30.08.2018

Die 10 wichtigsten deutschen Startup-Events für österreichische Founder

Bald startet in Deutschland die Startup-Event-Saison. Wir stellen euch die zehn wichtigsten Veranstaltungen der nächsten Monate vor, die auch für österreichische Startups relevant sind.
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(c) NEXT: Hier wird über die digitale Wirtschaft gesprochen - Startup-Events Deutschland
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Eine Expansion nach Deutschland ist der erste Schritt für viele österreichische Startups, wenn sie sich in den internationalen Bereich ausbreiten wollen. Deswegen ist es gut, dort möglichst viele Kontakte zu knüpfen. In den kommenden Monaten gibt es viele Gelegenheiten dafür. Hier eine Auswahl der zehn wichtigsten Startup-Events in Deutschland, auf denen sich auch jeder österreichische Gründer blicken lassen sollte.

+++ Zum brutkasten Event-Kalender +++

1. Dmexco, 12./13. September, Köln

Seit vielen Jahren treffen sich auf der Dmexco in der Stadt am Rhein jene Entscheider aus der digitalen Wirtschaft, die sich mit dem Thema Vermarktung und Werbung innerhalb der Szene beschäftigen. Das Motto der diesjährigen Dmexco lautet „Take C.A.R.E.“ – letzteres steht dabei für „Curiosity – Action – Responsibility – Experience“. Die zwei-tägige Messe beschäftigt sich daher in diesem Jahr überwiegend mit neuen Technologiestandards von Smart Data bis Künstlicher Intelligenz und den Möglichkeiten, die sich daraus für Marketing und Werbung ergeben.

Warum sollte ich da hingehen? Vor allem für Vermarkter ist die Dmexco eines der führenden Events. Nach einem Wechsel der Organisatoren richtet sich die Messe wieder stärker an die „jungen Wilden“. Auch viele weitere Dienstleister tummeln sich in Köln auf der Veranstaltung.

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2. NEXT, 20./21. September. 2018, Hamburg

Vor elf Jahren startete die NEXT als Zukunftskonferenz in Hamburg, bevor sie 2010 nach Berlin umsiedelte. Im vergangenen Jahr kehrte sie zurück an ihren Ursprungsort. Gemeinsam mit internationalen Vordenkern werden die großen Fragen gestellt, z.B. wie bessere digitale Produkte und damit eine bessere digitale Zukunft aufgebaut werden können. Hierzu finden Keynotes und interaktiven Workshops statt.

Warum sollte ich da hingehen? Die NEXT findet parallel zum Reeperbahnfestival in Hamburg statt. Alleine das ist schon eine Reise wert, denn hier treffen sich vier Tage lang führende Köpfe der Musikwirtschaft. In der ganzen Stadt finden große und kleine Clubkonzerte statt. Auf dem Festival findet an einem der vier Tage ein Startup-Pitch für noch sehr junge Startups statt. Next und Reeperbahnfestival sind eine gute Kombination: Tagsüber Konferenz, abends feiern.

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3. Bits & Pretzels, 30. September – 2. Oktober, München

Innerhalb der vergangenen vier Jahre hat sich die Bits & Pretzels von einem kleinen, lokalen Netzwerkevent zu einem der wichtigsten Termine im Kalender aller Startup-Gründer etabliert. Rund 5000 Gäste kommen in der Zeit des Oktoberfestes nach München. Drei Tage referieren etablierte Gründer über ihre Geschäftsmodelle und geben wichtiges Know-how aus ihrem Unternehmerleben weiter. Parallel präsentieren sich Startups und Dienstleister dem Publikum. Vor allem in den letzten beiden Jahren folgten darüber hinaus auch Prominente aus Sport und Film der Einladung nach München.

+++ Bits & Pretzels: Philipp Lahm über seinen Einstieg als Startup-Investor +++

In diesem Jahr haben z.B. Nico Rosberg (Formel1-Rennfahrer), Jan Böhmermann (dt. TV-Moderator) oder Tarana Burke (Begründerin der #MeToo-Bewegung) ihr Kommen zugesagt. Ein wichtiger Bestandteil der Konferenz ist zudem der Besuch auf dem Oktoberfest. Im Festzelt Schottenhamel treffen sich die Teilnehmer an Biertischen, die von so genannten Table Captains thematisch begleitet werden. Nach dem „First-Come-First-Serve“-Prinzip können die Besucher bereits im Vorfeld auswählen, mit welchem sie am Tisch sitzen möchten.

