01.07.2025
STATISTIK

Startup-Investments in Österreich: Bescheidenes erstes Halbjahr 2025

Eine Auswertung der Investment-Runden in Österreich, über die brutkasten berichtete, zeigt einen massiven Rückgang beim investierten Volumen.
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Nur Emmi AI (l.) und Mavoco (r.) konnten im ersten Halbjahr achtstellige Finanzierungsrunden abschließen | (c) Emmi AI / Mavoco
Nur Emmi AI (l.) und Mavoco (r.) konnten im ersten Halbjahr achtstellige Finanzierungsrunden abschließen | (c) Emmi AI / Mavoco

„2024 war ein Jahr des Rückgangs – sowohl im Investitionsvolumen, als auch in der Anzahl der Runden“, schrieb brutkasten Ende des Vorjahrs zur Veröffentlichung des EY „Start-up Barometer“. Selbiger ist für das erste Halbjahr 2025 in den kommenden Tagen zu erwarten. Und er dürfte die nächste Hiobsbotschaft bringen. Das legt eine Auswertung jener Investmentrunden für Österreichische Startups und Scaleups nahe, über die brutkasten in den ersten sechs Monaten des Jahres berichtete.

Genau 55 Investmentrunden in Österreich wurden von brutkasten im ersten Halbjahr erfasst – ganz genau so viele wie im ersten Halbjahr 2024. Eine genaue Feststellung oder auch nur eine qualifizierte Schätzung des Gesamtvolumens dieser Finanzierungsrunden, wie sie etwa von EY halbjährlich vorgenommen wird, ist auf Basis der brutkasten-Berichte aus zumindest zwei Gründen nicht möglich: Erstens werden nicht alle Investment-Runden medial kommuniziert, zweitens werden häufig keine oder nur vage Angaben zur Investment-Höhe gemacht, etwa „sechsstellig“ oder „in Millionenhöhe“.

Vermutlich massiver Einbruch beim Gesamtvolumen

Somit kann auf Basis der brutkasten-Berichte nur eine grobe Größenordnung ermittelt werden. Eine sehr vorsichtige Berechnung – nicht bezifferte „sechsstellige“ Investments werden mit 100.000 Euro angenommen, „siebenstellige“ mit einer Million Euro – ergibt für die von brutkasten erfassten Investmentrunden ein Gesamtvolumen von knapp unter 100 Millionen Euro. Die tatsächlich investierte Summe liegt also mit großer Sicherheit über 100 Millionen Euro. Da gerade bei den größten Investment-Runden aber konkrete Summen bekannt sind, ist nicht von einem eklatant höheren Gesamtbetrag auszugehen.

Das würde einen massiven Einbruch im Vergleich zum Vorjahr bedeuten. Im ersten Halbjahr 2024 kam EY in seiner Kalkulation auf ein Gesamtvolumen von 298 Millionen Euro, wie brutkasten berichtete. Mehr als zwei Drittel dieser Summe entfielen dabei auf die fünf größten Investments in diesem Halbjahr. Und die waren allesamt größer als das höchste Investment, das brutkasten nun im ersten Halbjahr 2025 erfasste. Besonders herausstechend waren vor einem Jahr die Investments für Storyblok (80 Mio. US-Dollar) und Prewave (63 Mio. Euro). Diesen Jahr blieben derartige Mega-Runden über 50 Millionen Euro bislang zur Gänze aus.

Siebenstellige Investments überwiegen

Das größte Investment konnte sich im April Emmi AI mit 15 Millionen Euro sichern, gefolgt von Mavoco im Februar mit elf Millionen Euro und Quantum Industries im März mit zehn Millionen US-Dollar (9,5 Millionen Euro). Es folgt eine Reihe größerer siebenstelliger Investments. Generell kommen siebenstellige Investments in diesem Jahr mit 47,3 Prozent auf den größten Anteil unter den 55 von brutkasten erfassten Finanzierungsrunden.

Der investmentstärkste Monat war laut brutkasten-Auswertung der Februar mit 14 erfassten Finanzierungsrunden, gefolgt vom März mit zehn und dem Mai mit neun.

„Gender Investment Gap“ zeichnet sich klar ab

Beim Geschlechterverhältnis der Gründungsteams zeigt sich einmal mehr der „Gender Investment Gap“. Mehr als zwei Drittel aller erfassten Finanzierungsrunden gingen demnach an Gründungsteams aus mehreren Männern, gefolgt von 16,4 Prozent an männliche Einzelgründer. Gemischtgeschlechtliche Teams schlossen 14,5 Prozent der Runden ab, zudem scheint eine einzige Einzelgründerin in der Statistik auf – Ewa Lenart mit dem PropTech-Startup Howie. Reines Frauenteam mit Investment gab es in diesem Halbjahr kein einziges.

Ein zu erwartend ungleiches Verhältnis gibt es auch bei der Verteilung der 55 Investmentrunden über die Bundesländer. Mehr als 60 Prozent der Finanzierungsrunden – konkret 34 – im ersten Halbjahr gingen demnach an Startups in Wien, gefolgt von Oberösterreich und der Steiermark mit je fünf erfassten Kapitalrunden. Die beiden größten Investmentrunden – für Emmi AI aus Linz und Mavoco aus Eisenstadt – waren dafür im ersten Halbjahr nicht in der Bundeshauptstadt zu finden.

