12.09.2025
TECHNOLOGY TALKS

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

Bei den Technology Talks des AIT sprachen am Freitagvormittag Vertreter:innen aus Politik, Forschung und Industrie über die Zukunft Europas - und darüber, was es braucht, um im globalen Wettbewerb wieder an die Spitze zu kommen.
/artikel/stehen-stark-unter-druck-wie-oesterreich-sein-innovationspotenzial-nutzen-soll
l.n.r.: Florian Frauschein, Peter Hanke, Henna Virkkunen, Eva-Maria Holzleitner, Georg Knill und Brigitte Bach (Managing Director and Spokesperson of the Management Board AIT, Moderatorin). | © Technology Talks Austria/APA/ Arman Rastegar

“Europa steht stark unter Druck”, sagte Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, bei den Technology Talks des AIT Austrian Institute of Technology in Wien. In den vergangenen Jahren sei der Kontinent bei Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Innovationskraft deutlich zurückgefallen. Gleichzeitig zeigte sich Virkkunen zuversichtlich: “Europa verfügt über alles, was notwendig ist, um wettbewerbsfähig zu sein – wir haben hervorragende Wissenschaft und Forschung, und Österreich ist dafür ein großartiges Beispiel.”

Kooperationen als Schlüssel

Besonders hob Virkkunen die Zusammenarbeit zwischen Industrie, KMU sowie Wissenschaft und Forschung hervor: “Genau das ist wirklich notwendig, um neue Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit voranzutreiben.” Europa verfüge über eine vielversprechende Basis, müsse aber den Binnenmarkt vereinfachen und für Unternehmen den Zugang zu Kapital verbessern (brutkasten berichtete). “Wir wollen Europa auch für Unternehmen schneller und einfacher machen – deshalb ist die Vereinfachung unserer Regeln eine wichtige Priorität der Kommission.”

Auch Österreichs Innovationsminister Peter Hanke sieht im Ökosystem des Landes ein “gut funktionales System”. Doch er mahnt: “Es muss uns klar sein, dass es Steigerungen geben muss, sonst werden wir nicht an der Spitze mithalten können mit asiatischen Ländern oder anderen Wirtschaftsräumen.”

Österreichs Wachstumspotenzial

Hanke präsentierte gestern bei den Technology Talks eine neue Schlüsseltechnologie-Offensive, die Österreichs Stärken gezielt ausbauen soll. Im Mittelpunkt stehen fünf Bereiche mit hohem Wachstumspotenzial: Künstliche Intelligenz, Chips, Produktionstechnologien (inklusive Robotik und Automatisierung), Quanten (einschließlich Photonik) sowie Fortgeschrittene Materialien. “Es geht immer darum, Stärken zu stärken”, so Hanke. Auch Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung (IV), sieht Österreich gut gerüstet: “Wir dürfen uns ganz und gar nicht klein machen.”

Das Produktivitätswachstum Europas lag im vergangenen Jahrzehnt deutlich unter jenem der USA und asiatischer Länder. Die Ursachen seien laut Hanke zu geringe Investitionen in Innovationen und zu wenig Konsequenz bei der Digitalisierung. Mit einer neuen Industriestrategie wolle man nun gegensteuern.

Forschung als Standortfaktor

Ein zentraler Hebel liegt dabei auch in der Forschung. Österreichs Forschungsquote beträgt aktuell 3,35 Prozent des BIP – rund 16,1 Milliarden Euro – und liegt damit über dem EU-Ziel von drei Prozent. “Jeder Euro, der in Forschung und Technologie investiert wird, kommt mittelfristig nach drei bis fünf Jahren um das sechsfache zurück”, erklärte Hanke.

Florian Frauschein, Sektionsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft, betonte die Bedeutung offener Programme und Anreize, um Talente im Land zu halten. Als Beispiel nannte er die Forschungsprämie, die europaweit ein “USP von Österreich” sei.

Auch budgetär gab es bereits gestern von Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer positive Signale. Trotz Kürzungen in anderen Bereichen soll es im nächsten FTI-Pakt (2027–2029) keine Einsparungen geben. “Hier ziehen die drei Forschungsressorts sehr stark an einem Strang”, versicherte heute auch Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner.

