01.07.2022

Wie Startups aus Österreich die Mobilitätswende vorantreiben

Österreichische Startups liefern für die Mobilitätswende bereits seit mehreren Jahren Lösungen und haben sich in unterschiedlichsten Bereichen am Markt etabliert – angefangen vom privaten Carsharing bis hin zur betrieblichen Mobilität.
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Der Verkehr ist für fast 30 Prozent der gesamten CO2-Emissionen der EU verantwortlich, von denen 72 Prozent auf den Straßenverkehr entfallen. Und ein Blick nach Österreich zeigt: Hierzulande stieß der Verkehrssektor 2020 rund 50 Prozent mehr CO2 aus als noch im Jahr 1990. Zudem hat Österreichs Verkehr laut dem Verkehrsclub Österreich (VCÖ) den zweithöchsten Pro-Kopf-CO2-Ausstoß der EU. Die Liste an Statistiken und Zahlen ließe sich weiter fortsetzen. Fest steht: Österreich hat es sich zum Ziel gesetzt, bis spätestens 2040 klimaneutral zu sein. Und um dieses Jahrhundertprojekt zu erreichen, bedarf es einer enormen Kraftanstrengung in der Dekarbonisierung des Verkehrssektors.

Der Mobilitätsmasterplan 2030

Von Seiten der Politik wurde dafür unter anderem der Mobilitätsmasterplan 2030 für den Verkehrsbereich vorgelegt. Darin bekennt sich die Regierung zum weiteren Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Die Dekarbonisierung der Mobilität soll demnach entlang von drei Ebenen erfolgen. Erstens soll der verbleibende Individualverkehr verbessert werden, indem der energieeffiziente Elektroantrieb zur Anwendung kommt. Zweitens sollte Verkehr und Transport, der sich nicht vermeiden lässt, auf umweltfreundliche Verkehrs- und Transportmittel verlagert werden. Dazu zählen Fahrrad, Bus und Bahn. Und drittens sollte, dort wo möglich, eine Vermeidung von Verkehr stattfinden. Dazu heißt es: “Mit einer nachhaltigen Standort- und Raumplanung der kurzen Wege, aber auch mit Telearbeit oder der Bildung von Fahrgemeinschaften lässt sich Verkehr vermeiden”.

Die Hebel zur Dekarbonisierung

Aktuell beläuft sich der CO2 Ausstoß im Verkehrssektor in Österreich auf rund 25 Millionen Tonnen CO2. Entsprechend groß ist somit auch die sogenannte “Zielerreichungslücke”, wie Mobilitätsexperte Oliver Danninger von der accilium GmbH weiß. Die auf Digitalisierung und Mobilitätsfragen spezialisierte Unternehmensberatung hat im Frühjahr 2022 eine neue Metastudie zur Dekarbonisierung der Mobilität veröffentlicht. “Um die Ziellücke zu schließen, gibt es drei zentrale Hebel. Dazu zählen CO2-freie Fahrzeugantriebe, die Erhöhung des Besetzungsgrades sowie die Reduktion der Wege”, so Danninger.

Mobility as a Service als Schlüssel

Damit die die Mobilitätswende gelingt, müssen laut Danninger in den nächsten Jahren zudem Mobility-as-a-Service-Angebote weiter ausgebaut werden. Das Konzept „Mobility as a Service“ (MaaS) bezeichnet ein umfassendes, über eine einheitliche, digitale Schnittstelle zugängliches Mobilitätsangebot. Möglichst alle verfügbaren Ressourcen werden dabei zu einem auf den individuellen Bedarf abgestimmten und flexiblen Mobilitätsangebot gebündelt. So sollen Lücken im Angebot klimaverträglicher Mobilität geschlossen und die Zugänglichkeit zu multimodaler Mobilität vereinfacht werden.

