28.02.2024

Startup, Mutter, Kind: Eine Erzählung von „Rabenmüttern“

Stillend in Shareholder-Meetings oder Kuschelecke im Büro. Wie drei Mamas ihr Comeback in die Startup-Welt schaffen und warum sie deshalb keine Rabenmütter sind.
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(v.l.n.r.): Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens, Bernadette Frech, CEO von instahelp, Sandra Zima, Gründerin von Snagy (c) PelviQueens, instahelp, Sandra Zima

Dieser Artikel erschien zuerst in unserem aktuellen brutkasten-Printmagazin (Download-Möglichkeit am Ende des Artikels).


Eine blaurote Rutsche thront auf einer bunten Spieldecke. Ein leises Klingeln ertönt – eine Modelleisenbahn ist im Anmarsch. Judith Sacher, Unternehmerin und Physiotherapeutin, sitzt in einer bilderbuchähnlichen Atmosphäre. Neben ihr spielt eine Miniversion ihrer selbst. Ein leises Klappern am Parkettboden füllt den Raum. Seit August 2022 ist sie Mama. Wenige Wochen später war sie wieder back to business, knapp sechs Monate später gründete sie ihr Startup.

Bernadette Frech wurde als CEO Mama und Sandra Zima erschuf kurz nach der Geburt ihrer Tochter ein Startup. Beide sind ähnlich wie Sacher und doch anders im Unternehmerinnentum tätig. Und wissen, wie es geht.

Sacher, Frech und Zima haben eines gemeinsam: Familie, Startup-Gründung und Unternehmensführung schließen sich bei den drei Müttern nicht aus. Es geht um Adaption, Hilfestellung, Mindset und allgemein um eine moderne Unternehmenskultur, wie sie das Jahr 2024 auch verdient hat. Und schließlich geht es immer noch um das Aufbrechen von Klischees und die fälschliche Verwendung des Begriffs Rabenmutter.

Vom Wochenbett zur Gründung

Nach ihrer Erholungsphase im Wochenbett kehrte Judith Sacher in ihren Job zurück. Nun erzählt sie, warum sie am ursprünglichen Geburtstermin noch arbeitete, wie sie den Schritt zur Gründung knapp sechs Monate nach Entbindung wagte, warum man als Startup-Gründerin keine schlechte Mutter ist.

Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens (c) PelviQueens

Sacher ist Physiotherapeutin und lebt in Oberösterreich. Schon vor ihrer Schwangerschaft arbeitete sie selbstständig in ihrer eigenen Praxis – neben einer Fixanstellung. Ihre Arbeit erfüllt sie. Sonst wäre sie zum Geburtstermin ihres Sohnes nicht in ihrer Praxis gestanden: “Der hat sich nämlich um zwei Wochen nach hinten verschoben”, erinnert sich Sacher. “Und mir ging es so gut, also dachte ich mir, warum nicht?”

Sacher ist eine der vielen Unternehmer:innen, die sich häufig Kommentare wie “Dass du so schnell wieder arbeitest!” und “Du warst nur so kurz in Karenz?” anhören müssen. Doch Sacher weiß, dass man sich als frisch gebackene Mama trauen darf, bald wieder zur Arbeit zurückzukehren. Wie das geht? Am ehesten mit einem strikten aber gesunden Verhältnis zwischen Arbeit und Familie.

“Mein Sohn kam im August 2022 auf die Welt und im Februar darauf kam mir mit einer guten Freundin unsere Startup-Idee.” Judith Sacher und Magdalena Rechberger kennen sich aus dem Studium und arbeiten mit PelviQueens seit Februar 2023 an einer Aufklärungsplattform für Frauengesundheit.

Als Unternehmerin spricht sie ein Tabuthema an, das vielen jungen Familien häufig den Mut vor einer Unternehmensgründung nimmt: “Nur, weil man gerade frisch Mama oder Papa geworden ist und wieder Lust hat zu arbeiten, ist man keine Rabenmama”, erklärt Sacher. “Ich habe gemerkt, wie viel ausgeglichener ich bin, wenn ich arbeiten kann und nicht nur 24/7 Mama bin.”

