15.05.2026
INTERVIEW

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

Benjamin Levit, Co-Founder und CEO der Ratingagentur Bluechip, schildert im Interview mit brutkasten die Entwicklung von Stablecoins. Er analysiert den Krypto-Standort Wien und warum Stablecoins Visa und Mastercard herausfordern.
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Bluechip-CEO Benjamin Levit
Bluechip-CEO Benjamin Levit | Foto: brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 „Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Kryptowährungen und die etablierte Finanzwelt stehen seit Jahren in einer wechselhaften Beziehung. In ihren Ursprüngen waren viele in der Krypto-Szene mit einer Anti-Establishment-Haltung angetreten, die sich auch gegen die Bankenlandschaft richtete. Doch spätestens im Bullenmarkt 2017 war die Hoffnung auf „institutional adoption“, also den Einstieg traditioneller Finanzakteure in den Kryptobereich, ein großer Kurstreiber. Mit der Zulassung von Bitcoin-ETFs in den USA Anfang 2024 kam der nächste Meilenstein.

Zuletzt ist allerdings wieder ein anderes Krypto-Thema in der etablierten Finanzwelt in den Mittelpunkt gerückt: Stablecoins – also Kryptowährungen, deren Kurs 1:1 an im Regelfall klassische Währungen wie den US-Dollar oder andere Referenzwerte gekoppelt ist. Der Wiener Benjamin Levit gehörte bereits 2023 zu den Gründern der ersten Ratingagentur für Stablecoins und führt sie als CEO. Mittlerweile hat Bluechip seinen Sitz nach Wien verlegt und im vergangenen Herbst hier gemeinsam mit der Raiffeisen Bank International (RBI) eine große Konferenz zum Thema veranstaltet. Im brutkasten Interview spricht Levit über die Entwicklungen in der Stablecoin Landschaft, das zunehmende Interesse von Banken wie Politik und erklärt, warum Österreich als Krypto Standort derzeit so gefragt ist.


brutkasten: Du beobachtest die Stablecoin-Landschaft schon länger. Wo stehen wir 2026?

Benjamin Levit: Ich würde es so beschreiben: Stablecoins haben gewonnen. Sie haben das erreicht, was sie eigentlich schon immer wollten, nämlich dass die Transfer- und Handelsvolumina auf einem Level sind, das man mit Visa und Mastercard vergleichen kann. In den letzten zwölf Monaten im Jahr 2025 haben Stablecoins sogar mehr Handelsvolumen erzeugt als Visa oder Mastercard jeweils für sich.

Man muss dazu natürlich sagen, dass Stablecoins zu einem großen Teil für das Krypto-Trading genutzt werden, was man nicht eins zu eins mit dem klassischen Händler-Käufer-Handel bei Kreditkarten vergleichen kann. Aber es geht ganz stark in die Richtung, dass sie immer mehr für normale Zahlungen verwendet werden.

Jetzt, wo Stablecoins wirklich in der traditionellen Finanzwelt angekommen sind und Banken eigene Stablecoins herausbringen, integrieren und ihren Nutzern anbieten, sehen wir gerade den Beginn einer neuen Ära.

Wenn man vom Use Case Krypto-Trading absieht: Welche Anwendungsmöglichkeiten siehst du aktuell in der realen Welt und wie entwickelt sich das?

Eine große Anwendung ist schlicht das Thema Inflation. In den letzten fünf Jahren ist vielen Menschen viel bewusster geworden, was Inflation bedeutet. Mehr Menschen befassen sich damit, dass es nicht immer die beste Wahl ist, in der staatlichen Währung zu bleiben, und suchen nach Wegen, ihr Geld anders anzulegen.

Hier bieten Stablecoins eine riesige Möglichkeit – vor allem, wenn sie nicht nur durch staatliche Währungen gedeckt sind, sondern vielleicht auch durch tokenisierte Aktien, Immobilien oder Gold. Für Menschen in Ländern mit hoher Inflation, aber auch in der EU, ist das ein extrem spannendes Thema: ein Zahlungsmittel zu haben, in dem man auch sparen kann.