Neben neuen Technologien und Plattformen bedarf es laut Danninger allerdings auch einer physischen Infrastruktur. “Eine digitale Lösung ist nur die halbe Miete. In einer ländlichen Region wie beispielsweise dem Waldviertel nützt mir die smarteste App nichts, wenn ich die physischen Angebote und den Rückgrat des öffentlichen Verkehrs nicht habe”, so der Experte. Betrachtet man den Status Quo in Bezug auf das Mobilitätsverhalten der Österreicher:innen in der Stadt und am Land, so zeigt sich: In der Millionenstadt Wien wird beispielsweise nur ein Drittel der Wege mit dem privaten PKW zurückgelegt, ein ganz anderes Bild ergibt sich hingegen in ländlichen Regionen. Das dortige Hauptverkehrsmittel ist unangefochten das Auto. Nur jeder dritte Kilometer wird dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Zudem können in der Stadt erfolgreich erprobte Sharing-Modelle nicht eins zu eins als Blaupause aufs Land übertragen werden.

Carsharing am Land

Obgleich sich Carsharing im ländlichen Bereich deutlich schwieriger gestaltet als in der Stadt, gibt es in Österreich auch Startups, die sich dieser Herausforderungen stellen. Eines von ihnen ist das Wiener Startup Smart Move hinter dem die österreichische KIR-Group steht. Die Idee: Mit einer eigens entwickelten Mobility-Lösung können KMU und Gemeinden künftig selbst zu Carsharing-Anbietern werden. Über die Plattform von Smart Move können so ungenutzte Fahrzeuge von Firmenfuhrparks für die Mehrfachnutzung geöffnet und somit besser ausgelastet werden. Um ein Pool-Auto, das eine durchschnittlich Stehzeit von rund 60 Prozent hat, sinnvoll und effizient zu nutzen, muss lediglich eine Carsharing-Box installiert und die Anbindung an das Smart-Move-System freigeschalten werden. Firmen entscheiden zudem selbst, wem sie ihre Flotte außerhalb des eigenen Bedarfs zur Verfügung stellen möchten. Das Carsharing kann rein intern, auf das betriebsnahe Umfeld oder die gesamte Öffentlichkeit ausgerollt werden. Je nach Berechtigung können Dienstwägen beispielsweise zu Pool-Autos umfunktioniert werden. Auch Angehörige von Mitarbeiter:innen können zur Nutzung berechtigt werden.

Digitalisierung & Fahrgemeinschaften

Neben neuen Carsharing-Konzepten, die künftig auch am Land funktionieren sollen, stellen auch Fahrgemeinschaften einen Schlüssel in der Dekarbonisierung des Verkehrs dar. Stichwort: Erhöhung des Besetzungsgrades. Auch hier haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Startups in Österreich erfolgreich mit digitalen Lösungen am Markt etabliert. Eines von ihnen ist das Linzer Startup Carployee, das eine Mitfahr-App entwickelt hat, damit Mitarbeiter:innen von Unternehmen mit ihren Kollegen:innen einfacher Fahrgemeinschaften bilden können.

Die Benutzeroberfläche von Carployee | (c) Carployee

Die Carpooling-Lösung setzt dabei auf Belohnungen, die entsprechend firmeninternen Regelungen individuell gestaltbar sind. Diese können beispielsweise Freistunden, Gutscheine oder gratis Mitarbeiterparkplätze umfassen. In den letzten Jahren konnte das Startup mit seiner Lösung zahlreiche Großkunden gewinnen, darunter beispielsweise Rosenbauer, LKW Walter, Stihl, Mercedes Benz Polen oder die Schweizer AMAG. Im Herbst 2021 sorgte das Startup mit seinem Exit an den US-Anbieter RideAmigos für Schlagzeilen. Das Team von Carployee blieb trotz der Übernahme erhalten und agiert nach wie vor von Linz aus. Gemeinsam mit RideAmigos wird zudem an neuen Lösungen gearbeitet. Erst im März diesen Jahres launchte das Startup auf Basis der bisherigen Carployee App die neue App “Pave Commute”. Damit sollen datenbasiert Empfehlungen abgegeben werden, wie man am Weg zwischen Zuhause und Büro Zeit und Spritkosten sparen sowie CO2 vermeiden kann. Die App berücksichtigt zum Beispiel auch wiederkehrende Home-Office-Tage bei der Berechnung der Route einer möglichen Fahrgemeinschaft.

