27.02.2025
MEINUNGEN

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

Das heute präsentierte Regierungsprogramm von ÖVP, SPÖ und NEOS enthält mit dem Dachfonds eine lange gehegte Forderung der heimischen Startup-Szene. In anderen Bereichen wurden die Hoffnungen aber nicht erfüllt. Wir haben Stimmen dazu eingeholt.
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vlonru. Laura Raggl, Oliver Holle, Nina Wöss, Berthold Baurek-Karlic, Johannes Braith, Hannah Wundsam, Sander van de Rijdt und Christiane Holzinger | (c) Fabianklima.at / Klaus Vyhnalek / brutkasten/Viktoria Waba / Foto Wilke / Storebox / Adrian Zettl / brutkasten/Martin Pacher / 360 Business Planner
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Das lange Warten hatte heute ein Ende. Österreich bekommt eine neue Regierung. Und mit ihr kommen auch Pläne in der Startup-Politik, die im heute präsentierten Regierungsprogramm dargelegt wurden – brutkasten berichtete.

Dachfonds und schnellere Gründung

Die wohl herausstechendste geplante Maßnahme ist hierbei der Dachfonds, ist dieser doch seit langem eine zentrale Forderung der heimischen Startup-Szene (u.a. in der 2024 präsentierten „Vision 2030“). Mit der „signifikant beschleunigten und rein digitalen Gründung“ oder der „Einführung eines Aktivierungswahlrechts bei selbst erstellten immateriellen Vermögenswerten“ kommen weitere für heimische Startups relevante Maßnahmen hinzu. Ob und wie schnell diese umgesetzt werden, bleibt natürlich abzuwarten.

„Evaluierung“ von Wagniskapitalfondsgesetz und Notariatsaktpflicht

Bei anderen Themen, die zentrale Anliegen der Szene betreffen, bleibt das Programm überhaupt vage. Das Wagniskapitalfondsgesetz etwa soll „evaluiert“ werden – ebenso wie die Notariatsaktpflicht in weiteren Fällen. Bei der in der gesamten Wirtschaft lautstark geforderten Senkung der Lohnnebenkosten vertröstet das Programm auf später, wenn es die budgetäre Situation dann zulässt. Und eine weitere große Forderung der Szene, der Beteiligungsfreibetrag, hat es nicht in das Regierungsübereinkommen geschafft.


Regierungsprogramm – das sagt die Startup-Szene

Kurzum: Aus Startup-Sicht kann man das heute präsentierte Regierungsprogramm durchaus ambivalent betrachten. Wir haben Stimmen von bekannten Gesichtern der Szene dazu eingefangen:

Oliver Holle, CEO Speedinvest

Speedinvest-CEO Oliver Holle | Foto: Klaus Vyhnalek

Zunächst freue ich mich persönlich darüber, dass wir nun eine klar pro-europäische Regierung mit Kräften der Mitte bekommen – als international agierender Fonds mit vielen Standorten ist dies allein schon sehr viel wert.

Mit dem Dachfonds schliessen wir hoffentlich bald mit Resteuropa auf, wo solche Instrumente bereits seit geraumer Zeit bestens etabliert sind – die Sorge bleibt, dass wir in Österreich wider zu klein denken und hier unterkritisch agieren. Wichtig: ein Dachfonds – richtig aufgesetzt – ist für den Steuerzahler ein Gewinn und eben nicht ein weiteres Förderprogramm.

Viele andere wesentliche Punkte scheinen auf, wobei man nicht unbedingt ein Gefühl der Dringlichkeit spürt, wenn man die Formulierungen liest. Technologie, Innovation und Startups müssen Chefsache werden, statt Evaluierungen braucht es Umsetzungswille, und zwar sehr schnell, wenn wir international mitspielen wollen.

Nina Wöss, Co-Founderin Fund F

Fund F-Gründerin Nina Wöss | (c) brutkasten / Viktoria Waba

Das nun vorgestellte Regierungsprogramm enthält einige erfreuliche Maßnahmen für die österreichische Startup-Landschaft. Besonders positiv hervorzuheben ist der verstärkte Fokus auf Gründerinnen und Female Entrepreneurship – ein essenzieller Schritt, um Österreich als attraktiven Standort zu positionieren.

