28.02.2024

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

Stillend in Shareholder-Meetings oder Kuschelecke im Büro. Wie drei Mamas ihr Comeback in die Startup-Welt schaffen und warum sie deshalb keine Rabenmütter sind.
/artikel/startup-mutter-kind-eine-erzaehlung-von-rabenmuettern
(v.l.n.r.): Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens, Bernadette Frech, CEO von instahelp, Sandra Zima, Gründerin von Snagy (c) PelviQueens, instahelp, Sandra Zima

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem aktuellen brutkasten-Printmagazin (Download-Möglichkeit am Ende des Artikels).


Eine blaurote Rutsche thront auf einer bunten Spieldecke. Ein leises Klingeln ertönt – eine Modelleisenbahn ist im Anmarsch. Judith Sacher, Unternehmerin und Physiotherapeutin, sitzt in einer bilderbuchähnlichen Atmosphäre. Neben ihr spielt eine Miniversion ihrer selbst. Ein leises Klappern am Parkettboden füllt den Raum. Seit August 2022 ist sie Mama. Wenige Wochen später war sie wieder back to business, knapp sechs Monate später gründete sie ihr Startup.

Bernadette Frech wurde als CEO Mama und Sandra Zima erschuf kurz nach der Geburt ihrer Tochter ein Startup. Beide sind ähnlich wie Sacher und doch anders im Unternehmerinnentum tätig. Und wissen, wie es geht.

Sacher, Frech und Zima haben eines gemeinsam: Familie, Startup-Gründung und Unternehmensführung schließen sich bei den drei Müttern nicht aus. Es geht um Adaption, Hilfestellung, Mindset und allgemein um eine moderne Unternehmenskultur, wie sie das Jahr 2024 auch verdient hat. Und schließlich geht es immer noch um das Aufbrechen von Klischees und die fälschliche Verwendung des Begriffs Rabenmutter.

Vom Wochenbett zur Gründung

Nach ihrer Erholungsphase im Wochenbett kehrte Judith Sacher in ihren Job zurück. Nun erzählt sie, warum sie am ursprünglichen Geburtstermin noch arbeitete, wie sie den Schritt zur Gründung knapp sechs Monate nach Entbindung wagte, warum man als Startup-Gründerin keine schlechte Mutter ist.

Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens (c) PelviQueens

Sacher ist Physiotherapeutin und lebt in Oberösterreich. Schon vor ihrer Schwangerschaft arbeitete sie selbstständig in ihrer eigenen Praxis – neben einer Fixanstellung. Ihre Arbeit erfüllt sie. Sonst wäre sie zum Geburtstermin ihres Sohnes nicht in ihrer Praxis gestanden: “Der hat sich nämlich um zwei Wochen nach hinten verschoben”, erinnert sich Sacher. “Und mir ging es so gut, also dachte ich mir, warum nicht?”

Sacher ist eine der vielen Unternehmer:innen, die sich häufig Kommentare wie “Dass du so schnell wieder arbeitest!” und “Du warst nur so kurz in Karenz?” anhören müssen. Doch Sacher weiß, dass man sich als frisch gebackene Mama trauen darf, bald wieder zur Arbeit zurückzukehren. Wie das geht? Am ehesten mit einem strikten aber gesunden Verhältnis zwischen Arbeit und Familie.

“Mein Sohn kam im August 2022 auf die Welt und im Februar darauf kam mir mit einer guten Freundin unsere Startup-Idee.” Judith Sacher und Magdalena Rechberger kennen sich aus dem Studium und arbeiten mit PelviQueens seit Februar 2023 an einer Aufklärungsplattform für Frauengesundheit.

Als Unternehmerin spricht sie ein Tabuthema an, das vielen jungen Familien häufig den Mut vor einer Unternehmensgründung nimmt: “Nur, weil man gerade frisch Mama oder Papa geworden ist und wieder Lust hat zu arbeiten, ist man keine Rabenmama”, erklärt Sacher. “Ich habe gemerkt, wie viel ausgeglichener ich bin, wenn ich arbeiten kann und nicht nur 24/7 Mama bin.”

Ich hab gemerkt, wie viel ausgeglichener ich bin, wenn ich arbeiten kann und nicht nur 24/7 Mama bin.

Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens

Frischgebackene Eltern, die ein Unternehmen führen, selbstständig sind oder über eine Gründung nachdenken, sollten ihren Traum nicht des Kindes wegen wegstecken, meint die Physiotherapeutin. “Mein Mann hat auch ein Startup und wir teilen uns unsere Arbeits- und Familienzeit gut ein. Das ist etwas, das wir in einem Angestelltenverhältnis so nicht machen könnten.”

Damit das Gründen und die Selbstständigkeit auch tatsächlich funktionieren, braucht es vor allem eines: Support. “Ohne meine Eltern und meinen Partner wäre das nicht möglich. Ich arbeite 35 bis 45 Stunden pro Woche und muss mir das gut einteilen. Dank der Unterstützung aus meinem Umfeld kann ich den Traum von meinem eigenen Startup leben und nebenher noch als Physiotherapeutin in meiner Praxis tätig sein.”

Der Plan ging auf, PelviQueens floriert: Im Rahmen des tech2b Inkubators ist bald der Launch eines Hardware-Produkts geplant. In den Köpfen der Gründerinnen schwirren weitere Pläne und für das Mama-Sein bleibt Zeit. “Man braucht Flexibilität und Support, das ist klar. Genauso braucht man aber auch den Willen, wieder selbstständig arbeiten zu wollen. Viele sehen ihre Berufung im Mama-Sein, viele im Unternehmerin-Sein, und viele in beidem”, so Sacher.

Wenn man was gefunden hat, das einem Spaß macht, dann sollte man keine Zeit verlieren und es umsetzen. Egal, in welcher Lebenssituation man sich befindet.

Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens

Als Mama darf man sich entfalten

“Alte Frauenbilder darf man als Gründerin nicht verfolgen. Man ist keine schlechte Mutter, nur weil man seiner Leidenschaft nachgeht und Erfüllung in seinem Beruf findet”, bestärkt Sacher. “Auch als Mama darf und soll man sich entfalten – und wenn man was gefunden hat, das einem Spaß macht, dann sollte man keine Zeit verlieren und es umsetzen. Egal, in welcher Lebenssituation man ist.”

In einer ähnlichen Lebenssituation befindet sich Bernadette Frech, CEO von instahelp. In einer, in der Schlaf Mangelware ist und man neue Methoden des Zeitmanagements finden muss, um den gewohnten Arbeitsalltag nicht komplett zu verlieren. Sie leitet seit 2018 das Mental-Health-Startup, das psychologische Beratung online anbietet.

Bernadette Frech, CEO von instahelp (c) instahelp

Seit 2021 ist sie zudem Beraterin des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort und arbeitete in der Arbeitsgruppe Gesundheit für die Entwicklung der Standortstrategie 2040 für Österreich mit. Instahelp selbst wurde 2019 beim 4gamechangers Festival zu Österreichs “Startup des Jahres” und von der WKO als “Born Global Champion” ausgezeichnet, 2020 bis 2024 auch zur deutschen Top Brand Corporate Health und erhielt 2021 den Digi Health Award.

Die CEO ist Mutter zweier Söhne, neun und zehn, die sie alleine aufgezogen hat; im Sommer 2023 kam noch ein Baby dazu. Bis auf die Pause im Mutterschutz hat sie ihr Startup nicht verlassen und ist aktuell geringfügig angestellt, wie sie mit sanfter Stimme erzählt, ihr dritter Sohn schlafend im Hintergrund liegend.

Stillend in Shareholder-Meetings

Frech saß bereits stillend bei Shareholder-Meetings, hat in ihrem Büro eine kleine Babyecke mit viel Spielzeug und Laufstall eingerichtet und, mit Weitsicht, vor ihrer Karenz mit Silvia Geier eine zweite Geschäftsführerin als COO bestellt.

Die Unternehmerin hat sich nie als “Stay at Home-Mum” gesehen und wurde vom rein männlichen Shareholder-Board bestärkt: “Ich war mir unsicher, ob ich der Rolle als CEO von instahelp für das Team, für unternehmerische Ziele, aber auch mit dem hohen Anspruch, den ich an mich selbst stelle, gerecht werde. Das Shareholder-Board und das Team haben mich bestärkt in der Rolle der CEO mit Baby zu bleiben.”

Also folgte sie nach der erwähnten Auszeit dem Ruf der Rückkehr und weiß heute: “Es ist (Anm.: in der Firma) wieder eine Aufgabe, eine eigene Rolle zu finden”, sagt sie. “Man ist nicht ‘full time’ da, man ist anders zurück.” Zur Unterstützung macht Frech ein Coaching, mit einer instahelp-Psychologin, bei dem sie sich in dem Prozess begleiten lässt. “Es ist ein wenig ein ‘loslassen’, man kann zwar sein Startup weiterführen, aber es muss anders sein. Dazu sind gute Rahmenbedingungen wichtig.”

