15.04.2025
KI-GENERIERT

Streamdiver über KI im Marketing: „Das ist Einheitsbrei, der immer mehr verwässert“

Anfangs streamte das Startup Landtagssitzungen, heute ist es auch eine KI-Marketingmaschine. Streamdiver aus Kärnten will im KI-Marketing mitmischen und generische Verwässerung durch LLMs vermeiden.
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Christian und Markus Tautschnig von Streamdiver | Foto: Streamdiver

Sie sind die neue Realität: AI-Influencer posieren im Netz und präsentieren Marken. Sie verfügen über Profile in sozialen Medien, tun so, als wären sie Content Creator:innen. Eine von ihnen ist Aitana Lopez – die „Digital Muse at @theclueless.ai“. Aitana ist ein KI-Produkt. Sie ist nicht echt, das, was sie macht, auch nicht.

Ihr Content sieht echt aus – aber auch generisch. Das, was internationale Marken mit AI-Influencern wie Aitana zu zeigen versuchen, kann schnell schief gehen. Sie wollen zeigen, wie gut Marketing – sogar Influencer-Marketing – mit KI funktioniert. Kreieren kann man diese auch ganz leicht, zum Beispiel mittels Plattformen wie Creatify AI oder ComfyUI.

Gut und vor allem nachhaltig sei allerdings etwas anderes, meint Christian Tautschnig. Er ist Co-Gründer und CEO des KI-Startups Streamdiver. In einem Gespräch mit brutkasten verrät er seine ehrliche Meinung dazu und erklärt, wie KI im Marketing wirklich helfen kann.

Streamdiver: „AI Influencer werden sich nicht durchsetzen“

„Wir wollen Marketern ein Tool in die Hand geben, damit sie diesen Trend eben nicht verfolgen müssen. Das ist Bestandteil von diesem Einheitsbrei, bei dem alles immer mehr verwässert“, meint Tautschnig.

KI-Influencer:innen schreibt der Gründer geringe Authentizität zu: „Die Content-Creator-Sphäre ist ja nicht deshalb erfolgreich geworden, weil alle Influencer den gleich geschliffenen Content bringen. Sondern weil jeder seine eigene Persönlichkeit hat, die einen Eindruck hinterlässt. Das geht mittlerweile mit dem Output von Basis-Large-Language-Modellen verloren.“

Wie es mit KI-generierten Influencer:innen weiter geht, prognostiziert Tautschnig eher nüchtern: „AI Influencer werden sich meiner Meinung nach nicht wirklich durchsetzen.“

Viel eher durchsetzen wird sich, so Tautschnig, ganzheitliches KI-Marketing für Unternehmen. Das soll auf den User angepassten Output liefern und auf die Corporate Identity des Unternehmens Rücksicht nehmen. So wie die Software des Startups Streamdiver: Sie sammelt alle Stammdaten von Unternehmen und erstellt basierend darauf individuelle Marketingkonzepte und -materialien.

„Am Anfang haben wir Landtagssitzungen gestreamt“

Gegründet hat Tautschnig sein Startup mit Co-CEO Daniel Brandstätter vor nun etwa sechs Jahren. Seit Beginn dient Streamdiver als genau jener Service, den der Name selbst verrät: Das Startup kann Sitzungen aus dem öffentlichen Raum – darunter Landtags- und Gemeinderatssitzungen – live übertragen und deren Inhalt strukturiert zugänglich machen.

Über die GovTech-Streaming-Plattform ist es Nutzenden möglich, mehrstündige Videos manuell in Kapitel zu unterteilen. „Uns ist wichtig, dass sich nicht jeder erst durch eine ganze Sitzung quälen muss, sondern sofort die relevanten Inhalte findet“, sagt CEO Tautschnig im Interview.

Die Anfragen zur GovTech-Plattform stiegen – und Streamdiver wollte mehr: Das Startup startete, zusätzlich inhaltliche KI-Analysen in das Streaming zu integrieren und weitete sein Konzept auch auf andere Medien aus – darunter PDF und Bildmaterial. Das Sprungbrett zum Pivot war geboren.

