28.06.2021

Premium Hundefuttermarke The Goodstuff: „Weniger ist mehr“ als Erfolgsrezept

Anlässlich des fünften Geburtstages der Hundefuttermarke The Goodstuff haben die Gründer Christian Knauss und Thomas Schmidbauer mit dem brutkasten über ihr Erfolgsrezept, den kompetitiven Tierfuttermarkt und ihre Pläne für die Zukunft gesprochen. Außerdem erklären sie, warum der Drogeriefachhandel als Vertriebskanal keine Option ist.
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The Goodstuff
Das Team von The Goodstuff (v.l.n.r.): Konrad Frey, Thomas Schmidbauer und Christian Knauss
© Klaus Krumboeck

Wie so oft bei Unternehmensgründungen ist auch The Goodstuff aus der Not heraus entstanden. Christian Knauss und Thomas Schmidbauer sind begeisterte Hundehalter und dementsprechend immer auf der Suche nach besonders hochwertigem und gesundem Futter für ihre Vierbeiner. Als sie auf dem Markt nicht fündig wurden, haben sie 2017 beschlossen ihre eigenen Rezepturen zu entwickeln, um bei der Qualität keine Abstriche mehr machen zu müssen.

Innovatives Fresh-Mix-Verfahren

Gemeinsam mit einem Team aus Expertinnen und Experten bestehend aus Biologen, Tierärzten, Züchtern und Trainern hat man bewusst reduziert gehaltenes Tierfutter kreiert – eine Revolution für damalige Verhältnisse, wie die beiden Gründer noch heute sagen. Alles Zutaten, die in The Goodstuff verarbeitet werden, sind als solche auch im Supermarkt erhältlich. Der Grundgedanke lautete: Single Protein, hergestellt mit frischem Fleisch in Lebensmittelqualität beim Einsatz von regional verfügbaren Rohstoffen und dem Verzicht auf Getreide.

Zugute kam den beiden der Techniker-Background von Christian, der selbst nach Methoden für eine besonders schonende Produktion – dem sogenannten Fresh-Mix-Verfahren – geforscht hat. Das Trockenfutter wird dabei mit wenig Druck im eigenen Fleischsaft gegart, wodurch auch der Stärke- und Zellaufschluss von Kohlenhydraten, Obst und Gemüse gewährleistet ist, damit die wichtigen Inhaltsstoffe optimal verwertet werden können. Zudem bleiben natürliche Nährstoffe und Vitamine der möglichst frischen Zutaten erhalten.

Mittlerweile über 30 Produkte im Portfolio

Nach fünf Jahren auf dem Markt ist das Trocken-, Nassfutter und Leckerlis umfassende Portfolio von einer Sorte in einer Größe auf über 30 Produkte angewachsen, die optimal auf die Bedürfnisse von Hunden jeglicher Rassen und Größen abgestimmt sind. Trockenfutter gibt es in den Geschmacksrichtungen „Huhn“, „Lachs“ und „Rind“, bei Feuchtfutter wird neben den Klassikern „Rind & Zucchini“ und „Huhn & Zucchini“ auch die Fleischsorte „Pferd & Zucchini“ für ernährungssensible Hunde angeboten und die Leckerlis sind in den unterschiedlichsten Fleischsorten und Formen erhältlich.

The Goodstuff Sortiment
© Klaus Krumboeck

„The Goodstuff“ bringt Markenphilosophie auf den Punkt

Während sich Christian also um Produktion und Rezepturen kümmert, hat Gründungspartner Thomas den Markenauftritt und die Vermittlung der Markenphilosophie übernommen. Immerhin musste die neue Marke auch an die Frau und den Mann gebracht und deren Benefits deutlich kommuniziert werden. Mit The Goodstuff haben die beiden deshalb einen Namen für ihre Produkte gewählt, der sofort ausdrückt, was den Gründern besonders wichtig ist: Hohe Rohstoff- und Verarbeitungsqualität und eine hochwertige Verpackung ohne Kompromisse. Dass man sich für einen englischen Namen entschieden hat, ist jedenfalls kein Zufall. Von Beginn an hatte man mit The Goodstuff Großes vor, denn auch der Export in weitere europäische Märkte steht auf der Tagesordnung, wie sie im nachfolgenden Interview schildern.