Ein großer Dank gilt den engagierten Vertreter:innen der Startup-Community, insbesondere AustrianStartups und invest.austria, die sich intensiv für diese Themen eingesetzt haben. Einige der zentralen Forderungen aus der “Vision 2030” haben es ins Programm geschafft – allen voran die Einrichtung eines Dachfonds, um dringend benötigtes Wachstumskapital zu mobilisieren und den Fonds-Standort aufzuwerten. Damit dieser ein echter Hebel für den Standort wird, ist es entscheidend, dass dieser unabhängig und professionell gemanagt wird.

Die angekündigten Maßnahmen müssen nun aber auch tatsächlich umgesetzt werden. In den letzten zehn Jahren gab es viele ambitionierte Regierungsprogramme – der tatsächliche Impact für Startups war bisher jedoch überschaubar und Österreich wurde und wird von anderen EU-Ländern rechts und links überholt.

Jetzt gilt es, die richtigen Weichen zu stellen und rasch von Worten zu Taten zu kommen. Die österreichische Startup-Szene hat das Potenzial, international wettbewerbsfähig zu sein – wenn die Rahmenbedingungen endlich mit der Innovationskraft unserer Gründer:innen Schritt halten.

Hannah Wundsam, Co-Managing Director AustrianStartups

AustrianStartups-Co-Managing-Director Hannah Wundsam | (c) Adrian Zettl

Wir freuen uns, dass im Regierungsprogramm einige große Stellschrauben für ein unternehmerisches Österreich aufgegriffen wurden. Allen voran ist die Mobilisierung von institutionellen Anlegern durch einen Dachfonds entscheidend für mehr Wachstumskapital in Österreich. Auch das Bekenntnis zur europaweiten Stärkung der Kapitalmärkte und die Evaluierung der Notwendigkeit des Notariatsaktes bei der Gründung einer FlexCo entspricht langjährigen Empfehlungen der Szene. Wichtig zu unterstreichen ist, dass unternehmerische Bildung sich im Lehrplan wiederfinden soll und Spin-off-Initiativen fortgesetzt und ausgebaut werden. Jetzt kommt es auf die rasche und praxistaugliche Umsetzung an.

Sander van de Rijdt, Co-Founder PlanRadar

PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt
PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt | (c) der brutkasten / Martin Pacher

Ich bin in erster Linie froh, dass endlich eine Koalition gefunden wurde, auch wenn das Regierungsprogramm per se von Kompromissen nur so strotzt. Aber das war unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich nicht anders möglich und zumindest besser als Neuwahlen.

Ein Dachfonds ist eine gute Sache und wird dringend benötigt. Ich bin aber skeptisch, wie schnell wir hier wirklich etwas sehen werden, da ja nicht nur an einer Stelle im Programm von „langfristig“ und „sollen“ und nicht von „jetzt“ und „machen“ gesprochen wird. Rein digitale Gründungen und eingeschränkte Notariatspflicht klingen zu gut, um wahr zu sein. Dies wären tatsächlich fühlbare Veränderungen. Ich bleibe skeptisch und hoffe auf das Beste!

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures

Laura Raggl (c) Fabianklima.at

Endlich geht was weiter – das ist das Wichtigste! Nach monatelangem Stillstand hat Österreich nun ein Regierungsprogramm, das zumindest einige zentrale Forderungen der Startup-Community aufgreift. Besonders positiv ist, dass der Dachfonds erneut berücksichtigt wurde. Jetzt gilt es jedoch, diesen auch tatsächlich in der neuen Regierungsperiode umzusetzen. Enttäuschend ist hingegen das Fehlen des Beteiligungsfreibetrags – angesichts der wiederholten Ablehnung durch die SPÖ allerdings wenig überraschend.