Notwendigkeit von Risikokapital

Als Schwachpunkt Österreichs orteten mehrere Diskussionsteilnehmer:innen das fehlende Risikokapital. Frauschein verwies aber auf den geplanten Scaleup-Fonds der Bundesregierung (brutkasten berichtete). Auch Hanke sieht Handlungsbedarf: “Wir haben in Österreich gute Ideen, aber in der Umsetzung sind wir langsam. Wir brauchen die Scaleups und da braucht man natürlich Finanzierungsschritte. Da wissen wir, dass wir einen Gap haben.”

Virkkunen wies auf das ungenutzte Kapital in Europa hin: “Unsere Haushalte haben mehr als eine Billion Euro auf Sparkonten. Es liegt in der europäischen Kultur, dass Haushalte ihr Geld eher sparen, anstatt zu investieren. […] Wir müssen dieses Kapital wirklich stärker mobilisieren, damit unsere Startups und KMU ihre Geschäfte ausbauen und skalieren können.”

Allgemein zeigten sich die Vertreter:innen aus Politik, Forschung und Industrie aber optimistisch für Europas und Österreichs Innovationsstandort – “Es geht darum, Europa wieder an die globale Spitze zu bringen und da sind wir mit dabei”, so Knill abschließend.

Deine ungelesenen Artikel:
11.09.2026

Warum digitale Souveränität bei der Innovation beginnt

Österreichs Verwaltung und Wirtschaft laufen auf der Infrastruktur dreier US-Konzerne, und das Lagebild des Bundeskanzleramts rückt digitale Souveränität inzwischen in den Fokus der nationalen Sicherheit. Mathias Lipp-Rosenthal, Gründer der KI Schmiede, schreibt in seinem Gastbeitrag, warum heimische Anbieter längst bereit wären und was noch fehlt: der Staat als Kunde.
/artikel/warum-digitale-souveraenitaet-bei-der-innovation-beginnt
11.09.2026

Warum digitale Souveränität bei der Innovation beginnt

Österreichs Verwaltung und Wirtschaft laufen auf der Infrastruktur dreier US-Konzerne, und das Lagebild des Bundeskanzleramts rückt digitale Souveränität inzwischen in den Fokus der nationalen Sicherheit. Mathias Lipp-Rosenthal, Gründer der KI Schmiede, schreibt in seinem Gastbeitrag, warum heimische Anbieter längst bereit wären und was noch fehlt: der Staat als Kunde.
/artikel/warum-digitale-souveraenitaet-bei-der-innovation-beginnt
Mathias Lipp-Rosenthal, Gründer der KI Schmiede | Foto: Lipp-Rosenthal

Das im August veröffentlichte Gesamtstaatliche Lagebild 2026 des Krisensicherheitsberaters im Bundeskanzleramt enthält einen Satz, der bislang wenig Beachtung fand: Angesichts der Cyberbedrohung rücke digitale Souveränität weiter in den Fokus der nationalen Sicherheit. Daraus leitet es eine unbequeme Handlungsoption ab, nämlich die Förderung von EU-Anbietern und den Verzicht auf externe Anbieter bei künftigen Beschaffungen. Im (ersten) Lagebild 2025 kam der Begriff nicht vor. Aus einem Standortthema wurde binnen eines Jahres eine Sicherheitsfrage.

Der Ist-Zustand ist bekannt. Verwaltung und Wirtschaft in Österreich laufen weitgehend auf Infrastruktur dreier US-Konzerne. Der CLOUD Act erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten, die diese Unternehmen verarbeiten, unabhängig vom Standort des Rechenzentrums. Als Microsoft im Frühjahr 2025 plötzlich das Konto des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs sperrte, wurde sichtbar, dass die Verfügbarkeit einer digitalen Grundleistung an einer Entscheidung außerhalb Europas hängen kann. Die Leistungsfähigkeit der Hyperscaler steht außer Streit. Zu klären ist, welche Funktionen ein Staat in fremder Hand belassen kann.

Vorbilder im öffentlichen Sektor

Das Österreichische Bundesheer hat mit der Umstellung auf LibreOffice die Kontrolle über einen zentralen Arbeitsplatzbaustein zurückgeholt, die Schweizer Armee migriert ihr Kommando Cyber auf openDesk.