Wachstum bei Umsatz und Mitarbeitern

Der Umsatz ist mittlerweile siebenstellig, in den nächsten zwei bis drei Jahren soll laut den Gründern noch eine Ziffer hinten dran gehängt werden. Verkauft wird The Goodstuff im eigenen Webshop und bei ausgewählten Handelspartnern. Um den Futtereinkauf für Hundebesitzer und Hundebesitzerinnen so einfach wie möglich zu gestalten, bietet das Unternehmen auch ein variabel zusammenstellbares und jederzeit beliebig änderbares Super-Flex-Abo an. Zudem können im Webshop Treuepunkte gesammelt und gegen attraktive Rabatte eingetauscht werden.

Aber nicht nur der Umsatz, auch das Team ist stetig gewachsen. Inklusive externer Partner arbeiten mittlerweile elf Personen für The Goodstuff. Seit 2019 mit an Bord ist etwa Konrad Frey, als Investor und nunmehr ebenso operativer Partner. Dass der Markt umkämpft ist, hat ihn nicht abgeschreckt, denn das Produkt habe aufgrund der Philosophie „mit gutem Gewissen füttern und Hunden etwas Gutes tun“ einen klaren Kunden-Nutzen, mit dem man dem Mitbewerb einen Schritt voraus sei.


Der Tierfuttermarkt ist heiß umkämpft und wird von etablierten Brands großer Konzerne dominiert. Wie setzt man sich als vergleichsweise kleiner Player in diesem kompetitiven Umfeld durch?

Christian Knauss & Thomas Schmidbauer: Indem man herausragende Produkte anbietet und im Aufbau der Marke extrem konsequent ist. Wir halten hier gar nichts von permanenter „Aktionitis“ und haben als unabhängiges Unternehmen ohnedies nicht die Mittel der Großen, sich Märkte einfach so „zu kaufen“. Das Erfreuliche ist, dass Kunden die unserer Marke begegnen zu sehr treuen Kunden und Weiterempfehlern werden. Wir bemühen uns täglich, mit super Service, permanenter Sortimentsoptimierung und mit dem Hochhalten von Qualität unseren Beitrag für stabile Kundenbeziehungen zu leisten. Und: wir versuchen an allen Ecken und Enden Firlefanz wegzulassen – getragen von der Rezepturphilosophie unserer Produkte! Das mögen Kunden.

Wie stellt sich denn die Entwicklung des Tierfuttermarkts aktuell dar?

Der wohl relevanteste aktuelle Trend ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen auf den Hund kommen. Besonders die Zeit der Lockdowns und die Veränderungen, die die Pandemie mit sich gebracht hat, befeuern diese Entwicklung. Aber auch ohne diese Strömung war die Marktentwicklung der letzten Jahre sehr stabil und konstant positiv. Je nach Markt liegt das Wachstum zwischen drei und sechs Prozent jährlich, wobei hier Snacks und Trockenfutter die wichtigsten Treiber sind, aber auch Feuchtfutter konsequent stark ist. Als junge Marke wächst The Goodstuff erfreulicher Weise ganz massiv über Markt, hoch zweistellig. Das schöne ist, dass das bei uns organisch, also sehr gesund geschieht. Den wichtigsten Job machen dabei unsere Produkte selbst. Sie kommen so gut an, dass Wiederkauf und Weiterempfehlungsrate für natürliches Wachstum sorgen.

Wie viel Umsatz erwirtschaftet The Goodstuff aktuell?

Wir sind seit einigen Jahren im siebenstelligen Bereich, mittlerweile sehr solide siebenstellig und peilen in den nächsten zwei bis drei Jahren an, hier eine Ziffer hinten dran zu hängen. Was für uns jedoch viel wichtiger ist als Umsatz, ist die Tatsache, dass wir es uns leisten können, die Qualität der Produkte niemals einzuschränken! Bei uns gibt es das Spielchen „schlechtere Qualität, dafür mehr Profit“ einfach nicht. Ausgeschlossen. Und das ziehen wir durch bis hin zu unseren Verpackungen, die Features wie Wiederverschließbarkeit oder Tragegriff bieten oder unseren Druckwerken. Das sind relativ hohe Extra-Kosten, die einem zwar niemand extra bezahlt, die aber zu einem Top Produkt für uns einfach dazugehören. Und da sind wir konsequent und unserer Linie treu. Qualität über alles!