Neben Carployee bietet zudem auch das Innsbrucker Startup Ummadum eine Lösung für Pendler:innen an. Im Zentrum steht ebenfalls ein Gamification-Ansatz. Wer mit Ridesharing oder mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt, sammelt in der App Punkte. Diese wiederum können bei Partnerbetrieben eingelöst werden. Erst Ende April startete ummadum gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Ostregion (VOR) ein neues Pilotprojekt mit dem klingenden Namen “nahallo”. Im Projekt wird die Organisation von Fahrgemeinschaften über die ummadum-App mit der Bereitstellung eines kostenlosen fixen Parkplatz in einer Park & Ride-Anlage kombiniert – vorerst im Pilotversuch in Korneuburg.

Betriebliche Mobilität optimieren

Damit Pendlerströme nachhaltiger werden, müssen künftig auch Unternehmen verstärkt mit ins Boot geholt werden. Eine Softwarelösung dafür liefert das Linzer Startup triply. Mit Hilfe der digitalen Plattform “Upscore Mobility Audit” wird die betriebliche Mobilität von Unternehmen und deren Mitarbeiter:innen analysiert. In einem ersten Schritt erfolgt die Datensammlung. Dafür kommen beispielsweise Mitarbeiterbefragungen, GIS-Daten oder anonymisierte Adressdaten zum Einsatz. In einem nächsten Schritt werden die Daten aggregiert und visualisiert, um so einen Überblick über den Status Quo zu bekommen. Ein sogenannter “Mobility.Score” veranschaulicht dabei, wie gut entwickelt die betriebliche Mobilität der jeweiligen Unternehmen ist. Dazu zählen beispielsweise die durchschnittliche Wegstrecke, Pendelzeit oder CO2-Emissionen. Aber auch Kosten für Unternehmen und Mitarbeiter:innen sowie Reisezeit, Umwelt- und Gesundheitseffekte werden berücksichtigt. In einem letzten Schritt werden gemeinsam mit den jeweiligen Unternehmen Maßnahmen erarbeitet, um die betriebliche Mobilität umweltfreundlicherer und kosteneffizienter zu gestalten. Dies umfasst beispielsweise auch die Reduktion von Parkplätzen.

Die Plattform von triply analyisiert die betriebliche Mobilität von Unternehmen | (c) triply

Mieten statt Besitzen

Neben neuen Möglichkeiten mit Daten die Dekarbonisierung der Mobilität voranzutreiben, ist in den letzten Jahren zudem ein Wertewandel in der Bevölkerung feststellbar. Immer öfter zahlen wir nicht mehr für den Besitz, sondern nur mehr für die Nutzung von Dingen. Im Zentrum stehen dabei Abo-Modelle, die sich derzeit in Österreich im Mobilitätssektor etablieren. Besonders hervorgestochen ist 2021 der Trend zu sogenannten Fahrrad-Abos, wobei in der Bundeshauptstadt Wien gleich mehrere Anbieter an den Start gingen. Einer von ihnen ist das Wiener Startup Eddi Bike, das mit dem Konzept “Bicycle-as-a-Service” um Kund:innen wirbt. Im Zentrum des Geschäftsmodell steht Convenience. Im monatlich kündbaren Abo bietet das Unternehmen neben einem Fahrrad auch die Wartung und Reparatur an. Im Gegensatz zu Free-Floating-Modellen befindet sich das Rad zudem über die gesamte Abodauer im Besitz der Kund:innen. Neben dem Wartungsaufwand möchte das Startup auch die Anschaffungskosten reduzieren und so Menschen dazu animieren, auf das Fahrrad umzusteigen.

