15.05.2026
INTERVIEW

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

Benjamin Levit, Co-Founder und CEO der Ratingagentur Bluechip, schildert im Interview mit brutkasten die Entwicklung von Stablecoins. Er analysiert den Krypto-Standort Wien und warum Stablecoins Visa und Mastercard herausfordern.
/artikel/stablecoins-haben-jetzt-gewonnen
Bluechip-CEO Benjamin Levit
Bluechip-CEO Benjamin Levit | Foto: brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 „Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Kryptowährungen und die etablierte Finanzwelt stehen seit Jahren in einer wechselhaften Beziehung. In ihren Ursprüngen waren viele in der Krypto-Szene mit einer Anti-Establishment-Haltung angetreten, die sich auch gegen die Bankenlandschaft richtete. Doch spätestens im Bullenmarkt 2017 war die Hoffnung auf „institutional adoption“, also den Einstieg traditioneller Finanzakteure in den Kryptobereich, ein großer Kurstreiber. Mit der Zulassung von Bitcoin-ETFs in den USA Anfang 2024 kam der nächste Meilenstein.

Zuletzt ist allerdings wieder ein anderes Krypto-Thema in der etablierten Finanzwelt in den Mittelpunkt gerückt: Stablecoins – also Kryptowährungen, deren Kurs 1:1 an im Regelfall klassische Währungen wie den US-Dollar oder andere Referenzwerte gekoppelt ist. Der Wiener Benjamin Levit gehörte bereits 2023 zu den Gründern der ersten Ratingagentur für Stablecoins und führt sie als CEO. Mittlerweile hat Bluechip seinen Sitz nach Wien verlegt und im vergangenen Herbst hier gemeinsam mit der Raiffeisen Bank International (RBI) eine große Konferenz zum Thema veranstaltet. Im brutkasten Interview spricht Levit über die Entwicklungen in der Stablecoin Landschaft, das zunehmende Interesse von Banken wie Politik und erklärt, warum Österreich als Krypto Standort derzeit so gefragt ist.


brutkasten: Du beobachtest die Stablecoin-Landschaft schon länger. Wo stehen wir 2026?

Benjamin Levit: Ich würde es so beschreiben: Stablecoins haben gewonnen. Sie haben das erreicht, was sie eigentlich schon immer wollten, nämlich dass die Transfer- und Handelsvolumina auf einem Level sind, das man mit Visa und Mastercard vergleichen kann. In den letzten zwölf Monaten im Jahr 2025 haben Stablecoins sogar mehr Handelsvolumen erzeugt als Visa oder Mastercard jeweils für sich.

Man muss dazu natürlich sagen, dass Stablecoins zu einem großen Teil für das Krypto-Trading genutzt werden, was man nicht eins zu eins mit dem klassischen Händler-Käufer-Handel bei Kreditkarten vergleichen kann. Aber es geht ganz stark in die Richtung, dass sie immer mehr für normale Zahlungen verwendet werden.

Jetzt, wo Stablecoins wirklich in der traditionellen Finanzwelt angekommen sind und Banken eigene Stablecoins herausbringen, integrieren und ihren Nutzern anbieten, sehen wir gerade den Beginn einer neuen Ära.

Wenn man vom Use Case Krypto-Trading absieht: Welche Anwendungsmöglichkeiten siehst du aktuell in der realen Welt und wie entwickelt sich das?

Eine große Anwendung ist schlicht das Thema Inflation. In den letzten fünf Jahren ist vielen Menschen viel bewusster geworden, was Inflation bedeutet. Mehr Menschen befassen sich damit, dass es nicht immer die beste Wahl ist, in der staatlichen Währung zu bleiben, und suchen nach Wegen, ihr Geld anders anzulegen.

Hier bieten Stablecoins eine riesige Möglichkeit – vor allem, wenn sie nicht nur durch staatliche Währungen gedeckt sind, sondern vielleicht auch durch tokenisierte Aktien, Immobilien oder Gold. Für Menschen in Ländern mit hoher Inflation, aber auch in der EU, ist das ein extrem spannendes Thema: ein Zahlungsmittel zu haben, in dem man auch sparen kann.