Über welche Vertriebskanäle ist The Goodstuff erhältlich?

The Goodstuff ist u.a. über unseren Webshop erhältlich und natürlich im gut sortierten Futterfachhandel. Unser Webshop ist ein ganz wesentliches Asset seit Start. Der Webshop ist nämlich für uns nicht nur „Verkaufsstelle“ sondern bietet uns die geniale Möglichkeit, die Philosophie der Marke, die Produkte, Wissenswertes über Hunde und vieles mehr zu transportieren und dank Revenues, die wir hier auch erzielen können, macht auch die aktive Bewerbung der Seite mehr Sinn. Davon profitiert letztendlich auch jeder einzelne Händler, der uns gelistet hat – Markenbekanntheit will aufgebaut werden. Was die Distribution angeht, legen wir sehr hohen Wert auf Qualität! Wir wollen da gelistet sein, wo Beratung groß geschrieben wird. Wir denken, dass da der Zielgruppen-Fit am größten ist – unsere Kunden sind jene, die besonders hohes Interesse haben, ihren Hunden Gutes zu tun!

Ist der Lebensmittel- und Drogeriefachhandel zukünftig ein denkbarer Vertriebskanal für euch?

Wie gesagt – Qualität und Beratung sind uns wichtig – das passt nicht ganz zusammen.

Ihr habt vorhin gesagt, dass die Anzahl an Hundebesitzern und Hundebesitzerinnen Corona-bedingt angestiegen ist. Wie stark hat sich das in der Nachfrage nach euren Produkten widergespiegelt?

Stark dynamisches Wachstum gepaart mit Corona – man kann sich vorstellen, was das für die Planung bedeutet. Wir hatten letztes Jahr im ersten Lockdown teilweise Ausverkaufssituationen, weil auch im Online-Bereich nicht vor Bulkkäufen zurückgeschreckt wurde. Aber wir haben das binnen drei Wochen in den Griff bekommen und sind seither kontinuierlich gewachsen.

Ihr betont als USP die Frische und Regionalität eurer Rohstoffe, produziert aber in Deutschland. Wieso nicht in Österreich?

The Goodstuff wurde von uns in Österreich entwickelt. Produziert wird in Deutschland, weil wir da seinerzeit bei einem sehr etablierten Familienbetrieb auf offene Ohren gestoßen sind mit unserer Idee hinsichtlich einer technischen – wenn man so will – „gesunden“ Weiterentwicklung der Trockenfutterproduktion. Seither leben wir eine tolle Zusammenarbeit. Ganz wesentliches Merkmal unseres Futters ist es, von Beginn an auf eine innovative, besonders schonende und von uns mitentwickelte Produktionsart – wir nennen sie Fresh-Mix-Methode – zu setzen, die erstmalig erlaubt, frische Rohstoffe bei der Produktion zu verwenden.

Und die Rohstoffe stammen aus Österreich?

Unser Anspruch ist es, sämtliche Rohstoffe für unsere Produkte so regional wie möglich einzukaufen. Es ist uns wichtig, kurze Transportwege zu garantieren – allein schon die Tatsache, dass wir besonders viel frische Rohstoffe verarbeiten, lässt das auch gar nicht anders zu. Fleisch wird beispielsweise am Tag der Schlachtung frisch bei uns angeliefert und direkt verarbeitet.

Ist The Goodstuff auch außerhalb der österreichischen Landesgrenzen erhältlich?

Wir exportieren seit Jahr 2 sehr erfolgreich in die Schweiz und kümmern uns intensiv um den deutschen Markt. Da liegt sicherlich unser Fokus, es gibt uns darüber hinaus aber in einer Handvoll weiteren europäischen Märkten, Tendenz steigend.

Welche Länder stehen diesbezüglich auf eurer Agenda?

Wir sind ein kleines Team. Das macht uns einerseits schlagkräftig andererseits funktioniert natürlich nicht alles gleichzeitig. Aber wir haben definitiv viel vor – das langfristige Ziel, unsere Vision ist es, zum qualitativ hochwertigsten Hundebegleiter in Ernährungsfragen zu werden. Und das nicht nur am Heimmarkt. Next Stop: France.

