27.02.2025
MEINUNGEN

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

Das heute präsentierte Regierungsprogramm von ÖVP, SPÖ und NEOS enthält mit dem Dachfonds eine lange gehegte Forderung der heimischen Startup-Szene. In anderen Bereichen wurden die Hoffnungen aber nicht erfüllt. Wir haben Stimmen dazu eingeholt.
/artikel/startup-szene-zum-regierungsprogramm-langfristig-und-sollen-statt-jetzt-und-machen
vlonru. Laura Raggl, Oliver Holle, Nina Wöss, Berthold Baurek-Karlic, Johannes Braith, Hannah Wundsam, Sander van de Rijdt und Christiane Holzinger | (c) Fabianklima.at / Klaus Vyhnalek / brutkasten/Viktoria Waba / Foto Wilke / Storebox / Adrian Zettl / brutkasten/Martin Pacher / 360 Business Planner
vlonru. Laura Raggl, Oliver Holle, Nina Wöss, Berthold Baurek-Karlic, Johannes Braith, Hannah Wundsam, Sander van de Rijdt und Christiane Holzinger | (c) Fabianklima.at / Klaus Vyhnalek / brutkasten/Viktoria Waba / Foto Wilke / Storebox / Adrian Zettl / brutkasten/Martin Pacher / 360 Business Planner

Das lange Warten hatte heute ein Ende. Österreich bekommt eine neue Regierung. Und mit ihr kommen auch Pläne in der Startup-Politik, die im heute präsentierten Regierungsprogramm dargelegt wurden – brutkasten berichtete.

Dachfonds und schnellere Gründung

Die wohl herausstechendste geplante Maßnahme ist hierbei der Dachfonds, ist dieser doch seit langem eine zentrale Forderung der heimischen Startup-Szene (u.a. in der 2024 präsentierten „Vision 2030“). Mit der „signifikant beschleunigten und rein digitalen Gründung“ oder der „Einführung eines Aktivierungswahlrechts bei selbst erstellten immateriellen Vermögenswerten“ kommen weitere für heimische Startups relevante Maßnahmen hinzu. Ob und wie schnell diese umgesetzt werden, bleibt natürlich abzuwarten.

„Evaluierung“ von Wagniskapitalfondsgesetz und Notariatsaktpflicht

Bei anderen Themen, die zentrale Anliegen der Szene betreffen, bleibt das Programm überhaupt vage. Das Wagniskapitalfondsgesetz etwa soll „evaluiert“ werden – ebenso wie die Notariatsaktpflicht in weiteren Fällen. Bei der in der gesamten Wirtschaft lautstark geforderten Senkung der Lohnnebenkosten vertröstet das Programm auf später, wenn es die budgetäre Situation dann zulässt. Und eine weitere große Forderung der Szene, der Beteiligungsfreibetrag, hat es nicht in das Regierungsübereinkommen geschafft.


Regierungsprogramm – das sagt die Startup-Szene

Kurzum: Aus Startup-Sicht kann man das heute präsentierte Regierungsprogramm durchaus ambivalent betrachten. Wir haben Stimmen von bekannten Gesichtern der Szene dazu eingefangen:

Oliver Holle, CEO Speedinvest

Speedinvest-CEO Oliver Holle | Foto: Klaus Vyhnalek

Zunächst freue ich mich persönlich darüber, dass wir nun eine klar pro-europäische Regierung mit Kräften der Mitte bekommen – als international agierender Fonds mit vielen Standorten ist dies allein schon sehr viel wert.

Mit dem Dachfonds schliessen wir hoffentlich bald mit Resteuropa auf, wo solche Instrumente bereits seit geraumer Zeit bestens etabliert sind – die Sorge bleibt, dass wir in Österreich wider zu klein denken und hier unterkritisch agieren. Wichtig: ein Dachfonds – richtig aufgesetzt – ist für den Steuerzahler ein Gewinn und eben nicht ein weiteres Förderprogramm.

Viele andere wesentliche Punkte scheinen auf, wobei man nicht unbedingt ein Gefühl der Dringlichkeit spürt, wenn man die Formulierungen liest. Technologie, Innovation und Startups müssen Chefsache werden, statt Evaluierungen braucht es Umsetzungswille, und zwar sehr schnell, wenn wir international mitspielen wollen.