Abo für Autos am Vormarsch

Den Ansatz “Nutzen statt Besitzen” verfolgt auch das Wiener Startup vibe, das E-Autos im Abo zum monatlichen Fixpreis ohne Anzahlung anbietet. Seit dem Marktstart im Jahr 2020 positioniert sich das Unternehmen bewusst als Alternative zu langfristigen Kauf- und Leasing-Verträgen. Die Mindestlaufzeit der Abos beträgt sechs Monate. vibe legt dabei einen Fokus auf das B2B-Geschäft, wobei das Startup Firmen beim Umstieg auf elektrische Fuhrparklösungen unterstützt. Das Startup möchte in erster Linie mit Kostentransparenz und der Verfügbarkeit der gängigsten E-Automarken punkten. Beim Kauf eines E-Autos sind laut vibe Gründerin & CEO Lisa Ittner nämlich nicht nur Versicherung, Steuern und Reifenwechsel zu berechnen, sondern vor allem auch der monatliche Wertverlust als Anteil am Kaufpreis. Dieser könne bei E-Autos aufgrund der rapiden Technologieentwicklung besonders hoch ausfallen. Ein weiterer Aspekt umfasst zudem die Vorbildwirkung, die E-Autos im Fuhrpark auf Kund:innen aber auch die eigenen Mitarbeiter:innen haben. E-Mobilität versteht sich demnach auch als ein Employer-Branding-Instrument, so Ittner.

Die Möglichkeiten der Blockchain

Einen völlig anderen Ansatz als bestehende Carsharing-Anbieter am Markt möchte hingegen das Wiener Startup Eloop gehen, das auf ein “Free-Floating“-Modell setzt und erst im Mai diesen Jahres eine Investmentrunde in Millionenhöhe abgeschlossen hat. 2020 brachte das Unternehmen seinen Eloop One Token auf den Markt, über den sich Nutzer:innen an den Umsätzen der rein elektrischen Carsharing-Flotte beteiligen können. Dabei wird ein bestehender Asset, nämlich die bestehende E-Carsharing-Flotte, tokenisiert und als Anlageprodukt angeboten. Die Vision hinter dem Blockchain-basierten Modell: Nutzer:innen sollen so aktiv beim Aufbau der Carsharing-Infrastruktur partizipieren und zugleich vom unternehmerischen Erfolg des rein elektrischen Carsharing-Anbieters profitieren.

Seit dem Start wurden so mehr als 20 Tesla Model 3 tokenisiert. Insgesamt hat das Startup aktuell mehr als 200 Tesla Model 3 auf Wiens Straßen gebracht. Aktuell expandiert das Startup auch nach Deutschland. Wie die beiden Gründer Nico Prugger und Leroy Hofer erläutern, positioniert sich das Unternehmen mit seinem Carsharing-Modell nicht nur für Kurzfahrten, sondern möchte auch längere Wochenendtrips ermöglichen. Aktuell wird zudem im Rahmen eines Pilotprojekts eine neues Abo-Modell erprobt. In der Pauschale sind pro Monat jeweils 30 Kurztrips bis zu 60 Minuten sowie vier Tagestrips bis zu 24 Stunden inkludiert. “Wir möchten mit unserem neuen Angebot ein umweltfreundliches, komfortables und günstiges Mobilitätskonzept als ernstzunehmende Konkurrenz zum Privat-PKW bieten”, so Hofer abschließend. Auf der Website informiert das Startup zudem in Echtzeit über die CO2-Einsparung. Durch die E-Carsharing-Autos wurden demnach allein in Wien mehr als 1300 Tonnen CO2 eingespart. Dies entspricht rund 17 Erdumrundungen mit einem Verbrenner-PKW.