Ich hab gemerkt, wie viel ausgeglichener ich bin, wenn ich arbeiten kann und nicht nur 24/7 Mama bin.

Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens

Frischgebackene Eltern, die ein Unternehmen führen, selbstständig sind oder über eine Gründung nachdenken, sollten ihren Traum nicht des Kindes wegen wegstecken, meint die Physiotherapeutin. “Mein Mann hat auch ein Startup und wir teilen uns unsere Arbeits- und Familienzeit gut ein. Das ist etwas, das wir in einem Angestelltenverhältnis so nicht machen könnten.”

Damit das Gründen und die Selbstständigkeit auch tatsächlich funktionieren, braucht es vor allem eines: Support. “Ohne meine Eltern und meinen Partner wäre das nicht möglich. Ich arbeite 35 bis 45 Stunden pro Woche und muss mir das gut einteilen. Dank der Unterstützung aus meinem Umfeld kann ich den Traum von meinem eigenen Startup leben und nebenher noch als Physiotherapeutin in meiner Praxis tätig sein.”

Der Plan ging auf, PelviQueens floriert: Im Rahmen des tech2b Inkubators ist bald der Launch eines Hardware-Produkts geplant. In den Köpfen der Gründerinnen schwirren weitere Pläne und für das Mama-Sein bleibt Zeit. “Man braucht Flexibilität und Support, das ist klar. Genauso braucht man aber auch den Willen, wieder selbstständig arbeiten zu wollen. Viele sehen ihre Berufung im Mama-Sein, viele im Unternehmerin-Sein, und viele in beidem”, so Sacher.

Wenn man was gefunden hat, das einem Spaß macht, dann sollte man keine Zeit verlieren und es umsetzen. Egal, in welcher Lebenssituation man sich befindet.

Judith Sacher, Co-Gründerin von PelviQueens

Als Mama darf man sich entfalten

“Alte Frauenbilder darf man als Gründerin nicht verfolgen. Man ist keine schlechte Mutter, nur weil man seiner Leidenschaft nachgeht und Erfüllung in seinem Beruf findet”, bestärkt Sacher. “Auch als Mama darf und soll man sich entfalten – und wenn man was gefunden hat, das einem Spaß macht, dann sollte man keine Zeit verlieren und es umsetzen. Egal, in welcher Lebenssituation man ist.”

In einer ähnlichen Lebenssituation befindet sich Bernadette Frech, CEO von instahelp. In einer, in der Schlaf Mangelware ist und man neue Methoden des Zeitmanagements finden muss, um den gewohnten Arbeitsalltag nicht komplett zu verlieren. Sie leitet seit 2018 das Mental-Health-Startup, das psychologische Beratung online anbietet.

Bernadette Frech, CEO von instahelp (c) instahelp

Seit 2021 ist sie zudem Beraterin des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort und arbeitete in der Arbeitsgruppe Gesundheit für die Entwicklung der Standortstrategie 2040 für Österreich mit. Instahelp selbst wurde 2019 beim 4gamechangers Festival zu Österreichs “Startup des Jahres” und von der WKO als “Born Global Champion” ausgezeichnet, 2020 bis 2024 auch zur deutschen Top Brand Corporate Health und erhielt 2021 den Digi Health Award.

Die CEO ist Mutter zweier Söhne, neun und zehn, die sie alleine aufgezogen hat; im Sommer 2023 kam noch ein Baby dazu. Bis auf die Pause im Mutterschutz hat sie ihr Startup nicht verlassen und ist aktuell geringfügig angestellt, wie sie mit sanfter Stimme erzählt, ihr dritter Sohn schlafend im Hintergrund liegend.

