01.07.2022

Wie Startups aus Österreich die Mobilitätswende vorantreiben

Österreichische Startups liefern für die Mobilitätswende bereits seit mehreren Jahren Lösungen und haben sich in unterschiedlichsten Bereichen am Markt etabliert – angefangen vom privaten Carsharing bis hin zur betrieblichen Mobilität.
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Der Verkehr ist für fast 30 Prozent der gesamten CO2-Emissionen der EU verantwortlich, von denen 72 Prozent auf den Straßenverkehr entfallen. Und ein Blick nach Österreich zeigt: Hierzulande stieß der Verkehrssektor 2020 rund 50 Prozent mehr CO2 aus als noch im Jahr 1990. Zudem hat Österreichs Verkehr laut dem Verkehrsclub Österreich (VCÖ) den zweithöchsten Pro-Kopf-CO2-Ausstoß der EU. Die Liste an Statistiken und Zahlen ließe sich weiter fortsetzen. Fest steht: Österreich hat es sich zum Ziel gesetzt, bis spätestens 2040 klimaneutral zu sein. Und um dieses Jahrhundertprojekt zu erreichen, bedarf es einer enormen Kraftanstrengung in der Dekarbonisierung des Verkehrssektors.

Der Mobilitätsmasterplan 2030

Von Seiten der Politik wurde dafür unter anderem der Mobilitätsmasterplan 2030 für den Verkehrsbereich vorgelegt. Darin bekennt sich die Regierung zum weiteren Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Die Dekarbonisierung der Mobilität soll demnach entlang von drei Ebenen erfolgen. Erstens soll der verbleibende Individualverkehr verbessert werden, indem der energieeffiziente Elektroantrieb zur Anwendung kommt. Zweitens sollte Verkehr und Transport, der sich nicht vermeiden lässt, auf umweltfreundliche Verkehrs- und Transportmittel verlagert werden. Dazu zählen Fahrrad, Bus und Bahn. Und drittens sollte, dort wo möglich, eine Vermeidung von Verkehr stattfinden. Dazu heißt es: “Mit einer nachhaltigen Standort- und Raumplanung der kurzen Wege, aber auch mit Telearbeit oder der Bildung von Fahrgemeinschaften lässt sich Verkehr vermeiden”.

Die Hebel zur Dekarbonisierung

Aktuell beläuft sich der CO2 Ausstoß im Verkehrssektor in Österreich auf rund 25 Millionen Tonnen CO2. Entsprechend groß ist somit auch die sogenannte “Zielerreichungslücke”, wie Mobilitätsexperte Oliver Danninger von der accilium GmbH weiß. Die auf Digitalisierung und Mobilitätsfragen spezialisierte Unternehmensberatung hat im Frühjahr 2022 eine neue Metastudie zur Dekarbonisierung der Mobilität veröffentlicht. “Um die Ziellücke zu schließen, gibt es drei zentrale Hebel. Dazu zählen CO2-freie Fahrzeugantriebe, die Erhöhung des Besetzungsgrades sowie die Reduktion der Wege”, so Danninger.

Mobility as a Service als Schlüssel

Damit die die Mobilitätswende gelingt, müssen laut Danninger in den nächsten Jahren zudem Mobility-as-a-Service-Angebote weiter ausgebaut werden. Das Konzept „Mobility as a Service“ (MaaS) bezeichnet ein umfassendes, über eine einheitliche, digitale Schnittstelle zugängliches Mobilitätsangebot. Möglichst alle verfügbaren Ressourcen werden dabei zu einem auf den individuellen Bedarf abgestimmten und flexiblen Mobilitätsangebot gebündelt. So sollen Lücken im Angebot klimaverträglicher Mobilität geschlossen und die Zugänglichkeit zu multimodaler Mobilität vereinfacht werden.

Neben neuen Technologien und Plattformen bedarf es laut Danninger allerdings auch einer physischen Infrastruktur. “Eine digitale Lösung ist nur die halbe Miete. In einer ländlichen Region wie beispielsweise dem Waldviertel nützt mir die smarteste App nichts, wenn ich die physischen Angebote und den Rückgrat des öffentlichen Verkehrs nicht habe”, so der Experte. Betrachtet man den Status Quo in Bezug auf das Mobilitätsverhalten der Österreicher:innen in der Stadt und am Land, so zeigt sich: In der Millionenstadt Wien wird beispielsweise nur ein Drittel der Wege mit dem privaten PKW zurückgelegt, ein ganz anderes Bild ergibt sich hingegen in ländlichen Regionen. Das dortige Hauptverkehrsmittel ist unangefochten das Auto. Nur jeder dritte Kilometer wird dort mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Zudem können in der Stadt erfolgreich erprobte Sharing-Modelle nicht eins zu eins als Blaupause aufs Land übertragen werden.