Nina Wöss, Co-Founderin Fund F

Fund F-Gründerin Nina Wöss | (c) brutkasten / Viktoria Waba

Das nun vorgestellte Regierungsprogramm enthält einige erfreuliche Maßnahmen für die österreichische Startup-Landschaft. Besonders positiv hervorzuheben ist der verstärkte Fokus auf Gründerinnen und Female Entrepreneurship – ein essenzieller Schritt, um Österreich als attraktiven Standort zu positionieren.

Ein großer Dank gilt den engagierten Vertreter:innen der Startup-Community, insbesondere AustrianStartups und invest.austria, die sich intensiv für diese Themen eingesetzt haben. Einige der zentralen Forderungen aus der “Vision 2030” haben es ins Programm geschafft – allen voran die Einrichtung eines Dachfonds, um dringend benötigtes Wachstumskapital zu mobilisieren und den Fonds-Standort aufzuwerten. Damit dieser ein echter Hebel für den Standort wird, ist es entscheidend, dass dieser unabhängig und professionell gemanagt wird.

Die angekündigten Maßnahmen müssen nun aber auch tatsächlich umgesetzt werden. In den letzten zehn Jahren gab es viele ambitionierte Regierungsprogramme – der tatsächliche Impact für Startups war bisher jedoch überschaubar und Österreich wurde und wird von anderen EU-Ländern rechts und links überholt.

Jetzt gilt es, die richtigen Weichen zu stellen und rasch von Worten zu Taten zu kommen. Die österreichische Startup-Szene hat das Potenzial, international wettbewerbsfähig zu sein – wenn die Rahmenbedingungen endlich mit der Innovationskraft unserer Gründer:innen Schritt halten.

Hannah Wundsam, Co-Managing Director AustrianStartups

AustrianStartups-Co-Managing-Director Hannah Wundsam | (c) Adrian Zettl

Wir freuen uns, dass im Regierungsprogramm einige große Stellschrauben für ein unternehmerisches Österreich aufgegriffen wurden. Allen voran ist die Mobilisierung von institutionellen Anlegern durch einen Dachfonds entscheidend für mehr Wachstumskapital in Österreich. Auch das Bekenntnis zur europaweiten Stärkung der Kapitalmärkte und die Evaluierung der Notwendigkeit des Notariatsaktes bei der Gründung einer FlexCo entspricht langjährigen Empfehlungen der Szene. Wichtig zu unterstreichen ist, dass unternehmerische Bildung sich im Lehrplan wiederfinden soll und Spin-off-Initiativen fortgesetzt und ausgebaut werden. Jetzt kommt es auf die rasche und praxistaugliche Umsetzung an.

Sander van de Rijdt, Co-Founder PlanRadar

PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt
PlanRadar Co-Founder und CEO Sander van de Rijdt | (c) der brutkasten / Martin Pacher

Ich bin in erster Linie froh, dass endlich eine Koalition gefunden wurde, auch wenn das Regierungsprogramm per se von Kompromissen nur so strotzt. Aber das war unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich nicht anders möglich und zumindest besser als Neuwahlen.

Ein Dachfonds ist eine gute Sache und wird dringend benötigt. Ich bin aber skeptisch, wie schnell wir hier wirklich etwas sehen werden, da ja nicht nur an einer Stelle im Programm von „langfristig“ und „sollen“ und nicht von „jetzt“ und „machen“ gesprochen wird. Rein digitale Gründungen und eingeschränkte Notariatspflicht klingen zu gut, um wahr zu sein. Dies wären tatsächlich fühlbare Veränderungen. Ich bleibe skeptisch und hoffe auf das Beste!

Laura Raggl, Gründerin ROI Ventures

Laura Raggl (c) Fabianklima.at

Endlich geht was weiter – das ist das Wichtigste! Nach monatelangem Stillstand hat Österreich nun ein Regierungsprogramm, das zumindest einige zentrale Forderungen der Startup-Community aufgreift. Besonders positiv ist, dass der Dachfonds erneut berücksichtigt wurde. Jetzt gilt es jedoch, diesen auch tatsächlich in der neuen Regierungsperiode umzusetzen. Enttäuschend ist hingegen das Fehlen des Beteiligungsfreibetrags – angesichts der wiederholten Ablehnung durch die SPÖ allerdings wenig überraschend.

