der Startups vielleicht tatsächlich als Anlage sieht und das richtige Näschen dafür hat.

Wann ist ein Startup erfolgreich?

Der klassische Gründer hat nicht den Traum viel Geld zu machen, sondern etwas aufzubauen. Etwas Großes zu machen, etwas Außergewöhnliches zu machen. Das Geld ist dann ein angenehmer Nebeneffekt, der Antrieb des Gründers ist es sicher nicht.

Finanzierungsrunden mit hohen Bewertungen sind im Übrigen keine Exits. Natürlich ist es ein Erfolg, Geld aufzustellen, erfolgreich ist ein Startup aber eigentlich erst dann, wenn es entweder Cashflow positiv ist, oder einen Exit hat.

Erfolgreich ist ein Startup nicht, nur weil es vier Finanzierungsrunden hinter sich hat. 

Da muss ich manchmal schmunzeln, wenn ein Unternehmen als „erfolgreich“ bezeichnet wird, nur weil es vier oder fünf Finanzierungsrunden hinter sich hat. Was auch super ist! Damit zeigt es auch, dass es am richtigen Weg ist – aber noch nicht am Ziel.

Ein Wunsch für Startups?

Wenn es leichter gemacht werden würde zu gründen. Wenn etwa die Notariatsaktpflicht einer GmbH abgeschafft werden würde. Viele Gründer wollen nicht dafür Geld ausgeben. Man könnte über eine neue Rechtsform für Startups nachdenken: eine Klein AG, die jene Vorteile einer AG und einer GmbH miteinander verknüpft. Dann wäre die Anteilsübertragung einfacher, auch in Hinblick auf Mitarbeiterbeteiligungen. Wir bräuchten eine Rechtsform, die den Standort Österreich attraktiver macht.

Außerdem: Es gibt es ein schwarzes Loch im Bereich zwischen Business Angel und VC, also zwischen zwei und zehn Millionen Euro. Wenn man ermöglichen würde über Freibeträge etwa, dass mehrere Personen in der Breite investieren könnten mit Freibeträgen, könnte man das stopfen.

Ist selber gründen eine Option?

Ja, irgendwann vielleicht. Derzeit geht es aber auch einfach zeitmäßig nicht. Ich kokettiere schon damit, eine Idee selbst umzusetzen. Wir haben allerdings eine Kanzlei mit über 30 Angestellten, da habe ich momentan genug Verantwortung und muss schauen, dass ich mir nicht noch mehr aufhalse.

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LinkedIn: Karrieresprung oder Spiel mit der Psyche

25 Prozent der Menschen in Österreich sind auf LinkedIn, davon postet nur ein Prozent. Was wir auf LinkedIn sehen, ist also das High-End einer High-End-Bubble. Was das mit dem Algorithmus der Plattform und der Karriere von Menschen macht? Ein Gründer und eine Psychologin erzählen.
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Symbolbild | Foto: Adobe Stock

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Du bist Gründer:in, du willst Connections, Investor:innen oder einfach eine Menge Kontakte? Dann bist du wahrscheinlich auf LinkedIn.

LinkedIn sieht sich selbst als die “weltweit größte Business-Plattform”. Das ursprünglich zur beruflichen Vernetzung entwickelte digitale Netzwerk wird aktuell in über 200 Ländern verwendet.

Weltweit hat es 1,5 Milliarden registrierte Nutzer:innen, die meisten davon sitzen in den USA, in Indien und in Brasilien. Einer amerikanischen Quelle zufolge erhöht sich die Nutzerbasis der Plattform jährlich um 15 Prozent. LinkedIn wurde 2002 in Kalifornien gegründet und wurde im Dezember 2016 von Microsoft gekauft.

LinkedIn: Die Nutzerstärkste Karriereplattform

Als Quasi-Pendant dazu fungiert die deutsche Business-Plattform Xing. Weltweit zählt das im August 2003 in Hamburg gegründete Netzwerk 22,5 Millionen Nutzer:innen (Stand: Jänner 2025). Das ist weniger, als LinkedIn allein in der DACH-Region zählt. Dort sind es 25 Millionen Registrierte.

Die Nutzerzahlen der Konkurrenz-Plattform Xing sind seit dem Jahr 2013 zwar konstant gestiegen, die Steigerung flachte allerdings seit dem Jahr 2020 ab. Im Jahr 2013 zählte Xing weltweit noch 6,3 Millionen Mitglieder, im Q2 des Jahres 2024 waren es dann 22,5 Millionen.

Die Beliebtheit von LinkedIn, gerade in der “Business-Bubble”, ist unumstritten. Laut einer Umfrage von Jänner 2024 nutzen 65 Prozent der Unternehmen weltweit LinkedIn auch zum B2B-Marketing. Generell zählt LinkedIn nach Facebook und Instagram zu den beliebtesten Social-Media-Plattformen unter Unternehmen.