In diesem Sinne hat die Europäische Investitionsbank (EIB) im November 2022 eine Studie “Warum es sinnvoll ist, Unternehmerinnen in Europa zu unterstützen” betitelt und darin belegt, dass Unternehmerinnen als Vorbilder für die Stärkung der Rolle der Frauen in der Wirtschaft einen wichtigen Beitrag zur Volkswirtschaft leisten.

Darin heißt es im Wortlaut: “Untersuchungen zeigen, dass frauengeführte Unternehmen mit größerer Wahrscheinlichkeit solide Managementmethoden – und mehr Leistungsindikatoren – anwenden und eher bereit sind, neue Produkte und innovative Lösungen einzuführen, nicht nur in der Europäischen Union, sondern weltweit. Frauen neigen auch eher dazu, den grünen Wandel zu unterstützen, auf die CO2-Emissionen zu achten und sich Ziele für Energieeffizienz zu setzen. Von Frauen geführte Unternehmen erzielen bessere Ergebnisse in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance, was die Bewertung ihrer Firmen und ihre Wahrnehmung durch Investoren und Kunden verbessert.”

Ich habe das Gefühl, dass man mit jedem Kind als Person flexibler wird.

Bernadette Frech, CEO von instahelp

Frech selbst fand ideale Rahmenbedingungen vor. Sie sagt: “Ich habe das Gefühl, dass man mit jedem Kind als Person flexibler wird. Ich glaube, was wichtig ist, ist dass, je flexibler man wird, so flexibel sollte man seine Organisation auch gestalten. Wir haben das Ziel, mit instahelp das familienfreundlichste Unternehmen in der Steiermark zu werden.”

Und dazu gibt es einige Methoden beim Grazer Startup: Neben flexiblen Arbeitszeiten, herrscht u.a. eine stark begrenzte Kernarbeitszeit vor, in der Meetings stattfinden müssen. Dazu gab es, wie Frech erzählt, ein klares Einverständnis von allen Beteiligten. Eltern, die die Eingewöhnungsphase im Kindergarten leidend durchstehen müssen, können auch remote von daheim arbeiten.

An dieser Stelle möchte die dreifache Mutter eine kleine Warnung aussprechen. Sie hat den Eindruck, dass “Mamas” in solchen Fällen von der Inanspruchnahme des Pflegeurlaubs zurückweichen und stattdessen lieber arbeiten, wenn sie es können. „Man muss hier auf den ‘mental load’ von Frauen achten und darauf schauen, dass man diese Möglichkeit im Unternehmen gut vorlebt. Da muss das ganze Management-Team dahinter sein”, sagt sie.

Als weitere Methodik auf Mitarbeiter:innen mit Kindern zu achten, erweist sich die Initiative “instahelp unter Palmen”. Jeder August ist bei uns komplett remote gestaltbar, Familien im Büro sind willkommen, für Kinder gibt es je nach Altersgruppe Spielzeug sowie ein Babynest für die ganz Kleinen.

“Sehr wichtig ist aber”, betont Frech, “den Kontakt mit Frauen in Karenz zu halten, damit diese nie ganz aus dem Betrieb fallen. Auch für die Mitarbeiterinnen ist es wichtig, da Arbeit für viele eine Säule im Leben darstellt. Wir geben die Möglichkeit, dass man mit Kind nicht alles ändern muss. Man kann zum Beispiel geringfügig weitermachen oder bei einfach bei Team-Events dabei sein. Damit man merkt, man wird vermisst und gebraucht. Und am Laufenden bleiben kann.”

Polizistin, Mutter, Gründerin

Sandra Zima, Gründerin von Snagy, einem Startup, das Kuschelsitzsäcke und Geburtskissen herstellt, ist seit 2005 bei der Polizei. Und wurde 2020 Mutter. Sie war vor ihrer Polizistinnenkarriere in der Elementarpädagogik tätig und widmet sich nun hauptberuflich dem Kinderschutz. Genauer, sie übernimmt die Vernehmungen von Kindern zwischen vier und 14 nach schweren Gewalthandlungen. Ihr Startup betreibt sie nebenher.