Anstatt nur über Einsparungen zu diskutieren, sollte der Fokus verstärkt darauf liegen, wie zusätzliche Einnahmen generiert werden können. Das gelingt vor allem durch Wirtschaftswachstum, welches gezielte Investitionen und attraktive Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen erfordert.

Johannes Braith, Co-Founder Storebox

Storebox-Co-Founder Johannes Braith | (c) Storebox
Storebox-Co-Founder Johannes Braith | (c) Storebox

Die monatelange Hängepartie bei der Regierungsbildung in Österreich hat nicht nur das Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit erschüttert, sondern auch wertvolle Zeit gekostet, die für dringend benötigte Reformen hätte genutzt werden können. Keine der beteiligten Parteien – weder ÖVP, SPÖ und NEOS, die nun die Regierung bilden, noch die FPÖ, die zuvor mit der ÖVP gescheitert ist – haben dabei ein gutes Bild abgegeben. Streitigkeiten, politische Blockaden und Machtkämpfe haben den Eindruck vermittelt, dass Parteitaktik wichtiger war als die Zukunft des Landes.

Als Unternehmer sehe ich mit gemischten Gefühlen auf das nun präsentierte Regierungsprogramm. Positiv hervorzuheben ist die geplante Einrichtung eines rot-weiß-roten Dachfonds im „Fund of Funds“-Modell, der die Mobilisierung von nationalem und internationalem Risikokapital für Startups, Scaleups und Spin-offs fördern soll. Dies könnte die Finanzierungssituation für innovative Unternehmen in Österreich verbessern.

Gleichzeitig bleibt ein zentrales wirtschaftspolitisches Thema jedoch unangetastet: Die Senkung der Lohnnebenkosten. Dass hier keine konkreten Maßnahmen im Regierungsprogramm festgelegt wurden, ist eine massive verpasste Chance. Hohe Lohnnebenkosten belasten Unternehmen erheblich und sind ein klarer Standortnachteil für Österreich. Gerade in Zeiten des internationalen Wettbewerbs und eines angespannten Arbeitsmarktes wäre eine gezielte Entlastung essenziell, um mehr Investitionen, Wachstum und neue Arbeitsplätze zu ermöglichen.

Es ist nun wirklich an der Zeit, dass radikale Maßnahmen getroffen werden. Österreich verliert extrem an Wettbewerbsfähigkeit und wir verlieren uns in Klein-Klein-Themen. Kosmetische Veränderungen und kleine Kompromisse werden das Land nicht nach vorne bringen. Was gebraucht wird, sind tiefgreifende Reformen, die den Standort nachhaltig stärken und innovative Unternehmen fördern.

Insgesamt bleibt abzuwarten, ob die neue Regierung den Mut und die Entschlossenheit aufbringt, die notwendigen Schritte für eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik zu setzen. Die Startup-Community wird die Umsetzung der angekündigten Maßnahmen kritisch begleiten und weiterhin auf die Berücksichtigung ihrer Anliegen drängen.

Christiane Holzinger, Business Angel und Gründerin

Christiane Holzinger | (c) 360 Business Planner

Das Regierungsprogramm der neuen Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS enthält erfreulicherweise einige wichtige Punkte für das österreichische Startup-Ökosystem, die in der „Vision 2030“ gefordert wurden. Die Umsetzung des Dachfonds als „Fund of Funds“ zur Verbesserung der Finanzierungslage heimischer Startups ist ein wichtiger Schritt. Zusätzlich positiv zu bewerten ist der Fokus auf beschleunigte digitale Gründungen und die angekündigte Evaluierung der Notariatsverpflichtung.

Die geplante Ausweitung des Aktivierungswahlrechts für selbst erstellte immaterielle Vermögenswerte, übrigens eine Forderung, die ich schon als Bundesvorsitzende der Jungen Wirtschaft immer wieder politisch ins Spiel gebracht habe (IFRS!) und die Evaluierung des Wagniskapitalfondsgesetzes stellen weitere positive Signale dar. Auch die Unterstützung für Spin-offs im Bereich der Forschung und Technologie zeigt eine positive Richtung.

