15.10.2019

Startups und Innovation in Ungarn: E-Autos als Wachstumsmotor

Im Rahmen der CEE-Roadshow "CEE Unlimited" analysiert der brutkasten die Wirtschaft und Startup-Szene in den wichtigsten Hotspots Mittel- und Osteuropas. Diesmal: Ungarn und die ungarische Hauptstadt Budapest.
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Ungarn Budapest
(c) Adobe Stock / tbralnina

Im Rahmen der Roadshow “CEE Unlimited“ besucht die aaia gemeinsam mit Partnern ausgewählte Startup-Hotspots in Mittel- und Osteuropa. Der brutkasten ist als Partner vor Ort mit dabei und analysiert die Hotspots des CEE-Raums. Bisher war die Roadshow in Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Slowenien und Polen zu Gast. Zudem wurde bei einem Event in Wien über die Herausforderungen und Chancen eines grenzüberschreitenden Startup-Öko0systems im CEE-Raum debattiert.

+++Mehr über die Rolle Wiens im Startup-Umfeld des CEE-Raums+++

Nun folgt ein Überblick über die ungarische Wirtschaft und den Status der dortigen Startup- und Innovations-Szene.Dabei fällt auf, dass die ungarische Regierung einen starken Fokus auf E-Autos legt, zugleich sind abwandernde Fachkräfte ein echtes Problem.

Entwicklung der ungarischen Wirtschaft

Nachdem das BIP-Wachstum 2018 knapp fünf Prozent betrug (nach rund 4,0 Prozent im Jahr 2017), wird für 2019 und 2020 laut Angaben der Aussenwirtschaft Austria ein leicht abgeschwächter aber doch deutlich über dem EU-Durchschnitt liegender Wert von 3,6 Prozent prognostiziert. Zurückzuführen ist das starke Wachstum vor allem auf EU-Fördermittel und daraus resultierende öffentliche Aufträge, vor allem im Bausektor. Außerdem tragen Industrie, der Automotive Sektor und die wachsende inländische Kaufkraft zum Wachstum bei.

Ungarn Wirtschaft BIP

Die Quote der Internetnutzer lag in Ungarn 2017 bei 76,8 Prozent. Das ist in etwa vergleichbar mit der Quote der Internetnutzer in Polen und mehr als in Ländern wie Bulgarien (63,4 Prozent), Kroatien (67,1 Prozent) und Rumänien (63,7 Prozent).

Internet Ungarn
Quellen: U.S. Energy Information Administration; BP; Weltbank; EDGAR

Niedrige Steuern in Ungarn

Im Wirtschaftsbericht Ungarn der Aussenwirtschaft Austria wird unter anderem auch ein Fokus auf die besondere steuerliche Situation Ungarns gelegt: 2017 wurde die Körperschaftssteuer auf einheitlich 9 Prozent gesenkt, heißt es in dem Bericht: Durch die Senkung der KöSt und die Senkung der Lohnnebenkosten will sich Ungarn als attraktives Land für Investoren etablieren.

Und diese Rechnung scheint aufzugehen, wie unter anderem die Daten zu den Investments aus Österreich zeigen: Österreich ist mit einem Anteil von knapp sieben Prozent an den Direktinvestitionsbeständen hinter Deutschland und den Niederlanden der drittgrößte Investor in Ungarn. Österreichische Unternehmen sind in vielen Branchen in Ungarn führend und mit einem Gesamtvolumen von ca. 5,7 Milliarden Euro ein wichtiger Player auf dem ungarischen Markt.

Wirtschaftsbeziehungen zu Österreich

Ungarn ist für die österreichische Exportwirtschaft weltweit der siebtwichtigste, und Österreich für Ungarn der zweitwichtigste Markt – nach Deutschland. Über drei Prozent der österreichischen Ausfuhren gehen nach Ungarn.

Besonders im industriellen Bereich, speziell bei Maschinenbauerzeugnissen, Fahrzeugbauteilen und Maschinen, sind die wirtschaftlichen Verstrickungen traditionell besonders stark, heißt es im Wirtschaftsbericht: Ebenso spielen die Produktgruppen Nahrungsmittel, Mineralöl- und Brennstoffe, sowie Chemische Erzeugnisse eine wichtige Rolle.

Fokus auf E-Mobilität und selbstfahrende Autos

Automotive ist ein treibender Motor in der ungarischen Wirtschaft: Die Branche macht rund zehn Prozent des ungarischen BIP und 22 Prozent des Gesamtexportes aus. Rund 170.000 Arbeitnehmer werden hier beschäftigt, was etwa vier Prozent der aktiven ungarischen Arbeitnehmer entspricht. Ungarns Ziel ist es, den Sektor weiter auszubauen und seine Position als Standort für E-Mobilität zu stärken.