Sandra Zima, Gründerin von Snagy (c) Sandra Zima

“Die Affinität zu Kindern war bei mir immer schon gegeben”, sagt sie, “aber das Thema ‘Selbstständigkeit’ war ein langer Wunsch von mir.” So gründete sie im März 2022 Snagy und nahm eine Kollegin mit an Bord, die aktuell aber – aus Vereinbarkeitsgründen – nicht mehr dabei ist. Als Polizistin und Gründerin mit Kind ist Zima 24/7 im Einsatz und hat kein Problem, laufend erreichbar zu sein. Sie steht im Urlaub am Strand und telefoniert und kann – weil es die heutigen Zeiten zulassen – auch von überall aus arbeiten.

Meine Tochter wächst mit dieser Situation auf

Sandra Zima

Dabei ist ihr aber auch natürlich die mentale Komponente wichtig, mit der aktuell vierjährigen Tochter kann die Wienerin sich die Arbeitszeit so einteilen, wie sie es wünscht. “Meistens arbeite ich, wenn sie schläft und sitze in der Garage, fülle Kuschelwale und packe Kisten”, sagt sie. “Ein wichtiger Punkt ist, meine Tochter wächst mit dieser Situation auf und wird von mir eingebunden. Sie hat da einen anderen Bezug zu diesen Themen, als vielleicht andere Kinder.”

Als One-Woman-Show hat Zima nie wirklich mit diversen Hürden zu kämpfen gehabt, wie es andere Founderinnen haben, einzig die Undurchsichtigkeit im System ist ein Problemfall. Besonders wenn es um die Verbesserung von Rahmenbedingungen für Frauen als Unternehmerinnen mitten im Familienleben geht.

“Es gibt gar nicht so weit hergeholte Fragen, die schwer zu beantworten sind”, gibt sie ein Beispiel. “Ich habe ein Buch geschrieben, benötige ich dafür einen Gewerbeschein? Niemand konnte mir das sagen. Oder Fragen bei der Neuentwicklung von Produkten. Es war ein massiver Aufwand, um die richtigen Antworten zu erhalten.” Die Gründerin nennt ein paar Stellen wie riz up oder auch die WKO, bei denen sie Hilfe gefunden hat. “Aber es war die größte Herausforderung, die richtigen Plätze zu finden. In Sorge, durch Unwissenheit einen großen Fehler zu machen. Aber der Vorteil der heutigen Welt ist und bleibt, dass man sich die Antworten auf brennende Fragen selber holen kann.”

Egal ob bei Sandra Zima, Judith Sacher oder Bernadette Frech, die sich alle drei in unterschiedlichen Rollen und Phasen ihres Unternehmens befinden, eines wird nach Gesprächen mit den drei Founderinnen klar. Gründerinnentum und kleine Kinder ist kein diametrales Unterfangen mehr. Keine Utopie, die ein Dorf bedarf, um ein Kind zu erziehen. Und es muss auch nicht als übler Charakterzug gesehen werden, mit einem Kind arbeiten gehen zu wollen und die betreffende Person eine Rabenmutter zu nennen.

Rabenmütter sind keine Rabenmütter

Der Begriff Rabenmutter wird schon im Vorhinein inkorrekt verwendet. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) im Artikel “Rabenmütter sind keine Rabenmütter” beschrieb, sind die oftmals verschmähten Vögel vielmehr Vorbilder in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Kolkraben, die in lebenslanger Ehe zusammenhalten, kümmern sich geradezu aufopferungsvoll um ihre Jungen, heißt es darin. Und weiter: “Das Weibchen hudert (wärmt) sie in den ersten zwei Wochen nahezu ununterbrochen, zerkleinert das vom Männchen herangetragene Futter und füttert damit geduldig ihren Nachwuchs. Erst wenn die Brut satt ist, frisst es selbst.”

Was man aus diesen Zeilen mitnehmen kann, ist nicht bloß der Inhalt, der dort beschrieben wird. Ja, Raben haben einen zu Unrecht schlechten Ruf, was ihrer Federfarbe und der Mytholgie mitunter zu verdanken ist – das wirkliche Problem und Learning hier aber ist ein anderes.