„Manche wissen nicht, was sie mit ihrem Content anfangen sollen“

2023 wagte man einen Umschwung: den Pivot zur SaaS-KI-Plattform für Content-Management. „Heute geht es nicht mehr nur um Videos. Wir analysieren auch PDFs, Bilder und andere Formate, um den gesamten Content eines Unternehmens zu erfassen“, erzählt Tautschnig.

Das Startup etablierte sich zur Content- und Creation-Engine: Erstere dient der Verwaltung und Erschließung von Inhaltsmengen aus unterschiedlichen Medien, zweitere zur Generierung von neuem, spezifischen Marketing-Content.

„Wir haben gesehen: Es gibt viele Unternehmen, die mit großen Mengen an Content arbeiten und nicht wissen, was sie damit anfangen sollen“, sagt Tautschnig.

Rechenzentren in Europa

Die Content- und Creation-Enginge soll also nicht generische KI-Antworten, sondern individuellen Output liefern. Die Browser-basierte Anwendung und deren Infrastruktur ist auf mehrere kerneuropäische Rechenzentren verteilt. Damit will man europäische Datenschutz-Standards sicherstellen.

Die Daten werden intern verarbeitet – ohne amerikanische Cloud-Anbieter, versichert Tautschnig. Welche KI schließlich zur Verarbeitung der Daten zum Einsatz kommt, ist dem Kunden überlassen:

„Wir haben eigene KI-Modelle, die alles bei uns intern verarbeiten. Wenn ein Kunde aber will, können wir auch ChatGPT als LLM verwenden.“

Corporate Identity im Fokus

Die „Engine“, wie sie Tautschnig nennt, kann basierend auf Unternehmensdaten neue Formate wie Kurzvideos, Teaser-Texte und Newsletter-Inhalte erstellen. Der neue Content basiert nur auf dem hochgeladenen Material und richtet sich vollständig an die jeweilige Corporate Identity.

Am Ende der Engine-Journey erhalten Marketer Content-Vorschläge, die sie im Nachgang individuell weiterverwenden können. „Unsere Engine macht Vorschläge, aber die finale Entscheidung bleibt beim Marketing-Team. Es geht darum, repetitive Prozesse abzunehmen, nicht darum, die Kreativität zu ersetzen“, so Tautschnig.

Streamdiver sei nämlich nicht das, wovor sich viele fürchten: Die Creation-Engine soll keine Jobs ersetzen, sondern sie „smart ergänzen“. Dabei legt man den Fokus darauf, Marketing-Teams mehr Freiheiten zu bieten, um effizienter arbeiten zu können.

ÖGK, Post, Joyn und Verbund als Kunden

Die Lösung klingt verlockend, hat aber auch ihren Preis: Streamdiver erhält seinen Revenue über ein klassisches Abo-Modell, das monatlich oder jährlich abschließbar ist.

Dass das Modell funktioniert, zeigt auch der Kundenstamm des Startups. Im Portfolio befinden sich neben der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) auch Großunternehmen wie Verbund, die OMV, Joyn und die Österreichische Post – nicht zuletzt aufgrund der hohen Datenschutz-Standards.

Damit will Streamdiver einer Verwässerung von KI-generierten Inhalten entgegenwirken: „Letztendlich geht es darum, dass Unternehmen ihren Content wirklich so nutzen, dass er ihre Identität widerspiegelt“, sagt Tautschnig.

Bislang ist das Unternehmen zu 100 Prozent bootstrapped, bereitet aber seine erste Finanzierungsrunde vor. Damit stehe auch eine Expansion in den DACH-Raum nichts mehr im Weg.

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Die drei Partner von RM Equity Partners (v.l.) Eugen Benedikt Russ, Nicola Szekely und Chris Wittlinger | (c) RM Equity Partners
Die drei Partner von RM Equity Partners (v.l.) Eugen Benedikt Russ, Nicola Szekely und Chris Wittlinger | (c) RM Equity Partners

Wie brutkasten zuletzt berichtete, wurde die vor rund zehn Jahren als Teil der Voralberger Russmedia-Gruppe gegründete Liechtensteiner Private-Equity-Gesellschaft RM Equity Partners (RMEP) mit rund 500 Millionen Euro Assets under Management von den drei Partnern Eugen Benedikt Russ, Chris Wittlinger und Nicola Szekely übernommen. Im Gespräch mit brutkasten erläuterten Russ und Wittlinger die Hintergründe.