Business- wird zum Social- und Opinion-Network

Wer die ein oder anderen Stunden auf der Plattform verbringt, wird merken: LinkedIn hat sich vom beruflichen Netzwerk zu einem Social- und Opinion-Network mit reichlich Content-Diversität entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Deutschland: In unserem Nachbarland kam es zuletzt zu reichlich (politischen) Meinungsäußerungen im Netzwerk.

In Österreich ist dies auch vereinzelt, allgemein aber eher verhalten der Fall. Dennoch kann auch hierzulande nicht nur von Vernetzung gesprochen werden: Ein Kernelement der Business-Plattform ist die Selbstpräsentation.

Das sagt auch Julie Simstich, Arbeitspsychologin mit Fokus auf Neurodiversität und ADHS sowie auf stärkenorientierte Teamentwicklung. Sie befasst sich intensiv mit Gründer:innen und ihrem Arbeitsverhalten – und weiß daher auch, warum LinkedIn so tickt, wie es tickt:

“LinkedIn ist eine Plattform, auf der es darum geht, laut zu schreien und sich dabei selbst zu präsentieren.” Inhaltlich muss sich das Ganze nicht rein um den Beruf drehen. Das könnte die Reichweite unter Umständen sogar negativ beeinflussen. Denn wie so ziemlich jedes andere soziale Netzwerk hat auch LinkedIn einen Algorithmus.

Julie Simstich, Arbeitspsychologin | Foto: Sebastian Simstich

Wie der LinkedIn-Algorithmus tickt

Wie dieser funktioniert, weiß man noch nicht ganz genau. Bislang gibt es erst ein paar Tricks zur Algo-Optimierung, die auf Beobachtung basieren und bereits im Netzwerk selbst vermarktet werden:

So werden Profile, die viele direkte Nachrichten bekommen, vom LinkedIn-Algo eher gepusht als solche, die wenige rot-leuchtende Nummern in ihrer Inbox zählen. Außerdem bewertet der Algorithmus auch eine möglichst lange “View-Time” der geposteten Inhalte als positiv. Genauso wie die Anzahl der Kontaktanfragen und die sogenannten “External Shares“.

Letzteres bedeutet: Wenn Inhalte außerhalb deiner Kontakt-Bubble geteilt werden, ist das besonders lukrativ und bringt Reichweite. Dein Inhalt wird dann auch anderen Nutzer:innen ausgespielt – sofern dies deine Sicherheitseinstellungen erlauben. Das Ergebnis: Algorithmus-basierte Reichweite.

Zu guter Letzt: Zahlreiche Profil-Besuche und regelmäßige Interaktion freuen den Algorithmus besonders. Und: Ähnlich wie auf dem sozialen Netzwerk Instagram wünscht sich auch der LinkedIn-Algorithmus, dass möglichst viele deiner Postings von Nutzer:innen gespeichert werden. Empfohlen werden daher informative Inhalte, die User:innen Wissen bieten und bei Zeiten auch später abgerufen werden.

Das Spiel mit dem Wissen hat auch Manuel Messner, Co-Founder und CEO des Startups Mazing, versucht. Messner, der mit seiner Firma 3D und Augmented Reality für Websites anbietet, startete seine LinkedIn-Reise mit dem Fokus auf B2B-Akquisition und dem Teilen von Wissensinhalten.

Manuel Messner, Founder von Mazing | Foto: Mazing

Ursprünglich nutzte Messner die Business-Plattform als Marketingtool und zur Wissensvermittlung. Mazing setzte dafür auch Automatisierungstools ein, um sich effizient mit Interessenten zu vernetzen. Anfangs trug die Strategie zwar Früchte, nach ein paar Monaten sackte die Erfolgskurve allerdings ab. “Damals, vor drei Jahren, gab es einen Automatisierungsboom. Der Markt war schnell davon gesättigt, automatisierte Anfragen halfen nichts mehr”, erinnert sich Messner. Auch der Versuch, Kunden über persönliche Kaltakquise zu gewinnen, blieb erfolglos.

Die Folge: Messner reduzierte seine LinkedIn-Aktivität und begann, zwei- bis dreimal wöchentlich zu posten. Dafür brauchte er mehrere Stunden. “Und das war leider oft gezwungen”, erinnert sich der Founder.

Insgesamt blieb Messners Aktivität auf LinkedIn in den letzten drei Jahren allerdings hinter seinen Erwartungen. „Als skalierendes Startup muss man seine Zeit dort investieren, wo sie den größten Impact hat – und das war für uns nicht LinkedIn“, so Messner. Der Gründer vermutete, in welche Richtung sich die Plattform entwickelt hatte: Je polarisierender der Inhalt, desto besser. Also setzte er einen radikalen Schritt.