Carsharing am Land

Obgleich sich Carsharing im ländlichen Bereich deutlich schwieriger gestaltet als in der Stadt, gibt es in Österreich auch Startups, die sich dieser Herausforderungen stellen. Eines von ihnen ist das Wiener Startup Smart Move hinter dem die österreichische KIR-Group steht. Die Idee: Mit einer eigens entwickelten Mobility-Lösung können KMU und Gemeinden künftig selbst zu Carsharing-Anbietern werden. Über die Plattform von Smart Move können so ungenutzte Fahrzeuge von Firmenfuhrparks für die Mehrfachnutzung geöffnet und somit besser ausgelastet werden. Um ein Pool-Auto, das eine durchschnittlich Stehzeit von rund 60 Prozent hat, sinnvoll und effizient zu nutzen, muss lediglich eine Carsharing-Box installiert und die Anbindung an das Smart-Move-System freigeschalten werden. Firmen entscheiden zudem selbst, wem sie ihre Flotte außerhalb des eigenen Bedarfs zur Verfügung stellen möchten. Das Carsharing kann rein intern, auf das betriebsnahe Umfeld oder die gesamte Öffentlichkeit ausgerollt werden. Je nach Berechtigung können Dienstwägen beispielsweise zu Pool-Autos umfunktioniert werden. Auch Angehörige von Mitarbeiter:innen können zur Nutzung berechtigt werden.

Digitalisierung & Fahrgemeinschaften

Neben neuen Carsharing-Konzepten, die künftig auch am Land funktionieren sollen, stellen auch Fahrgemeinschaften einen Schlüssel in der Dekarbonisierung des Verkehrs dar. Stichwort: Erhöhung des Besetzungsgrades. Auch hier haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Startups in Österreich erfolgreich mit digitalen Lösungen am Markt etabliert. Eines von ihnen ist das Linzer Startup Carployee, das eine Mitfahr-App entwickelt hat, damit Mitarbeiter:innen von Unternehmen mit ihren Kollegen:innen einfacher Fahrgemeinschaften bilden können.

Die Benutzeroberfläche von Carployee | (c) Carployee

Die Carpooling-Lösung setzt dabei auf Belohnungen, die entsprechend firmeninternen Regelungen individuell gestaltbar sind. Diese können beispielsweise Freistunden, Gutscheine oder gratis Mitarbeiterparkplätze umfassen. In den letzten Jahren konnte das Startup mit seiner Lösung zahlreiche Großkunden gewinnen, darunter beispielsweise Rosenbauer, LKW Walter, Stihl, Mercedes Benz Polen oder die Schweizer AMAG. Im Herbst 2021 sorgte das Startup mit seinem Exit an den US-Anbieter RideAmigos für Schlagzeilen. Das Team von Carployee blieb trotz der Übernahme erhalten und agiert nach wie vor von Linz aus. Gemeinsam mit RideAmigos wird zudem an neuen Lösungen gearbeitet. Erst im März diesen Jahres launchte das Startup auf Basis der bisherigen Carployee App die neue App “Pave Commute”. Damit sollen datenbasiert Empfehlungen abgegeben werden, wie man am Weg zwischen Zuhause und Büro Zeit und Spritkosten sparen sowie CO2 vermeiden kann. Die App berücksichtigt zum Beispiel auch wiederkehrende Home-Office-Tage bei der Berechnung der Route einer möglichen Fahrgemeinschaft.

Neben Carployee bietet zudem auch das Innsbrucker Startup Ummadum eine Lösung für Pendler:innen an. Im Zentrum steht ebenfalls ein Gamification-Ansatz. Wer mit Ridesharing oder mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt, sammelt in der App Punkte. Diese wiederum können bei Partnerbetrieben eingelöst werden. Erst Ende April startete ummadum gemeinsam mit dem Verkehrsverbund Ostregion (VOR) ein neues Pilotprojekt mit dem klingenden Namen “nahallo”. Im Projekt wird die Organisation von Fahrgemeinschaften über die ummadum-App mit der Bereitstellung eines kostenlosen fixen Parkplatz in einer Park & Ride-Anlage kombiniert – vorerst im Pilotversuch in Korneuburg.