Ihr feiert heuer 5. Geburtstag von The Goodstuff. Wenn ihr an die Anfänge zurückdenkt, was waren die größten Herausforderungen bei der Gründung?

Die Gründung an sich war einfach. Das, was aber die Jahre davor an Entwicklungsarbeit und seither an Aufbauarbeit und persönlichen Ressourcen vom gesamten Team eingeflossen ist, ist gefühlt gigantisch. Und was sicherlich eine Challenge war, war die Finanzierung zu Beginn. Aber hier haben wir mit Erste und AWS wirkliche Top Partner an unserer Seite!

Gibt es etwas, das ihr heute rückblickend gesehen anders gemacht hättet?

Die Lernkurve ist bei einem neu gegründeten Unternehmen natürlich täglich hoch, aber im Grunde sind wir sehr happy, wie bisher alles gelaufen ist und haben das Gefühl mit unseren Produkten und der Marke sehr viele richtig gemacht zu haben. Was uns heute noch ein wenig abgeht, ist etwas mehr Bekanntheit – wir gelten für viele immer noch als „Geheimtipp“ bzw. Neuentdeckung – das taugt uns aber auch!

Vielen Dank für unser Gespräch.

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Um vom Flughafen in Tallinn in die Innenstadt zu kommen, bietet sich eine Fahrt mit dem Fahrdienst Bolt an. Die Autos, E-Scooter und Leih­räder des estnischen Unicorns prägen hier das Straßenbild. 2013 gegründet macht das Unternehmen mittlerweile mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Die Erfolgsgeschichte von Bolt ist in Estland kein Einzelfall: Bei 1,3 Millionen Einwohner hat der baltische Staat bereits zehn Unicorns hervorgebracht – eine der höchsten Konzentrationen pro Kopf weltweit. Das Auto wird per App bestellt, keine zwei Minuten später ist es da. Der Fahrer scherzt über die durchaus kühlen 16 Grad Mitte Juli: „Estonian summer!“, sagt er schmunzelnd, mit russischem Akzent. Ungewöhnlich ist das in Estland nicht, war man hier vor knapp 40 Jahren doch noch Teil der Sowjetunion.

„Das Land hatte es natürlich nicht einfach. Als es 1991 unabhängig wurde, standen die Esten erst mal vor dem Nichts. Aber sie hatten auch die Chance, von null anzufangen – und haben dann aufs richtige Pferd gesetzt: die Digitalisierung“, sagt Tim Schnöckelborg, ein Deutscher, der seit eineinhalb Jahren in Estland lebt und hier bereits mehrere Unternehmen gegründet hat.

Der digitale Staat

An diesem sonnigen Tag tummeln sich auf dem Rathausplatz in der Mitte Tallinns viele Menschen. Schnöckelborg ist einer von ihnen. Vom digitalen Staat hat er vor allem bei der Gründung seiner Unternehmen profitiert. Bei einem Kaffee erklärt er, was den Kern des Systems ausmacht:

„Der große Vorteil kommt dadurch zustande, dass hier die gesamte Administration des Landes digitalisiert ist. Du kannst also mit der elektronischen Unterschrift alles nutzen, was ein Staat an Dienstleistungen bietet.“

© Hannah Fasching – Tim Schnöckelborg.

Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann das e-Estonia Briefing Centre aufsuchen, ein eigenes Besucherzentrum, das über den digitalen Staat informiert. Ein Besuch zeigt: Die digitale Gesellschaft basiert zunächst auf Wissen. Durch landesweite Schulungsprogramme und Initiativen für Senior wurde die gesamte Bevölkerung mitgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz: „Die Behörden können auf sehr viel zugreifen, theoretisch auch auf mein Bankkonto. Wichtig ist aber: Niemand kann deine Daten geheim abrufen. Ich kann online einsehen, wer wann mit welcher Begründung welche Daten von mir von einer Behörde in die andere transferiert hat. Das schafft Vertrauen“, beschreibt Schnöckelborg seine Erfahrung.