Eugen B. Russ blickt dabei auf die Anfänge zurück: „Wir haben eigentlich schon sehr selbstständig begonnen. Schon damals haben wir vom Medienhaus weitgehende Freiheiten bekommen, und ich glaube, genau das hat uns erfolgreich gemacht: dass man uns dieses Vertrauen gegeben hat. Wir konnten in Themen investieren, während andere in der Gruppe Media-for-Equity machen mussten und in dem, was sie tun konnten, nicht immer frei waren.“

Und Wittlinger ergänzt: „Organisatorisch waren wir schon immer sehr unabhängig, mit wenig Vorgaben. Jetzt übersetzen wir einfach das, was gelebt wurde, in die Realität. Dazu kommt, dass es im Partnerkreis – Eugen, Nicola und ich – über die Jahre sehr gut funktioniert hat. Wir sind ein sehr komplementäres Team, und wir haben alle gesagt: Wir haben Lust, das noch einmal eigenständig anzupacken und weiterzumachen – mit dem Team, das es schon gibt.“

Die Gruppe sei über das vergangen Jahrzehnt stark gewachsen und erwirtschafte im laufenden Jahr ein EBITDA im dreistelligen Millionenbereich. Dabei entfielen nur fünf Prozent des Umsatzes auf Österreich, da das Portfolio komplett europäisch aufgestellt sei.

„Die volle Selbstständigkeit war im Endeffekt der logische Schritt“, erklärt Russ. Seine Schwester übernehme die Generationennachfolge im Verlag der Russmedia-Gruppe, wo zuletzt auch ein Merger mit der Tiroler Tageszeitung stattfand. Während Russmedia den Wachstumsweg im Mediengeschäft verfolge, setze RMEP den Wachstumsweg bei digitalen Plattformen fort.

Dieser Prozess sei über einen Zehnjahresplan angelegt und seit acht Jahren vereinbart gewesen. Im September des vergangenen Jahres habe die konkrete Umsetzung Fahrt aufgenommen. Nach der Umstrukturierung in Liechtenstein um den Jahreswechsel wurde die Management Company RM Consulting im Frühjahr übernommen. Mit der offiziellen Kommunikation sei die Nachfolge nun abgeschlossen. Die Management Company befindet sich nun zu gleichen Teilen im Besitz des Führungstrios.

Neues Vehikel für neue Investments

Das initiale Investment von Russmedia habe damals knapp unter 100 Millionen Euro betragen – eine Summe, die die Gruppe heute jährlich an EBITDA generiere. Für die künftige Ausrichtung gilt nun eine klare Trennung zwischen Altbestand und neuen Beteiligungen.

Russ beschreibt die Strukturierung: „Das Bestehende führen wir so weiter. Wir schaffen jetzt ein neues Investment-Vehikel, in das exklusiv wir drei und das Team investieren. Alle Investments ab jetzt machen wir alleine. Von den bestehenden Investments profitiert natürlich auch die Familie weiter – unter anderem Bergfex, Pure, calimoto und die übrigen Unternehmen im heutigen Portfolio.“ An den bisherigen Beteiligungen halte Russ im Rahmen der Nachfolgelösung weiterhin eine Mehrheit.

„Wir kaufen Anteile an profitablen Unternehmen, die Cash produzieren“

RMEP investiert pro Beteiligung bis zu 150 Millionen Euro Eigenkapital, während das Gesamtvolumen pro Transaktion bis zu 250 Millionen Euro betragen kann. Chris Wittlinger grenzt den Investmentansatz klar ab: „Wichtig ist: Wir sind kein VC. Wir machen keine Frühphasen-Investments und prinzipiell keine Kapitalerhöhungen, bei denen das Unternehmen Cash braucht. Wir kaufen Anteile an profitablen Unternehmen, die Cash produzieren.“