Betriebliche Mobilität optimieren

Damit Pendlerströme nachhaltiger werden, müssen künftig auch Unternehmen verstärkt mit ins Boot geholt werden. Eine Softwarelösung dafür liefert das Linzer Startup triply. Mit Hilfe der digitalen Plattform “Upscore Mobility Audit” wird die betriebliche Mobilität von Unternehmen und deren Mitarbeiter:innen analysiert. In einem ersten Schritt erfolgt die Datensammlung. Dafür kommen beispielsweise Mitarbeiterbefragungen, GIS-Daten oder anonymisierte Adressdaten zum Einsatz. In einem nächsten Schritt werden die Daten aggregiert und visualisiert, um so einen Überblick über den Status Quo zu bekommen. Ein sogenannter “Mobility.Score” veranschaulicht dabei, wie gut entwickelt die betriebliche Mobilität der jeweiligen Unternehmen ist. Dazu zählen beispielsweise die durchschnittliche Wegstrecke, Pendelzeit oder CO2-Emissionen. Aber auch Kosten für Unternehmen und Mitarbeiter:innen sowie Reisezeit, Umwelt- und Gesundheitseffekte werden berücksichtigt. In einem letzten Schritt werden gemeinsam mit den jeweiligen Unternehmen Maßnahmen erarbeitet, um die betriebliche Mobilität umweltfreundlicherer und kosteneffizienter zu gestalten. Dies umfasst beispielsweise auch die Reduktion von Parkplätzen.

Die Plattform von triply analyisiert die betriebliche Mobilität von Unternehmen | (c) triply

Mieten statt Besitzen

Neben neuen Möglichkeiten mit Daten die Dekarbonisierung der Mobilität voranzutreiben, ist in den letzten Jahren zudem ein Wertewandel in der Bevölkerung feststellbar. Immer öfter zahlen wir nicht mehr für den Besitz, sondern nur mehr für die Nutzung von Dingen. Im Zentrum stehen dabei Abo-Modelle, die sich derzeit in Österreich im Mobilitätssektor etablieren. Besonders hervorgestochen ist 2021 der Trend zu sogenannten Fahrrad-Abos, wobei in der Bundeshauptstadt Wien gleich mehrere Anbieter an den Start gingen. Einer von ihnen ist das Wiener Startup Eddi Bike, das mit dem Konzept “Bicycle-as-a-Service” um Kund:innen wirbt. Im Zentrum des Geschäftsmodell steht Convenience. Im monatlich kündbaren Abo bietet das Unternehmen neben einem Fahrrad auch die Wartung und Reparatur an. Im Gegensatz zu Free-Floating-Modellen befindet sich das Rad zudem über die gesamte Abodauer im Besitz der Kund:innen. Neben dem Wartungsaufwand möchte das Startup auch die Anschaffungskosten reduzieren und so Menschen dazu animieren, auf das Fahrrad umzusteigen.

Abo für Autos am Vormarsch

Den Ansatz “Nutzen statt Besitzen” verfolgt auch das Wiener Startup vibe, das E-Autos im Abo zum monatlichen Fixpreis ohne Anzahlung anbietet. Seit dem Marktstart im Jahr 2020 positioniert sich das Unternehmen bewusst als Alternative zu langfristigen Kauf- und Leasing-Verträgen. Die Mindestlaufzeit der Abos beträgt sechs Monate. vibe legt dabei einen Fokus auf das B2B-Geschäft, wobei das Startup Firmen beim Umstieg auf elektrische Fuhrparklösungen unterstützt. Das Startup möchte in erster Linie mit Kostentransparenz und der Verfügbarkeit der gängigsten E-Automarken punkten. Beim Kauf eines E-Autos sind laut vibe Gründerin & CEO Lisa Ittner nämlich nicht nur Versicherung, Steuern und Reifenwechsel zu berechnen, sondern vor allem auch der monatliche Wertverlust als Anteil am Kaufpreis. Dieser könne bei E-Autos aufgrund der rapiden Technologieentwicklung besonders hoch ausfallen. Ein weiterer Aspekt umfasst zudem die Vorbildwirkung, die E-Autos im Fuhrpark auf Kund:innen aber auch die eigenen Mitarbeiter:innen haben. E-Mobilität versteht sich demnach auch als ein Employer-Branding-Instrument, so Ittner.