Unternehmensgründung aus der Ferne

Schnöckelborg hat in Estland schon mehrere Unternehmen gegründet, er ist ein sogenannter „e-Resident“. Das estnische e-Residency-Programm ermöglicht ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands. So lässt sich aus fast allen Ländern der Welt in rund 15 Minuten ein estnisches Unternehmen gründen.

„Anfangs dachten wir, es wäre vor allem für Menschen außerhalb der EU attraktiv, da ein estnisches Unternehmen ihnen den EU-Binnenmarkt öffnen würde. Nach etwa der Hälfte der Zeit stellten wir fest, dass es aufgrund der geringen Bürokratie auch für EU-Bürger sehr attraktiv ist“, erzählt Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency. Seit dem Start des Programms 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-Residency-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet. So auch Tim Schnöckelborg:

„Ich habe mein erstes Unternehmen als e-Resident an einem Freitagabend gestartet, und am Samstagmorgen war die Firma da“, blickt er nach wie vor verblüfft zurück.

Was Gründer zusätzlich nach Estland zieht, ist das Steuersystem. „Wir besteuern Unternehmen nicht, solange sie das Geld im Unternehmen belassen. Es gibt also keine Körperschaftsteuer auf einbehaltene Gewinne. Steuern fallen erst an, wenn man Geld aus dem Unternehmen entnimmt, und davon profitieren auch wir: Im vergangenen Jahr zahlten e-Residency-Unternehmen Steuern in Höhe von über 125 Millionen Euro in Estland“, so Vahtras. Im „International Tax Competitiveness Index“ der US-Denkfabrik Tax Foundation, der die OECD-Länder vergleicht, liegt Estland seit zwölf Jahren auf Platz eins.

Europa, der zersplitterte Markt

In den Gesprächen, die von Euphorie über das estnische System geprägt sind, schleicht sich immer wieder Frustration ein. Denn so gut das System hier funktioniert: Im europaweiten Markt stoßen die Gründer dennoch auf Blockaden. Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society, kennt die Probleme.

Mardisoo ist Gründerin des Insurtechs Cachet, das sie von Estland aus in elf Länder skalierte. Heute setzt sie sich in der Society für die nächste Generation von Gründer:innen ein und versucht, Blockaden europaweit abzubauen. „Wenn ich mit meinem Unternehmen in Europa expandieren will, begegne ich 27 verschiedenen Arten der Unternehmensregistrierung, 27 verschiedenen Notar- und Gerichtssystemen. Wenn du als kleines Startup ein globales Unternehmen aufbauen willst, bist du oft besser dran, woanders hinzugehen, meist in die USA. Das tun viele Startups – und das ist nicht gut für Europa“, so Mardisoo.

© Mardisoo – Hedi Mardisoo, Board Member der Estonian Founders Society.

Auf die Frage, warum die EU für Unternehmensgründungen so unattraktiv sei, antwortet Mardisoo ohne Zögern: „Zu 100 Prozent das Geld. Die Hauptprobleme sind das Geld, die Investor:innen und die Investitionen.“

Vahtras von e-Residency ergänzt: „Investoren sagen sehr oft: ‚Gründe eine Firma in Delaware, weil das für mich einfacher ist‘“ – einfacher, als sich mit den unterschiedlichen Rechtsordnungen der EU-Mitgliedstaaten auseinanderzusetzen. Um diesen Kapital- und Talentabfluss zu stoppen, ruht die Hoffnung nun auf einem Konzept aus Brüssel: der EU Inc.

Das „28. Regime“

Hinter der EU Inc. steht die Forderung nach einer einheitlichen europäischen Gesellschaftsform, dem sogenannten „28. Regime“: Neben 27 nationale Rechtsformen soll eine 28. treten, die eine schnelle, vollständig digitale Gründung ohne Mindeststammkapital ermöglicht.