Warum sollte ich da hingehen? Auf keiner anderen Veranstaltung in dieser Jahreszeit treffen sich so viele unterschiedliche Akteure aus der Branche aus der Region DACH. Zeitgleich sind viele internationale Journalisten vertreten, die ihrerseits auf der Suche nach neuen, spannenden Kontakten sind. Außerdem ist der Abschluss im Festzelt ein riesen Spaß. Bei zünftiger Blasmusik und Hax’n lässt sich gleich noch einmal so gut networken und Geschäfte machen.

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4. TechCrunch Disrupt, 29./30. November 2018, Berlin

Als Ausgründung des führenden Magazins für die digitale Branche, TechCrunch, versammeln sich auf der zwei-tägigen Konferenz Disrupt in Berlin vor allem sehr innovative Visionäre der Branche. Im Mittelpunkt des Startup-Events stehen junge Unternehmen und ihre Konzepte. Auf der „Startup Alley“ bekommen hunderte von Early Stage Startups die Möglichkeit, ihre Ideen, Talent und Technologie zu präsentieren. Dabei können sie sich mit BesucherInnen, InvestorInnen und der Presse vernetzen. BesucherInnen andererseits erhalten die Gelegenheit, die Player von morgen kennenzulernen. Auf der Disrupt versammeln sich Unternehmer, Investoren, Hacker und Tech-Fans für Interviews auf der Bühne.

+++ Disrupt Berlin 2018 mit “Battlefield” für die Player von morgen +++

Gleichzeitig findet der Startup Battlefield Wettbewerb statt, für den sich internationale Unternehmen bewerben konnten. Zu gewinnen gibt es ein Preisgeld von 50.000 US-Dollar und jede Menge Aufmerksamkeit von Medien und InvestorInnen. Alumni des Startup Battlefields (der weltweiten Events) konnten insgesamt bereits über acht Milliarden US-Dollar Kapital aufstellen und legten über 100 Exits hin.  Die TechCrunch Disrupt ist einer von mehreren Ablegern des Haupt-Events in San Francisco.

Warum sollte ich da hingehen? Für Gründer mit großen Visionen und innovativen Ideen ist die Disrupt ein wichtiges Event, um Gleichgesinnte zu finden und neue Geschäftsmodelle kennen zu lernen. Nirgendwo erhält man besser einen Eindruck davon, was technisch alles möglich ist. Viele internationale Journalisten sind vor Ort und Tech-Investoren sind auf der Suche nach neuen Investments.

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5. Internet World, 12./13. März 2019, München

Für Gründer und Unternehmer, die im Bereich Online-Handel, Logistik und Payment tätig sind, ist die Konferenz ein alljährliches Muss. Zwei Tage lang präsentieren sich auf Deutschlands größter E-Commerce Messe neueste Trends, Technologien, Experten und zahlreiche Highlights rund um die Themenbereiche. Parallel zur gut besuchten Messe finden Panels und Diskussionen auf vielen verschiedenen Bühnen gleichzeitig statt.

Warum sollte ich da hingehen? Die Messe ist sehr spezialisiert, gerade deshalb ist sie ein guter Ort, um mit Branchenvertretern ins Gespräch zu kommen.

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Galerie: Die 10 wichtigsten Startup-Events in Deutschland

6. Startup Camp Berlin, Frühjahr 2019

Jeder fängt einmal klein an und stellt sich die Fragen „Wie gründe ich richtig?“, „woher bekomme ich mein Startkapital?“, „wie rekrutiere ich meine ersten Mitarbeiter?“ und „wann ist der richtige Zeitpunkt, um auf mich aufmerksam zu machen?“ etc. Diese und viele weitere Fragen werden auf dem Startup Camp in Berlin erörtert. Die zwei-tägige Veranstaltung, organisiert vom Bundesverband Deutsche Startups, richtet sich vor allem an junge Gründer, die noch sehr am Anfang ihres Unternehmertums stehen.

+++ Startup Camp Berlin: “Schnellste Lernkurve für Einstieg im deutschen Markt” +++

Neben dem Konferenzgeschehen finden parallel so genannte Fokus Camps statt, die von Experten zu bestimmten Themen kuratiert werden. Auf dem Pitch Marathon bekommen Start-upper die Gelegenheit, erste Pitch-Erfahrung zu sammeln und dabei sogar den ersten Investor von sich zu überzeugen. Wichtiger Bestandteil des Startup-Events ist auch das Investoren Speed-Dating.