Stillend in Shareholder-Meetings

Frech saß bereits stillend bei Shareholder-Meetings, hat in ihrem Büro eine kleine Babyecke mit viel Spielzeug und Laufstall eingerichtet und, mit Weitsicht, vor ihrer Karenz mit Silvia Geier eine zweite Geschäftsführerin als COO bestellt.

Die Unternehmerin hat sich nie als “Stay at Home-Mum” gesehen und wurde vom rein männlichen Shareholder-Board bestärkt: “Ich war mir unsicher, ob ich der Rolle als CEO von instahelp für das Team, für unternehmerische Ziele, aber auch mit dem hohen Anspruch, den ich an mich selbst stelle, gerecht werde. Das Shareholder-Board und das Team haben mich bestärkt in der Rolle der CEO mit Baby zu bleiben.”

Also folgte sie nach der erwähnten Auszeit dem Ruf der Rückkehr und weiß heute: “Es ist (Anm.: in der Firma) wieder eine Aufgabe, eine eigene Rolle zu finden”, sagt sie. “Man ist nicht ‘full time’ da, man ist anders zurück.” Zur Unterstützung macht Frech ein Coaching, mit einer instahelp-Psychologin, bei dem sie sich in dem Prozess begleiten lässt. “Es ist ein wenig ein ‘loslassen’, man kann zwar sein Startup weiterführen, aber es muss anders sein. Dazu sind gute Rahmenbedingungen wichtig.”

In diesem Sinne hat die Europäische Investitionsbank (EIB) im November 2022 eine Studie “Warum es sinnvoll ist, Unternehmerinnen in Europa zu unterstützen” betitelt und darin belegt, dass Unternehmerinnen als Vorbilder für die Stärkung der Rolle der Frauen in der Wirtschaft einen wichtigen Beitrag zur Volkswirtschaft leisten.

Darin heißt es im Wortlaut: “Untersuchungen zeigen, dass frauengeführte Unternehmen mit größerer Wahrscheinlichkeit solide Managementmethoden – und mehr Leistungsindikatoren – anwenden und eher bereit sind, neue Produkte und innovative Lösungen einzuführen, nicht nur in der Europäischen Union, sondern weltweit. Frauen neigen auch eher dazu, den grünen Wandel zu unterstützen, auf die CO2-Emissionen zu achten und sich Ziele für Energieeffizienz zu setzen. Von Frauen geführte Unternehmen erzielen bessere Ergebnisse in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance, was die Bewertung ihrer Firmen und ihre Wahrnehmung durch Investoren und Kunden verbessert.”

Ich habe das Gefühl, dass man mit jedem Kind als Person flexibler wird.

Bernadette Frech, CEO von instahelp

Frech selbst fand ideale Rahmenbedingungen vor. Sie sagt: “Ich habe das Gefühl, dass man mit jedem Kind als Person flexibler wird. Ich glaube, was wichtig ist, ist dass, je flexibler man wird, so flexibel sollte man seine Organisation auch gestalten. Wir haben das Ziel, mit instahelp das familienfreundlichste Unternehmen in der Steiermark zu werden.”

Und dazu gibt es einige Methoden beim Grazer Startup: Neben flexiblen Arbeitszeiten, herrscht u.a. eine stark begrenzte Kernarbeitszeit vor, in der Meetings stattfinden müssen. Dazu gab es, wie Frech erzählt, ein klares Einverständnis von allen Beteiligten. Eltern, die die Eingewöhnungsphase im Kindergarten leidend durchstehen müssen, können auch remote von daheim arbeiten.

An dieser Stelle möchte die dreifache Mutter eine kleine Warnung aussprechen. Sie hat den Eindruck, dass “Mamas” in solchen Fällen von der Inanspruchnahme des Pflegeurlaubs zurückweichen und stattdessen lieber arbeiten, wenn sie es können. „Man muss hier auf den ‘mental load’ von Frauen achten und darauf schauen, dass man diese Möglichkeit im Unternehmen gut vorlebt. Da muss das ganze Management-Team dahinter sein”, sagt sie.