Ein weiterer riesiger Anwendungsfall ist der grenzenlose Transfer von Werten rund um die Uhr, nur mit einem Internetzugang. Während wir innerhalb der EU SEPA-Echtzeitüberweisungen haben, sind weltweite Zahlungen oft noch mit großen Hürden und Kosten verbunden. Hier sind Stablecoins eine Revolution. Zudem wächst die Möglichkeit, Krypto-Assets direkt bei Banken zu halten, was vor einigen Jahren noch undenkbar war.

Zum Thema Inflation könnte man aber argumentieren, dass die allermeisten Stablecoins an Fiat-Währungen gekoppelt sind und im Krypto-Bereich eine Investition z. B. direkt in Bitcoin geeigneter wäre, um der Inflation zu entkommen. Wie beurteilst du dieses Argument?

Beim Vergleich von Bitcoin mit Stablecoins ist das Thema natürlich die Volatilität. Bitcoin ist ein limitiertes Asset und an nichts gebunden, was es kurzfristig volatil macht – es eignet sich eher als langfristiger Wertspeicher, wie digitales Gold. Wenn man jedoch seinen Alltag und seine Ausgaben planen muss, benötigt man etwas weniger Volatiles, und da kommen Stablecoins ins Spiel. Es stimmt, dass man die Inflation „importiert“, wenn ein Stablecoin zu 100 Prozent an den Dollar oder Euro gebunden ist.

Ich sehe aber eine riesige Welle kommen, in der Stablecoins nicht mehr nur an Fiat-Währungen gekoppelt sind, sondern einen Korb an Assets abbilden – ähnlich einem Warenkorb zur Inflationsmessung. Dieser Korb könnte aus tokenisierten Real-World-Assets wie Gold, Immobilien, Bitcoin, aber auch Teilen von Euro oder Dollar bestehen.

So entstehen Assets, die nicht mehr nur von Fiat-Währungen abhängen, sondern von einem wachsenden Markt limitierter Güter profitieren, sofern die Stabilitätsmechanismen über Smart Contracts richtig aufgesetzt sind.

Wenn man sich den Stablecoin-Markt aktuell anschaut, gibt es eine enorme Dominanz von Dollargekoppelten Stablecoins, fast eine Monopolstellung. Euro-Stablecoins spielen eine untergeordnete Rolle. Was sind die Gründe dafür – und wird sich das diversifizieren?

Ein wesentlicher Grund für diese Diskrepanz liegt darin, dass die USA vor etwa fünf Jahren einfach offener gegenüber Krypto waren und sich viele Firmen dort niedergelassen haben. Zudem werden Bitcoin und Ethereum international meist gegen den Dollar gehandelt. Ich würde aber sagen, dass sich das Blatt wendet und die EU stark aufholen kann. Seit die MiCAR-Regulierung live ist, können Stablecoins auch in der EU reguliert an den Markt gebracht werden. Wir sehen, dass Firmen beginnen, hier zu bauen.

Auch der Euro-Coin von Circle hat bereits ein Market Cap von über 300 Millionen Euro erreicht und wächst in einem gesunden Maß. Ich sehe eine sehr positive Zukunft für Stablecoins in der EU, auch wenn der Dollar aufgrund der historischen Entwicklung des Krypto Handels noch dominiert.

Das heißt, du beurteilst die MiCAR- Regulierung durchaus als innovationsfördernd?

Ja, definitiv. Sie war der Grundstein für Firmen, die Entwicklung sicher zu starten. Bevor so eine Regulierung eintritt, ist der Start eines solchen Projekts ein großes Risiko. Das erste Jahr von „MiCAR in Action“ war sehr erfolgreich; viele Unternehmen sind in die EU und auch nach Österreich gekommen, um sich regulieren zu lassen. Ich bin für die nächsten Jahre hier sehr positiv gestimmt.

Im Stablecoin-Bereich sehen wir, dass das Thema für Banken immer interessanter wird. Ein Beispiel ist das Projekt Qivalis, an dem mehrere europäische Großbanken beteiligt sind – neben der ING und der UniCredit etwa auch die Raiffeisen Bank International (RBI), die auch ein Partner von Bluechip ist. Wie nimmst du den Blick der Banken auf das Thema wahr – und wie verändert er sich?