Die ZalaZone zum Beispiel soll eine Teststrecke für moderne Autos sein – für elektrische ebenso wie für selbstfahrende Fahrzeuge. Neben der eigentlichen Teststrecke wird es auch eine „Smart City Zone“, also eine nachgebaute Kleinstadt, sowie Autobahnanbindungen zum Testen geben, heißt es im Wirtschaftsbericht Ungarn: Ende 2019 soll das staatlich finanzierte Projekt auf einer Fläche von 250 Hektar fertiggestellt sein. Abgesehen wird in Ungarn der Kauf von E-Autos mit 6,5 Millionen Euro gefördert, neben Steuervorteilen dürfen Elektroautos außerdem die Busspur befahren und gratis Strom tanken.

Fachkräftemangel in Ungarn durch Abwanderung

Bezüglich des ungarischen Arbeitsmarkts heißt es, dass dort wegen einer Abwanderung junger und qualifizierter Arbeitskräfte ins Ausland – wo die Löhne höher sind – in Ungarn ein Fachkräftemangel herrscht. Es wird geschätzt, dass 350.000 Ungarn im Ausland leben und arbeiten, laut letzten Erhebungen des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger davon knapp 95.000 in Österreich. Seit Jänner 2019 liegt der in Ungarn gesetzlich verankerte Mindestlohn pro Stunde bei 2,69 Euro –  im Vergleich zu 9,19 Euro in Deutschland und 3,05 Euro in Polen.

Als eine der Maßnahmen gegen de Fachkräftemangel wurde ein neues Arbeitszeitgesetz verabschiedet, das seit Jänner 2019 gilt: Auf freiwilliger Basis sind nun statt bisher 250 bis zu 400 Überstunden pro Jahr erlaubt.

Laut einer auf infoshare.pl veröffentlichten Studie gibt es in Ungarn rund 80.000 Developer, wovon sich der Großteil (knapp 60.000) in der ungarischen Hauptstadt Budapest befindet. Das durchschnittliche Gehalt eines Software-Developers in Ungarn beläuft sich laut der Website PayScale auf 5.762.357 ungarische Forinth (knapp über 17.000 Euro).

Developer Ungarn
(c) infoshare.pl

FinTech als Startup-Aushängeschild in Ungarn

Der CEE FinTech Atlas 2018 der Raiffeisen Bank International verweist darauf, dass sich laut einer Erhebung der ungarischen Nationalbank 15 bis 20 Prozent der ungarischen Bevölkerung für FinTech-Lösungen interessieren und dass etwa eine Million Endkonsumenten aktiv FinTech-Innovationen verwenden. Zu den bereits verfügbaren Angeboten gehören Lösungen rund um Personal Finance Management, Payment-Lösungen, Community-Kredite, Robo-Ratgeber und Blockchain.

Die ungarische Nationalbank hat als ein der ersten Institutionen in Mittel- und Osteuropa regulatorische Sandboxes ermöglicht: Hier können FinTechs und Finanzinstitute ihre Angebote testen, ohne allen regulatorischen Anforderungen entsprechen zu müssen. Neben der Nationalbank sind auch Investoren wie FinTechZone, MKB Fintechlab und BnL Start Partners aktiv in der ungarischen FinTech-Szene involviert. Das wertvollste FinTech in Ungarn ist das InsurTech-Startup Cherrisk (mit Beteiligung der Uniqa Gruppe), welches bisher Funding in Höhe von 4,3 Millionen Euro einholen konnte.

Finanzierung von Startups in Ungarn

A propos Funding: Im Report “Seed the Future” von Stripe, techstars und tech.eu heißt es, dass 0,15 Prozent der Early Stage Finanzierungen in Europa auf Ungarn entfallen. Damit liegt das Land hinter Griechenland (0,22 Prozent) und Zypern (0,17 Prozent), aber noch knapp vor Tschechien (0,11 Prozent).

Laut dem europäischen Marktbericht des European Business Angel Network von 2017 gibt es in Ungarn 120 Business Angels, die 2017 insgesamt 4,4 Millionen Euro in die ungarischen Startups investiert haben. Damit hat Ungarn in etwa gleich viele Business Angels wie das deutlich kleinere Litauen, in dem es dem Report zufolge 118 Business Angels gibt.

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(c) Ruiz Cruz
(c) Ruiz Cruz

Zwei Tage lang haben die Entrepreneurship-Verantwortlichen der österreichischen Hochschulen am 13. und 14. Oktober an der Universität Wien und der WU Wien darüber beraten, wie Ausgründungen aus der Wissenschaft leichter gelingen können. Das Entrepreneurship Center Network (ECN), das inzwischen 36 Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen verbindet, hat rund um seine sechste Konferenz auch neue Zahlen veröffentlicht: 2025 wurden 530 studentische Startups und akademische Spinoffs an den Partnerhochschulen betreut, ein Jahr davor waren es 457.

Strategiearbeit im Fokus

Auch die Konferenz selbst ist gewachsen. „Als wir 2021 die erste ECN-Konferenz hier in Wien organisiert haben, hatten wir so 25 bis 30 Teilnehmer, und heuer waren über 80 Teilnehmende dabei”, sagt Rudolf Dömötör, Direktor des WU Entrepreneurship Center und Gründer des Netzwerks, im brutkasten-Talk. Statt Keynotes und Workshops gab es heuer Strategiearbeit: In Kleingruppen wurden zuerst die größten Probleme bei Ausgründungen gesammelt, dann ein Wunschzustand formuliert und daraus Maßnahmen abgeleitet.