Lösungen für den Weltmarkt

Lösungen für die Mobilitätswende von österreichischen Startups stoßen mittlerweile auch international auf Anklang, wie das Wiener Mobility Startup goUrban beweist. Ursprünglich startete das 2016 gegründete Unternehmen mit einer Sharing-Plattform für E-Mopeds in Wien. Kurz nach dem Marktstart im Jahr 2018 eröffnete sich jedoch ein noch viel größeres Geschäftsmodell, das noch im gleichen Jahr zum (Teil-)Pivot führte. „Die damals am Markt verfügbare Software erfüllte unsere Erwartungen nicht. Also begannen wir, unsere eigene Software zu entwickeln, und wurden zur digitalen Mobilitätsplattform“, wie Jonathan Gleixner, CEO und Co-Founder von goUrban, erläutert.

Die Mobility-SaaS-Plattform erfüllt mittlerweile zahlreiche Use-Cases. So ermöglicht das Startup im B2B-Bereich seinen Kund:innen beispielsweise den Zustand ihrer Flotte in Echtzeit zu überwachen, Beziehungen zu ihren Kund:innen zu pflegen oder datengestützte Entscheidungen für eine optimale Nutzung zu treffen. Zum Kundenkreis zählen neben Micromobility-Anbietern auch klassische Autovermietungen oder Unternehmen, die ihre Flotten digital managen wollen. Heute agiert das Startup mit seiner Plattform in über 100 Städten und vernetzt für seine Kund:innen weltweit insgesamt 30.000 Fahrzeuge. Zudem konnte das Unternehmen seit Beginn der Pandemie laut Gleixner seinen Umsatz jedes Jahr verdreifachen. Erst Ende Juni gab goUrban den Abschluss einer Finanzierungsrunde in Millionenhöhe bekannt. „Das achtstellige Budget nach dem Investment ermöglicht uns nun auch eine Verdreifachung des Teams von 50 auf 150 Mitarbeiter:innen bis Jahresende“, so Gleixner.

Aktuell verfügt das Startup über Standorte in Wien und Novi Sad (Serbien). Wie Gleixner weiters ausführt soll sich die Plattform ab 2023 zur größten Software-Firma im Bereich von Shared Mobility entwickeln. Dabei verfolgt das Startup die Vision, dass sich Mobilität langfristig von Besitz zu einem flexiblen Service transformiert. „Mit einer  zunehmenden Urbanisierung der Gesellschaft wird sich die Mobilität in den nächsten zehn Jahren mehr verändern als in den vergangenen 130 Jahren. Shared Mobility ist in der Form nicht mehr aufzuhalten“, so Gleixner abschließend.


Dieser Artikel erschien in gedruckter und leicht abgeänderter Form im brutkasten-Magazin #14 “besser fahren”

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Andreas Klinger ist einer der Initiatoren von EU Inc | (c) brutkasten / Dervisevic
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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Nach mehreren Karrierestationen bei großen Tech-Unternehmen kehrte der Österreicher Andreas Klinger während der Coronakrise aus dem Silicon Valley nach Europa zurück. Mittlerweile zählt er mit seinem Fonds Prototype zu den einflussreichsten Deeptech-Investoren des Kontinents und kämpft mit der Initiative „EU Inc.“ für einen geeinten europäischen Markt. Im Interview spricht er darüber, worauf er bei Investments schaut, über Robotics als Europas Chance, die Schwächen des EU-Inc.-Entwurfs – und darüber, warum die EU für ihn nur ein „Debattierklub“ ist.


brutkasten: Dein Fonds Prototype wurde kürzlich von 20VC als zweitbester Microfund Europas genannt. Du selbst wurdest von Dealroom unter die Top 30 der „Most Influential People in Deeptech in Europe“ gelistet. Was ist dein Erfolgsrezept?

Andreas Klinger: Glück. Glück in der Karriere zu haben würde ich auch jedem empfehlen.

Du sprichst deine Karriere an: Du warst beispielsweise CTO von Product Hunt. Wie hilft dir das, was du zuvor gemacht hast, jetzt als Investor?