Banken befinden sich in einer sehr spannenden Situation: Sie haben ein großes Kundennetzwerk, viel Vertrauen und sehr viel Liquidität. Einen Stablecoin auf den Markt zu bringen ist für sie ein attraktiver Business Case, um Gebühren zu generieren und Einfluss zu nehmen. Wenn sie ihren Nutzern die Möglichkeit bieten, Stablecoins jederzeit gegen Euro einzutauschen, ist das ein großer Mehrwert. Es ist daher absolut nachvollziehbar und positiv, dass die traditionelle Finanzwelt hier mitschneiden möchte. Es ist ein Markt, an dem alle teilnehmen wollen, und es wird sich zeigen, welche Stablecoins sich durchsetzen.

Benjamin Levit ist CEO und Co- Founder der Stablecoin- Ratingagentur Bluechip.

Am anderen Ende des Spektrums stehen dezentrale Stablecoins. Nach dem Zusammenbruch von Terra Luna gab es viel Skepsis, aber es starteten auch neue Projekte wie zuletzt etwa auch USPD aus Wien. Wie beurteilst du dezentrale Stablecoins in der jetzigen Situation?

Aus meiner persönlichen Sicht und aus Sicht von Bluechip ist das sehr spannend. Ich glaube, dass ein dezentraler Stablecoin, der vielleicht durch tokenisierte Real-World-Assets gedeckt ist, ein fast unzerstörbares und zensurresistentes Tool sein kann. Wenn es keine zentrale Angriffsstelle gibt und das System sicher aufgesetzt ist, hat das einen enormen Wert.

Durch Smart Contracts lassen sich reale Werte auf der Blockchain abbilden, was einen inflations geschützten Stablecoin ermöglichen kann. Wichtig ist dabei die Governance: Wenn ein Stablecoin komplett dezentral ist und keine menschlichen Fehler mehr passieren können – vorausgesetzt, der Contract ist korrekt –, profitiert niemand ungerechtfertigt.

Letztlich ist es aber auch eine Frage der Umsetzung und in weiterer Folge der Resilienz, wie man bei Terra Luna gesehen hat. Wie prüft Bluechip, ob dezentrale Modelle von Stablecoins in Stresssituationen resilient sind?

Das Terra-Luna-Thema war tatsächlich der Auslöser für die Gründung von Bluechip, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Es gibt zentralisierte Stablecoins, die 1:1 gedeckt und effizient sind, aber eben einen zentralen Angriffspunkt bieten. Dezentrale Stablecoins sind resilienter, müssen aber meist „überbesichert“ sein – wir verlangen bei Bluechip beispielsweise für Ethereum-Backing mindestens 220 Prozent Besicherung (in der Praxis bedeutet das also, dass man Ethereum im Wert von mindestens 220 Dollar als Sicherheit hinterlegen muss, um Stablecoins im Wert von 100 Euro zu generieren, Anm. d. Red.).

Terra Luna wollte beides: Dezentral sein, aber nur 1:1 gedeckt – und hat das über einen hauseigenen Governance-Token gelöst. Das hat noch nie funktioniert. Bei Bluechip gibt es Regeln, die nicht gebrochen werden dürfen und zu einem automatischen „F“-Rating führen. Eine dieser Regeln ist, dass kein hauseigenes Kapital als Backing verwendet werden darf, was bei Terra Luna der Fall war.

Benjamin Levit auf der von Bluechip und Raiffeisen Bank International (RBI) veranstalteten „Crypto Safety Con ference“ in Wien im November 2025. Er steht auf der Bühne und spricht
Benjamin Levit auf der von Bluechip und Raiffeisen Bank International (RBI) veranstalteten „Crypto Safety Conference“ in Wien im November 2025

Was passiert bei Bluechip gerade und was sind eure weiteren Pläne?

Es ist eine sehr spannende Zeit für uns. Da Stablecoins in der traditionellen Finanzwelt angekommen sind, steigt das Interesse an einer spezialisierten Ratingagentur massiv, da Ratings in der Finanzwelt bereits bekannt und geschätzt sind. Wir sehen Interesse von Medienfirmen, Banken und Zahlungsdienstleistern.