Am weitesten gehen die Niederlande. Dort stellt die Regierung die gesamte Bundesverwaltung auf digitale Souveränität um. Seit Juli 2026 ist von US-Clouds für E-Mail und Dokumente abzuraten, Daten müssen in Europa bleiben und für jeden Dienst muss ein Ausstiegsplan vorliegen.

Sicherheit als Grundbedürfnis der Wirtschaft

Die Frage stellen sich zunehmend auch heimische Unternehmen. Sie wollen wissen, ob ihre Daten in Europa liegen, wer darauf zugreifen kann und ob der Dienst, auf dem ihr Tagesgeschäft läuft, morgen noch verfügbar ist. Souverän zu arbeiten heißt für sie vor allem, Sicherheit zu haben: dass Daten nicht von Drittstaaten abgegriffen werden können und dass sie sich auf die Infrastruktur, die ihr Geschäft trägt, tatsächlich verlassen können.

Anbieter, die diesen Wechsel möglich machen, gibt es in Österreich und Europa bereits. Sie stellen Rechenleistung, Plattformdienste und KI-Modelle bereit, die europäischem Recht unterliegen und deren Betrieb nachvollziehbar bleibt. Was ihnen fehlt, ist nicht die Kompetenz, sondern die Nachfrage, die sie in jene Größe trägt, in der sie für den Mittelstand zur echten Option werden.

Mehr als ein Hackathon

Im Mai 2026 haben das Bundeskanzleramt und die TU Austria dazu einen Public AI Hackathon veranstaltet. In 48 Stunden entwickelten 25 Talente Prototypen für die öffentliche Verwaltung, präsentiert vor Staatssekretär Alexander Pröll und einer Jury aus Verwaltung, Politik und Forschung. Das Format zeigt, dass der Wille zur Zusammenarbeit zwischen Staat und Nachwuchs vorhanden ist. Es zeigt auch, wo die Grenze liegt. Zwei Tage Hackathon ersetzen keine Strategie, mit der die Startup-Szene dauerhaft in den Aufbau souveräner Infrastruktur eingebunden wird. Auf einen Prototyp sollte eine Beschaffung folgen, auf eine Veranstaltung ein Förderprogramm, auf ein Teilnahmezertifikat ein zahlender Kunde.

Der Hebel heißt öffentliche Nachfrage

Genau hier liegt der Hebel für Österreich. Öffentliche Nachfrage entscheidet, ob heimische Anbieter jene Größe erreichen, die sie brauchen, um für die Wirtschaft eine echte Option zu sein. Wenn Bund, Länder und Förderstellen gezielt bei europäischen und österreichischen Anbietern beschaffen, stärkt das deren Marktposition und signalisiert der gesamten Startup-Branche, dass sich Investitionen in souveräne Technologie lohnen. Souveränität und Innovation stehen dabei nicht im Widerspruch, sie bedingen einander: Wer die Kontrolle über seine Infrastruktur behält, kann auf ihr aufbauen, statt sie nur zu mieten.

Für Österreich heißt das, die Empfehlung des Lagebilds über einzelne Prototypen hinaus zu denken. Jede Ausschreibung, jedes Förderprogramm und jede Anschlussfinanzierung entscheidet mit darüber, ob die österreichische Startup-Branche zu jenem Anbieter heranwächst, von dem Verwaltung, Sicherheitsbehörden und Mittelstand in zehn Jahren abhängen können. Wer Gründerinnen und Gründer heute mit mehr als einem Zertifikat ausstattet, entscheidet mit über die technologische Souveränität von morgen.


Über den Gastautor:

Mathias Lipp-Rosenthal ist Gründer der KI Schmiede, einer im Juni 2026 gestarteten Beratung, die Unternehmen im DACH-Raum bei der Einführung und Schulung von KI begleitet. Zuvor war er stellvertretender Klubdirektor der Neos und Mitgründer von Voter AI; die Gründung der KI Schmiede hat brutkasten hier bereits vorgestellt.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

„Stehen stark unter Druck“: Wie Österreich sein Innovationspotenzial nutzen soll