Anstatt nur über Einsparungen zu diskutieren, sollte der Fokus verstärkt darauf liegen, wie zusätzliche Einnahmen generiert werden können. Das gelingt vor allem durch Wirtschaftswachstum, welches gezielte Investitionen und attraktive Rahmenbedingungen für innovative Unternehmen erfordert.

Johannes Braith, Co-Founder Storebox

Storebox-Co-Founder Johannes Braith | (c) Storebox
Storebox-Co-Founder Johannes Braith | (c) Storebox

Die monatelange Hängepartie bei der Regierungsbildung in Österreich hat nicht nur das Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit erschüttert, sondern auch wertvolle Zeit gekostet, die für dringend benötigte Reformen hätte genutzt werden können. Keine der beteiligten Parteien – weder ÖVP, SPÖ und NEOS, die nun die Regierung bilden, noch die FPÖ, die zuvor mit der ÖVP gescheitert ist – haben dabei ein gutes Bild abgegeben. Streitigkeiten, politische Blockaden und Machtkämpfe haben den Eindruck vermittelt, dass Parteitaktik wichtiger war als die Zukunft des Landes.

Als Unternehmer sehe ich mit gemischten Gefühlen auf das nun präsentierte Regierungsprogramm. Positiv hervorzuheben ist die geplante Einrichtung eines rot-weiß-roten Dachfonds im „Fund of Funds“-Modell, der die Mobilisierung von nationalem und internationalem Risikokapital für Startups, Scaleups und Spin-offs fördern soll. Dies könnte die Finanzierungssituation für innovative Unternehmen in Österreich verbessern.

Gleichzeitig bleibt ein zentrales wirtschaftspolitisches Thema jedoch unangetastet: Die Senkung der Lohnnebenkosten. Dass hier keine konkreten Maßnahmen im Regierungsprogramm festgelegt wurden, ist eine massive verpasste Chance. Hohe Lohnnebenkosten belasten Unternehmen erheblich und sind ein klarer Standortnachteil für Österreich. Gerade in Zeiten des internationalen Wettbewerbs und eines angespannten Arbeitsmarktes wäre eine gezielte Entlastung essenziell, um mehr Investitionen, Wachstum und neue Arbeitsplätze zu ermöglichen.

Es ist nun wirklich an der Zeit, dass radikale Maßnahmen getroffen werden. Österreich verliert extrem an Wettbewerbsfähigkeit und wir verlieren uns in Klein-Klein-Themen. Kosmetische Veränderungen und kleine Kompromisse werden das Land nicht nach vorne bringen. Was gebraucht wird, sind tiefgreifende Reformen, die den Standort nachhaltig stärken und innovative Unternehmen fördern.

Insgesamt bleibt abzuwarten, ob die neue Regierung den Mut und die Entschlossenheit aufbringt, die notwendigen Schritte für eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik zu setzen. Die Startup-Community wird die Umsetzung der angekündigten Maßnahmen kritisch begleiten und weiterhin auf die Berücksichtigung ihrer Anliegen drängen.

Christiane Holzinger, Business Angel und Gründerin

Christiane Holzinger | (c) 360 Business Planner

Das Regierungsprogramm der neuen Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS enthält erfreulicherweise einige wichtige Punkte für das österreichische Startup-Ökosystem, die in der „Vision 2030“ gefordert wurden. Die Umsetzung des Dachfonds als „Fund of Funds“ zur Verbesserung der Finanzierungslage heimischer Startups ist ein wichtiger Schritt. Zusätzlich positiv zu bewerten ist der Fokus auf beschleunigte digitale Gründungen und die angekündigte Evaluierung der Notariatsverpflichtung.

Die geplante Ausweitung des Aktivierungswahlrechts für selbst erstellte immaterielle Vermögenswerte, übrigens eine Forderung, die ich schon als Bundesvorsitzende der Jungen Wirtschaft immer wieder politisch ins Spiel gebracht habe (IFRS!) und die Evaluierung des Wagniskapitalfondsgesetzes stellen weitere positive Signale dar. Auch die Unterstützung für Spin-offs im Bereich der Forschung und Technologie zeigt eine positive Richtung.

