23.12.2019

Rück- und Ausblick: Das sagt die Startup-Szene über 2019 und 2020

Der brutkasten hat in der österreichischen Startup-Community nachgefragt, was die wichtigsten Erfolge der vergangenen Jahres waren und was die Player für das Jahr 2020 erwarten.
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(c) beigestellt / Pia Clodi / Fabian Greiler

Lisa Fassl – aaia

Nach all den Ereignissen im Jahr 2019 und den zahlreichen Eindrücken aus unterschiedlichen Ökosystemen – die wir unter anderem im Zuge von CEE Unlimited sammeln durften – bin ich der Überzeugung, dass 2020 entscheidend für die langfristige Entwicklung der österreichischen Szene wird. Wir stehen aus meiner Sicht an einem Scheidepunkt und müssen als Startup-Szene im nächsten Jahr einige Maßnahmen setzen, um wirklich international relevant zu werden. Die Voraussetzungen und das Potential dafür sind jedenfalls gegeben, die Bemühungen der Akteure sind so groß (und kooperativ) wie nie, und auch die Sichtbarkeit der Standortvorteile hat sich deutlich gesteigert. 2020 geht es nun um die Execution – und die ist ja bekanntlich der essentiellste Part.

Irene Fialka – INiTS

2019 war für INiTS’ ein Jahr der vielfältigen Highlights: zum Einen durften wir mit Marinomed den ersten Börsengang eines INiTS Startups miterleben. Sowohl für die Biotech-Szene als auch die Wiener Börse war das ein einzigartiger Erfolg. Zum anderen sind unsere neuen Programme alle sehr gut gelaufen. Im Rahmen von AplusB Scaleup haben viele unserer Startups Erfolge gefeiert und sind gewachsen. Mit Start:IP haben wir Brücken zwischen Universitäten und GründerInnen aus Startup Ökosystemen über mehrere Grenzen, nicht nur geographische, hinweg gebaut. Unsere Investments mit STARTKapital sind gut unterwegs und das Acceleration Programm Health Hub Vienna, das wir mit Uniqa u.a. Partnern 2018 lanciert haben, ist 2019 eine international sichtbare Marke geworden und interessiert Health-Tech Startups überall in der Welt.

2020 planen wir an all diesen Programmen intensiv weiterzuarbeiten. Am 30. Jänner ist das Kick-off zum nächsten Zyklus Start:IP, unsere Investments werden weitere Investoren verkünden können, und der Health Hub Vienna wird weiter wachsen. Ein Highlight wird sicher die ViennaUP’20 im Mai: eine Woche Startup Content, wo alle zusammenlegen, um als internationalen Startup Hub Wien aufzuzeigen. Spannend bleibt, was die neue Regierung im Startup Ökosystem vor hat. Wenn sie erste regulatorische Sandboxes realisiert, wird das einen sehr positiven Effekt haben, den wir zwar erst in den Folgejahren stark spüren werden, aber 2020 sollte es hoffentlich erste Umsetzungsschritte geben.

Herbert Gartner – eQventure

Das Highlight des Jahres 2019 bei eQventure war die Aufstockung unseres Kern-Teams um drei Unicorn-Founder. Mit dieser personellen Verstärkung von nun zehn erfolgreichen ehemaligen Gründern und 90 Club Investoren (primär Unternehmer und Manager aus Europa, Amerika und Asien) konnten wir die Schlagzahl bei Neuprojekten erhöhen. Inklusive einer noch laufenden Runde kommen wir 2019 auf 14 Finanzierungsrunden, 6 Neuprojekte und rund 16 Millionen Euro Eigenkapital-Investments. Die Leverages liegen in der gleichen Größenordnung. Dieses Jahr lag der Fokus von eQventure im SaaS Bereich (7 Finanzierungsrunden), gefolgt von Smart Sensors (3 Runden), Semiconductor (2 Runden) sowie MedTech (1 Runde) und erstmals auch Life Science (1 Runde).

Wir planen 2020 eine Reihe von universitären Spin-Offs zu finanzieren. 2019 mussten wir leider feststellen, dass innovative Spin-Offs, die wir finanzieren wollten, meist von ihren Universitäten ausgebremst wurden. Das Problem liegt dabei am falschen Anreizsystem auf Basis der bestehenden Leistungsvereinbarungen zwischen Universität und Staat. Wir erwarten, dass 2020 die Politik hier endlich die richtigen Weichen stellt. Hier besteht dringender Handlungsbedarf, denn Österreich fällt aktuell in allen Startup und Venture Capital Rankings immer weiter zurück.