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Eustella-CEO Matteo Rosoli | (c) AI Factory Austria AI:AT/Arman Rastegar
Eustella-CEO Matteo Rosoli | (c) AI Factory Austria AI:AT/Arman Rastegar

Prominente Investoren wie Hansi Hansmann, Hermann Futter und die 3VC-Gründer Peter Lasinger und Roman Scharf im Publikum, Bitpanda Co-Founder Christian Trummer und Emmi-Co-Founder Johannes Brandstetter – mittlerweile Vice President AI for Science bei Mistral AI – auf der Bühne: Das Launch-Event des Wiener Startups Eustella in der AI Factory Austria AI:AT zog diese und noch weitere Größen der heimischen Innovationsszene an. Der Plan des Unternehmens geht aber weit über die Landesgrenzen hinaus: Man will KI-Nutzer:innen in ganz Europa überzeugen.

„Es gibt mehr als 130 Millionen aktive AI-User in Europa, aber kaum europäische Alternativen, vor allem nicht für Konsumentinnen und Konsumenten und vor allem nicht im Agent-Bereich“, sagt CEO Matteo Rosoli beim Launch-Event. Der KI-Experte – übrigens ein Absolvent des High-Potential-Programms der Wiener HTL Spengergasse – hat das Unternehmen gemeinsam mit Alexander Maitz, Jakob Steinschaden und Bastian Kellhofer gegründet. Das Konzept: Ein Agentic-AI-Angebot, das mit den US-Riesen mithalten kann, aber zu 100 Prozent in Europa gehosted ist – etwa bei Ionos in Berlin oder Scaleway in Paris.

Fable-5-Sperre „Spitze des Eisbergs“

„Die Sperre von Anthropics Fable 5 war nur die Spitze des Eisbergs der Souveränitäts-Thematik in Europa“, meint Rosoli. Souveränität sei zu einer Frage der Business Continuity und damit zu einer Frage des Überlebens für europäische Unternehmen geworden. Unter anderem wegen der Regulatorik, die, wie der CEO betont, „auch einen guten Zweck“ habe, würden europäische Lösungen vielfach hinter amerikanischen und asiatischen hinterherhinken. Das wolle man ändern: „Wir wollen nicht die europäische Software sein, die nicht so gut funktioniert und nicht so viel Mehrwert bringt. Wir wollen wirklich eine europäische Alternative sein.“

Orchestrierung entscheidend

Dabei baut Eustella kein eigenes KI-Modell, wie es etwa Mistral in Frankreich macht. Das Wiener Startup setzt auf verschiedene Open-Source-Modelle – nicht nur von Mistral, sondern auch von US-Anbietern wie Google und OpenAI. „Entscheidend ist die Orchestrierungsebene“, erklärt Rosoli. Diese „Agent Orchestration“ treffe eine smarte Auswahl, welche Modelle für welchen Zweck optimal passen und halte damit auch den Token-Verbrauch gering. Kombiniert wird das mit einem Mobile-First-Ansatz auf Nutzer:innen-Seite – Stichwort: „Agent in a pocket“.

Kompetitive Preise

Preislich will Eustella nicht nur mithalten, sondern gibt sich kompetitiv: Neben einer stark eingeschränkten Free-Version gibt es Angebote um sechs, 18 bzw. 90 Euro monatlich. „Jeder Anbieter kann kompetitive Preise anbieten. Wir machen das ganz bewusst aus Europa heraus. Der Preis rechnet sich aber auch für uns“, sagt der Gründer. Mit dem 18-Euro-Modell könne man etwa schon „richtig schön ein, zwei große Agents laufen lassen.“

„Beschäftigen uns 50 Prozent unserer Zeit mit AI-Safeguards und Themen wie Prompt Injections“

Das zweite große Verkaufsargument ist Sicherheit: „Die Daten sind bei Eustella sicher. Anders als bei den amerikanischen und asiatischen Anbietern braucht man sich keine Sorgen machen, dass etwas an Werbeanbieter verkauft wird“, sagt der Gründer. Für Sicherheit wolle man aber natürlich auch auf technischer Ebene sorgen. „Wir beschäftigen uns 50 Prozent unserer Zeit mit AI-Safeguards und Themen wie Prompt Injections. Deswegen releasen wir unsere Funktionen auch Schritt für Schritt, um gar keine Angriffsflächen zu ermöglichen“, so Rosoli.

Partnerschaften mit Bitpanda und Geizhals

Abgerundet werden soll das Angebot durch sogenannte Daten-Partnerschaften. Solche gibt es bislang mit dem Wiener Krypto-Unicorn Bitpanda, das über eine Schnittstelle aktuelle und zuverlässige Daten zum Krypto-Markt liefern soll, und mit dem Wiener Portal Geizhals, das valide Preisvergleichsdaten einspeist. Bitpanda-Co-Founder und Chief Scientist Christian Trummer sieht in der Partnerschaft aber noch mehr Potenzial: „Wir erwarten uns sehr viel von Eustella. Agentic Finance ist bei uns ein Riesen-Thema und in der Finanzbranche sind immer Vertrauen und Zuverlässigkeit wichtig.“ In Zukunft wolle man „die Finanzplattform für Agents“ sein. „Eustella ist hier der perfekte Partner für uns“, so der Bitpanda-Gründer.

Bitpanda-Co-Founder Christian Trummer (l.) neben Phillip Maasberg von Ionos | (c) AI Factory Austria AI:AT/Arman Rastegar

„Schauen einmal, dass die Server den Zuwachs an Usern überleben“

Bis dahin liegen aber noch einige Schritte vor dem Wiener Startup. „In den nächsten paar Tagen schauen wir einmal, dass die Server den Zuwachs an Usern überleben“, sagt Rosoli. „Dann werden wir Stück für Stück die Agent-Funktionalitäten aufbauen – dabei gibt es verschiedene Sicherheitsstufen.“ Schon bald soll Eustella etwa voll autonom kleine Essensbestellungen abwickeln können. Für davor gibt aber Co-Founder Jakob Steinschaden das erste konkrete Ziel aus: „Es wäre super, wenn wir im App-Store auf Platz eins landen.“

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