Die Möglichkeiten der Blockchain

Einen völlig anderen Ansatz als bestehende Carsharing-Anbieter am Markt möchte hingegen das Wiener Startup Eloop gehen, das auf ein “Free-Floating“-Modell setzt und erst im Mai diesen Jahres eine Investmentrunde in Millionenhöhe abgeschlossen hat. 2020 brachte das Unternehmen seinen Eloop One Token auf den Markt, über den sich Nutzer:innen an den Umsätzen der rein elektrischen Carsharing-Flotte beteiligen können. Dabei wird ein bestehender Asset, nämlich die bestehende E-Carsharing-Flotte, tokenisiert und als Anlageprodukt angeboten. Die Vision hinter dem Blockchain-basierten Modell: Nutzer:innen sollen so aktiv beim Aufbau der Carsharing-Infrastruktur partizipieren und zugleich vom unternehmerischen Erfolg des rein elektrischen Carsharing-Anbieters profitieren.

Seit dem Start wurden so mehr als 20 Tesla Model 3 tokenisiert. Insgesamt hat das Startup aktuell mehr als 200 Tesla Model 3 auf Wiens Straßen gebracht. Aktuell expandiert das Startup auch nach Deutschland. Wie die beiden Gründer Nico Prugger und Leroy Hofer erläutern, positioniert sich das Unternehmen mit seinem Carsharing-Modell nicht nur für Kurzfahrten, sondern möchte auch längere Wochenendtrips ermöglichen. Aktuell wird zudem im Rahmen eines Pilotprojekts eine neues Abo-Modell erprobt. In der Pauschale sind pro Monat jeweils 30 Kurztrips bis zu 60 Minuten sowie vier Tagestrips bis zu 24 Stunden inkludiert. “Wir möchten mit unserem neuen Angebot ein umweltfreundliches, komfortables und günstiges Mobilitätskonzept als ernstzunehmende Konkurrenz zum Privat-PKW bieten”, so Hofer abschließend. Auf der Website informiert das Startup zudem in Echtzeit über die CO2-Einsparung. Durch die E-Carsharing-Autos wurden demnach allein in Wien mehr als 1300 Tonnen CO2 eingespart. Dies entspricht rund 17 Erdumrundungen mit einem Verbrenner-PKW.

Lösungen für den Weltmarkt

Lösungen für die Mobilitätswende von österreichischen Startups stoßen mittlerweile auch international auf Anklang, wie das Wiener Mobility Startup goUrban beweist. Ursprünglich startete das 2016 gegründete Unternehmen mit einer Sharing-Plattform für E-Mopeds in Wien. Kurz nach dem Marktstart im Jahr 2018 eröffnete sich jedoch ein noch viel größeres Geschäftsmodell, das noch im gleichen Jahr zum (Teil-)Pivot führte. „Die damals am Markt verfügbare Software erfüllte unsere Erwartungen nicht. Also begannen wir, unsere eigene Software zu entwickeln, und wurden zur digitalen Mobilitätsplattform“, wie Jonathan Gleixner, CEO und Co-Founder von goUrban, erläutert.

Die Mobility-SaaS-Plattform erfüllt mittlerweile zahlreiche Use-Cases. So ermöglicht das Startup im B2B-Bereich seinen Kund:innen beispielsweise den Zustand ihrer Flotte in Echtzeit zu überwachen, Beziehungen zu ihren Kund:innen zu pflegen oder datengestützte Entscheidungen für eine optimale Nutzung zu treffen. Zum Kundenkreis zählen neben Micromobility-Anbietern auch klassische Autovermietungen oder Unternehmen, die ihre Flotten digital managen wollen. Heute agiert das Startup mit seiner Plattform in über 100 Städten und vernetzt für seine Kund:innen weltweit insgesamt 30.000 Fahrzeuge. Zudem konnte das Unternehmen seit Beginn der Pandemie laut Gleixner seinen Umsatz jedes Jahr verdreifachen. Erst Ende Juni gab goUrban den Abschluss einer Finanzierungsrunde in Millionenhöhe bekannt. „Das achtstellige Budget nach dem Investment ermöglicht uns nun auch eine Verdreifachung des Teams von 50 auf 150 Mitarbeiter:innen bis Jahresende“, so Gleixner.