Florian Gschwandtner – Entrepreneur und Investor

Mein Highlight 2019 war meine Auszeit und die damit verbundene coole Erfahrung, zu reisen – unter anderem nach Hawaii. Maui ist ein ganz spezieller Ort, an dem ich gut abschalten konnte.

Was erwarte ich mir von 2020? Für die Startup-Szene erwarte ich mir einiges – dass es wieder Good News geben wird und dass einige Unternehmen erfolgreich sein werden – hoffentlich auch aus unserem Portfolio. Ich würde gerne auch wieder mehr operativ mitarbeiten, wo ich mehr mithelfen kann und Teil von einem Team werden kann. Ich bin jedenfalls sehr motiviert und freue mich auf ein spannendes 2020, das sicher wieder sehr startup-lastig sein wird.

Petra Hauser – Talent Garden

Mein Rückblick zu 2019: Der Launch der Innovation School im Talent Garden Vienna als in dieser Form einzigartiges Ausbildungsangebot (höchste Praxisrelevanz, User-zentrierte Interaktion mit Unternehmen im Rahmen der Ausbildung und somit Ausbildung bis hin zum Placement end-to-end gedacht, Internationalität der Studierenden und damit ein zusätzliches Lernen voneinander).

Der Ausblick für 2020: Schwierigere wirtschaftliche Rahmenbedingungen und damit das besondere Potenzial für Talent Garden, Entrepreneuren und Corporates ein Ecosystem für Business Opportunities und Innovation zu bieten. Dinge ANDERS zu machen wird immer wichtiger!

Christiane Holzinger – Junge Wirtschaft (JW)

Mein absolutes Highlight war der JW Summit im September 2019 in Linz. Mit 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus ganz Österreich ist uns – auch dank des unglaublichen Team-Spirits – ein Event der Superlative für junge Entrepreneure gelungen. Ich freu mich daher schon auf den JW Summit 2020 im September in Wiener Neustadt!

Wir erwarten, dass die neue Regierung weiterhin positive Impulse setzt, die Konjunktur angekurbelt und so freie Bahn für junge Unternehmerinnen und Unternehmer schafft.

Awi Lifshitz – weXelerate

Für weXelerate war 2019 ein extrem spannendes Jahr. Zusammenfassend kann man sagen, es war ein Jahr der Stabilisierung und Fokusschärfung! Wir haben unsere eigenen „Innovation capabilities“ intensiv weiterentwickelt. Somit waren wir in der Lage unser Produktportfolio stärker an die Bedürfnisse unserer Kunden anzupassen und können diese in deren Innovationsprozessen noch effizienter begleiten. Nicht zuletzt dadurch konnten wir das größte Corporate Innovation Netzwerk Österreichs weiter ausbauen und großartige neue Kunden dazugewinnen. Richtungsweisend war für weXelerate 2019 sicher auch, dass wir unseren zweiten Standort in Dornbirn eröffnet haben und zahlreiche neue Mieter, wie z.B. N26 in Wien oder crate.io in Dornbirn, willkommen heißen durften, die unsere Hubs weiter beleben.

Der Fokus von weXelerate liegt natürlich auch im kommenden Jahr 2020 auf Wachstum – regional durch unsere Hubs und überregional durch die weitere Vergrößerung unseres Kundenstocks. Das bedeutet für uns einen kontinuierlichen Ausbau der Innovation Services und Weiterentwicklung aller Dienstleistungen, die wir für unsere Partner in unserem Ökosystem anbieten. Wir arbeiten bereits intensiv daran und ich kann jetzt schon versprechen, es wird 2020 einige außergewöhnliche Highlights geben!

Chris Miess – DAAA

Der große Durchbruch im Jahr 2019 war Libra. Es war ein Paukenschlag, dass zum ersten Mal ein Weltkonglomerat und US-amerikanischer Konzern sich des kontroversen Themas Kryptowährungen für Konsumenten annahm und gleich eine eigene Währung zu schaffen plante. Wie Facebook allerdings relativ schnell merkte, war dies kein leichtes Unterfangen, da sich sowohl die SEC als auch die Europäischen Finanzminister relativ rasch dagegen aussprachen und mit Regulierungen drohten. Auch wenn Facebook kein allzu beliebter Name in der Blockchainszene ist, Libra wird wohl langfristig kommen, ob man will oder nicht. Der Konsensus ist, dass Regularien Libra zwar verzögern, nicht aber verhindern können.