Als weitere Methodik auf Mitarbeiter:innen mit Kindern zu achten, erweist sich die Initiative “instahelp unter Palmen”. Jeder August ist bei uns komplett remote gestaltbar, Familien im Büro sind willkommen, für Kinder gibt es je nach Altersgruppe Spielzeug sowie ein Babynest für die ganz Kleinen.

“Sehr wichtig ist aber”, betont Frech, “den Kontakt mit Frauen in Karenz zu halten, damit diese nie ganz aus dem Betrieb fallen. Auch für die Mitarbeiterinnen ist es wichtig, da Arbeit für viele eine Säule im Leben darstellt. Wir geben die Möglichkeit, dass man mit Kind nicht alles ändern muss. Man kann zum Beispiel geringfügig weitermachen oder bei einfach bei Team-Events dabei sein. Damit man merkt, man wird vermisst und gebraucht. Und am Laufenden bleiben kann.”

Polizistin, Mutter, Gründerin

Sandra Zima, Gründerin von Snagy, einem Startup, das Kuschelsitzsäcke und Geburtskissen herstellt, ist seit 2005 bei der Polizei. Und wurde 2020 Mutter. Sie war vor ihrer Polizistinnenkarriere in der Elementarpädagogik tätig und widmet sich nun hauptberuflich dem Kinderschutz. Genauer, sie übernimmt die Vernehmungen von Kindern zwischen vier und 14 nach schweren Gewalthandlungen. Ihr Startup betreibt sie nebenher.

Sandra Zima, Gründerin von Snagy (c) Sandra Zima

“Die Affinität zu Kindern war bei mir immer schon gegeben”, sagt sie, “aber das Thema ‘Selbstständigkeit’ war ein langer Wunsch von mir.” So gründete sie im März 2022 Snagy und nahm eine Kollegin mit an Bord, die aktuell aber – aus Vereinbarkeitsgründen – nicht mehr dabei ist. Als Polizistin und Gründerin mit Kind ist Zima 24/7 im Einsatz und hat kein Problem, laufend erreichbar zu sein. Sie steht im Urlaub am Strand und telefoniert und kann – weil es die heutigen Zeiten zulassen – auch von überall aus arbeiten.

Meine Tochter wächst mit dieser Situation auf

Sandra Zima

Dabei ist ihr aber auch natürlich die mentale Komponente wichtig, mit der aktuell vierjährigen Tochter kann die Wienerin sich die Arbeitszeit so einteilen, wie sie es wünscht. “Meistens arbeite ich, wenn sie schläft und sitze in der Garage, fülle Kuschelwale und packe Kisten”, sagt sie. “Ein wichtiger Punkt ist, meine Tochter wächst mit dieser Situation auf und wird von mir eingebunden. Sie hat da einen anderen Bezug zu diesen Themen, als vielleicht andere Kinder.”

Als One-Woman-Show hat Zima nie wirklich mit diversen Hürden zu kämpfen gehabt, wie es andere Founderinnen haben, einzig die Undurchsichtigkeit im System ist ein Problemfall. Besonders wenn es um die Verbesserung von Rahmenbedingungen für Frauen als Unternehmerinnen mitten im Familienleben geht.

“Es gibt gar nicht so weit hergeholte Fragen, die schwer zu beantworten sind”, gibt sie ein Beispiel. “Ich habe ein Buch geschrieben, benötige ich dafür einen Gewerbeschein? Niemand konnte mir das sagen. Oder Fragen bei der Neuentwicklung von Produkten. Es war ein massiver Aufwand, um die richtigen Antworten zu erhalten.” Die Gründerin nennt ein paar Stellen wie riz up oder auch die WKO, bei denen sie Hilfe gefunden hat. “Aber es war die größte Herausforderung, die richtigen Plätze zu finden. In Sorge, durch Unwissenheit einen großen Fehler zu machen. Aber der Vorteil der heutigen Welt ist und bleibt, dass man sich die Antworten auf brennende Fragen selber holen kann.”