Fast alle Stationen in meiner Karriere – egal ob als Founder, bei Product Hunt, AngelList oder On Deck – haben mir eine sehr gute Metaperspektive auf Startups gegeben. Also nicht nur auf eine spezifische Branche, sondern auf Startups als eigene Gesamtmechanik, oder wie man in der Ökonomie sagen würde: wie man Hochrisiko-Investments in der Innovation Economy macht. Diese Metaperspektive gibt mir einen gewissen Vorteil, den der typische Investor nicht hat. Wobei ich der starken Überzeugung bin, dass der typische Investor keine Benchmark sein sollte. VC folgt dem Power Law, genauso wie Startups. Du konkurrierst nicht mit dem Durchschnitt, sondern mit den oberen zehn, fünf oder einem Prozent und das auf globaler Ebene.

Du bist mittlerweile zu einer sehr starken Stimme für Europa geworden. Bevor wir über dein Engagement für die „EU Inc.“ sprechen: Wie ist der Beschluss gefallen, es in Europa mit einem eigenen Micro-VC zu versuchen?

Ich bin aktiv geworden, weil ich mitbekommen habe, wie immer mehr meiner amerikanischen Kollegen und Freunde sehr abfällig über Tech in Europa und generell über Europa geredet haben. Das Problem dabei war: Die Hälfte der Dinge, die sie gesagt haben, schwankte irgendwo zwischen Propaganda, Misinformation oder absolut schwachsinniger Simplifizierung. Die andere Hälfte hat aber leider ziemlich gestimmt. In Europa hast du durch den kleineren Markt echte Nachteile. Viele denken, Europa sei ein Riesenmarkt, aber das stimmt nicht, weil alles in Silos fragmentiert ist. Du agierst nicht auf europäischer Ebene, sondern auf österreichischer oder slowenischer Ebene. Die einzelnen Märkte können nicht mit Amerika oder vor allem mit China konkurrieren.

Skalierung ist hier ein reales Problem. Wenn du in deinem eigenen Land viele große Kunden hast, ist es leichter, groß zu werden. Ob wir das in Europa mit den verschiedenen Sprachen jemals lösen können, ist eine Frage, aber das Problem besteht eben auch auf Investorenseite. Wenn du als Startup von Tag eins an mit China und Amerika konkurrierst, summiert sich jeder kleine lokale Nachteil.

Aus der Grundidee heraus, dass wir paneuropäische Lösungen für paneuropäische Probleme brauchen, ist mein Engagement entstanden. Bei EU Inc. geht es zum Beispiel darum, wie man Corporate Investments und Stock Options auf paneuropäischer Ebene in einen Standard gießen kann, der groß genug ist, sodass jeder Investor auf der Welt mit drei Klicks mitmachen kann, ohne erst herausfinden zu müssen, wie das Rechtssystem in Slowenien funktioniert und ob der lokale Anwalt überhaupt Ahnung von Startups hat. In der Praxis macht das sonst niemand, weniger als 18 Prozent der Frühphasen-Investments sind paneuropäisch.

Vor einiger Zeit wurde der EU-Inc.-Verordnungsentwurf der EU-Kommission veröffentlicht. Du warst nicht ganz zufrieden damit. Was ist gut gelungen und wo muss man nachbessern?

Sehr spannend ist, dass die Kommission den Ansatz nach unserem Projekt benannt hat. Das Proposal selbst ist aber nicht wirklich das, was wir vorgeschlagen haben, sondern eine typische EU-Lösung. Das Hauptproblem: Weil die EU Angst vor einem einstimmigen Votum hat – das leider für alle großen Dinge in Europa nötig ist –, haben sie eine Art Workaround entwickelt. Sie sagen: Es bleibt alles national, aber es wird alles genau gleich aufgebaut. In der Praxis heißt das: Du hast zwar dieselbe rechtliche Entität in jedem Land, aber die Gerichtshöfe und Firmenbücher bleiben lokal. Es ist zwar toll als administrative Harmonisierung, aber wenn ich wirklich schnell 100 Millionen in eine Company investieren will, brauche ich absolute rechtliche Klarheit.