Das Modell ziele zwar auf eine langfristige Haltedauer ab, doch Exits wie jener der Plattform Alpy (brutkasten berichtete im August) seien bei passenden Rahmenbedingungen vorgesehen. Wittlinger führt dazu aus: „Wir wollen die Möglichkeit haben, das Unternehmen sehr lange zu halten. Aber wenn wie bei Alpy die Situation kommt, in der man sagt: Das ist bei einem Strategen besser aufgehoben, weil der mehr daraus machen kann als wir – dann verkaufen wir auch.“ Gleichzeitig mache man auch strategische Zukäufe kleinerer, profitabler Wettbewerber von portfolio-Unternehmen, wie das aktuelle Beispiel Digital Heaven in der Schweiz veranschauliche.

„Wir sprechen auf Augenhöhe, von Unternehmer zu Unternehmer“

Und es gebe auch einen zentralen Unterschied zwischen RMEP und klassischen Private-Equity-Gesellschaften, die fremdes Kapital verwalten, betont Russ: „Das Geld, das wir investieren, ist ausschließlich unser eigenes und das der Unternehmer-Partner, mit denen wir arbeiten. Viele wählen uns, weil sie nicht mit einem anonymen Private-Equity-Investor zusammenarbeiten wollen, der nicht sein eigenes Geld investiert. Sie spüren, dass wir unser eigenes Geld investieren – wir sind selbst Unternehmer. Das ist der riesige Unterschied: Wir sprechen auf Augenhöhe, von Unternehmer zu Unternehmer.“

Dieses Unternehmer-Setup spiegelt sich auch in der Anbahnung neuer Investments wider. Wittlinger erklärt das Sourcing: „Der Dealflow ist dreigeteilt. Erstens gibt es ein Netzwerk von Tausenden M&A-Beratern in Europa, mit denen wir in Kontakt sind, die wissen, was wir suchen, und sich regelmäßig bei uns melden. Zweitens unser aktiver Outreach, bei dem wir schon sehr stark mit KI arbeiten: Wir schreiben Unternehmen an, die aus unserer Sicht gut ins Raster passen, gehen auf Messen und Branchenveranstaltungen und stellen sicher, dass uns die Unternehmer in den Industrien kennen, die uns interessieren. Drittens gibt es Unternehmer, die auf uns zukommen, weil sie von uns gehört haben – zum Beispiel, weil sie jetzt diesen Artikel lesen.“

Am Fokus auf asset-light und digitale Geschäftsmodelle ändere sich durch die Eigenständigkeit nichts, wobei der technologische Wandel berücksichtigt werde. Wittlinger ergänzt zur Rolle von KI: „Natürlich muss man immer schauen, wie sich KI auf ein Geschäftsmodell auswirkt. Wir fokussieren uns darauf, Geschäftsmodelle zu finden, für die KI ein Enabler sein kann oder die sehr resilient dagegen sind.“

„Wir haben die Kriegskasse gefüllt“

Für die kommenden Jahre stehe nun der Ausbau des eigenen Netzwerks und das gemeinsame Wachstum mit Gründern im Vordergrund. Russ betont: „Unsere Story sind eigentlich individuelle Unternehmer-Erfolgsgeschichten.“ RMEP verstehe sich als langfristiger Partner für Unternehmer, um Potenziale zu heben und gemeinsam zu wachsen.

Wittlinger richtet den Blick auf die Zehn-Jahres-Perspektive: „Natürlich wollen wir nicht stillstehen. Wir wollen größer werden, weiterhin Deals machen, das Netzwerk erweitern und dafür sorgen, dass die Assets under Management in zehn Jahren deutlich höher sind als heute. Das ist der Anspruch.“

Der Wechsel in die Unabhängigkeit soll dabei als Ansporn für die nächste Phase dienen. „Wichtig ist: Das Team bleibt gleich, die Investmenthypothese bleibt gleich, und unsere Ambition und unser Hunger bleiben gleich. Wir sind noch lange nicht am Ende der Reise“, unterstreicht Wittlinger. Und Russ wird noch einmal deutlich: „Wir haben die Kriegskasse gefüllt und suchen nach den nächsten Deals.“

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