Allerdings birgt das Programm auch Herausforderungen. Zunächst eine Unsicherheit bei der Umsetzung: Viele der angekündigten Maßnahmen für das Startup-Ökosystem sind noch vage formuliert („werden erarbeitet“, „wird geprüft“). Es fehlt die konkrete Ausgestaltung und ein detaillierter Zeitplan, was zu Unsicherheit bei der Planung zukünftiger Investitionen führt. Hinzu kommt die budgetäre Unsicherheit: Die Ankündigung, die Lohnnebenkosten erst „sobald es die budgetäre Situation zulässt“ zu senken, unterstreicht die Unsicherheit im Hinblick auf die finanzielle Machbarkeit der geplanten Maßnahmen. Auch sehe ich eine mangelnde Detaillierung: Details zu konkreten Instrumenten des Transformationsfonds fehlen etwa. Es ist unklar, wie und in welchem Umfang der Fonds Startups unterstützen wird.

Und natürlich gibt es auch verpasste Chancen: Der geforderte Beteiligungsfreibetrag fehlt im Programm, was für viele Investor:innen eine enttäuschende Nachricht ist. Ebenso wird Entrepreneurship Education zwar erwähnt, aber nicht im in der „Vision 2030“ geforderten Umfang adressiert.

Ich appelliere daher, rasch zu handeln: Nach einem halben Jahr politischer Blockade ist es nicht nur für die Startup-Community sondern für die gesamte heimische Wirtschaft und damit für die österreichische Standortpolitik unerlässlich, dass die im Regierungsprogramm skizzierten Maßnahmen für das Startup-Ökosystem schnellstmöglich und effizient umgesetzt werden. Die formulierten Absichtserklärungen sind positiv, doch der Übergang von guten Absichten in ein konkretes, professionell umgesetztes Programm erfordert Geschwindigkeit und klare Entscheidungsfindung. Verzögerungen schaden der österreichischen Wettbewerbsfähigkeit im globalen Kontext, insbesondere im Bereich Hightech-Innovationen. Ein schneller „Zug zum Tor“ ist nun erforderlich, um verlorene Zeit aufzuholen und Österreichs Wirtschaft zukunftsfit zu machen.

Generell bin ich auch gespannt, wie stark das Thema Entbürokratisierung mit einem eigenen Staatssekretär auch diese Hürden angeht. Der Faktor Zeit, die hier Unternehmer:innen verloren geht, ist nämlich ein ganz beachtlicher (bei einem KMU sind das knappe 2,5 Arbeitstage pro Woche!). Frau kann nur hoffen, dass eine Regierung mit so vielen Köpfen auch schneller zu konkreten Umsetzungsmassnahmen kommt.

Berthold Baurek-Karlic, CEO Venionaire Capital

Berthold Baurek-Karlic © Foto Wilke
Berthold Baurek-Karlic © Foto Wilke

Ich freue mich das wir endlich eine Regierung bekommen. Österreich ist international in der Vergangenheit für politische Stabilität bekannt gewesen.

Regierungsprogramme sind geduldig – die Zeit wird zeigen was hiervon wirklich umgesetzt wird. Es gibt genug Aufgaben zu lösen und wir brauchen definitiv ein paar starke Impulse für die Wirtschaft und Industrie. Es bleibt abzuwarten, wie das funktioniert, wenn viele wertvolle Förderungen gestrichen werden – bei der gegebenen Abgabenlast die wir bereits zu tragen haben. Ich befürchte, dass man erneut versucht, das Budget auf Kosten der Unternehmer und ihrer Angestellten zu sanieren, statt im Eigenen Haushalt ernsthaft zu sparen. Ich hoffe, wir werden vom Gegenteil überzeugt.

Was ich mit Erstaunen beobachtet habe, ist die hohe Zahl von Ministern und Staatssekretären – hier hätte ich ein Signal des Sparens und nicht der Postenbeschaffung erwartet. Ich verstehe auch nicht, warum jede Regierung die Ministerien und Zuständigkeiten neu ordnet – alleine diese Reorganisationen kosten eine Unmenge und verschwenden schlicht wertvolle Zeit.