Allerdings birgt das Programm auch Herausforderungen. Zunächst eine Unsicherheit bei der Umsetzung: Viele der angekündigten Maßnahmen für das Startup-Ökosystem sind noch vage formuliert („werden erarbeitet“, „wird geprüft“). Es fehlt die konkrete Ausgestaltung und ein detaillierter Zeitplan, was zu Unsicherheit bei der Planung zukünftiger Investitionen führt. Hinzu kommt die budgetäre Unsicherheit: Die Ankündigung, die Lohnnebenkosten erst „sobald es die budgetäre Situation zulässt“ zu senken, unterstreicht die Unsicherheit im Hinblick auf die finanzielle Machbarkeit der geplanten Maßnahmen. Auch sehe ich eine mangelnde Detaillierung: Details zu konkreten Instrumenten des Transformationsfonds fehlen etwa. Es ist unklar, wie und in welchem Umfang der Fonds Startups unterstützen wird.

Und natürlich gibt es auch verpasste Chancen: Der geforderte Beteiligungsfreibetrag fehlt im Programm, was für viele Investor:innen eine enttäuschende Nachricht ist. Ebenso wird Entrepreneurship Education zwar erwähnt, aber nicht im in der „Vision 2030“ geforderten Umfang adressiert.

Ich appelliere daher, rasch zu handeln: Nach einem halben Jahr politischer Blockade ist es nicht nur für die Startup-Community sondern für die gesamte heimische Wirtschaft und damit für die österreichische Standortpolitik unerlässlich, dass die im Regierungsprogramm skizzierten Maßnahmen für das Startup-Ökosystem schnellstmöglich und effizient umgesetzt werden. Die formulierten Absichtserklärungen sind positiv, doch der Übergang von guten Absichten in ein konkretes, professionell umgesetztes Programm erfordert Geschwindigkeit und klare Entscheidungsfindung. Verzögerungen schaden der österreichischen Wettbewerbsfähigkeit im globalen Kontext, insbesondere im Bereich Hightech-Innovationen. Ein schneller „Zug zum Tor“ ist nun erforderlich, um verlorene Zeit aufzuholen und Österreichs Wirtschaft zukunftsfit zu machen.

Generell bin ich auch gespannt, wie stark das Thema Entbürokratisierung mit einem eigenen Staatssekretär auch diese Hürden angeht. Der Faktor Zeit, die hier Unternehmer:innen verloren geht, ist nämlich ein ganz beachtlicher (bei einem KMU sind das knappe 2,5 Arbeitstage pro Woche!). Frau kann nur hoffen, dass eine Regierung mit so vielen Köpfen auch schneller zu konkreten Umsetzungsmassnahmen kommt.

Berthold Baurek-Karlic, CEO Venionaire Capital

Berthold Baurek-Karlic © Foto Wilke
Berthold Baurek-Karlic © Foto Wilke

Ich freue mich das wir endlich eine Regierung bekommen. Österreich ist international in der Vergangenheit für politische Stabilität bekannt gewesen.

Regierungsprogramme sind geduldig – die Zeit wird zeigen was hiervon wirklich umgesetzt wird. Es gibt genug Aufgaben zu lösen und wir brauchen definitiv ein paar starke Impulse für die Wirtschaft und Industrie. Es bleibt abzuwarten, wie das funktioniert, wenn viele wertvolle Förderungen gestrichen werden – bei der gegebenen Abgabenlast die wir bereits zu tragen haben. Ich befürchte, dass man erneut versucht, das Budget auf Kosten der Unternehmer und ihrer Angestellten zu sanieren, statt im Eigenen Haushalt ernsthaft zu sparen. Ich hoffe, wir werden vom Gegenteil überzeugt.

Was ich mit Erstaunen beobachtet habe, ist die hohe Zahl von Ministern und Staatssekretären – hier hätte ich ein Signal des Sparens und nicht der Postenbeschaffung erwartet. Ich verstehe auch nicht, warum jede Regierung die Ministerien und Zuständigkeiten neu ordnet – alleine diese Reorganisationen kosten eine Unmenge und verschwenden schlicht wertvolle Zeit.