(c) Ruiz Cruz

Mehr Role Models?

Diskutiert wurde dabei auch, wen das Thema überhaupt erreicht. Sara Matt, Leiterin der Transferstelle Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft der Universität Innsbruck, sieht die bisherigen Role Models fast ausschließlich im MINT-Bereich. „Ganz viele helle Köpfe kommen nicht aus der Technik, sondern aus den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. Die muss man auch abholen.“ Und nicht jede Person mit unternehmerischen Fähigkeiten müsse ein eigenes Unternehmen gründen: „Die könnten zum Beispiel Betriebsnachfolgen übernehmen oder in bestehenden Unternehmen Innovation vorantreiben.”

Im Rahmen der Konferenz wurde – in Anwesenheit von Sektionschef Elmar Pichl aus dem BMFWF – auch der neue Ausgründungsrahmen für diese sog. SHAPE-Disziplinen vorgestellt. SHAPE steht für Social Sciences, Humanities and the Arts for People and the Economy, also für Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften sowie die Künste. Dieser Rahmen ergänzt den 2024 erarbeiteten Ausgründungsrahmen für den technischen und naturwissenschaftlichen Bereich.

Die Frage des Budgets?

Die Ergebnisse der Konferenz treffen auf einen schwierigen Moment. Wie sich das Universitätsbudget in den nächsten Jahren entwickelt, ist offen, mehr Geld wird es nach Einschätzung von Dömötör wohl nicht geben. Die Frage sei, wo gespart werde: bei etablierten Bereichen oder im Transfer, „der noch nicht so etabliert ist und auch keine starke Lobby in Budgetdiskussionen hat”. Das Budget sei deshalb ein Leitmotiv der Konferenz gewesen: „Was können wir tun, um dieses weiterhin zwar größer werdende, aber immer noch zarte Pflänzlein, das in den letzten fünf bis zehn Jahren entstanden ist, zu schützen?”

(c) Ruiz Cruz

Matt beobachtet die Folgen bereits. An einigen Universitäten sei das Personal im Transferbereich zurückgefahren worden. „Das finde ich einen falschen Ansatz, weil gerade jetzt müssen wir darauf achten, Innovation voranzutreiben.” Dass überall gespart werden müsse, sehe sie ein, „aber für die langfristige Sicht eines Wirtschaftsstandortes ist es nicht die richtige Entscheidung, an der Innovation zu sparen”.

Konkret bedauert Matt, dass es im Herbst keine Fellowship-Ausschreibung gab. Eine Handvoll Forscher:innen an ihrer Universität hätte gerne eingereicht. Wenn man in dieser Situation doch die akademische Karriere wähle, sei das nachvollziehbar, weil man es sich auf dem Weg dorthin kaum leisten könne, ein paar Jahre für einen unternehmerischen Versuch liegen zu lassen. Eine bei der Konferenz diskutierte Maßnahme sei deshalb ein Forschungsfreisemester, „damit diese Entscheidung nicht so früh fallen muss: Unternehmertum oder Forscherkarriere”.

Gründen soll in der akademischen Laufbahn zählen

Genau an diesem Punkt setzt der Maßnahmenplan an, den das ECN aus der Konferenz ableitet und Ende des Jahres veröffentlichen will. Gründen soll ein gleichwertiger Karriereweg werden, der auch in der akademischen Laufbahn anerkannt wird. „Kulturwandel bedarf auch der entsprechenden Incentives”, sagt Dömötör. „Wie wird es von meiner Uni gewürdigt, wenn ich gründe? Werde ich nur für die traditionellen Kernaufgaben einer Universität belohnt, Forschung und Lehre, oder wird auch die Third Mission stärker berücksichtigt?” In den letzten Jahren habe es eine positive Entwicklung gegeben, „aber da ist immer noch Luft”.

Der zweite Kernpunkt richtet sich an den Gesetzgeber: Das ECN fordert einen klaren Rechtsrahmen für Ausgründungen im Universitätsgesetz (UG) und im Fachhochschulgesetz (FHG). Dazu kommen österreichweite Standards für IP und Beteiligungen sowie Entrepreneurship Education für alle Studierenden. Die Details sollen im Plan Ende des Jahres folgen.

Verbündete in der Politik?

Unterstützung erhofft sich das ECN aus der Politik. Elisabeth Zehetner, Staatssekretärin für Energie, Startups und Tourismus im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus, stellte sich bei einem Kamingespräch den Fragen der Community. Für Dömötör „ein sehr wertschätzendes Signal”. Man nehme aus dem Gespräch mit, „in ihr eine Verbündete zu haben”. Für die Änderungen an UG und FHG, die das ECN anstrebt, ist allerdings nicht ihr Ressort zuständig, sondern das Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung.

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