Ein weiterer riesiger Anwendungsfall ist der grenzenlose Transfer von Werten rund um die Uhr, nur mit einem Internetzugang. Während wir innerhalb der EU SEPA-Echtzeitüberweisungen haben, sind weltweite Zahlungen oft noch mit großen Hürden und Kosten verbunden. Hier sind Stablecoins eine Revolution. Zudem wächst die Möglichkeit, Krypto-Assets direkt bei Banken zu halten, was vor einigen Jahren noch undenkbar war.

Zum Thema Inflation könnte man aber argumentieren, dass die allermeisten Stablecoins an Fiat-Währungen gekoppelt sind und im Krypto-Bereich eine Investition z. B. direkt in Bitcoin geeigneter wäre, um der Inflation zu entkommen. Wie beurteilst du dieses Argument?

Beim Vergleich von Bitcoin mit Stablecoins ist das Thema natürlich die Volatilität. Bitcoin ist ein limitiertes Asset und an nichts gebunden, was es kurzfristig volatil macht – es eignet sich eher als langfristiger Wertspeicher, wie digitales Gold. Wenn man jedoch seinen Alltag und seine Ausgaben planen muss, benötigt man etwas weniger Volatiles, und da kommen Stablecoins ins Spiel. Es stimmt, dass man die Inflation „importiert“, wenn ein Stablecoin zu 100 Prozent an den Dollar oder Euro gebunden ist.

Ich sehe aber eine riesige Welle kommen, in der Stablecoins nicht mehr nur an Fiat-Währungen gekoppelt sind, sondern einen Korb an Assets abbilden – ähnlich einem Warenkorb zur Inflationsmessung. Dieser Korb könnte aus tokenisierten Real-World-Assets wie Gold, Immobilien, Bitcoin, aber auch Teilen von Euro oder Dollar bestehen.

So entstehen Assets, die nicht mehr nur von Fiat-Währungen abhängen, sondern von einem wachsenden Markt limitierter Güter profitieren, sofern die Stabilitätsmechanismen über Smart Contracts richtig aufgesetzt sind.

Wenn man sich den Stablecoin-Markt aktuell anschaut, gibt es eine enorme Dominanz von Dollargekoppelten Stablecoins, fast eine Monopolstellung. Euro-Stablecoins spielen eine untergeordnete Rolle. Was sind die Gründe dafür – und wird sich das diversifizieren?

Ein wesentlicher Grund für diese Diskrepanz liegt darin, dass die USA vor etwa fünf Jahren einfach offener gegenüber Krypto waren und sich viele Firmen dort niedergelassen haben. Zudem werden Bitcoin und Ethereum international meist gegen den Dollar gehandelt. Ich würde aber sagen, dass sich das Blatt wendet und die EU stark aufholen kann. Seit die MiCAR-Regulierung live ist, können Stablecoins auch in der EU reguliert an den Markt gebracht werden. Wir sehen, dass Firmen beginnen, hier zu bauen.

Auch der Euro-Coin von Circle hat bereits ein Market Cap von über 300 Millionen Euro erreicht und wächst in einem gesunden Maß. Ich sehe eine sehr positive Zukunft für Stablecoins in der EU, auch wenn der Dollar aufgrund der historischen Entwicklung des Krypto Handels noch dominiert.

Das heißt, du beurteilst die MiCAR- Regulierung durchaus als innovationsfördernd?

Ja, definitiv. Sie war der Grundstein für Firmen, die Entwicklung sicher zu starten. Bevor so eine Regulierung eintritt, ist der Start eines solchen Projekts ein großes Risiko. Das erste Jahr von „MiCAR in Action“ war sehr erfolgreich; viele Unternehmen sind in die EU und auch nach Österreich gekommen, um sich regulieren zu lassen. Ich bin für die nächsten Jahre hier sehr positiv gestimmt.