Der FAZ-Artikel stammt aus dem Jahre 2005 und behandelte das Thema Vereinbarkeit und Beruf. 19 Jahre später ist es noch immer Thema und man muss erklären, dass Gründerinnen und Frauen in Karrieren, die Kinder in die Welt gesetzt haben, nicht automatisch “schlechte Mamas” sein müssen. Man muss darüber sprechen, wie man das Private gestaltet, um einerseits als Vorbild zu dienen, auf der anderen Seite um Kritikern, Zweiflern und misogynen Personen die Munition zu nehmen, wenn sie Wortschwalle ablassen mit vor Klischees triefenden Meinungen. Oder ihnen mitteilen, was Bernadette Frech zu sagen hat: “Wenn Frauen Kinder haben und gründen wollen, oder im Beruf bleiben, dann ist das möglich. Es ist 2024 möglich, das Unternehmen so zu gestalten. Es braucht schlicht nur gute Rahmenbedingungen.”

Sichere dir das brutkasten-Magazin in digitaler Form!

Trag dich hier ein und du bekommst das aktuelle brutkasten-Magazin als PDF zugeschickt und kannst sofort alle Artikel lesen!

Du erhältst mit der Anmeldung künftig auch Zugang für unseren Startup-Newsletter, den wir drei Mal pro Woche verschicken. Du kannst dich jederzeit unkompliziert wieder abmelden.

Deine ungelesenen Artikel:
18.08.2026

Während andernorts Träume gebaut werden, verwalten wir den Stillstand

"Vor 15 Jahren war Europa in China der Maßstab. Heute ist es vor allem Kunde", schreibt Thomas Reiter in einem Gastkommentar für den brutkasten. Der PR-Unternehmer war gerade wieder in China und zieht eine Bilanz, die Europa nicht am Wissen scheitern sieht, sondern am Tempo.
/artikel/china-europa-gastkommentar-thomas-reiter
18.08.2026

Während andernorts Träume gebaut werden, verwalten wir den Stillstand

"Vor 15 Jahren war Europa in China der Maßstab. Heute ist es vor allem Kunde", schreibt Thomas Reiter in einem Gastkommentar für den brutkasten. Der PR-Unternehmer war gerade wieder in China und zieht eine Bilanz, die Europa nicht am Wissen scheitern sieht, sondern am Tempo.
/artikel/china-europa-gastkommentar-thomas-reiter
Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren | (c) Sabine Klimpt

Im Hochsommer, vor genau 15 Jahren, reiste ich zum ersten Mal nach China. In dieser schicksalshaften Woche lernte ich nicht nur meine Frau kennen, sondern auch einen nahezu perfekt anmutenden europäischen Exportmarkt mit einer Milliarde Menschen, stark steigenden Einkommen und niedriger Marktsättigung.

Das Straßenbild der 25-Millionen-Metropole Schanghai war unübersehbar von europäischen Autos geprägt. Volkswagen stand damals mit rund einem Fünftel Marktanteil am Zenit seiner Dominanz im wichtigsten Automarkt der Welt. Wer sich einen Audi, BMW oder Mercedes leisten konnte, hatte es im Reich der Mitte geschafft und stellte das zur Schau.

Heute ist die Welt eine andere. Meine damalige Freundin ist längst meine Ehefrau mit österreichischer Staatsbürgerschaft. China hat uns technologisch vielfach überholt und seine Importabhängigkeit radikal reduziert. Die Handelsströme sprechen eine deutliche Sprache, denn das EU-Defizit im Warenhandel mit China erreichte 2025 rund 360 Milliarden Euro, plus 18 Prozent binnen eines Jahres.

Die Zahl neuer chinesischer Marken und Modelle ist überwältigend – heimische Hersteller halten inzwischen rund 70 Prozent des chinesischen Pkw-Marktes. Volkswagen, jahrelang Marktführer in China, liegt heute mit knapp elf Prozent hinter BYD und Geely. Credit: Thomas Reiter 

Im Vergleich zu Europa punktet China heute mit moderner Infrastruktur, seiner Vorreiterrolle bei erneuerbaren Energien und sichtbarem Wohlstandszuwachs. Auch das leistungsorientierte Bildungssystem rückt an die Weltspitze. Jährlich schließen 3,5 Millionen Menschen ein MINT-Studium ab, fast die Hälfte aller Patentanmeldungen weltweit kommt aus China.

Nicht zufällig heißt die erste chinesische Hochgeschwindigkeitsbaureihe auf eigenen Schutzrechten „Fuxing“ – Verjüngung, Wiedererstarken. Ihre Vorgängerin „Hexie“, Harmonie, fuhr noch mit Lizenztechnologie von Siemens, Alstom und Kawasaki.