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Datenströme, Trainingsarbeit und digitale Aufmerksamkeit flossen jahrelang selbstverständlich zu den großen Tech- und KI-Zentren in den USA und China. Europa diskutiert derweil Regulierung und Eigenständigkeit – und übersieht dabei einen Raum, in dem KI längst eigene Dynamiken entfaltet: Afrika. Abseits der bekannten Achsen entsteht dort kein reiner Nachzüglermarkt, sondern ein vielschichtiges KI-Ökosystem, das mit lokalen Lösungen, politischen Strategien und wachsender Infrastruktur – trotz bleibender Hürden – zunehmend eigene Spielregeln definiert.
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Bild KI-generiert

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Der Fokus im österreichischen KI-Diskurs ist meist auf die AI-Mächte in Übersee und im Osten beschränkt. Dabei wäre ein Blick zum Nachbarkontinent im Süden bemerkenswert und würde Möglichkeiten für die heimische Innovationsszene bieten.

Afrika ist gesamtkontinental schwer zu fassen, dennoch lässt sich festhalten: Die KI-Entwicklung befindet sich hier in einer Phase vergleichbar mit dem unerwarteten Boom der Telekommunikation und des mobilen Bezahlens in den frühen 2000er-Jahren.

Das ist auch die Analogie von Kwame Odame-Darkwah, Consultant des Distributed AI Research Institute (DAIR) und Fellow des International Strategy Forum (ISF), einer von Eric und Wendy Schmidt gegründeten globalen Fellowship an der Schnittstelle von Technologie, Geopolitik und Demokratie: „Ein bekanntes Beispiel aus der frühen Mobilfunkära zeigt, wie schwierig es ist, die Verbreitung neuer digitaler Infrastrukturen linear vorherzusagen. Anfang der 80er-Jahre wurde das Potenzial von Mobiltelefonie deutlich unterschätzt. Afrika wurde später zu einem der stärksten Gegenbeispiele zu solchen Annahmen; nicht, weil der Kontinent einfach bestehende Modelle kopierte, sondern weil mobile Netze, Mobile Money, digitale Durchdringung und finanzielle Inklusion eigene Leapfrogging-Dynamiken entwickelten. Beim Roll-out von KI sehen wir heute eine ähnliche Möglichkeit. Der Ausgangspunkt ist infrastrukturell herausfordernd, aber das Wachstum kann sehr schnell kommen, wenn die Technologie reale lokale Probleme löst“, sagt Odame-Darkwah.

Kwame Odame-Darkwah | Foto bereitgestellt

Afrika umfasst 55 Länder mit diversen Entwicklungsständen. Faktoren wie der Zugang zu Elektrizität beeinflussen Industrialisierung und Automatisierungsmöglichkeiten weiterhin. „Andererseits merkt man im Austausch mit Regierungsvertretern und Akteuren aus dem Privatsektor eine große Begeisterung. Diese wollen von bloßem Enthusiasmus zu konkretem Handeln übergehen“, so Odame-Darkwah.

OpenAI und Anthropic in Afrika

Auf staatlicher Ebene entstehen Partnerschaften mit lokalen wie internationalen Unternehmen. OpenAI etwa hat eine starke Präsenz bei afrikanischen Regierungen und bietet Zugangsstufen wie „Lower-Cost-Access“ für Studierende in Schwellenländern. Anthropic arbeitet mit der Regierung von Ruanda zusammen, um KI-Systeme in das Bildungssystem zu integrieren.