Ein weiterer großer Punkt ist unsere Konferenz „Bluechip 26“, die wir in Wien in Partnerschaft mit der RBI veranstalten. Wir wollen die traditionelle und die dezentrale Finanzwelt zusammen bringen, den Standort Österreich stärken und den Austausch fördern. Wir sehen uns als Brücke, die die komplexe Welt der Stablecoins analysiert und verständlich aufbereitet.

Apropos Standort Österreich: Viele internationale Krypto-Börsen kommen derzeit nach Wien. Zu welchem Anteil würdest du das der Arbeit der Finanzmarktaufsicht (FMA) zuschreiben?

Wahrscheinlich zum größten Anteil. Das ist wirklich der Grund, warum Wien gewählt wird. Es liegt an der Verlässlichkeit der FMA: Unternehmen können sich auf deren Aussagen verlassen. Zudem begleitet die FMA die Prozesse sehr unterstützend, wie ich oft gehört habe. Andere Aufsichtsbehörden in der EU sind entweder zu lax oder zu blockierend. Die FMA scheint hier genau die richtige Balance zu finden, weshalb Wien als Standort so attraktiv ist.

Ihr wollt mit eurer Konferenz auch die politische Ebene erreichen. Gibt es dort mittlerweile ein Bewusstsein für Stablecoins und Krypto?

Das ist gerade jetzt die spannendste Phase. Ich bin seit neun Jahren im Krypto-Bereich und jetzt kommt erstmals echtes politisches Interesse auf. Das liegt daran, dass viele Börsen nach Österreich kommen und es ein großer Markt wird. Durch ernsthafte Projekte wird der Bereich nicht mehr nur belächelt. Faktisch und fundamental geht so viel voran, dass es auch in der Politik zwangsläufig ein wichtiges Thema wird.

Wenn du fünf Jahre in die Zukunft schaust: Wo werden wir bei Stablecoins stehen?

Ich denke, dass sich die gesamte Marktkapitalisierung von Stablecoins in den nächsten fünf Jahren verzehnfachen kann – wir könnten in Richtung drei bis vier Billionen Dollar gehen. Es wird viele koexistierende Stablecoins geben, wobei Interoperabilität und geringe Tauschgebühren entscheidend sein werden.

Es wird verschiedene Use Cases für verschiedene Bereiche geben, etwa mit integrierten Rewards. Gleichzeitig werden nicht alle überleben; es ist ein harter Wettbewerb. Ich erwarte auch, dass Euro-Stablecoins signifikant Marktanteile gewinnen und Stablecoins viel stärker in unseren normalen Zahlungsalltag integriert werden.

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Christoph Knogler führt Keba als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor. © Antje Wolm

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen„ erschienen

28 Standorte in 16 Ländern, drei Geschäftsbereiche von der Industrie- über die Handover- bis zur Energy-Automation, dazu seit Kurzem eine eigene KI-Einheit: Keba aus Linz baut Steuerungen für Maschinen und Anlagen und steckt über Trumpf mit einer Komponente in den Lithografiemaschinen von ASML. Christoph Knogler führt das Unternehmen als CEO und steht gemeinsam mit A1-CEO Thomas Arnoldner der KI-Taskforce der Industriellenvereinigung vor, die bis Sommer 2027 die AI Maturity der heimischen Industrie messen und steigern soll. Der erste Befund: Österreich liegt unter dem EU-Schnitt. Warum das ein Leadership-Thema ist und kein technologisches, wieso die Hyperscaler die europäische Industrie dringender brauchen als umgekehrt – und was Industrial Intelligence von einem Hype-Begriff unterscheidet.


Die österreichische Industrie liegt bei KI unter dem EU-Schnitt – das zeigt die McKinsey-Studie „State of AI in Austria 2025″, die im Rahmen der Taskforce entstanden ist, der du vorsitzt: ein AI-Quotient von 30 gegenüber 34 im EU-Schnitt. Wie kam es zu diesem Befund?