Rushhour in Schanghais U-Bahn: rund zehn Millionen Fahrgäste täglich – und kaum eine Hand ohne Smartphone. Credit: Thomas Reiter

Auf den Trikots chinesischer Spitzensportler steht „Glory of China“, und BYD, mittlerweile weltgrößter Hersteller reiner Elektroautos, trägt „Build Your Dreams“ im Namen. Dieses Mindset verrät viel über ein Land.

China ist nicht perfekt. Aber es steht heute eher für den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Milliardär als Donald Trumps „Make America Great Again“.

Tencent East China Headquarters in Schanghai: Der Konzern hinter der Super-App WeChat zählt 1,42 Milliarden aktive Nutzer im Monat – mehr, als die EU und die USA zusammen Einwohner:innen haben. Credit: Thomas Reiter 

Ich schreibe diese Zeilen am Rückflug von China nach Österreich. Das Europäische Forum Alpbach steht heuer unter dem Motto „How Europe Wins“ und benennt die neue Realität. In einer Welt, in der alle anderen schneller und entschlossener handeln, ist offen, ob Europa in den entscheidenden Fragen noch gewinnen kann. Die Antwort steckt bereits in der Diagnose. Europa muss schneller und entschlossener werden.

Entschieden wird das nicht auf Konferenzen. Europa braucht nicht die nächste Arbeitsgruppe, sondern konkrete Vorhaben mit Datum, Budget und Verantwortlichen, die dafür geradestehen. Ein Plan ist immer nur so gut wie seine Ausführung. Umsetzungsgeschwindigkeit muss das Maß aller Dinge sein.

Zwei Beispiele. Die beschlossene Senkung der Lohnnebenkosten – der Dienstgeberbeitrag sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent, rund zwei Milliarden Euro Entlastung – wirkt erst ab 2028. Die von der Kommissionspräsidentin persönlich unterstützte „EU Inc.“ liegt seit März als Vorschlag am Tisch, anwendbar frühestens 2028. Der Kontinent scheint viel Zeit zu haben. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Wucht der Veränderung

BYD hat seinen Absatz in fünf Jahren verzehnfacht, auf 4,6 Millionen Fahrzeuge. Und China ist längst der größte Autoproduzent der Welt. 34,5 Millionen gebaute, acht Millionen exportierte Fahrzeuge allein 2025. Bei Photovoltaikmodulen hält es 85 Prozent Weltmarktanteil, bei Batteriezellen rund 70 Prozent. Veränderung war nie schneller, mit einem hohen Preis für Sieger:innen und Verlierer:innen – die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz noch gar nicht eingerechnet.

Botengänge im Hotel erledigt längst der Roboter: 2024 wurden 54 Prozent aller Industrieroboter weltweit in China installiert. Credit: Thomas Reiter 

Wir leben in Österreich weit über unseren Verhältnissen, ohne dafür eine Sensorik zu haben. Zwei Rezessionsjahre, zwölf Prozent Minus bei der abgesetzten Industrieproduktion seit 2021, 25.000 verlorene Industriejobs in zwei Jahren, 6.810 Firmenpleiten im Vorjahr, eine Schuldenquote, die 2027 auf 85 Prozent zusteuert, ein offenes EU-Defizitverfahren. Wer sagt, unser Pensionssystem sei gesichert, rechnet mit Annahmen von gestern. Gut ein Viertel des Bundesbudgets fließt in Pensionen, und 2040 kommen auf einen Menschen im Pensionsalter nur noch zwei im Erwerbsalter – 1950 waren es sechs.

Es mangelt nicht an Lösungen und Wissen, sondern an Bereitschaft – genauer gesagt an den Möglichkeiten einer Dreierkoalition und an den Abläufen zwischen Wien und Brüssel. Was die Politik nicht richten wird, müssen Unternehmerinnen und Unternehmer leisten. Und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich ihres Beitrags bewusst sind.

Der Weg zu neuem Wachstum ist machbar

Vorziehen statt ankündigen. Der Dienstgeberbeitrag, den Arbeitgeber zusätzlich zum Bruttolohn an den Familienlastenausgleichsfonds zahlen, sinkt von 3,7 auf 2,7 Prozent. Das entlastet die Betriebe brutto um rund zwei Milliarden Euro. Ein Prozentpunkt weniger Lohnnebenkosten bringt laut EcoAustria 10.000 bis 12.000 Jobs. Wirksam wird die Senkung aber erst 2028. Wer heuer um Aufträge und Fachkräfte kämpft, hat davon nichts. Also vorziehen auf Mitte 2027, gegenfinanziert aus der Föderalismusreform.