Im Stablecoin-Bereich sehen wir, dass das Thema für Banken immer interessanter wird. Ein Beispiel ist das Projekt Qivalis, an dem mehrere europäische Großbanken beteiligt sind – neben der ING und der UniCredit etwa auch die Raiffeisen Bank International (RBI), die auch ein Partner von Bluechip ist. Wie nimmst du den Blick der Banken auf das Thema wahr – und wie verändert er sich?

Banken befinden sich in einer sehr spannenden Situation: Sie haben ein großes Kundennetzwerk, viel Vertrauen und sehr viel Liquidität. Einen Stablecoin auf den Markt zu bringen ist für sie ein attraktiver Business Case, um Gebühren zu generieren und Einfluss zu nehmen. Wenn sie ihren Nutzern die Möglichkeit bieten, Stablecoins jederzeit gegen Euro einzutauschen, ist das ein großer Mehrwert. Es ist daher absolut nachvollziehbar und positiv, dass die traditionelle Finanzwelt hier mitschneiden möchte. Es ist ein Markt, an dem alle teilnehmen wollen, und es wird sich zeigen, welche Stablecoins sich durchsetzen.

Benjamin Levit ist CEO und Co- Founder der Stablecoin- Ratingagentur Bluechip.

Am anderen Ende des Spektrums stehen dezentrale Stablecoins. Nach dem Zusammenbruch von Terra Luna gab es viel Skepsis, aber es starteten auch neue Projekte wie zuletzt etwa auch USPD aus Wien. Wie beurteilst du dezentrale Stablecoins in der jetzigen Situation?

Aus meiner persönlichen Sicht und aus Sicht von Bluechip ist das sehr spannend. Ich glaube, dass ein dezentraler Stablecoin, der vielleicht durch tokenisierte Real-World-Assets gedeckt ist, ein fast unzerstörbares und zensurresistentes Tool sein kann. Wenn es keine zentrale Angriffsstelle gibt und das System sicher aufgesetzt ist, hat das einen enormen Wert.

Durch Smart Contracts lassen sich reale Werte auf der Blockchain abbilden, was einen inflations geschützten Stablecoin ermöglichen kann. Wichtig ist dabei die Governance: Wenn ein Stablecoin komplett dezentral ist und keine menschlichen Fehler mehr passieren können – vorausgesetzt, der Contract ist korrekt –, profitiert niemand ungerechtfertigt.

Letztlich ist es aber auch eine Frage der Umsetzung und in weiterer Folge der Resilienz, wie man bei Terra Luna gesehen hat. Wie prüft Bluechip, ob dezentrale Modelle von Stablecoins in Stresssituationen resilient sind?

Das Terra-Luna-Thema war tatsächlich der Auslöser für die Gründung von Bluechip, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Es gibt zentralisierte Stablecoins, die 1:1 gedeckt und effizient sind, aber eben einen zentralen Angriffspunkt bieten. Dezentrale Stablecoins sind resilienter, müssen aber meist „überbesichert“ sein – wir verlangen bei Bluechip beispielsweise für Ethereum-Backing mindestens 220 Prozent Besicherung (in der Praxis bedeutet das also, dass man Ethereum im Wert von mindestens 220 Dollar als Sicherheit hinterlegen muss, um Stablecoins im Wert von 100 Euro zu generieren, Anm. d. Red.).

Terra Luna wollte beides: Dezentral sein, aber nur 1:1 gedeckt – und hat das über einen hauseigenen Governance-Token gelöst. Das hat noch nie funktioniert. Bei Bluechip gibt es Regeln, die nicht gebrochen werden dürfen und zu einem automatischen „F“-Rating führen. Eine dieser Regeln ist, dass kein hauseigenes Kapital als Backing verwendet werden darf, was bei Terra Luna der Fall war.