Egal ob bei Sandra Zima, Judith Sacher oder Bernadette Frech, die sich alle drei in unterschiedlichen Rollen und Phasen ihres Unternehmens befinden, eines wird nach Gesprächen mit den drei Founderinnen klar. Gründerinnentum und kleine Kinder ist kein diametrales Unterfangen mehr. Keine Utopie, die ein Dorf bedarf, um ein Kind zu erziehen. Und es muss auch nicht als übler Charakterzug gesehen werden, mit einem Kind arbeiten gehen zu wollen und die betreffende Person eine Rabenmutter zu nennen.

Rabenmütter sind keine Rabenmütter

Der Begriff Rabenmutter wird schon im Vorhinein inkorrekt verwendet. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) im Artikel “Rabenmütter sind keine Rabenmütter” beschrieb, sind die oftmals verschmähten Vögel vielmehr Vorbilder in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Kolkraben, die in lebenslanger Ehe zusammenhalten, kümmern sich geradezu aufopferungsvoll um ihre Jungen, heißt es darin. Und weiter: “Das Weibchen hudert (wärmt) sie in den ersten zwei Wochen nahezu ununterbrochen, zerkleinert das vom Männchen herangetragene Futter und füttert damit geduldig ihren Nachwuchs. Erst wenn die Brut satt ist, frisst es selbst.”

Was man aus diesen Zeilen mitnehmen kann, ist nicht bloß der Inhalt, der dort beschrieben wird. Ja, Raben haben einen zu Unrecht schlechten Ruf, was ihrer Federfarbe und der Mytholgie mitunter zu verdanken ist – das wirkliche Problem und Learning hier aber ist ein anderes.

Der FAZ-Artikel stammt aus dem Jahre 2005 und behandelte das Thema Vereinbarkeit und Beruf. 19 Jahre später ist es noch immer Thema und man muss erklären, dass Gründerinnen und Frauen in Karrieren, die Kinder in die Welt gesetzt haben, nicht automatisch “schlechte Mamas” sein müssen. Man muss darüber sprechen, wie man das Private gestaltet, um einerseits als Vorbild zu dienen, auf der anderen Seite um Kritikern, Zweiflern und misogynen Personen die Munition zu nehmen, wenn sie Wortschwalle ablassen mit vor Klischees triefenden Meinungen. Oder ihnen mitteilen, was Bernadette Frech zu sagen hat: “Wenn Frauen Kinder haben und gründen wollen, oder im Beruf bleiben, dann ist das möglich. Es ist 2024 möglich, das Unternehmen so zu gestalten. Es braucht schlicht nur gute Rahmenbedingungen.”

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Martin Ohneberg am World Venture Forum in Kitzbühel | (c) brutkasten

Beim World Venture Forum in Kitzbühel hielt Martin Ohneberg auf Einladung von Initiator Berthold Baurek-Karlic die Rede zum Gala-Dinner: über Europa im globalen Kontext. Seine Botschaft, die er im brutkasten-Gespräch wiederholt: Europa hat kein Ideen-, sondern ein Umsetzungs- und Kapitalproblem. Und: „Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation.“ In der Transformation bringe Warten nichts.

Ohneberg weiß, wovon er spricht. Der Vorarlberger Industrielle übernahm 2011 die HENN Gruppe und baute den Verbindungstechnologie-Spezialisten zum Nischen-Weltmarktführer bei Ladeluft-Schnellkupplungen für die Automobilindustrie aus – eine Position, die das Unternehmen bis heute hält. Während die Branche mitten in einer schmerzhaften Transformation steckt, richtet er seine Gruppe nun auf einen Megatrend aus, der von KI-Rechenzentren bis zu humanoiden Robotern reicht: Kühlung.