“Ich verlasse LinkedIn”, gab Messner im Jänner 2025 bekannt. Kurz darauf ging sein Posting viral. Es erhielt so viel Aufmerksamkeit wie wenige seiner bisherigen. “Ursprünglich wollte ich B2B-Marketing betreiben und Wissensinhalte teilen, von denen User profitieren. Dann ging mein ‘I quit LinkedIn’-Posting ziemlich gut und das zeigte mir, worum es eigentlich geht.”

Dass nur mehr Meinung und Polarisierung zählen, kann nicht ganz gesagt werden. Denn vollständig durchschaut wird der LinkedIn-Algorithmus noch nicht. Eine unabdingbare Voraussetzung für das Viral-Gehen polarisierender Postings gibt es auch nicht. Dennoch kann eine Tendenz erkannt werden. Und zwar jene der polarisierenden Selbstrepräsentation, die nicht immer mit dem Unternehmensinhalt zu tun hat.

Jubelplattform mit Druck und Perfektion

“Im Gegensatz zu Instagram, wo es häufig um den Lebensstil geht, geht es bei LinkedIn um berufliche Erfolge. Und da haben gerade Menschen, die vielleicht sogar unter dem Imposter-Syndrom leiden, eher zu kämpfen”, sagt Psychologin Simstich. “Natürlich gibt es einige Posts, die zeigen, wie Misserfolge passieren. Aber der allgemeine Tenor geht in Richtung Jubelplattform.”

Nun könnte man glauben: Gründer:innen sind das gewohnt. Sie sind hart im Nehmen, Perfektionist:innen und mit ständigem Druck und dem Vergleichen vertraut. “Klarerweise ist das nicht bei allen Gründer:innen, und schon lange nicht bei allen LinkedIn-Nutzenden, der Fall”, so Simstich.

“Auf Founderinnen und Foundern herrscht natürlich ein sozialer Druck. Eine Erwartungshaltung, aus der eigenen Firma etwas Großes zu machen, und das am besten in absehbarer Zeit. Es gibt Studien dazu, die sagen, dass Perfektionismus und der soziale Druck bei Foundern viel höher sein können als bei einem CEO, der selbst nicht gegründet hat. Dabei spricht man von einer Art des ‘sozial-vorgeschriebenen Perfektionismus’”, so die Psychologin.

“Natürlich kann man das nicht pauschal für jeden Gründer und jede Gründerin sagen, aber es gibt Hinweise, die besagen: Je höher der Perfektionismus bei einer Person ausgeprägt ist, desto niedriger ist das eigene Zufriedenheits- und Glücksempfinden. Hohe Ansprüche an sich zu haben und sich konstant mit seinem Umfeld zu vergleichen, kann die Psyche sehr belasten.”

Zudem tummeln sich auf der Plattform die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Psychologin Simstich weiß zum Beispiel, dass die Anzahl an ADHS-Diagnosen unter Gründer:innen weitaus höher ist als unter der Gesamtbevölkerung: “Die Wahrscheinlichkeit ist um 300 Prozent höher, dass jemand mit ADHS ein Unternehmen gründet, als jemand, der nicht mit ADHS lebt”, so die Psychologin.

Eine ADHS-Diagnose bringt im Gründungskontext zahlreiche Vorteile mit sich – etwa das intensive Interesse an einem Themenfeld oder ein intensiver Fokus, der sogenannte Hyperfokus. Auch die Bereitschaft zu risikoreichen Schritten und das instinktive Setzen von Impulsen zählt zu den Vorteilen.

Routinetätigkeiten, Organisation und Planung können sich manchmal jedoch als Stolpersteine erweisen. Genauso wie eine geringe Frustrationstoleranz und die Präsenz von Selbstzweifeln: “Egal ob ADHS oder nicht, bestehende Selbstzweifel können nachweislich über Plattformen wie LinkedIn verstärkt werden – gerade, wenn es darum geht, sich selbst und Erfolge zu präsentieren oder sich mit eben jenen konstant zu vergleichen”, so Simstich.

Der ununterbrochene Vergleich mit der Leistung anderer ist vielen mit Sicherheit auch von anderen Social-Media-Plattformen bekannt. In Lifestyle- oder Marketing-Themen sei dies wohl die Plattform Instagram. Doch im Business-Kontext ist LinkedIn ganz vorne im Bestätigen bestehender Zweifel:

“Viele Menschen, gerade auch Menschen mit ADHS, haben Schwierigkeiten, ihre Erfolge selbst anzuerkennen. LinkedIn tut uns dabei nicht unbedingt gut”, so Simstich. Eine logische Konsequenz ist das Gefühl, nicht erfolgreich genug zu sein, nicht genug zu arbeiten oder nicht in der erwarteten Zeit die erwarteten Erfolge zu erzielen.