Benjamin Levit auf der von Bluechip und Raiffeisen Bank International (RBI) veranstalteten „Crypto Safety Con ference“ in Wien im November 2025. Er steht auf der Bühne und spricht
Benjamin Levit auf der von Bluechip und Raiffeisen Bank International (RBI) veranstalteten „Crypto Safety Conference“ in Wien im November 2025

Was passiert bei Bluechip gerade und was sind eure weiteren Pläne?

Es ist eine sehr spannende Zeit für uns. Da Stablecoins in der traditionellen Finanzwelt angekommen sind, steigt das Interesse an einer spezialisierten Ratingagentur massiv, da Ratings in der Finanzwelt bereits bekannt und geschätzt sind. Wir sehen Interesse von Medienfirmen, Banken und Zahlungsdienstleistern.

Ein weiterer großer Punkt ist unsere Konferenz „Bluechip 26“, die wir in Wien in Partnerschaft mit der RBI veranstalten. Wir wollen die traditionelle und die dezentrale Finanzwelt zusammen bringen, den Standort Österreich stärken und den Austausch fördern. Wir sehen uns als Brücke, die die komplexe Welt der Stablecoins analysiert und verständlich aufbereitet.

Apropos Standort Österreich: Viele internationale Krypto-Börsen kommen derzeit nach Wien. Zu welchem Anteil würdest du das der Arbeit der Finanzmarktaufsicht (FMA) zuschreiben?

Wahrscheinlich zum größten Anteil. Das ist wirklich der Grund, warum Wien gewählt wird. Es liegt an der Verlässlichkeit der FMA: Unternehmen können sich auf deren Aussagen verlassen. Zudem begleitet die FMA die Prozesse sehr unterstützend, wie ich oft gehört habe. Andere Aufsichtsbehörden in der EU sind entweder zu lax oder zu blockierend. Die FMA scheint hier genau die richtige Balance zu finden, weshalb Wien als Standort so attraktiv ist.

Ihr wollt mit eurer Konferenz auch die politische Ebene erreichen. Gibt es dort mittlerweile ein Bewusstsein für Stablecoins und Krypto?

Das ist gerade jetzt die spannendste Phase. Ich bin seit neun Jahren im Krypto-Bereich und jetzt kommt erstmals echtes politisches Interesse auf. Das liegt daran, dass viele Börsen nach Österreich kommen und es ein großer Markt wird. Durch ernsthafte Projekte wird der Bereich nicht mehr nur belächelt. Faktisch und fundamental geht so viel voran, dass es auch in der Politik zwangsläufig ein wichtiges Thema wird.

Wenn du fünf Jahre in die Zukunft schaust: Wo werden wir bei Stablecoins stehen?

Ich denke, dass sich die gesamte Marktkapitalisierung von Stablecoins in den nächsten fünf Jahren verzehnfachen kann – wir könnten in Richtung drei bis vier Billionen Dollar gehen. Es wird viele koexistierende Stablecoins geben, wobei Interoperabilität und geringe Tauschgebühren entscheidend sein werden.

Es wird verschiedene Use Cases für verschiedene Bereiche geben, etwa mit integrierten Rewards. Gleichzeitig werden nicht alle überleben; es ist ein harter Wettbewerb. Ich erwarte auch, dass Euro-Stablecoins signifikant Marktanteile gewinnen und Stablecoins viel stärker in unseren normalen Zahlungsalltag integriert werden.

Deine ungelesenen Artikel:
09.10.2026

Serbien: Grüner Wasserstoff aus dem Kohleland?

Die EU fördert neue Wasserstoffprojekte in Serbien. Deutschland sieht in dem Land gar einen möglichen Lieferanten für Europa. Vor Ort zeigt sich: Es fehlen Strom aus Wind und Sonne, klare Regeln und eine Verwaltung, die sie umsetzt. Chancen für die internationale Wirtschaft gibt es trotzdem, nur nicht dort, wo man sie zuerst vermutet.
/artikel/serbien-gruener-wasserstoff-aus-dem-kohleland
09.10.2026

Serbien: Grüner Wasserstoff aus dem Kohleland?