Im Gespräch mit brutkasten erklärt Ohneberg, warum Europa beim Thema Souveränität den letzten Moment erreicht hat, weshalb das Self-driving Car der echte Game Changer wird und was passieren muss, damit der Kontinent nicht zum reinen Anwender fremder Technologien wird.


brutkasten: In deiner Rede beim World Venture Forum hast du die Formel „Europe discusses, America decides, Asia acts“ aufgegriffen. Gleichzeitig läuft gerade die Debatte um Europas digitale Souveränität. Ist da ein Momentum?

Martin Ohneberg: Wenn Europa jetzt beim Thema Souveränität nicht aufwacht, wird es ganz schwierig. Ich glaube, es ist der letzte Moment. Das wurde erkannt, der Draghi-Report hat seinen Teil dazu beigetragen. Jetzt muss gehandelt werden. Die Frage ist: Haben wir noch eine Chance, das Ruder herumzureißen? Die Gefahr ist, dass wir vom Land der Innovation und der Produktion zum Land der Anwender werden. Und leicht wird das nicht: Kapital ist der Rohstoff der Zukunft. Wenn man sich den Börsengang von SpaceX anschaut, sind das Dimensionen, da können wir in Europa nicht mit. Wir haben tolle Ideen und viele tolle Startups. Aber wenn man anschaut, wo sie skalieren und wo sie das Geld holen, ist es dann doch Amerika.

Was muss auf europäischer Ebene passieren? Sollte die öffentliche Beschaffung etwa gezielt europäische Lösungen bevorzugen?

Man kann das leicht sagen, aber es ist diffiziler, als oft geglaubt wird. Unsere Abhängigkeiten sind in vielen Technologien und bei seltenen Erden inzwischen so groß, dass es extrem schwierig ist, sich stärker gegen andere Nationen aufzustellen. Dazu fehlt die Geschlossenheit: 27 Länder, jeder agiert selbst, Frankreich anders als Deutschland. Natürlich macht es Sinn, die europäische Wirtschaft stärker zu schützen. Aber die eigentlichen Probleme liegen tiefer: Wir haben keinen einheitlichen Kapitalmarkt, weshalb das Geld, das in Europa durchaus vorhanden ist, hauptsächlich nach Amerika geht. Die Bürokratie ist überbordend. Und wir müssen wegkommen von den Überschriften, ob das jetzt Green Deal heißt oder Industrial Acceleration Act, und in die Umsetzung kommen. Europa ist prädestiniert für tolle Strategien und Visionen. Am Ende mangelt es an der konsequenten Umsetzung.

Woran scheitert die?

Wir haben tolle Universitäten, Innovationen, eine starke Industrie. Aber wir bringen es nicht auf die Straße, weil Europa ein zu komplexes Gebilde ist. Allein die Geschwindigkeit: Bis etwas durch Parlament und Kommission ist, vergehen im Schnitt rund 18 Monate. Bis es in Kraft tritt, reden wir von zwei, drei Jahren. Wir sind aber in einer Zeit angekommen, in der Speed der Key ist. Es passieren ja Dinge, aber sie passieren halt außerhalb Europas. Das ist eigentlich das Thema. Die Konsequenz: Bei uns wird gegründet und entwickelt, skaliert wird in Amerika. Und dann importieren wir die Produkte wieder, die wir selbst erfunden haben.

Du bist mit HENN Zulieferer der Automobilindustrie. Bei VW und anderen ist enormer Druck im System. Wie nimmst du die Lage wahr?

Das, was jetzt in Europa passiert, ist meiner Ansicht nach erst der Beginn. Da wird noch mehr kommen. Vor ein paar Jahren hat man für diese Zeit von 125 Millionen produzierten Autos weltweit gesprochen, wir sind jetzt bei rund 90 bis 92 Millionen. Global wird wenig Wachstum vorhanden sein, dafür kommt ein massiver Verdrängungswettbewerb zwischen den Regionen, der nach aktuellem Stand zugunsten Asiens ausgehen wird. Wichtig ist mir die Unterscheidung: Wir reden nicht von einer Krise, sondern von einer Transformation. Eine Krise geht vorbei, ob Corona, Suezkanal oder Energiepreise. Die Transformation bleibt. In der Krise kannst du durchtauchen, in der Transformation bringt Warten nichts. Du musst handeln und gestalten.