Realitätsverzerrt gepostet

Ein weiteres LinkedIn-Phänomen: Die Realitätsverzerrung durch selektive Darstellung. “Nutzer:innen picken sich natürlich die Inhalte heraus, die sie posten wollen und die Anerkennung bringen. Das kennen wir auch von anderen Social-Media-Plattformen. Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Was wir sehen, ist nur ein Ausschnitt der Realität – und dieser Ausschnitt wird oft bewusst verzerrt.”

Wie zu erwarten kommt dabei auch der bislang noch wenig durchschaute LinkedIn-Algorithmus ins Spiel: “Wie wir bisher wissen, belohnt es der Algorithmus, wenn viel Zeit auf der Plattform verbracht wird. Je häufiger und länger Menschen auf LinkedIn sind, desto besser sind ihre Karrierechancen. Dazu gibt es einige Studien. Je mehr wir interagieren, desto mehr Reichweite hat unser Profil. Das heißt: LinkedIn provoziert, dass wir auf der Plattform aktiv sind. LinkedIn ist ja auch nur ein Unternehmen, das User anlocken will. Dessen muss man sich bewusst sein. LinkedIn spielt mit der psychischen Gesundheit von Menschen“.

Will man also groß rauskommen und als Gründer:in im Markt Fuß fassen, scheint LinkedIn ein quasi unvermeidbarer Hebel zu sein. Regulieren kann man das Ganze allerdings selbst – und zwar mit einigen Mechanismen, wie Simstich erklärt:

“Sollte ich merken, dass mir der Content in irgendeiner Art und Weise nicht gut tut, ich aber beruflich dazu verpflichtet bin, auf der Plattform aktiv zu sein, kann ich mir mit ein paar Tools helfen.”

25 Prozent sind auf LinkedIn, nur 1 Prozent postet

Statt sich gezielt zu vergleichen, sollte man seine Fühler auch in andere Felder auszustrecken: “LinkedIn wird hauptsächlich von Unternehmen und der High-Performance-Bubble genutzt. Etwa 25 Prozent der Menschen in Österreich nutzen LinkedIn. Von diesen postet aber nur etwa ein Prozent. Das, was wir auf LinkedIn sehen, ist nur ein kleiner und manchmal bewusst verzerrter Teil der ‘echten Welt’. In unserem Wirtschaftssystem gibt es aber auch viel Fachpersonal in vielen analogen Bereichen. Sei es die Postbotin, der Müllmann oder Menschen in Pflegeberufen. Jede und jeder von ihnen leistet einen wesentlichen Beitrag zu unserem Wirtschaftssystem und unserer Gesellschaft, auch wenn man das nicht auf LinkedIn sieht oder liest.”

Wichtig sei dahingehend vor allem, sich der selektiven Darstellung bewusst zu sein: “Dank der Algorithmen rutschen wir in eine Bubble. Dahingehend kann ich nur jedem und jeder wärmstens ans Herz legen: Macht aktive Realitätschecks und erweitert eure Perspektive. Sucht auf LinkedIn nach FuckUp-Nights, stöbert durch andere Branchen oder geht auf Portale oder Profile, die nicht in eurer Bubble sind.”

Das LinkedIn-Selbstexperiment

Überprüfen kann man das auch mithilfe eines Selbstexperiments: “Bevor du dich einloggst, beobachte, wie es dir geht. Dann setz dich hin, scrolle ein bisschen durch die Plattform und schau nach 15 Minuten, was dein Gemütszustand dann sagt. Fühlst du dich gestärkt und selbstbewusst oder eher down? Ignoriere das Gefühl nicht, sondern überlege dir anschließend, wie du deinen LinkedIn-Konsum gezielt gestalten könntest, damit nicht nur dein Business profitiert, sondern auch du als Mensch. Konkrete Zeitfenster können dabei ganz gut helfen, um Abstand zu gewinnen und bewusst zu entschleunigen.”

Überdies sollte man auch nicht vergessen: LinkedIn-Postings stammen nicht immer vom Menschen selbst: “Wenn ich das Gefühl habe: Meine Branchenkollegin verfasst deutlich erfolgreichere LinkedIn-Posts als ich, während mein eigener Content kaum Reichweite erzielt, dann lohnt es sich, zu hinterfragen: Hat sie ihren Beitrag wirklich selbst geschrieben? Hat sie dafür einen Profi engagiert? Oder steckt ChatGPT dahinter?”

Mensch versus Team und KI

Simstich verweist damit auf ein Phänomen der modernen Zeit: Der Vergleich mit Leistungen, die längst nicht mehr ausschließlich menschlich sind – sei es durch den Einsatz von KI-generierten Inhalten oder durch Teams, die hinter einer einzelnen Person agieren.