Die EU fördert neue Wasserstoffprojekte in Serbien. Deutschland sieht in dem Land gar einen möglichen Lieferanten für Europa. Vor Ort zeigt sich: Es fehlen Strom aus Wind und Sonne, klare Regeln und eine Verwaltung, die sie umsetzt. Chancen für die internationale Wirtschaft gibt es trotzdem, nur nicht dort, wo man sie zuerst vermutet.
/artikel/serbien-gruener-wasserstoff-aus-dem-kohleland
Ein Elektrobus der Belgrader Verkehrsbetriebe lädt an einer Schnellladestation von Siemens. | (c) Alexandra Polic

Belgrad steht. Auto an Auto schiebt sich durch die Stadt, dazwischen fahren Busse, die ihr erstes Leben woanders verbracht haben: in Deutschland oder in Österreich zum Beispiel. Manche tragen noch die alten Aufkleber. „Notausstieg” steht da auf Deutsch auf einem Fenster, mitten in Serbiens Hauptstadt.

Es verwundert also wenig, dass einem in neun Tagen in Serbien nur eine einzige Haltestelle mit E-Bussen auffällt. Immerhin gab es die zu Lebzeiten der nun serbischen Busse in deutschsprachigen Ländern kaum. Aufhalten lassen sich ausländische Firmen dadurch nicht. In Belgrad verkauft etwa der chinesische Konzern BYD Elektroautos. Nur: Auf der Straße sieht man kaum welche. Trotzdem sollen ausgerechnet hier, in einem Land mit fossilem Antrieb, neue Wasserstoffprojekte entstehen, gefördert aus europäischen Ländern, zum Teil sogar aus Mitteln der EU. Woran liegt das?

Europas große Wette auf grünen Wasserstoff

Zum einen drängen die Ziele: Bis 2030 will die EU zehn Millionen Tonnen grünen Wasserstoff selbst produzieren und ebenso viel importieren. So steht es im REPowerEU-Plan. Es ist eines der ambitioniertesten industriepolitischen Vorhaben der Union und ein zentrales Werkzeug, um im Wettbewerb mit den USA und China zu bestehen. Der Draghi-Report 2024 nennt hohe Energiekosten und Importabhängigkeit als Hauptgrund, warum Europas Industrie zurückfällt. Seine Forderung: dekarbonisieren.

Grüner Wasserstoff kann dabei helfen. Er funktioniert dort, wo direkte Elektrifizierung an Grenzen stößt, etwa in Stahl, Chemie, Schifffahrt und Schwerlastverkehr, und ersetzt fossile Importe. Er ist Klima-, Industrie- und Souveränitätspolitik in einem. Hergestellt wird er in Elektrolyseuren: Anlagen, die Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff spalten. Grün ist er nur, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne oder Wasserkraft stammt.

Aber der Hochlauf stockt. Die Produktion ist teuer, die Infrastruktur fehlt. 2024 waren in der EU laut European Hydrogen Markets Monitoring Report 308 Megawatt Elektrolysekapazität installiert. Vorgesehen waren 6.000. Bis 2030, so sieht es die EU-Wasserstoffstrategie vor, sollen es 40.000 werden.

Serbien: Ein Kandidat ohne Plan

Während Spanien als Vorreiter gilt und in Österreich mit 140 Megawatt die bisher größte Elektrolyseanlage des Landes entsteht, versuchen europäische Akteure auch den serbischen Markt zu erschließen. Dabei fehlt Serbien bis heute eine nationale Wasserstoffstrategie.

Politisch ist das Land seit 2012 EU-Beitrittskandidat und aktuell so weit von einer Mitgliedschaft entfernt wie lange nicht. Im jüngsten Fortschrittsbericht attestierte die EU-Kommission Serbien das schlechteste Zeugnis aller Kandidaten, die Reformen seien zum Stillstand gekommen. Proteste, Korruptionsvorwürfe und Neuwahlen Ende Oktober halten das Land in Aufruhr. Kann aus einem Beitrittskandidaten ohne Strategie ein Energiepartner werden? Und was heißt das für alle, die dort investieren wollen?