Aktuell verfügt das Startup über Standorte in Wien und Novi Sad (Serbien). Wie Gleixner weiters ausführt soll sich die Plattform ab 2023 zur größten Software-Firma im Bereich von Shared Mobility entwickeln. Dabei verfolgt das Startup die Vision, dass sich Mobilität langfristig von Besitz zu einem flexiblen Service transformiert. „Mit einer  zunehmenden Urbanisierung der Gesellschaft wird sich die Mobilität in den nächsten zehn Jahren mehr verändern als in den vergangenen 130 Jahren. Shared Mobility ist in der Form nicht mehr aufzuhalten“, so Gleixner abschließend.


Dieser Artikel erschien in gedruckter und leicht abgeänderter Form im brutkasten-Magazin #14 “besser fahren”

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Marie Pierer, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore, und Nino Groß, Head of Brand & Communications bei Instahelp | © Niki Pommer
Marie Pierer, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore, und Nino Groß, Head of Brand & Communications bei Instahelp | © Niki Pommer

Bunt, warm, lebendig und offen: So beschreibt Instahelp seinen neuen Auftritt. Die 2015 gegründete Plattform für Online-Therapie und psychologische Beratung hat gemeinsam mit Studio Furore Logo, Typografie, Farbwelt, Fotografie und Illustration neu entwickelt. Entstanden ist laut Aussendung alles in Graz.

Der Auftritt soll laut Aussendung ein Gegenentwurf zur häufig cleanen und zurückhaltenden Ästhetik des Gesundheitsbereichs sein. Das in der Aussendung als „schnell“ beschriebene Logo rückt ein Kernattribut der Plattform ins Zentrum: den garantierten Erstkontakt mit Psycholog:innen binnen 24 Stunden.

Nino Groß, seit Jänner Head of Brand & Communications bei Instahelp, formulierte laut Aussendung den Markenauftrag, das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Über sein Netzwerk kam er laut Aussendung mit Marie Pierer in Kontakt, Designerin und Mitgründerin von Studio Furore. brutkasten hat bei beiden nachgefragt, was Gründer:innen und Marketingverantwortliche aus dem Projekt lernen können.

1. Die Marke laufend hinterfragen

„Man sollte wohl nie damit aufhören, seine Marke kritisch zu betrachten. Auch, wenn man etwas Ikonisches geschaffen hat“, sagt Groß. Spätestens wenn Markenelemente nicht mehr praktikabel oder im Kontext des Zeitgeists nicht mehr zielführend seien, sei es an der Zeit, etwas zu verändern.

Bei Instahelp sei die Ausgangssituation ideal gewesen: ein starkes Fundament und zehnjähriges Bestehen. „Die Grundidee war von Beginn weg, auf dem Bestehenden aufzubauen und es in die Zukunft zu tragen“, so Groß. Die Marke solle Strahlkraft über den Health-Bereich hinaus bekommen.

„Sei mutig.“: Der neue Auftritt von Instahelp soll laut Aussendung nicht klinisch oder distanziert wirken, sondern nahbar und selbstbewusst | © Studio Furore / Instahelp

2. Mit den W-Fragen beginnen

Als erste Best Practice nennt Groß die strategische Annäherung mit den wichtigsten W-Fragen: „Wozu machen wir das, wo wollen wir damit hin, welche Ziele soll die Marke erreichen, die sie bislang noch nicht erreicht hat?“

Pierer beschreibt den Ausgangspunkt ihrer Arbeit so: „Am Anfang steht für uns immer die Frage: Was wollen wir eigentlich vermitteln, wen wollen wir erreichen und was sollen Menschen fühlen, wenn sie mit der Marke in Berührung kommen?“

Darauf aufbauend entwickle Studio Furore ein Konzept mit einer klaren Herleitung. Daraus entstehe Schritt für Schritt die Brand Identity, von Logo, Farben, Typografie und Bildwelt bis hin zu Layoutsystem, Gestaltungselementen und Tonalität. Ziel sei ein Aha-Moment, „bei dem man versteht, warum etwas genau so gestaltet ist“.

3. Innen- und Außenperspektive zusammenbringen

Groß steuerte das Projekt in Abstimmung mit der Geschäftsführung und entwickelte das markenstrategische Konzept. Eingebunden waren außerdem die internen Design-Verantwortlichen, die den bisherigen Markenauftritt verantwortet hatten, sowie der CTO.