Warum sollte ich da hingehen? Vor allem für junge, noch unerfahrene Gründer ist das Startup Camp der ideale Ort, um notwendiges Gründungswissen zu sammeln . Rund 1200 Teilnehmer kommen hier zum Erfahrungsaustausch zusammen und Branchengrößen geben ihr Wissen an die jungen Kollegen weiter. Zudem sind erfahrungsgemäß viele Investoren vor Ort, die Erfolg versprechenden Business-Modellen mit Rat und Tat und manchmal auch mit einem ersten Investment zur Seite stehen wollen.

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7. Online Marketing Rockstars, 7./8. Mai 2019, Hamburg

Es ist das Stelldichein der Marketingbranche: Seit Jahren kommen Tausende Werber aus der ganzen Welt nach Hamburg, um sich beim Online-Marketing-Rockstars-Festival (OMR) über die Trends der eigenen Zunft zu informieren. Mit rund 40.000 Besuchern gehört das OMR Festival zu einer der deutschlandweit einflussreichsten Veranstaltungen. Eingeladen sind vor allem bekannte Namen internationaler Großkonzerne und Online-Prominenz. Neben dem Festival präsentieren große Aussteller ihre Marketingprodukte. Zeitgleich finden so genannte thematisch ausgerichtete Masterclasses zu Fragen der Branche statt.

+++ Streaming, Gaming & Vermarktung bei Online Marketing Rockstars +++

Warum sollte ich da hingehen? Weil auch der Norden feiern kann! Zwei Tage trifft sich dort ein Großteil der deutschen Startup Szene. Allerdings sollten bereits im Vorfeld Termine ausgemacht sein. Der Event ist zu groß, um sich „einfach so“ über den Weg zu laufen.

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8. Re:publica, 6.-8. Mai 2019, Berlin

Die re:publica beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Themen aus dem Web 2.0, darin speziell mit Weblogs, sozialen Medien und digitaler Gesellschaft. An drei Tagen werden in Vorträgen und Workshops verschiedenste Themenfelder behandelt, von Medien und Kultur über Politik und Technik bis zu Entertainment.

Warum sollte ich da hingehen? Die Arena in Berlin bietet viele Möglichkeiten fürs Netzwerken und Austauschen. Hier treffen sich vor allem Menschen, die sich kritisch mit dem Treiben und Wirken der digitalen Revolution auseinandersetzen wollen. Jahr für Jahr gelingt es den Organisatoren, hierfür Köpfe einzuladen, die sich dem Thema vor allem akademisch nähern.

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9. NOAH Berlin, 13./14. Juni 2019, Berlin

Als Ableger der NOAH in London startete vor wenigen Jahren die NOAH Berlin. Seither lohnt sich der Flug in die britische Hauptstadt eigentlich kaum mehr, denn im Berliner Tempodrom treffen sich CEOs etablierter Unternehmen, Führungskräfte und Investoren. Gleichzeitig können sich Startups auf der Startup Stage präsentieren und ihr Business-Modell vorstellen. Es hört mehr als nur ein Investor dabei zu.

Warum sollte ich da hingehen? Die NOAH Berlin besticht vor allem mit ihren internationalen Teilnehmern. Gerade für Startups, die schon zwei Schritte weiter sind und nun auf der Suche nach belastbaren, internationalen Kontakten sind, sind hier richtig!

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10. Tech Open Air (TOA), voraussichtlich Juni 2019

Das TOA ist eines der bekanntesten und zuschauerstärksten Tech-Festivals Europas. Angesiedelt an der Nahtstelle zwischen Technologie, Musik, Kunst und Wissenschaft haben die Veranstalter sich der Mission verschrieben, Vertreter dieser Disziplinen zusammenzubringen und den Austausch untereinander voranzutreiben. Darüber hinaus bietet das TOA Startups, Corporates sowie Branchenexperten eine Bühne, zukunftsweisende Trends vorzustellen und zu diskutieren. Besonders interessant sind die unzähligen Side-Events, die parallel stattfinden. Berliner Unternehmen, Startups, Forschungseinrichtung und digitale Initiativen laden zu sich ein: zu 3D-Druck-Workshops, Rooftop-Yoga bis hin zu Afterwork-Parties.

Warum sollte ich da hingehen? Mit rund 20.000 Teilenehmern (2018) ist die TOA eines der größten Events ihrer Art in Deutschland. Meist ist das Wetter in Berlin dann schon so gut, dass das Event schnell Festivalcharakter bekommt. Und während in Berlin Mitte die Tore der Unternehmen geöffnet sind, ist lohnt sich der Besuch des Veranstaltungsortes allein schon wegen der Atmosphäre – kaum ein anderer Ort in Berlin ist so geeignet für ein Event wie das ehemalige DDR-Funkhaus in der Nalepastraße.

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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