Schnellere Genehmigungen. Eine Umweltverträglichkeitsprüfung dauerte im Zehnjahresschnitt 22,6 Monate. Fast zwei Jahre bereitliegendes Kapital ohne Baustart, während andere Standorte in Monaten entscheiden.

Deshalb sollte nach zwölf Monaten ohne Bescheid die Bewilligung automatisch gelten. Nötig ist der Druck, denn Bürokratie kostet die Unternehmen laut KMU Forschung Austria 21,1 Milliarden Euro und 320 Millionen Arbeitsstunden jährlich, die Leistung von fast 200.000 Vollzeitkräften – ohne Mehrwert für Kund:innen.

Kapital statt Sparbuch. Österreichs Risikokapital brach 2025 um 56 Prozent auf 253 Millionen Euro ein, während europaweit zehn Billionen Euro niedrig verzinst auf Konten liegen. Es braucht eine KESt-Befreiung nach Behaltefrist und Pensionskassen, die heimische Innovation finanzieren dürfen.

Arbeit muss sich lohnen. Mit 47,1 Prozent Abgabenbelastung liegt Österreich laut OECD auf Rang vier. Dazu ein faktisches Antrittsalter unter 62 Jahren bei steigender Lebenserwartung. Dänemark und die Niederlande koppeln ihr Pensionsalter an sie, das schafft Planbarkeit und hält das Thema aus dem Wahlkampf.

Verwertung statt Förderung. Österreich investiert 3,34 Prozent der Wirtschaftsleistung in Forschung, EU-weit Platz drei, im Innovation Scoreboard nur Rang acht. Wir finanzieren Forschung erstklassig und übersetzen sie zweitklassig in Produkte. Förderungen sollten daher an Marktergebnisse gekoppelt werden, nicht an gut geschriebene Anträge.

Mehr denn je zählen Leistung und Einsatz statt Hoffnung auf einen Staat, der selbst eine Verschlankung braucht.

Europäischer Exportschlager: Das größte Legoland der Welt steht seit 2025 nicht in Dänemark, sondern in Schanghai. Credit: Thomas Reiter

Das ist kein Grund für Pessimismus. Europa hat schon große Träume verwirklicht, und keiner davon war einfach oder unumstritten. CERN entstand 1954, neun Jahre nach dem Krieg, als zwölf Staaten ein gemeinsames Labor bauten, in dem Jahrzehnte später das World Wide Web erfunden wurde. Airbus startete 1970 als Konsortium gegen eine amerikanische Dominanz, die als unangreifbar galt, und lieferte 2025 mit 793 Maschinen mehr Verkehrsflugzeuge aus als Boeing mit 600.

Erasmus wurde 1987 erst nach langem Streit über Rechtsgrundlage und Finanzierung beschlossen, begann mit rund 3.000 Studierenden und hat seither mehr als zehn Millionen Menschen in einem anderen EU-Mitgliedstaat ausgebildet. Binnenmarkt und Währungsunion galten als zu groß zum Funktionieren, heute zahlen rund 360 Millionen Menschen in 21 Ländern mit derselben Währung, seit Jänner auch die Bulgaren.

Nicht die Aufgaben sind größer geworden, sondern unsere Bereitschaft kleiner, den Status quo zu verändern, uns festzulegen und unsere Zukunft aktiv zu gestalten. Jacques Delors legte 1985 ein Weißbuch mit 282 Einzelmaßnahmen vor und schrieb einen Stichtag hinein, den 31. Dezember 1992. Jede Maßnahme hatte einen Termin, und die Einheitliche Europäische Akte ersetzte für den Binnenmarkt die Einstimmigkeit durch Mehrheitsentscheidungen. Der Stichtag wurde bis auf wenige Ausnahmen gehalten.

Träume verwirklichen sich nicht durch Absichtserklärungen und Diskussionen, sondern durch Menschen, die täglich daran arbeiten und dafür geradestehen. Wir müssen es unseren Eltern und Großeltern nur gleichtun.


Über den Autor:

Thomas Reiter führt die Kommunikationsagentur Reiter, die auf Technologieunternehmen und Startups spezialisiert ist. Er bereist China seit 15 Jahren. www.reiterpr.com

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“