2019 war in Österreich auch ein sehr erfolgreiches Blockchain und FinTech Jahr. So haben wir es mit unserer Arbeit im FinTech Rat zum Beispiel geschafft, eine Regulatorische Sandbox auf die Wege zu bringen. Dies wird vielen FinTech Start Ups in unserem Land sehr helfen. Darüber hinaus war die Digital Asset Association (DAAA) sehr fleißig und hat in ihrer Tätigkeit, Österreich als Blockchain Standort attraktiver zu machen, große Erfolge gefeiert. Bei der Regulierung von ICOs und Kryptowährungen ist einiges weitergegangen, und auch in Sachen KYC, AML und ähnlichen werden gute Fortschritte gemacht.

Hier sind wir guter Dinge für 2020.

Und was bringt 2020? Was wir schon lange geahnt haben, ist eingetroffen. Der ICO-Markt ist mehr und mehr im Verschwinden begriffen, aber Security Tokens entwickeln sich zu einer guten Alternative. Leider geht das langsamer als gedacht, da sehr viele regulatorische Hürden dran hängen und vor allem im Bereich Liquidität (Stichwort Sekundärmarkt) noch einiges zu tun ist.

Auf der Kryptowährungsseite werden wir im Mai 2020 das sogenannte Bitcoin Halving erleben. Dabei wird der Reward der Miner reduziert, und zwar um die Hälfte. Damit wird der Bitcoin wieder rarer. Hier wird wieder Bewegung bei Bitcoin reinkommen. Und durch die enge Korrelation der kleineren Coins (Altcoins) mit BTC wird damit auch die Volatilität dieser wieder entsprechend raufgehen. 2019 war übrigens für Altcoins ein horrendes Jahr. Die große Mehrheit an Altcoins hat stark an Wert verloren.

Die Geister scheiden sich noch zur Frage, ob Kryptowährungen durch das Halving wieder einen ähnlichen Bullrun hinlegen werden wie zum Beispiel 2016 und 2017.  Manche Beobachter sagen, dass dies schon eingepreist sei, während andere felsenfest behaupten, dass Bitcoin auf 50.000 USD und mehr schießen wird. Wer hat Recht? 2020 wird uns die Antwort bringen.

Selma Prodanovic – 1MillionStartups

2019 könnte man das „Greta-Jahr“ nennen. Und damit meine ich nicht nur Greta Thurnberg – sondern auch das, was sie repräsentiert: mutige junge Frauen, die die Kraft ihre Stimme nutzen, um wichtige Veränderungen herbeizuführen. Eine neue Generation, die persönliches Engagement nicht scheut, bereit ist gegen das Establishment zu sein und für ihre (und unsere) Zukunft einiges auf sich zu nehmen. Besonders wichtig ist die mediale Aufmerksamkeit, die diesen gesellschaftlichen Wertewandel sichtbar macht.

Ein Wertewandel, der auch 2020 fortgesetzt wird in Richtung Sustainable Development Goals (SDG). Mit 1MillionStartups werden wir unseren Beitrag dazu leisten, und zwar mit zwei Highlights: Die 1MillionStartups SDG Campaign und die 1MillionStartups Global Tour.

Im Rahmen der 1MillionStartups SDG Campaign werden wir uns das ganze Jahr jede Woche auf einen der 17 SDG fokussieren und gemeinsam mit Partnern die bereits existierenden unternehmerischen Lösungen identifizieren und promoten. Wir wollen natürlich möglichst vielen coolen österreichischen Startups und Partnern die Exposure zu unserem globalen Netzwerk geben und rufen hiermit auch alle interessierten Stakeholder auf, sich bei uns zu melden.

Mit der 1MillionStartups Global Tour werden wir unsere Mitglieder stärken, sowie das lokale SDG-Ökosystem unterstützen – und zwar in Nairobi, London, Cork, Tokyo (Olympische Spiele), New York (United Nations General Assembly), Singapore, Mexico, Brüssel und Dubai (Expo2020). Natürlich bleiben wir Wien treu mit dem 1MillionStartups SDG Solutions Event am 14. Mai (im Rahmen der Vienna UP’20) und mit der jährlichen 1MillionStartups Global Conference am 10. September.

Nicht zuletzt werde ich weiterhin meine Stimme als „Entrepreneurship Activist“ nutzen, um aufzuzeigen welche Bedeutung und Rolle Startups und Angel Investoren für unsere Zukunft haben.

P.S. Bin richtig neugierig auf die neue Regierung und welche Veränderungen auf uns zukommen, gesellschaftlich aber auch für die Startup-Szene.