Der Gesetzgebungsprozess passiert erst jetzt. Was ist in den nächsten Schritten noch möglich, um Verbesserungen zu erzielen, und was ist der Plan B?

Grundsätzlich gibt es zwei Pfade. Der eine: Man repariert den jetzigen Vorschlag, indem man ein zentralisiertes Firmenbuch und einen zentralisierten Gerichtshof einführt. Das könnte man theoretisch sogar komplett optional gestalten, ähnlich wie beim Patentrecht. Plan zwei ist ein Neustart: Man versucht es noch einmal als echtes 28th Regime mit den korrekten EU-Artikeln, aber nicht über ein einstimmiges Votum, sondern über die sogenannte Enhanced Cooperation – ein Opt-in-Verfahren für einzelne Länder, das über die EU moderiert wird. Mindestens neun Länder müssen dafür an Bord sein.

Wir wissen, dass in einigen Ländern ein sehr starkes Interesse besteht. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die EU keine Regierung im klassischen Sinne ist, sondern eher eine Art Debattierklub. Die Länder müssen sich nun entscheiden: Wollen wir mehr Europa oder nicht? Die Spieltheorie macht das für die einzelnen Staaten sehr schwierig, weil zwar alle sagen, sie wollen mehr Europa, in Wahrheit aber niemand Kompetenzen abgeben möchte. Das ist die Grundfrage unserer Generation: Werden wir ein starker, vereinter Block wie die USA oder bleiben wir einzelne Länder mit ein paar Handelsbeziehungen wie in Lateinamerika? Letzteres wird von größeren Akteuren wie China und den USA sehr stark gegeneinander ausgespielt.

Du hast nun auch Erfahrungen als eine Art Insider in der EU-Politik gesammelt. Wie war das für dich persönlich?

Ich nehme daraus vier Learnings mit. Das erste: Die Kommission wird von den Mitgliedsstaaten gerne als „Shadow Government“ dargestellt – „die Bösen in Brüssel, die uns Dinge aufzwingen“. In Wahrheit liegt die gesamte Entscheidungsmacht bei den Mitgliedsstaaten. Alle Erfolge werden gerne national verbucht, alles Furchtbare ist europäisch.

Das zweite Learning: Der Job eines Politikers ist nicht so, wie man ihn sich vorstellt. Man denkt oft, man müsse nur die richtige Information zur richtigen Entscheidungsperson bringen und dann wird das Problem gelöst. Aber das Problem ist nicht, dass Politiker nicht zuhören. Sie hören Tausende Dinge, die sich widersprechen, von Leuten mit völlig verschiedenen Incentives. Der Job in der Policy-Arbeit besteht nicht darin, den Leuten zu sagen, was sie tun sollen, sondern Signal versus Noise zu filtern und komplexe Probleme zu simplifizieren. Drittens besteht die Aufgabe von Politikern darin, Momentum wahrzunehmen und abzugleichen, wo wirklich Bewegung herrscht.

Und mein letztes Learning: Wenn du aus einem Meeting mit einem Politiker gehst und das Gefühl hast, du wurdest gehört, war es oft ein schlechtes Meeting. Ein guter Politiker gibt dir nämlich immer das Gefühl, gehört worden zu sein. Produktiv war das Meeting erst, wenn du wirklich die internen Probleme der anderen Seite verstanden hast. Wenn man in einem Startup arbeitet und überlegt, in die Politik zu gehen, ist mein Haupttipp ohnehin: Lass es. Du hast wahrscheinlich mehr politischen Einfluss, wenn du eine Company baust, die Millionen oder Milliarden an Umsatz macht.