Ein wesentlicher Aspekt unserer KI-Taskforce ist, dass wir die AI Maturity unserer Mitglieder und so auch der gesamten österreichischen Industrie quantitativ messbar machen, mit je einem Assessment zu Beginn, zur Mitte und zum Ende der Laufzeit, pro bono begleitet von McKinsey. Mit dem ersten Assessment im vergangenen Jahr hat sich die Vermutung der Industriellenvereinigung bestätigt: Wir liegen in Österreich unter dem Niveau des EU-Durchschnitts und damit auch des weltweiten Durchschnitts. Das zweite Assessment wurde nun im Juli dieses Jahres abgeschlossen, die Veröffentlichung ist für Anfang Oktober geplant. Wir sind schon gespannt, ob wir das schaffen, was wir uns vorgenommen haben – nämlich eine konsequente Steigerung der AI Maturity der österreichischen Industrie.

Warum gibt es diesen Rückstand?

Es gibt ihn sicher auch, weil es uns als Industrie schon sehr gut gegangen ist und so der Veränderungsdruck in vielen Unternehmen nicht groß genug war, KI konsequent einzusetzen. Wir haben als Industrie den Startschuss verpasst. Es gibt aber auch in Österreich Frontrunner; in der Studie sieht man etwa die Telekommunikationsunternehmen vorne. Aber im produzierenden Bereich und im Maschinenbau waren wir überrascht, dass selbst hoch innovative Unternehmen bei der Nutzung von KI im internationalen Vergleich nicht vorne mit dabei sind. Wenn man genauer hineinschaut, ist es weniger ein technologisches Thema, sondern sehr oft ein Leadership-Thema: Dort, wo die strategische Aufmerksamkeit des C-Levels ist, fließt auch die Energie hin. KI war zu Beginn oft ein IT-Thema statt ein strategisches Positionierungsthema. Das hat sich im ersten Jahr unserer Taskforce aber massiv gedreht. Andritz hat beispielsweise aufgezeigt, wie KI die Automatisierung einer Anlage so weit optimiert, dass eine Art Dark Factory vorstellbar wird; Voestalpine hat anhand umgesetzter Use Cases gezeigt, wo ganz konkrete Einsparungseffekte gehoben wurden; und Miba hat gezeigt, wie KI als übergreifendes Thema in der Unternehmensgruppe verankert wurde.

© Antje Wolm

Regeln und Ausblick

Bremst der AI Act die Industrie?

Für Branchen, in denen der AI Act tatsächlich wie ein Korsett wirkt, kann er dazu führen, dass man im Sinne des Risikomanagements sehr zurückhaltend wird. Der Ruf nach Regulatory Sandboxes ist dort laut; ich denke beispielsweise an Life Sciences und an das Bankenwesen. Bei Produktionsunternehmen und im Maschinenbau – dazu zählen wir uns als Keba – gibt es diese Einschränkungen aus eigener Erfahrung weniger. Ich habe es bisher nicht so wahrgenommen, dass der AI Act ein wesentlicher Technologie-Showstopper wäre. Deswegen plädieren wir auf Selbstwirksamkeit: nicht die Rahmenbedingungen bekämpfen, sondern sich fragen, wie man innerhalb dieser vernünftig arbeitet. Aber viel wichtiger war: mit KI losstarten, es zum Leadership-Thema machen, sich um Daten und Legacy-Systeme im Unternehmen kümmern und vor allem die Menschen auf diese Innovationsreise mitnehmen.

Die Taskforce läuft bis Sommer 2027. Was kommt danach?

Anfang 2027 werden wir entscheiden: Braucht es weiterhin eine Taskforce für KI, die Eintrittsbarrieren abbauen und zur wertschöpfenden Nutzung anregen will? Oder braucht es dann ein anderes Format? Unabhängig vom Format ist für uns wichtig, dass die bisherigen Erkenntnisse und Best Practices weitergetragen werden; da spreche ich auch für meinen Co-Vorsitzenden Thomas Arnoldner. Dazu kommt, dass sich immer mehr kleinere Industrieunternehmen mit KI beschäftigen, für die so eine Plattform hilfreich sein kann.

Was Europa in der Hand hat

Blicken wir über Österreich hinaus: Europa habe das Rennen um generative KI verloren, heißt es. Bleibt Industrial Intelligence als zweite Chance?