Deine ungelesenen Artikel:
02.10.2026

Was CEOs von der Gen Z lernen können: Reverse Mentoring als Innovationsmotor der Zukunft

Die Halbwertszeit von Wissen schrumpft rasant in einer Zeit, in der Wandel schneller passiert, als Erfahrung aufgebaut wird, dreht Reverse Mentoring die klassische Lernhierarchie um. Eine Spurensuche zwischen Machtgefällen und dem Mut zum Nichtwissen.
/artikel/was-ceos-von-der-gen-z-lernen-koennen-reverse-mentoring-als-innovationsmotor-der-zukunft
02.10.2026

Was CEOs von der Gen Z lernen können: Reverse Mentoring als Innovationsmotor der Zukunft

Die Halbwertszeit von Wissen schrumpft rasant in einer Zeit, in der Wandel schneller passiert, als Erfahrung aufgebaut wird, dreht Reverse Mentoring die klassische Lernhierarchie um. Eine Spurensuche zwischen Machtgefällen und dem Mut zum Nichtwissen.
/artikel/was-ceos-von-der-gen-z-lernen-koennen-reverse-mentoring-als-innovationsmotor-der-zukunft
Mit ihrer Reverse-Mentoring-Agentur forciert Ines Hanusch Zukunftssicherheit in Wirtschaft und Politik. © brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Wir leben in einer paradoxen Arbeitswelt: Führungskräfte werden für ihr über Jahrzehnte angesammeltes Wissen bezahlt doch exakt dieses Erfahrungswissen kann angesichts rasanter technologischer und kultureller Umbrüche zum blinden Fleck werden. Genau hier setzt eine Methodik an, die traditionelle Rollenbilder auf den Kopf stellt: Reverse Mentoring.

Ines Hanusch, Gründerin der Reverse-Mentoring-Agentur bond & grow, begleitet Unternehmen und Politik bei diesem Paradigmenwechsel. Für sie ist der Kerngedanke simpel, aber radikal: „Beim klassischen Mentoring lernt die Jüngere von der Erfahreneren. Beim Reverse Mentoring ist es umgekehrt: Die Führungskraft sitzt in der Lernenden-Position gezielt, strukturiert und vor allem nicht nebenbei.“

Kein Kaffeetratsch und keine Therapie

Doch was genau ist Reverse Mentoring in der Praxis? Hanusch wird nicht müde zu betonen, was es nicht ist: Es sei kein lockeres Kaffeegespräch, kein Coaching mit einer einzigen Zielvorgabe und schon gar keine Therapie. Auch der oft gehörte Einwand, man könne sich doch einfach mit den eigenen Kindern austauschen, greift für die Expertin ins Leere: „Mit den eigenen Kindern teile ich eine Sozialisation, ein Machtgefälle, ob ich will oder nicht.

Das Kind wird mir vieles nicht sagen, und ich werde vieles nicht hören wollen.“ Wahre Wirkung entstehe erst durch psychologische Sicherheit ohne persönliche Verstrickung eine Atmosphäre, in der ein junger Mensch kein Interesse daran hat, zu gefallen, sondern ehrlich zu sein.

Der Blick von innen: Reibung als Chance

In klassischen Organisationen verhindert die Hierarchie oft genau jenen Raum der psychologischen Sicherheit, in dem ungefiltert und ohne Angst vor Konsequenzen gesprochen werden kann. Ines Hanusch beschreibt das systematische Dilemma eindrücklich: Je weiter Führungskräfte auf der Karriereleiter nach oben klettern, desto mehr manifestiert sich die Angst vor Inkompetenz und Statusverlust. „Wenn Top-Entscheider:innen plötzlich von jemandem lernen, der dreißig Jahre jünger ist, entsteht unweigerlich intensive Emotion, Irritation und Reibung“ – doch exakt in diesen Momenten verankert sich laut Hanusch der größte Lerneffekt.