Um auf deinen Fonds Prototype zurückzukommen: Bei all den Herausforderungen investierst du dennoch in europäische Startups…

Wir investieren aus zwei Gründen in Europa. Erstens, weil Europa die nächsten großen BIP-treibenden Unternehmen hervorbringen muss, sonst sind wir weg vom Fenster. Zweitens, weil der Markt extrem unterschätzt wird. Wir sind in Europa Weltmeister in Hardware, Maschinenbau und Robotics, verkaufen uns aber ständig unter Wert. Wenn du den besten Roboter für eine Industrie baust, is es dem Kunden völlig egal, ob er aus China, den USA oder Europa kommt – solange es wirklich der beste Roboter der Welt ist.

Wir investieren daher sehr aggressiv in Themen, in denen Europa stark ist und die wir auch strategisch behalten müssen. Robotics erlebt gerade eine unglaubliche Entwicklung, eine Art „ChatGPT-Moment“, wo auf einmal Dinge möglich werden, die vorher unvorstenbar waren. Gerade in der CEE-Region, von Slowenien über Österreich bis in die Schweiz und nach Süddeutschland, haben wir wahrscheinlich eines der besten Machinery- und Manufacturing-Netzwerke der Welt.

Was sind die Schlüsselmerkmale, auf die du bei Gründer:innen schaust, wenn du dich für ein Investment entscheidest?

Da ich sehr früh investiere, ist die Entscheidung stark auf die Founder fokussiert. Es gibt für mich zwei zwingende Dinge, die überraschend selten vorkommen. Das erste ist Obsession. Ich empfehle technischen Foundern oft, anfangs gar nicht so sehr über das Business-Modell nachzudenken, sondern sich wirklich obsessiv in ein Thema reinzutigern und darin zu den besten zwei Prozent in einer Region zu gehören.

Das zweite ist „Bias to Action“, also ein starker Drang zur Umsetzung. Wir haben leider eine Gründerkultur, die extrem auf Pitch-Decks, Competitions, Acceleratoren und Startup-Programme fokussiert ist. Das ist alles Bullshit. Was du als Gründer brauchst, ist die Fähigkeit, in kürzester Zeit möglichst weit voranzukommen. Wir neigen zu einer Intellektualisierung des Ganzen – man sucht nach der perfekten Idee, anstatt einfach Traction aufzubauen. Es bringt nichts, ein Pitch-Deck zu schreiben, bevor man mit Kunden geredet hat. Sprich mit 50 Kunden, hol dir die Aufträge: und wenn du nicht mehr nachkommst, such dir das Investment für diese große Opportunity.

Eine klassische Abschlussfrage: Wie optimistisch blickst du in die Zukunft – als Investor, aber auch bezogen auf Europa?

Ich glaube, Europa steht jetzt an einem Scheideweg. Wir müssen uns in einer Welt von Giganten entscheiden: Sind wir ein Gigant oder nur ein Netzwerk von guten Ländern? In Industrien, die dem Power Law folgen, bedeutet Marktdominanz alles – der Unterschied zwischen gut und großartig kann ein Faktor von eins zu hundert sein.

Es ist erschreckend, wie viele Zukunftsindustrien in Europa aktuell schon abgeschrieben werden. Wenn man in Brüssel redet, sagen viele, bei KI könnten wir ohnehin nicht mehr mithalten. Meiner Meinung nach ist das Blödsinn. Aber im aktuellen Setup, wenn wir als Europa nicht geeint auftreten, können wir tatsächlich nicht mithalten. Das Problem ist, dass diese Industrien die Zukunft sind. Aus Software wurde Cloud, aus Cloud wurde AI, aus AI wird nun Physical AI beziehungsweise Robotics. Mittlerweile zahlt jede Firma eine Art „ChatGPT-Steuer“. Wir können aber nicht ewig nur reine Kunden bleiben. Früher oder später müssen wir selbst Premium-Unternehmen haben, die Marktrelevanz besitzen, sonst sind wir geostrategisch einfach weg vom Fenster. Tech-Strategie und Geopolitik wachsen heute sehr stark zusammen.

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