Ich habe dazu eine sehr klare Meinung: Die amerikanischen Unternehmen, die in diesem Rennen die Nase vorn haben, brauchen wertschöpfende Prozesse, um ihren eigenen Business Case abzusichern. Auch KI macht nur dann wirtschaftlich Sinn, wenn man sie verkaufen kann. Schaut man sich Europa an – 450 Millionen Konsumenten, eine sehr starke Industrie, im DACH-Raum besonders stark –, dann sind wir der Enabler für die Business Cases der Hyperscaler. Deswegen werden wir auch stark umworben, von genau diesen global denkenden Unternehmen. Sie brauchen dringend Anwendungsfälle für ihre KI-Modelle am Shopfloor, damit der Value Stream entsteht, der die Mega-Investitionen rechtfertigt. Bleibt der aus, wird man die laufenden Infrastruktur-Investitionen über eine kleinere Menge an Anwendern verteilen, was Tokenpreise in die Höhe treiben wird und die Anwendung somit unattraktiver macht. Auf Basis dieser Logik dürfen und müssen wir als europäische Industrie schon selbstbewusst sein.

Also ist das Rennen nicht verloren?

Was für ein Rennen? Wir müssen als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig sein, um Wertschöpfung zu generieren und unsere Sozialsysteme am Laufen zu halten. Da haben wir noch gar nichts verloren. Verlieren ist gar keine Option! Ich frage mich oft, was aus unserem Selbstbewusstsein in Europa geworden ist. Das sehe ich viel optimistischer, und Industrial Intelligence ist das Schlagwort. Aber dann kommt natürlich die Folgefrage: Wie geht es uns mit den eigenen KI-Unternehmen, mit der Infrastruktur, mit den eigenen europäischen Modellen? Da stehen wir, wie generell im Thema Software, nicht besonders gut da. Es braucht jemanden, der investiert, und jemanden, der das dann auch nutzt, bevorzugt gegenüber Infrastruktur, die vielleicht günstiger ist und anfangs mehr kann. Damit das gelingt, braucht es wohl fast so etwas wie einen Orchestrator im europäischen KI-Konzert. Klug wäre ein progressiver Impuls der EU, aber nicht als weiterer Zwang, sondern indem die Nutzung europäischer Infrastruktur, beispielsweise für die öffentliche Beschaffung, besonders attraktiv wird. Ohne einen Masterplan wird das aber schwierig; die Hyperscaler sind bestens positioniert, brauchen die europäischen Kunden und werden nicht tatenlos zusehen, wie sich Europa plötzlich verselbstständigt.

Wo hängt umgekehrt die Welt an Europa?

Wir reden viel über die Abhängigkeit von den USA, China bzw. Asien. Wir reden leider ganz wenig darüber, dass diese Regionen genauso von uns abhängig sind. Bestes KI-Beispiel: ASML. Das niederländische Unternehmen hat das Herstellen von Mikroelektronik mit einem speziellen Lithografieprozess perfektioniert, im Zusammenspiel mit zwei weiteren europäischen Playern, Trumpf und Zeiss. Wir sind als Keba stolz, dass wir für Trumpf eine Subkomponente dieser faszinierenden Maschinen beisteuern dürfen. Ohne diese gäbe es keinen KI-Chip, keine Hochleistungs-GPUs. Was wir oft nicht am Radar haben: dass wir als europäische Hightech-Unternehmen mit unseren Technologien vieles möglich machen. Allerdings finden dann die Produktion und die Wertschöpfung leider zu oft in anderen Ländern statt.

Keba ist auch Teil der Initiative Digitale Souveränität. Was heißt Souveränität für ein Unternehmen mit 28 Standorten in 16 Ländern?