Im Navigator Business Center in Novi Beograd sind zahlreiche Unternehmen und Startups angesiedelt. | (c) Alexandra Polic

Keine Nachfrage für Wasserstoff

„Alle vier Jahre wird Wasserstoff zum wichtigsten Thema, und dann verschwindet er wieder von der Agenda. Gerade sind wir eher unten auf der Kurve. Die Investitionen rund um Wasserstoff sind so niedrig wie seit Jahren nicht”, sagt Rahul Mishra, Co-Founder von The Energy Bridge. Die Wiener Plattform bringt Forscher:innen, Unternehmer:innen und Investor:innen zusammen. „Serbien ist auf jeden Fall ein interessanter Ort für erneuerbare Energien. Was grünen Wasserstoff betrifft, bin ich mir allerdings nicht so sicher”, sagt Mishra. Grüner Wasserstoff mache nur dort Sinn, wo es bereits einen hohen Anteil an erneuerbarer Energie gebe.

Aber von Serbiens heimischer Energieproduktion entfielen laut Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) 2024 rund 70 Prozent auf fossile Brennstoffe, während Sonne, Wind und andere Erneuerbare zusammen nur etwa 1,4 Prozent beitrugen. Damit fehlt genau die Voraussetzung, die Mishra nennt. Dazu kommt ein Richtungswechsel in Brüssel: Mit ihrem im Juli präsentierten Elektrifizierungsplan setzt die EU-Kommission stärker auf Strom als auf Wasserstoff.

Tiefschwarz

Viele Menschen in Serbien sagen unabhängig voneinander das Gleiche: dass das Land tiefschwarz ist. Schwarz steht in diesem Fall für Kohle. Wasserstoff ist in Serbien ein Thema für einen kleinen Kreis von Fachleuten. Selbst manche Institutionen zeigten sich auf Anfrage überrascht, dass es solche Projekte im Land gibt. Das serbische Energieministerium hat auf Anfragen nicht reagiert.

Warum Projekte feststecken

Dabei haben in den vergangenen Jahren vor allem deutsche Firmen versucht, den serbischen Wasserstoff-Sektor aufzubauen. Laut Informationen der Deutsch-Serbischen Wirtschaftskammer (AHK) steckt ein Pilotprojekt gerade wegen regulatorischer Probleme in der Planung fest. Selbst für Pilotprojekte fehlen also Verordnungen, etwa zur Sicherheit.

Erst im Jänner hat Serbien ein nationales Gesetz zu CO₂-Emissionen eingeführt, das dem EU-Emissionshandel entsprechen soll. Wasserstoff fehlt darin, obwohl er unter den EU-Grenzausgleich CBAM fällt. Die Kammer hatte dessen Aufnahme in der öffentlichen Konsultation gefordert, blieb damit aber erfolglos.

Viele Ankündigungen, wenig Umsetzung

Ilija Batas-Bjelić forscht am Institut für Technische Wissenschaften der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SANU). Er modelliert Energiesysteme, mit dem seines Landes hat er sich umfassend auseinandergesetzt. Sein Fazit: „Im Grunde gibt es hier kein System.” Ein echtes Energiesystem verbindet viele verschiedene Komponenten zu einem funktionierenden Ganzen: Kraftwerke, Netze, Verbraucher:innen sowie unterschiedliche Sektoren wie Strom, Wärme und Transport. In Serbien fehlt diese Verzahnung bisher.

Laut Batas-Bjelić liegt das Land in der Energiewende rund zwanzig Jahre zurück, weil Kohle für das Finanzministerium die zentrale Einnahmequelle bleibt und notfalls sogar importiert wird. Das Energieministerium habe zwar viel Arbeit in Regulierung und Gesetzgebung gesteckt, aber für die Umsetzung fehle alles: das Geld, das Fachpersonal und die Infrastruktur. „Es gibt viele Ankündigungen, aber es passiert nichts”, sagt er.