“Oft entsteht der Eindruck, dass eine Einzelperson außergewöhnliche Leistung erbringt, obwohl in Wahrheit Technologie oder ein ganzes Team im Hintergrund mitwirken. Unser Gehirn sieht nur den scheinbaren Erfolg und zieht eine Bilanz. Deshalb rate ich, einfach vorsichtig zu sein. Natürlich soll man LinkedIn nutzen, ich mache es ja auch, aber sei dir bewusst, dass die Plattform mit zunehmendem Fortschritt technologischer Innovation ein bisschen unberechenbarer wird.”

Dessen ist sich auch Manuel Messner bewusst. Mittlerweile hat er sein wöchentliches LinkedIn-Pensum auf 50 Minuten reduziert. Die restliche Content-Zeit kann er nun anderweitig nutzen: Messner postet Wissensinhalte auf Instagram und spürt dabei einen deutlich größeren Mehrwert für sein Unternehmen.

“Das ein oder andere LinkedIn-Posting lässt sich nicht vermeiden. Aber auch mit weniger Effort geht es jetzt gut. Ich folge ausgewählten Personen und kontrolliere meine Bubble. Und ich finde, man sollte nicht vergessen, dass Connections auch im realen Leben passieren und Fundamente für Business-Beziehungen oft im Analogen gepflastert werden. Eine Messe, ein Networking-Abend oder ein One-on-One-Meeting kann nur schwer durch LinkedIn ersetzt werden.”

28.03.2025

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2025 “Hoch hinaus” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Du bist Gründer:in, du willst Connections, Investor:innen oder einfach eine Menge Kontakte? Dann bist du wahrscheinlich auf LinkedIn.

LinkedIn sieht sich selbst als die “weltweit größte Business-Plattform”. Das ursprünglich zur beruflichen Vernetzung entwickelte digitale Netzwerk wird aktuell in über 200 Ländern verwendet.

Weltweit hat es 1,5 Milliarden registrierte Nutzer:innen, die meisten davon sitzen in den USA, in Indien und in Brasilien. Einer amerikanischen Quelle zufolge erhöht sich die Nutzerbasis der Plattform jährlich um 15 Prozent. LinkedIn wurde 2002 in Kalifornien gegründet und wurde im Dezember 2016 von Microsoft gekauft.

LinkedIn: Die Nutzerstärkste Karriereplattform

Als Quasi-Pendant dazu fungiert die deutsche Business-Plattform Xing. Weltweit zählt das im August 2003 in Hamburg gegründete Netzwerk 22,5 Millionen Nutzer:innen (Stand: Jänner 2025). Das ist weniger, als LinkedIn allein in der DACH-Region zählt. Dort sind es 25 Millionen Registrierte.

Die Nutzerzahlen der Konkurrenz-Plattform Xing sind seit dem Jahr 2013 zwar konstant gestiegen, die Steigerung flachte allerdings seit dem Jahr 2020 ab. Im Jahr 2013 zählte Xing weltweit noch 6,3 Millionen Mitglieder, im Q2 des Jahres 2024 waren es dann 22,5 Millionen.

Die Beliebtheit von LinkedIn, gerade in der “Business-Bubble”, ist unumstritten. Laut einer Umfrage von Jänner 2024 nutzen 65 Prozent der Unternehmen weltweit LinkedIn auch zum B2B-Marketing. Generell zählt LinkedIn nach Facebook und Instagram zu den beliebtesten Social-Media-Plattformen unter Unternehmen.

Business- wird zum Social- und Opinion-Network

Wer die ein oder anderen Stunden auf der Plattform verbringt, wird merken: LinkedIn hat sich vom beruflichen Netzwerk zu einem Social- und Opinion-Network mit reichlich Content-Diversität entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Deutschland: In unserem Nachbarland kam es zuletzt zu reichlich (politischen) Meinungsäußerungen im Netzwerk.

In Österreich ist dies auch vereinzelt, allgemein aber eher verhalten der Fall. Dennoch kann auch hierzulande nicht nur von Vernetzung gesprochen werden: Ein Kernelement der Business-Plattform ist die Selbstpräsentation.

Das sagt auch Julie Simstich, Arbeitspsychologin mit Fokus auf Neurodiversität und ADHS sowie auf stärkenorientierte Teamentwicklung. Sie befasst sich intensiv mit Gründer:innen und ihrem Arbeitsverhalten – und weiß daher auch, warum LinkedIn so tickt, wie es tickt:

“LinkedIn ist eine Plattform, auf der es darum geht, laut zu schreien und sich dabei selbst zu präsentieren.” Inhaltlich muss sich das Ganze nicht rein um den Beruf drehen. Das könnte die Reichweite unter Umständen sogar negativ beeinflussen. Denn wie so ziemlich jedes andere soziale Netzwerk hat auch LinkedIn einen Algorithmus.