Wie sich dieser Rollentausch in der Realität anfühlt, schildert eine 21-jährige Mentorin, die im Rahmen von bond & grow Top-Entscheider:innen begleitet. Kristin Barnowsky sieht in ihrer Aufgabe eine enorme Verantwortung: Für sie bedeutet Reverse Mentoring, erfahrenen Führungskräften neue Perspektiven mit auf den Weg zu geben und dabei auch hin und wieder Reibung zu erzeugen“. Nervosität vor dem ersten Aufeinandertreffen ist keine Seltenheit, wie sie verrät. Ihr persönlicher mentaler Trick für das erste Meeting? „Ich stelle mir einfach vor, dass die Person mich bereits mag und ich sie auch. Dadurch gehe ich wesentlich natürlicher, authentischer und positiver in das Gespräch.“

Die größte Herausforderung im laufenden Prozess ist für sie das Gespür dafür, wie tief man in die Glaubenssätze des Mentees eindringen darf. Wenn auf Mentee-Seite Widerstand entsteht, stecke dahinter oft eine unbewusste Angst; etwa das Gefühl, nicht gehört oder gesehen zu werden. Es erfordere Empathie und präzises Timing, unangenehme Themen anzusprechen, ohne die Führungskraft emotional zu überfordern, erklärt die 21-Jährige.

Für wen das Konzept geeignet ist – und wann es scheitert

Die Zahlen sprechen für sich, doch Reverse Mentoring ist kein Selbstläufer. Laut Hanusch eignet es sich primär für Führungskräfte, die Nichtwissen als Startpunkt und nicht als Schwäche betrachten. In hierarchisch geprägten Unternehmen erfordere das immense Größe. „Statusverlust berührt das Selbstbild direkt, und das ist unbequem“, analysiert Hanusch. Viele Führungskräfte fürchten den Moment, in dem sie erkennen müssen, dass jemand, der viele Jahre jünger ist, über entscheidendes Know-how verfügt – sei es über moderne Arbeitskulturen, neue Konsumgewohnheiten oder schlicht den Umgang mit Unsicherheit in Krisenzeiten.

Wann also scheitert Reverse Mentoring? Die Expertin zieht eine klare Grenze: „Ich rate ab, wenn Unternehmen Reverse Mentoring als Imagemaßnahme einsetzen wollen, ohne wirkliche Bereitschaft, etwas zu verändern.“ Ohne intrinsische Motivation beider Seiten, einen geschützten Rahmen und professionelles Matching wird das Format zur reinen Simulation.

Innovation durch unbefangenes Denken

Wenn die Rahmenbedingungen jedoch stimmen, entpuppt sich Reverse Mentoring als machtvoller Innovationsmotor. In vielen Branchen sind junge Menschen näher an der Zielgruppe oder stellen diese gar selbst dar. Sie spüren kulturelle Trends früher und besitzen den Mut, Unbequemes auszusprechen. Kristin Barnowsky erlebt das regelmäßig in ihren Mentoring-Sessions, etwa wenn es um künstliche Intelligenz, Automatisierung von Workflows oder den Einsatz von Social Media geht. Doch der tiefere Wert liegt oft jenseits der Technologie: Es geht um das Hinterfragen erstarrter Prozesse. „Oft sehen die Dinge, die uns Sorgen machen, nur für uns so aus; aus einer anderen Perspektive sind sie plötzlich Chancen für innovative Veränderungen“, resümiert die Mentorin.

Letztlich profitiert nicht nur die Führungskraft auch die jungen Mentor:innen wachsen, bauen sich ein Netzwerk auf und erleben direkte Selbstwirksamkeit. Die wichtigste Frage für Ines Hanusch: „Was, wenn du von denen lernst, die bisher nicht gefragt wurden? Es tut manchmal weh, sich spiegeln zu lassen. Aber nur so entsteht Fortschritt.“ In einer Wirtschaft, die händeringend nach Fachkräften und neuen Wegen sucht, könnte die Bereitschaft, vom Nachwuchs zu lernen, bald über die Existenz von Unternehmen entscheiden. Oder wie Ines Hanusch sagt: „Wer heute keine Kultur des gegenseitigen Lernens etabliert, verliert morgen den Anschluss bei existenziellen Themen wie Mitarbeiterbindung und Innovation.“

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup-Szene zum Regierungsprogramm: „‚langfristig‘ und ’sollen‘ statt ‚jetzt‘ und ‚machen'“