Wer trotzdem baut

„Generell halte ich Wasserstoff für diese Region für etwas zu teuer”, sagt der Forscher. „Von Fall zu Fall kann sich Wasserstoff wirtschaftlich lohnen und für Banken finanzierbar sein”, erklärt er. Den Anstoß erwartet er vor allem von kleineren Unternehmen. Solarstrom und PV-Anlagen seien billig, die Gasversorgung bleibe unsicher. Wer eine eigene PV-Anlage betreibt, könne damit auch vor Ort Wasserstoff erzeugen.

Die Theorie bestätigt sich in der Praxis. Nach Informationen aus dem Umfeld der deutschen Entwicklungsbank KfW kommt derzeit nur ein Wasserstoffprojekt im Land wirklich voran: das eines privaten Transportunternehmens nahe Belgrad. Es will Strom aus einer eigenen Solaranlage in Wasserstoff für die eigenen Lkw umwandeln, die Tankstelle soll bis Mitte 2027 in Betrieb gehen. Das Projekt ist aus Eigenmitteln finanziert. Der Aufwand für Förderungen stand in keinem Verhältnis zur Summe. Wer in Serbien auf Wasserstoff setzt, ist bisher auf sich allein gestellt. Aber was heißt das für jemanden, der investieren will?

Wo der Markt wirklich liegt

Die Gesprächspartner:innen zeigen alle in dieselbe Richtung, und sie zeigt nicht auf Wasserstoff. Batas-Bjelić beobachtet, dass derzeit ausschließlich kleine Solarprojekte tatsächlich gebaut werden, während größere Vorhaben liegen bleiben, und erwartet den Anstoß von Unternehmen selbst. Wer in Serbien in Erneuerbare investieren will, muss also kleiner denken: bei Anlagen für den Eigenverbrauch von Betrieben.

Die Deutsch-Serbische Wirtschaftskammer verweist auf eine konkrete Lücke, die auch für österreichische Investor:innen interessant sein könnte: Deutsche Firmen haben in Serbien längst selbst Photovoltaik installiert und ihre Prozesse optimiert, um auf das CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM der EU vorbereitet zu sein. Ihre kleineren serbischen Zulieferer haben das nicht. Deren Emissionen schlagen nämlich auf die Klimabilanz ihrer internationalen Abnehmer durch. Und genau dort sei Raum für Investitionen.

Für alle Bereiche rät Daniel Schaub von The Energy Bridge, lokale Akteure einzubeziehen. „Wenn die Community rund um ein Projekt dagegen ist, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Die Community einzubinden, senkt dieses Risiko, und das ist bei Investitionen wichtig.” Wissenstransfer und lokale Arbeitsplätze gehören für ihn dazu.

Bei grünem Wasserstoff ist Serbien noch nicht so weit. Wer dort trotzdem investieren will, sollte beim Fundament anfangen, gemeinsam mit den Menschen vor Ort.


Dieser Beitrag ist im Rahmen von „eurotours 2026″ entstanden, einem Projekt des Bundeskanzleramts, finanziert aus Bundesmitteln.

Toll dass du so interessiert bist!
Hinterlasse uns bitte ein Feedback über den Button am linken Bildschirmrand.
Und klicke hier um die ganze Welt von der brutkasten zu entdecken.

brutkasten Newsletter

Aktuelle Nachrichten zu Startups, den neuesten Innovationen und politischen Entscheidungen zur Digitalisierung direkt in dein Postfach. Wähle aus unserer breiten Palette an Newslettern den passenden für dich.

Montag, Mittwoch und Freitag

AI Summaries

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Welche gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat der Inhalt dieses Artikels?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Innovationsmanager:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Investor:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Welche Relevanz hat der Inhalt dieses Artikels für mich als Politiker:in?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Was könnte das Bigger Picture von den Inhalten dieses Artikels sein?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Personen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

AI Kontextualisierung

Wer sind die relevantesten Organisationen in diesem Artikel?

Leider hat die AI für diese Frage in diesem Artikel keine Antwort …

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“