„Eine übergreifende kontinentale KI-Strategie wird von der Afrikanischen Union vorangetrieben, die mit der ‚Agenda 2063‘ verknüpft ist“, erklärt Odame-Darkwah. Diese Strategie zielt auf Wohlstand, Einheit und nachhaltiges Wachstum bis 2063. „Auch im Privatsektor entstehen zunehmend sogenannte Talent-Hubs.“

Afrika zwischen individuellem Handeln und Kontinental-Agenda

Während Europa auf eine einheitliche Herangehensweise setzt, kristallisiert sich in Afrika eine Mischform heraus: eine kontinentale Strategie als Rahmen, ergänzt durch nationale Ansätze. „Ein weiteres Beispiel ist der südafrikanische Entwurf einer nationalen KI-Policy, der auf mehr als drei Jahren gesellschaftlicher Konsultation basiert“, erklärt Odame-Darkwah. „Er steht im Einklang mit der Strategie der Afrikanischen Union, ist aber zugleich auf die spezifischen Bedürfnisse Südafrikas zugeschnitten. Auch Ghana hat inzwischen seine nationale KI-Strategie vorgestellt.“

Zentrales Thema ist die Datensouveränität. Afrikanische Datensätze sind in globalen KI-Modellen unterrepräsentiert; gleichzeitig wollen Regierungen Ausbeutung verhindern. „Afrikanische Regierungen machen nun Souveränitätsansprüche geltend, indem sie Gesetze erlassen, die sicherstellen, dass einheimische Datensätze nicht ausgebeutet werden. Sie verlangen beispielsweise, dass Daten von lokalen Bankkunden auch in Rechenzentren innerhalb des Landes verbleiben“, so Odame-Darkwah.

Wunsch nach Unabhängigkeit

Initiativen wie die „Africa’s AI Factory“ des Telekom-Milliardärs Strive Masiyiwa zielen auf lokale Rechenzentren und GPU-Infrastruktur. Auch Startups mischen mit: Terra aus Nigeria baut eine KI-gestützte nationale Verteidigungsinfrastruktur auf und konnte prominente Backer aus dem Silicon Valley gewinnen.

Die im Juli 2024 verabschiedete „Continental Artificial Intelligence Strategy“ der Afrikanischen Union sowie ergänzende Initiativen positionieren KI gezielt als Treiber sozioökonomischen Fortschritts: durch massive Investitionen, lokale Expertise, digitale Infrastruktur und afrikanische Datensätze – um technologische Abhängigkeiten zu vermeiden und ethisch fundierte Governance-Strukturen zu etablieren.

60-Milliarden-AI-Fonds

Verstärkt wird dies durch die „Africa Declaration on Artificial Intelligence“ und einen geplanten Africa AI Fund von rund 60 Milliarden US-Dollar, die explizit das Leitprinzip „KI mit Afrika, durch Afrika und für Afrika“ verfolgen, wie Carnegie Europe im September 2025 beschrieb. Laut dem „Daily Africa AI Intelligence Report“ von April 2026 ergänzt das Africa AI Policy Lab diesen Ansatz, indem es eine „Dekolonisierung der KI“ vorantreibt und kontextspezifische, auf afrikanischen Werten wie Ubuntu basierende Regulierungsmodelle entwickelt.

Codeswitching

Doch wo liegen die größten Hebel im Alltag? Unter anderem in der Sprache: Viele Menschen wachsen zweisprachig auf und wechseln fließend zwischen Amtssprache (Englisch, Französisch) und lokaler Sprache – eine Art „Codeswitching“.

Odame-Darkwah dazu: „Der gemeinsame Nenner ist der Zugang zu KI-Modellen in lokaler Sprache, die den Kontext nicht nur auf Englisch oder Französisch, sondern in den indigenen Sprachen des Kontinents verstehen. Wenn man KI-Agenten hat, die darauf trainiert sind, Menschen etwa über WhatsApp in einer lokalen Sprache zu antworten, kann man seine Dienstleistungen massiv ausbauen.“

Emerging Markets im Fokus

Deepali Nangia, Speedinvest-Partner Emerging Markets Fintech und „EIF Empowering Equity“-Mentor, wuchs in Indien auf und kennt die Dynamik von Schwellenmärkten. Sie baut den Bereich Emerging Markets bei Speedinvest auf, mit Fokus auf Afrika.