Für mich war letztes Jahr in Alpbach Hermann Hauser besonders inspirierend. Er hat die digitale Souveränität mit einer Zwiebel verglichen: Die globalen Tech-Giganten sind weltweit fest in Unternehmen und Prozessen verankert; es ist unrealistisch und naiv, sie komplett aus der Gleichung zu nehmen. Und sie sind für die äußere Zwiebelschicht auch in Ordnung. Doch je näher wir ins Innere der Zwiebel vorstoßen – und das können für jedes Unternehmen andere kritische Prozesse sein –, desto stärker muss man sich bei der aktuellen geopolitischen Lage fragen, in welcher Abhängigkeit man tatsächlich steht. Wir schauen uns unsere Prozesslandschaft an und entscheiden Fall für Fall. ERP zum Beispiel wandert in die Cloud, und da stellt man sich natürlich die Frage, auf welcher Infrastruktur Kernprozesse laufen sollen. Für unser Produktportfolio haben wir entschieden, weitestgehend agnostisch ins Rennen zu gehen, also technologisch offen zu bleiben und je nach Markt und Bedarf die passende Lösung zu wählen. Keba braucht auch Antworten für unsere amerikanischen und asiatischen Kunden.

Was Industrial Intelligence wirklich heißt

Industrial Intelligence steht inzwischen in jedem Wirtschaftsprogramm, vom Bund bis zur Stadt. Was ist damit gemeint?

Ja, das stimmt, Industrial Intelligence ist momentan in aller Munde, sogar im Wirtschaftsprogramm der Stadt Linz. Ich glaube, dass es jetzt etwas braucht, das den Begriff einordenbar macht, denn er darf nicht der nächste Hype-Begriff werden. Industrial Intelligence heißt ja nicht einfach, dass die Industrie irgendwo KI anwendet – es geht darum, mit KI Industriestandards zu erfüllen. Das bedeutet, hochverlässliche, wiederholbare Prozesse zu schaffen, in denen die KI nicht einfach „irgendetwas” tut, sondern kontrolliert in einem definierten Rahmen Arbeitsschritte besser, sicherer, schneller, günstiger oder einfach anders ermöglicht, als das bisher mit normalen Rechnern möglich war. In einer industriellen Produktion muss ein Prozess auch beim tausendsten Durchlauf noch stabil, sicher und reproduzierbar funktionieren. Genau dieser Anspruch unterscheidet Industrial Intelligence von vielen anderen KI-Anwendungen, bei denen ein gewisser Spielraum in den Ergebnissen eher akzeptabel ist.

. © Antje Wolm

Viele KI-Projekte, auch von Startups, sterben nicht am Algorithmus, sondern beim Produktionsleiter. Warum?

Weil man mit Daten, die gerade verfügbar sind oder gemacht werden, schnell einmal etwas bauen kann. Wenn man aber nachhaltig in die wertschöpfenden Prozesse hineinwill, dann wird das kein Produktionsleiter zulassen, solange nicht klar ist, dass es verlässlich funktioniert. Wenn ich KI so baue, dass sie mit verlässlich verfügbaren Daten arbeitet, also mit Daten, die im System entstehen oder zugeliefert werden, und daraus ein konkreter Nutzen erzeugt wird, etwa ein effizienteres Produktionssystem oder ein besserer Qualitätsprozess, dann habe ich verstanden, was die Industrie braucht. Heute werden für nette Prototypen oft eigens Daten zusammengestellt, die im späteren Betrieb so nicht zur Verfügung stehen. Das Verständnis dafür, wie die Industrie tickt, differenziert einen Industrial-AI-Anbieter von einem regulären IT-Unternehmen. In der Industrie braucht es wahre Domänenexpertise, sonst ist man in Prozessen nicht anknüpfungsfähig und kann KI nur zum Drüberstreuen verwenden. Und das mag kein Produktionsleiter.

Wo ist KI bei Keba bereits im laufenden Betrieb im Einsatz?

Beispielsweise in der Elektronikfertigung, das heißt, in der Bestückung von Leiterplatten zu Flachbaugruppen. Wir prüfen dort seit vielen Jahren jedes einzelne Produkt am Ende der Linie mittels AOI, also Automated Optical Inspection, und gleichen es mit einem definierten Sollbild ab. Das war früher ein statischer Prozess: War die Toleranz eng eingestellt, wurde alles aussortiert, was auch nur ein bisschen anders als das Sollbild aussah, und ein Mensch musste sich die Baugruppe noch einmal genauer ansehen. Das System hat dabei nicht dazugelernt. Heute lernt unser System über Machine Learning laufend dazu. Seit wir vor eineinhalb Jahren gestartet haben, sparen wir uns mittlerweile bis zu 70 Prozent unserer Qualitätsaufwendungen in diesem Prozess. Hätten wir aber niemanden gehabt, der zwischen unserem Produktionsleiter – hochkompetent in der Produktion, aber eben kein KI- oder IT-Experte – und unserem IT-Team übersetzt hätte, dann hätte die Produktion wohl gesagt: Lasst uns mit diesem Thema besser in Frieden. Ich bin stolz, dass wir diese Übersetzer- und Katalysator-Expertise im eigenen Unternehmen aufgebaut haben. Das macht vieles leichter; und schneller.