Julie Simstich, Arbeitspsychologin | Foto: Sebastian Simstich

Wie der LinkedIn-Algorithmus tickt

Wie dieser funktioniert, weiß man noch nicht ganz genau. Bislang gibt es erst ein paar Tricks zur Algo-Optimierung, die auf Beobachtung basieren und bereits im Netzwerk selbst vermarktet werden:

So werden Profile, die viele direkte Nachrichten bekommen, vom LinkedIn-Algo eher gepusht als solche, die wenige rot-leuchtende Nummern in ihrer Inbox zählen. Außerdem bewertet der Algorithmus auch eine möglichst lange “View-Time” der geposteten Inhalte als positiv. Genauso wie die Anzahl der Kontaktanfragen und die sogenannten “External Shares“.

Letzteres bedeutet: Wenn Inhalte außerhalb deiner Kontakt-Bubble geteilt werden, ist das besonders lukrativ und bringt Reichweite. Dein Inhalt wird dann auch anderen Nutzer:innen ausgespielt – sofern dies deine Sicherheitseinstellungen erlauben. Das Ergebnis: Algorithmus-basierte Reichweite.

Zu guter Letzt: Zahlreiche Profil-Besuche und regelmäßige Interaktion freuen den Algorithmus besonders. Und: Ähnlich wie auf dem sozialen Netzwerk Instagram wünscht sich auch der LinkedIn-Algorithmus, dass möglichst viele deiner Postings von Nutzer:innen gespeichert werden. Empfohlen werden daher informative Inhalte, die User:innen Wissen bieten und bei Zeiten auch später abgerufen werden.

Das Spiel mit dem Wissen hat auch Manuel Messner, Co-Founder und CEO des Startups Mazing, versucht. Messner, der mit seiner Firma 3D und Augmented Reality für Websites anbietet, startete seine LinkedIn-Reise mit dem Fokus auf B2B-Akquisition und dem Teilen von Wissensinhalten.

Manuel Messner, Founder von Mazing | Foto: Mazing

Ursprünglich nutzte Messner die Business-Plattform als Marketingtool und zur Wissensvermittlung. Mazing setzte dafür auch Automatisierungstools ein, um sich effizient mit Interessenten zu vernetzen. Anfangs trug die Strategie zwar Früchte, nach ein paar Monaten sackte die Erfolgskurve allerdings ab. “Damals, vor drei Jahren, gab es einen Automatisierungsboom. Der Markt war schnell davon gesättigt, automatisierte Anfragen halfen nichts mehr”, erinnert sich Messner. Auch der Versuch, Kunden über persönliche Kaltakquise zu gewinnen, blieb erfolglos.

Die Folge: Messner reduzierte seine LinkedIn-Aktivität und begann, zwei- bis dreimal wöchentlich zu posten. Dafür brauchte er mehrere Stunden. “Und das war leider oft gezwungen”, erinnert sich der Founder.

Insgesamt blieb Messners Aktivität auf LinkedIn in den letzten drei Jahren allerdings hinter seinen Erwartungen. „Als skalierendes Startup muss man seine Zeit dort investieren, wo sie den größten Impact hat – und das war für uns nicht LinkedIn“, so Messner. Der Gründer vermutete, in welche Richtung sich die Plattform entwickelt hatte: Je polarisierender der Inhalt, desto besser. Also setzte er einen radikalen Schritt.

“Ich verlasse LinkedIn”, gab Messner im Jänner 2025 bekannt. Kurz darauf ging sein Posting viral. Es erhielt so viel Aufmerksamkeit wie wenige seiner bisherigen. “Ursprünglich wollte ich B2B-Marketing betreiben und Wissensinhalte teilen, von denen User profitieren. Dann ging mein ‘I quit LinkedIn’-Posting ziemlich gut und das zeigte mir, worum es eigentlich geht.”

Dass nur mehr Meinung und Polarisierung zählen, kann nicht ganz gesagt werden. Denn vollständig durchschaut wird der LinkedIn-Algorithmus noch nicht. Eine unabdingbare Voraussetzung für das Viral-Gehen polarisierender Postings gibt es auch nicht. Dennoch kann eine Tendenz erkannt werden. Und zwar jene der polarisierenden Selbstrepräsentation, die nicht immer mit dem Unternehmensinhalt zu tun hat.

Jubelplattform mit Druck und Perfektion

“Im Gegensatz zu Instagram, wo es häufig um den Lebensstil geht, geht es bei LinkedIn um berufliche Erfolge. Und da haben gerade Menschen, die vielleicht sogar unter dem Imposter-Syndrom leiden, eher zu kämpfen”, sagt Psychologin Simstich. “Natürlich gibt es einige Posts, die zeigen, wie Misserfolge passieren. Aber der allgemeine Tenor geht in Richtung Jubelplattform.”