Deepali Nangia | Foto bereitgestellt

Die afrikanischen Portfoliounternehmen setzen laut ihr verstärkt KI ein – für Kreditwürdigkeitsprüfungen, Forderungsmanagement, Automatisierung. „Zum Beispiel nutzt unser Portfoliounternehmen Leta, eine Logistiksoftware-Firma in Kenia, KI zur Optimierung von Fahrzeugauslastung und Fahrereinsatz und trainiert seine Modelle anschließend anhand von Dispatcher-Feedback weiter“, erklärt Nangia. „Außerdem wird KI eingesetzt, um Bestellungen für Lieferungen, die per E-Mail oder in anderen Formaten eingehen, in Echtzeit zu erfassen, wodurch die manuelle Eingabe reduziert wird.“

Zu wenig grundlegende KI-Technologie

Agnes Aistleitner Kisuule indes ging 2019 nach Uganda. Sie bemerkte Fintech-Aktivität, aber zu wenig Early-Stage-Kapital. Mit Selma Ribica gründete sie 2022 First Circle Capital. Unterstützt wurde sie u. a. von Michael Ströck (Calm/Storm Ventures), PSPDFKit-Gründer Peter Steinberger, Hermann Futter und Oskar Obereder.

„Wenn man heute auf afrikanische Märkte blickt, zeigen sich spannende Entwicklungen vor allem in Ländern wie Südafrika, Ägypten und Marokko sowie punktuell in Subsahara-Afrika“, sagt sie. „Allerdings gibt es insgesamt noch zu wenig Aktivitäten und vor allem deutlich weniger Kapital als in Europa. Was derzeit aufgebaut wird, ist häufig weniger fundamental; viele Startups arbeiten eher mit sogenannten ‚LLM Wrappers‘ – also Anwendungen auf bestehenden Modellen – statt an grundlegender KI-Technologie.“

Regulierung sei oft schwach oder schwer umzusetzen. „Ein wichtiger Grund ist, dass es oft an technischem Wissen und Kapazitäten fehlt. KI spielt in politischen Diskussionen noch keine große Rolle und Regeln werden deshalb häufig nicht durchgesetzt. Oft wird KI einfach laufen gelassen.“ Es gebe Ausnahmen, etwa Kenia, wo ein Datenerfassungsprojekt zum Schutz von Identitäten gestoppt wurde. „Aus afrikanischer Sicht wirkt Europa teilweise überreguliert, während KI in Afrika eher als Chance gesehen wird, besonders wegen der jungen Bevölkerung.“

Kleiner Markt, globales Mindset

Aistleitner Kisuule weiter: „Vor allem im Fintech-Bereich gibt es Investitionen; andere Bereiche sind weniger entwickelt. KI-Tools wie Claude können lokalen Startups helfen, weil die Kosten sinken und der Einstieg leichter wird. Auch Chinas Einfluss wächst, obwohl chinesische KI wegen Sprachproblemen noch weniger genutzt wird. Die Konkurrenz zwischen China und den USA ist aber deutlich spürbar.“

Agnes Aistleitner Kisuule | (c) First Circle Capital

Nangia ergänzt: „In der Regel muss Regulierung mit der Innovation Schritt halten, denn Unternehmer warten auf niemanden. Eine leichte Regulierung ist kurzfristig hilfreich, um schnell zu entwickeln und zu iterieren.“ Langfristig brauche es Compliance, Leitplanken und Datenschutz – auch für Folgefinanzierungen. „Einige afrikanische Märkte arbeiten deshalb derzeit an KI-Gesetzen und -Rahmenwerken, darunter Kenia, Ruanda, Ägypten, Nigeria und andere.“

Es bestehe digitale Abhängigkeit; lokale Infrastruktur und stabile Energieversorgung seien nötig. „Rechenzentrum-Infrastrukturen sind kapitalintensiv und müssen finanziert werden. Hinzu kommt die Koordination über verschiedene Rechtsräume hinweg sowie die Sicherstellung hochwertiger, strukturierter Daten für das Training von Modellen. Veränderungen kommen – aber angesichts des Umfangs und der erforderlichen Investitionen wird es Zeit brauchen, diese digitale Abhängigkeit zu reduzieren“, so Nangia.