Du siehst den nächsten großen Schub bei Self-driving Cars. Warum ausgerechnet dort?

Weil sich die Mobilität damit noch einmal fundamental verändert. Beim E-Auto ist der Customer Benefit de facto der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Das ist ideologisch, ob das ein riesiger Kundenvorteil ist, kann man diskutieren. Das Self-driving Car hat den echten Customer Benefit: Ich muss nicht mehr selbst fahren und kann jederzeit einsteigen. Wenn man sich anschaut, was Waymo, Huawei und andere schon auf der Straße haben und welche Datenmengen dort täglich generiert werden, kann man sich vorstellen, wie schnell das gehen wird. Für die Zulieferindustrie heißt das: extreme Standardisierung und Konsolidierung. Autos werden modular. Man kauft künftig ein „Skateboard“ mit vier Rädern, Batterie und integrierter Software, das Self-driving-Modul wird eingeschoben wie früher das erste Navi ins Auto. Und es wird die Foxconns geben, die das komplette Modul fertigen.

Wie stellt sich HENN darauf ein?

Wir kommen aus einer Nische, in der wir bis heute Weltmarktführer sind, der Ladeluft, und transformieren uns in einen Markt, der groß, aber extrem kompetitiv ist. Wir sind de facto in einem Red Ocean unterwegs. Deshalb richten wir die Gruppe stark auf den Megatrend Kühlung aus. Überall, wo verstärkt Elektrizität eingesetzt wird, braucht es Kühlung, und künftig immer öfter Wasserkühlung, weil die Leistungen so hoch sind. Die Rechenzentren, die jetzt gebaut werden, müssen alle wassergekühlt werden. Das ist unser Heimspiel: Da haben wir erste Anwendungen, Prototypen und intensive Gespräche. Dazu kommen Renewables wie Windkraft. Und humanoide Roboter, die aktuell noch luftgekühlt sind, künftig aber ebenfalls wassergekühlt werden müssen.

Stichwort Humanoide und Physical AI: Hat Europa dort überhaupt eine Chance?

Die Voraussetzungen wären da: Wir haben die Ingenieure, die klassische Industrie, hohe Innovationstätigkeit. Und die Notwendigkeit ist hundertprozentig gegeben: Demografisch müssen wir in Automatisierung und Robotik investieren, Punkt. Aber aktuell passiert wieder fast alles außerhalb Europas. Wenn Europa Souveränität ernst nimmt, muss spätestens bei den Humanoiden sichergestellt sein, dass es ein europäisches Produkt gibt, weil der Vergleich zum Menschen so nahe ist. Wenn China, die USA oder andere unsere Humanoiden in den Produktionshallen steuern, weiß ich nicht, ob das so angenehm ist. Es gibt positive Schritte wie die große Finanzierungsrunde von Neura Robotics mit Partnern wie Bosch und Schaeffler. Aber das Kapital fließt insgesamt wiederum nicht nach Europa. Die große Frage wird sein: Wie hoch ist unser Wertschöpfungsanteil? Dass wir anwenden werden, davon bin ich überzeugt. Ob wir ein eigenes Ökosystem aufbauen können, das entscheidet sich jetzt.

Zum Abschluss: Was gibst du Gründer:innen mit, die jetzt starten?

Es gibt nichts Besseres, als Unternehmer zu sein. Das ist die Champions League der Wirtschaft. Es kann jeder Unternehmer werden. Man braucht den Mut zu sagen: Jetzt mache ich den Sprung. Und dann Konsequenz. Aber es muss klar sein: Eine Unternehmerkarriere hat immer Höhen und Tiefen. Der Unternehmer ist der Einzige, der wirklich Risiko nimmt. Er ist bis zum Schluss auf dem Schiff.

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