Nun könnte man glauben: Gründer:innen sind das gewohnt. Sie sind hart im Nehmen, Perfektionist:innen und mit ständigem Druck und dem Vergleichen vertraut. “Klarerweise ist das nicht bei allen Gründer:innen, und schon lange nicht bei allen LinkedIn-Nutzenden, der Fall”, so Simstich.

“Auf Founderinnen und Foundern herrscht natürlich ein sozialer Druck. Eine Erwartungshaltung, aus der eigenen Firma etwas Großes zu machen, und das am besten in absehbarer Zeit. Es gibt Studien dazu, die sagen, dass Perfektionismus und der soziale Druck bei Foundern viel höher sein können als bei einem CEO, der selbst nicht gegründet hat. Dabei spricht man von einer Art des ‘sozial-vorgeschriebenen Perfektionismus’”, so die Psychologin.

“Natürlich kann man das nicht pauschal für jeden Gründer und jede Gründerin sagen, aber es gibt Hinweise, die besagen: Je höher der Perfektionismus bei einer Person ausgeprägt ist, desto niedriger ist das eigene Zufriedenheits- und Glücksempfinden. Hohe Ansprüche an sich zu haben und sich konstant mit seinem Umfeld zu vergleichen, kann die Psyche sehr belasten.”

Zudem tummeln sich auf der Plattform die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Psychologin Simstich weiß zum Beispiel, dass die Anzahl an ADHS-Diagnosen unter Gründer:innen weitaus höher ist als unter der Gesamtbevölkerung: “Die Wahrscheinlichkeit ist um 300 Prozent höher, dass jemand mit ADHS ein Unternehmen gründet, als jemand, der nicht mit ADHS lebt”, so die Psychologin.

Eine ADHS-Diagnose bringt im Gründungskontext zahlreiche Vorteile mit sich – etwa das intensive Interesse an einem Themenfeld oder ein intensiver Fokus, der sogenannte Hyperfokus. Auch die Bereitschaft zu risikoreichen Schritten und das instinktive Setzen von Impulsen zählt zu den Vorteilen.

Routinetätigkeiten, Organisation und Planung können sich manchmal jedoch als Stolpersteine erweisen. Genauso wie eine geringe Frustrationstoleranz und die Präsenz von Selbstzweifeln: “Egal ob ADHS oder nicht, bestehende Selbstzweifel können nachweislich über Plattformen wie LinkedIn verstärkt werden – gerade, wenn es darum geht, sich selbst und Erfolge zu präsentieren oder sich mit eben jenen konstant zu vergleichen”, so Simstich.

Der ununterbrochene Vergleich mit der Leistung anderer ist vielen mit Sicherheit auch von anderen Social-Media-Plattformen bekannt. In Lifestyle- oder Marketing-Themen sei dies wohl die Plattform Instagram. Doch im Business-Kontext ist LinkedIn ganz vorne im Bestätigen bestehender Zweifel:

“Viele Menschen, gerade auch Menschen mit ADHS, haben Schwierigkeiten, ihre Erfolge selbst anzuerkennen. LinkedIn tut uns dabei nicht unbedingt gut”, so Simstich. Eine logische Konsequenz ist das Gefühl, nicht erfolgreich genug zu sein, nicht genug zu arbeiten oder nicht in der erwarteten Zeit die erwarteten Erfolge zu erzielen.

Realitätsverzerrt gepostet

Ein weiteres LinkedIn-Phänomen: Die Realitätsverzerrung durch selektive Darstellung. “Nutzer:innen picken sich natürlich die Inhalte heraus, die sie posten wollen und die Anerkennung bringen. Das kennen wir auch von anderen Social-Media-Plattformen. Wichtig ist, sich bewusst zu machen: Was wir sehen, ist nur ein Ausschnitt der Realität – und dieser Ausschnitt wird oft bewusst verzerrt.”

Wie zu erwarten kommt dabei auch der bislang noch wenig durchschaute LinkedIn-Algorithmus ins Spiel: “Wie wir bisher wissen, belohnt es der Algorithmus, wenn viel Zeit auf der Plattform verbracht wird. Je häufiger und länger Menschen auf LinkedIn sind, desto besser sind ihre Karrierechancen. Dazu gibt es einige Studien. Je mehr wir interagieren, desto mehr Reichweite hat unser Profil. Das heißt: LinkedIn provoziert, dass wir auf der Plattform aktiv sind. LinkedIn ist ja auch nur ein Unternehmen, das User anlocken will. Dessen muss man sich bewusst sein. LinkedIn spielt mit der psychischen Gesundheit von Menschen“.