Folgen für Österreich

Mit all diesen unterschiedlichen Entwicklungen im afrikanischen KI-Sektor im Hinterkopf stellt sich die Frage, was das für die österreichische Innovationsszene bedeutet und welche Chancen sich für die heimische Startup-Welt erschließen lassen.

Odame-Darkwah sieht klare Ansatzpunkte: „Es gibt das Gesundheitswesen, die Bildung, die Landwirtschaft – das sind die Kerndienstleistungen, auf die jeder Bürger angewiesen ist. Die Bereitstellung dieser Dienste über mobile Netzwerke ist eine großartige Möglichkeit für Zusammenarbeit. Generell gibt es in fast allen afrikanischen Branchen die Chance, Werte zu schaffen. Man trifft auf Regierungen, die so viel wie möglich digitalisieren wollen, und auf eine digital sehr versierte Bevölkerung.“

Der Bericht „Global VCs Entering African AI Markets“ von „aireports.africa“ (Juni 2025) zeigt einen deutlichen Aufschwung: Obwohl diese Summe nur ein Prozent der globalen KI-Investitionen 2022/23 war, flossen rund 641 Millionen US-Dollar in über 100 Deals. Sequoia Capital, Andreessen Horowitz, Microsoft, Google und IBM steigen verstärkt ein. Im Zentrum: Fintech, Agtech, Healthtech. Dabei bleiben jedoch strukturelle Hürden bestehen, etwa der Frühphasen-Fokus, fehlende Cloud-Infrastruktur, und eine unklare Regulierung; zudem gehen nur rund zwei Prozent des Kapitals an von Frauen geführte Startups.

Afrika unter prüfenden Blicken

Nangia verweist an dieser Stelle auf Unternehmen wie Moove, LemFi oder Taptap Send, die weit über Afrika hinaus skalieren. „Manche unserer europäischen Portfolio-Unternehmen prüfen Afrika als potenziellen Wachstumsmarkt. Wir erwarten, dass sich dieser Trend verstärkt, da Schwellenmärkte nicht länger ignoriert werden können. Es gibt noch andere Wege der Zusammenarbeit mit Europa jenseits von Kapital: Wir bringen jahrelanges Skalierungs-Know-how und Erfahrung ein und unterstützen Gründer sowie Fonds.“ Mit dem Micro GP Summit in Wien bringt Speedinvest etwa Erst- und Zweitfondsmanager weltweit zusammen.

Afrika blickt auf große Märkte, aber …

Für Aistleitner Kisuule hingegen können kleinere europäische Märkte wie Österreich in Afrika perspektivisch tatsächlich eine wichtige Rolle spielen; aktuell sei diese aber noch begrenzt, warnt sie. Hohe Markteintrittskosten, begrenzte Rechenkapazitäten in vielen afrikanischen Märkten sowie die noch frühe Entwicklungsphase zahlreicher Ökosysteme stellen heute zentrale Herausforderungen dar.

„In den nächsten zehn Jahren könnte sich dies allerdings ändern“, sagt sie. Südafrika sei weit entwickelt, besonders in Healthtech. Fintech bleibe der spannendste Sektor. Chancen für österreichische Startups sieht sie bei Prozessautomatisierung, Analytics und Enabler-Technologien.

„Die Regulierung wird sich kurzfristig nicht grundlegend verändern, während die Dynamik auf der Innovationsseite hoch ist“, fasst Aistleitner Kisuule zusammen. „Insgesamt ist es aber noch ‚too soon to say‘, wie sich das Kräfteverhältnis langfristig entwickeln wird. Zugespitzt gesagt spricht aktuell vieles dafür, stärker auf die Innovationsgeschwindigkeit afrikanischer Märkte zu setzen als auf europäische Regulierungskompetenz.“

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