Vom Startup zur Keba Digital

Wann war KI bei Keba erstmals Thema?

Das ist schon lange her. Bereits Anfang der 90er-Jahre haben wir drei wissenschaftliche Kollegen in Hagenberg beschäftigt, die das Thema neuronale Netze für unsere Industriesteuerungen einsetzen wollten. Nach zwei Jahren haben wir es damals allerdings wieder beendet. In der Theorie war damals schon viel möglich, aber die Rechnerleistung war noch viel zu gering. Wir waren viel zu früh.

Der zweite Impuls kam vor rund neun Jahren von meinem Vorgänger, dem damaligen CEO Gerhard Luftensteiner: Wäre es nicht sinnvoll, Machine-Learning-Technologie direkt in unseren Steuerungen Cloud-unabhängig „on device” laufen zu lassen? Daraus ist unser erstes KI-Produkt entstanden, eine „On-Device-AI”-Erweiterung für unsere Industriesteuerungen; kurz darauf unser zweites KI-Produkt namens Kebob, ein KI-basiertes Überwachungs- und Assistenzsystem für Bankfoyers. Als dann der ChatGPT-Hype kam, war KI bei uns offen gesagt gar nichts besonders Aufregendes. Wir haben eher gesagt: Das ist jetzt das nächste Level.

Ihr habt mit Keba Digital eine eigene Einheit gegründet und dafür ein Linzer KI-Startup übernommen. Wie kam es dazu?

Was wir in allen unseren Business Units sehen, in der Industrial Automation, in der Handover Automation und auch in der Energy Automation, ist, dass der große technologische Differenzierungsfaktor zunehmend in der Software liegt. Deshalb war es der nächste logische Schritt, unsere jahrzehntelang aufgebaute Softwarekompetenz mit unserer über Jahre aufgebauten und mit dem Startup-Zukauf 7LYTIX verstärkten KI-Expertise zu verbinden und das Ergebnis im Rahmen eines neuen digitalen Businessmodells unter dem Titel Keba Digital auf den Markt zu bringen. Für Keba Digital haben wir Leute mit Erfahrung in softwarebasierten Geschäftsmodellen ins Unternehmen geholt, Positionierung und Strategie gemeinsam erarbeitet und sind nun mitten in der Umsetzung.

Und wohin soll sie?

Sie wird solide auf drei Säulen stehen: Nach innen als unternehmenseigenes KI-Kompetenzcenter für Keba-Produkte und -Prozesse, mit dem Anspruch „Keba als erster Industriekunde”. Das bringt Erfahrung und Glaubwürdigkeit. Nach außen gehen wir als zweite Säule mit industrieller KI in Branchen, die wir als Keba schon kennen, wo wir bereits Domänenwissen haben; oder auch in neue, wo wir mit KI einen Mehrwert generieren werden. Die dritte Säule ist eine KI-Plattform, mit der wir die Interaktion zwischen Mensch und Maschine, also HMI, ganz neu denken, hardwareunabhängig und somit hochskalierbar.

Es war vom ersten Tag an klar, dass hier etwas entsteht, das auch die drei angestammten Geschäftsbereiche nutzen können; und daher ist das in Bezug auf Industrial AI auch so authentisch: Wenn ich zu einem Industriekunden gehe und der fragt mich: „Was habt ihr denn selbst im Qualitätswesen gemacht?”, dann kann ich sagen: „Bei unserem Shopfloor laufen seit 18 Monaten KI-Modelle operativ.” So positionieren wir uns mit Keba Digital als erfahrener industrieller KI-Partner.


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