Nachdem die Forderung nach der EU Inc. über die Jahre von Tausenden europäischen Gründer getragen wurde, verkündete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 20. Jänner 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos das Vorhaben. Ziel sei eine wahrhaft europäische Unternehmensstruktur mit einheitlichen Kapitalregeln in der gesamten EU: „Unsere Unternehmer, die innovativen Firmen, werden ein Unternehmen binnen 48 Stunden in jedem Mitgliedstaat anmelden können, komplett online. Letzten Endes brauchen wir ein System, in dem Unternehmen nahtlos in ganz Europa Geschäfte machen und Finanzmittel beschaffen können, genauso einfach wie auf einheitlichen Märkten wie den USA oder China.“

Am 18. März 2026 legte die Kommission den Verordnungsentwurf erstmals vor. In der europäischen Startup-Szene stieß er auf heftige Kritik, weil zentrale Forderungen wie die freie Wahl des Registrierungssitzes von Unternehmen nicht erfüllt wurden. Eine Überarbeitung fordern europaweit Vertreter der Szene mit der Initiative „EU-INC“.

Estland als Weg zur EU Inc.?

Zurück im baltischen Staat: Was mit dem 28. Regime gefordert wird – also der Digital-first-Ansatz, geringes Startkapital sowie eine schnelle und grenzüberschreitende Unternehmensgründung –, setzt Estland mit e-Residency bereits seit mehr als zehn Jahren um. Warum das Konzept also nicht einfach kopieren?

© Vahtras – Liina Vahtras, Managing Director von e-Residency.

„Wir haben zur Kommission gesagt: ‚Schaut euch unser Programm an, schaut, wie wir das gelöst haben; vielleicht könnt ihr es wiederverwenden‘“, sagt Vahtras, und weiter: „Unser System ist nicht zu 100 Prozent das, was die EU Inc. sein soll, aber auch, wenn wir nur 50 Prozent der Lösungen bereits umsetzen, sind wir bereit, das zu teilen. Ich hoffe, dass die EU Inc. funktionieren wird – und dass sie die estnische e-Residency als eine Art Blaupause in Betracht ziehen; einfach, um zu sehen, was für uns funktioniert.“

Starken Gegenwind bekommt die EU Inc. von lokalen Akteuren wie Gewerkschaften und Notariatskammern. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand Angst vor der EU Inc. haben sollte“, erklärt Hedi Mardisoo. „Einige große Länder blockieren die Umsetzung immer noch und versuchen, viele der wichtigsten Punkte zu verwässern. Man muss sich die Frage stellen: Will man das Alte tatsächlich verändern – oder will man die neue Regulierung einfach so hinbiegen, dass sie zum eigenen System passt? Das kann nicht funktionieren. Wenn man neue Innovationen regulieren will, kann man sie nicht in die alten Rahmenbedingungen quetschen.“

Um mit der EU Inc. erfolgreich zu sein, brauche es einen Mentalitätswandel, sagt Mardisoo: „Was wir aus Estland mitgeben können, ist, alles so einfach wie möglich zu gestalten. Ich war in anderen Ländern tätig, wo die Menschen Angst vor den Behörden hatten. Das zu ändern ist das Erste, was wir anstreben sollten. Dann wird das Umfeld für Unternehmen viel günstiger, die aus der Komfortzone heraustreten und etwas Neues und Innovatives aufbauen wollen.“

Die Währung Vertrauen

„Selbst wenn es eine EU Inc. geben würde, würde ich jedes Mal wieder hier in Estland gründen. Ich sehe den positiven Ansatz der EU-Initiative, aber ich glaube, dass sie in der Realität bei Weitem nicht konkurrenzfähig zu dem Modell ist, das man hier über Jahrzehnte aufgebaut hat“, zieht Tim Schnöckelborg sein Fazit.

Dass Estland heute die Früchte seiner radikalen Digitalisierungsstrategie aus den 90er-Jahren erntet, steht außer Frage. Dennoch ist jede Gesellschaft ein Resultat ihrer Vergangenheit, und in Europa gibt es 27 verschiedene davon. Die Umsetzung einer EU Inc., die den Vorstellungen aller entspricht, bleibt eine Herkulesaufgabe. Estland kann keine Lösung für alle sein, aber der Besuch im baltischen Staat zeigt: Es kann anders gehen, und das mit Erfolg. Das kleine Land profitiert dabei vor allem vom wichtigsten Gut, das man braucht, um Strukturen zu verändern: Vertrauen. Vielleicht ist es genau dieses Vertrauen, das erst geschaffen werden muss, bevor eine EU Inc. für alle und damit eine europaweite Verbesserung der Gründungsbedingungen gelingen kann.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026“ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

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