Will man also groß rauskommen und als Gründer:in im Markt Fuß fassen, scheint LinkedIn ein quasi unvermeidbarer Hebel zu sein. Regulieren kann man das Ganze allerdings selbst – und zwar mit einigen Mechanismen, wie Simstich erklärt:

“Sollte ich merken, dass mir der Content in irgendeiner Art und Weise nicht gut tut, ich aber beruflich dazu verpflichtet bin, auf der Plattform aktiv zu sein, kann ich mir mit ein paar Tools helfen.”

25 Prozent sind auf LinkedIn, nur 1 Prozent postet

Statt sich gezielt zu vergleichen, sollte man seine Fühler auch in andere Felder auszustrecken: “LinkedIn wird hauptsächlich von Unternehmen und der High-Performance-Bubble genutzt. Etwa 25 Prozent der Menschen in Österreich nutzen LinkedIn. Von diesen postet aber nur etwa ein Prozent. Das, was wir auf LinkedIn sehen, ist nur ein kleiner und manchmal bewusst verzerrter Teil der ‘echten Welt’. In unserem Wirtschaftssystem gibt es aber auch viel Fachpersonal in vielen analogen Bereichen. Sei es die Postbotin, der Müllmann oder Menschen in Pflegeberufen. Jede und jeder von ihnen leistet einen wesentlichen Beitrag zu unserem Wirtschaftssystem und unserer Gesellschaft, auch wenn man das nicht auf LinkedIn sieht oder liest.”

Wichtig sei dahingehend vor allem, sich der selektiven Darstellung bewusst zu sein: “Dank der Algorithmen rutschen wir in eine Bubble. Dahingehend kann ich nur jedem und jeder wärmstens ans Herz legen: Macht aktive Realitätschecks und erweitert eure Perspektive. Sucht auf LinkedIn nach FuckUp-Nights, stöbert durch andere Branchen oder geht auf Portale oder Profile, die nicht in eurer Bubble sind.”

Das LinkedIn-Selbstexperiment

Überprüfen kann man das auch mithilfe eines Selbstexperiments: “Bevor du dich einloggst, beobachte, wie es dir geht. Dann setz dich hin, scrolle ein bisschen durch die Plattform und schau nach 15 Minuten, was dein Gemütszustand dann sagt. Fühlst du dich gestärkt und selbstbewusst oder eher down? Ignoriere das Gefühl nicht, sondern überlege dir anschließend, wie du deinen LinkedIn-Konsum gezielt gestalten könntest, damit nicht nur dein Business profitiert, sondern auch du als Mensch. Konkrete Zeitfenster können dabei ganz gut helfen, um Abstand zu gewinnen und bewusst zu entschleunigen.”

Überdies sollte man auch nicht vergessen: LinkedIn-Postings stammen nicht immer vom Menschen selbst: “Wenn ich das Gefühl habe: Meine Branchenkollegin verfasst deutlich erfolgreichere LinkedIn-Posts als ich, während mein eigener Content kaum Reichweite erzielt, dann lohnt es sich, zu hinterfragen: Hat sie ihren Beitrag wirklich selbst geschrieben? Hat sie dafür einen Profi engagiert? Oder steckt ChatGPT dahinter?”

Mensch versus Team und KI

Simstich verweist damit auf ein Phänomen der modernen Zeit: Der Vergleich mit Leistungen, die längst nicht mehr ausschließlich menschlich sind – sei es durch den Einsatz von KI-generierten Inhalten oder durch Teams, die hinter einer einzelnen Person agieren.

“Oft entsteht der Eindruck, dass eine Einzelperson außergewöhnliche Leistung erbringt, obwohl in Wahrheit Technologie oder ein ganzes Team im Hintergrund mitwirken. Unser Gehirn sieht nur den scheinbaren Erfolg und zieht eine Bilanz. Deshalb rate ich, einfach vorsichtig zu sein. Natürlich soll man LinkedIn nutzen, ich mache es ja auch, aber sei dir bewusst, dass die Plattform mit zunehmendem Fortschritt technologischer Innovation ein bisschen unberechenbarer wird.”

Dessen ist sich auch Manuel Messner bewusst. Mittlerweile hat er sein wöchentliches LinkedIn-Pensum auf 50 Minuten reduziert. Die restliche Content-Zeit kann er nun anderweitig nutzen: Messner postet Wissensinhalte auf Instagram und spürt dabei einen deutlich größeren Mehrwert für sein Unternehmen.

“Das ein oder andere LinkedIn-Posting lässt sich nicht vermeiden. Aber auch mit weniger Effort geht es jetzt gut. Ich folge ausgewählten Personen und kontrolliere meine Bubble. Und ich finde, man sollte nicht vergessen, dass Connections auch im realen Leben passieren und Fundamente für Business-Beziehungen oft im Analogen gepflastert werden. Eine Messe, ein Networking-Abend oder ein One-on-One-Meeting kann nur schwer durch LinkedIn ersetzt werden.”

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