Diesen Mix zählt Groß zu den Best Practices des Projekts. Es gehe darum, jene, die den Markenkern gebaut haben, mit jenen zusammenzubringen, die ihn weiterentwickeln werden. „Diesen Wissenstransfer braucht es.“ Ebenso wichtig sei, offen und ohne Tabus zu diskutieren, was bleiben darf und was gehen muss. „Greift man die gesamte Identität an, ist das ein schmaler Grat.“

Dass die Entscheidungen im Unternehmen schnell fielen, hat Groß nach eigenen Angaben beeindruckt. Die Marke habe in ihrer Erscheinungsform seit zehn Jahren bestanden. „Von daher ist das keine kleine Intervention, wenn man an die gesamte Identität geht.“

4. Bei der Agentursuche das eigene Netzwerk nutzen

„Wir haben mehrere Angebote eingeholt, das sollte man immer“, sagt Groß. Ausschlaggebend sei im Endeffekt der persönliche Kontakt gewesen. Er kenne die Köpfe hinter Studio Furore schon lange und habe von ihnen nie etwas gesehen, das ästhetisch und handwerklich nicht auf sehr hohem Niveau gewesen sei.

Bei einem Mittagessen mit Pierer und Fotograf Kurt Bauer, der für die Bildwelt verantwortlich zeichnete, sei ihm nach ein paar Sätzen klar gewesen: „Die spüren die Marke.“

Startups und kleineren Unternehmen rät Groß, nach Möglichkeit persönliche Kontakte anzuzapfen, also Personen mit Erfahrung und guten Drähten in die Kreativwirtschaft. „Das spart einerseits Zeit und schützt vor Leerläufen. Andererseits ist es enorm wichtig für die qualitative Einschätzung.“

Der neue Markenauftritt von Instahelp: Die Bildwelt stammt von Fotograf Kurt Bauer | © Studio Furore / Instahelp

5. Konventionen brechen, wenn sie dem Ziel im Weg stehen

Die neue Marke tritt bunt und warm statt klinisch auf. „Ich sehe das eigentlich weniger als Mut, sondern vielmehr als Notwendigkeit“, sagt Pierer dazu. Psychische Themen seien gesellschaftlich schon stark mit Schwere und Unsicherheit behaftet. „Wie soll man Hoffnung vermitteln oder ein Gefühl des Aufatmens schaffen, wenn die Gestaltung genau diese Schwere noch verstärkt?“

Verharmlosen dürfe man das Thema dadurch nicht. „Aber ernst zu nehmen bedeutet nicht automatisch, dass etwas klinisch, kühl oder schwer aussehen muss.“ Dabei müsse jedes Element eine klare Bedeutung haben. „Es geht nicht einfach darum, ein schönes Logo oder eine bestimmte Farbe zu wählen. Die Gestaltung muss in sich stimmig sein und eine Geschichte erzählen.“

Für Pierer hat das Projekt auch eine persönliche Seite. In der Aussendung schildert sie, nach der Geburt ihres ersten Kindes selbst schwierige psychische Phasen erlebt zu haben. „Wenn ich damals von einem Angebot wie Instahelp gewusst hätte, wäre mir der Weg zur Unterstützung mit Sicherheit leichter gefallen.“

6. Mit kleinem Budget: wenige Dinge richtig machen

Startups mit kleinem Budget rät Pierer, sich am Anfang klar darüber zu werden, wofür man steht und was man vermitteln möchte. „Man braucht nicht sofort ein riesiges Branding oder unzählige Gestaltungselemente. Man braucht ein gutes Konzept.“

Ein durchdachtes Logo, eine passende Farb- und Typografiewelt und eine konsistente Bildsprache könnten schon viel bewirken. Pierer rät davon ab, Trends oder andere Marken zu kopieren, nur weil sie gerade gut funktionieren. Man solle herausfinden, was einen selbst besonders macht, und das konsequent sichtbar machen.

Außerdem solle das Erscheinungsbild flexibel bleiben und mit dem Unternehmen wachsen können. „Eine gute Markenidentität muss nicht von Anfang an riesig sein. Sie muss vor allem eine klare Idee haben.“

Die neue Markenidentität von Instahelp ist laut Aussendung inzwischen vollständig ausgerollt. Die Plattform arbeitet nach eigenen Angaben mit mehr als 400 Psycholog:innen und hat bis dato rund 450.000 Beratungen durchgeführt.

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