Markus Raunig – AustrianStartups

2019 war das Jahr der Verantwortung. Während die vermeintlich größten Startups auf der anderen Seite des Atlantiks dieses Jahr eher durch negative Schlagzeilen aufgefallen sind, widmen sich Gründer in Österreich und Europa mehr und mehr gesellschaftlichen Problemen. Deshalb war mein Highlight bei AustrianStartups in diesem Jahr auch unsere neue Eventreihe Circle 17, bei der wir gemeinsam mit Respact potenziellen Gründern dabei helfen, Lösungen für Challenges rund um die 17 Sustainable Development Goals der UN zu entwickeln. In meiner Rolle beim European Startup Network war für mich definitiv auch die großartige Entwicklung des europäischen Fintech-Sektors ein Highlight. Ich hatte im September die Chance Stripe Gründer John Collison kennenzulernen und fand es bemerkenswert, dass Europa für den Gründer des erfolgreichsten amerikanischen Fintechs mittlerweile als der internationale Hotspot in diesem Bereich wahrgenommen wird.

2020 wird das Jahr der großen Chancen. Die neue EU-Kommission hat angekündigt, 1.000 Milliarden Euro in grüne Technologien stecken zu wollen und mehr und mehr Gründer werden die Klimakrise als Chance erkennen und nachhaltige Lösungen für die Zukunft entwickeln. Mit einem starken Greentech-Cluster in der Steiermark scheint es, als wären wir seit langer Zeit wieder einmal früh dran und könnten tatsächlich vorn mit dabei sein, wenn es um die großen Technologien der Zukunft geht – eine einmalige Chance für den Standort, wenn man jetzt Gas gibt und das zur Chefsache erklärt. Bei AustrianStartups werden wir uns im nächsten Jahr den Bildungsbereich vornehmen und damit dafür sorgen, dass wir in Österreich auch die notwendigen unternehmerischen Skills mitbringen, um die eben angesprochenen Chancen wahrzunehmen. Derzeit entgehen Österreich einige seiner besten Gründerinnen und Gründer, und das werden wir ändern.

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Mit ihrer Reverse-Mentoring-Agentur forciert Ines Hanusch Zukunftssicherheit in Wirtschaft und Politik. © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wir leben in einer paradoxen Arbeitswelt: Führungskräfte werden für ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen bezahlt doch exakt dieses Erfahrungswissen kann angesichts rasanter technologischer und kultureller Umbrüche zum blinden Fleck werden. Genau hier setzt eine Methodik an, die traditionelle Rollenbilder auf den Kopf stellt: Reverse Mentoring.

Ines Hanusch, Gründerin der Reverse-Mentoring-Agentur bond & grow, begleitet Unternehmen und Politik bei diesem Paradigmenwechsel. Für sie ist der Kerngedanke simpel, aber radikal: „Beim klassischen Mentoring lernt die Jüngere von der Erfahreneren. Beim Reverse Mentoring ist es umgekehrt: Die Führungskraft sitzt in der Lernenden-Position gezielt, strukturiert und vor allem nicht nebenbei.“

Kein Kaffeetratsch und keine Therapie

Doch was genau ist Reverse Mentoring in der Praxis? Hanusch wird nicht müde zu betonen, was es nicht ist: Es sei kein lockeres Kaffeegespräch, kein Coaching mit einer einzigen Zielvorgabe und schon gar keine Therapie. Auch der oft gehörte Einwand, man könne sich doch einfach mit den eigenen Kindern austauschen, greift für die Expertin ins Leere: „Mit den eigenen Kindern teile ich eine Sozialisation, ein Machtgefälle, ob ich will oder nicht.

Das Kind wird mir vieles nicht sagen, und ich werde vieles nicht hören wollen.“ Wahre Wirkung entstehe erst durch psychologische Sicherheit ohne persönliche Verstrickung eine Atmosphäre, in der ein junger Mensch kein Interesse daran hat, zu gefallen, sondern ehrlich zu sein.

Der Blick von innen: Reibung als Chance

In klassischen Organisationen verhindert die Hierarchie oft genau jenen Raum der psychologischen Sicherheit, in dem ungefiltert und ohne Angst vor Konsequenzen gesprochen werden kann. Ines Hanusch beschreibt das systematische Dilemma eindrücklich: Je weiter Führungskräfte auf der Karriereleiter nach oben klettern, desto mehr manifestiert sich die Angst vor Inkompetenz und Statusverlust. „Wenn Top-Entscheider:innen plötzlich von jemandem lernen, der dreißig Jahre jünger ist, entsteht unweigerlich intensive Emotion, Irritation und Reibung“ – doch exakt in diesen Momenten verankert sich laut Hanusch der größte Lerneffekt.

Wie sich dieser Rollentausch in der Realität anfühlt, schildert eine 21-jährige Mentorin, die im Rahmen von bond & grow Top-Entscheider:innen begleitet. Kristin Barnowsky sieht in ihrer Aufgabe eine enorme Verantwortung: Für sie bedeutet Reverse Mentoring, erfahrenen Führungskräften neue Perspektiven mit auf den Weg zu geben und dabei auch hin und wieder Reibung zu erzeugen“. Nervosität vor dem ersten Aufeinandertreffen ist keine Seltenheit, wie sie verrät. Ihr persönlicher mentaler Trick für das erste Meeting? „Ich stelle mir einfach vor, dass die Person mich bereits mag und ich sie auch. Dadurch gehe ich wesentlich natürlicher, authentischer und positiver in das Gespräch.“

Die größte Herausforderung im laufenden Prozess ist für sie das Gespür dafür, wie tief man in die Glaubenssätze des Mentees eindringen darf. Wenn auf Mentee-Seite Widerstand entsteht, stecke dahinter oft eine unbewusste Angst; etwa das Gefühl, nicht gehört oder gesehen zu werden. Es erfordere Empathie und präzises Timing, unangenehme Themen anzusprechen, ohne die Führungskraft emotional zu überfordern, erklärt die 21-Jährige.

Für wen das Konzept geeignet ist – und wann es scheitert

Die Zahlen sprechen für sich, doch Reverse Mentoring ist kein Selbstläufer. Laut Hanusch eignet es sich primär für Führungskräfte, die Nichtwissen als Startpunkt und nicht als Schwäche betrachten. In hierarchisch geprägten Unternehmen erfordere das immense Größe. „Statusverlust berührt das Selbstbild direkt, und das ist unbequem“, analysiert Hanusch. Viele Führungskräfte fürchten den Moment, in dem sie erkennen müssen, dass jemand, der viele Jahre jünger ist, über entscheidendes Know-how verfügt – sei es über moderne Arbeitskulturen, neue Konsumgewohnheiten oder schlicht den Umgang mit Unsicherheit in Krisenzeiten.

Wann also scheitert Reverse Mentoring? Die Expertin zieht eine klare Grenze: „Ich rate ab, wenn Unternehmen Reverse Mentoring als Imagemaßnahme einsetzen wollen, ohne wirkliche Bereitschaft, etwas zu verändern.“ Ohne intrinsische Motivation beider Seiten, einen geschützten Rahmen und professionelles Matching wird das Format zur reinen Simulation.

Innovation durch unbefangenes Denken

Wenn die Rahmenbedingungen jedoch stimmen, entpuppt sich Reverse Mentoring als machtvoller Innovationsmotor. In vielen Branchen sind junge Menschen näher an der Zielgruppe oder stellen diese gar selbst dar. Sie spüren kulturelle Trends früher und besitzen den Mut, Unbequemes auszusprechen. Kristin Barnowsky erlebt das regelmäßig in ihren Mentoring-Sessions, etwa wenn es um künstliche Intelligenz, Automatisierung von Workflows oder den Einsatz von Social Media geht. Doch der tiefere Wert liegt oft jenseits der Technologie: Es geht um das Hinterfragen erstarrter Prozesse. „Oft sehen die Dinge, die uns Sorgen machen, nur für uns so aus; aus einer anderen Perspektive sind sie plötzlich Chancen für innovative Veränderungen“, resümiert die Mentorin.

Letztlich profitiert nicht nur die Führungskraft auch die jungen Mentor:innen wachsen, bauen sich ein Netzwerk auf und erleben direkte Selbstwirksamkeit. Die wichtigste Frage für Ines Hanusch: „Was, wenn du von denen lernst, die bisher nicht gefragt wurden? Es tut manchmal weh, sich spiegeln zu lassen. Aber nur so entsteht Fortschritt.“ In einer Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften und neuen Wegen sucht, könnte die Bereitschaft, vom Nachwuchs zu lernen, bald über die Existenz von Unternehmen entscheiden. Oder wie Ines Hanusch sagt: „Wer heute keine Kultur des gegenseitigen Lernens etabliert, verliert morgen den Anschluss bei existenziellen Themen wie Mitarbeiterbindung und Innovation.“

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