15.05.2026
INTERVIEW

Bluechip-CEO Benjamin Levit „Stablecoins haben jetzt gewonnen“

Benjamin Levit, Co-Founder und CEO der Ratingagentur Bluechip, schildert im Interview mit brutkasten die Entwicklung von Stablecoins. Er analysiert den Krypto-Standort Wien und warum Stablecoins Visa und Mastercard herausfordern.
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Bluechip-CEO Benjamin Levit
Bluechip-CEO Benjamin Levit | Foto: brutkasten

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von März 2026 „Kraftakt” erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Kryptowährungen und die etablierte Finanzwelt stehen seit Jahren in einer wechselhaften Beziehung. In ihren Ursprüngen waren viele in der Krypto-Szene mit einer Anti-Establishment-Haltung angetreten, die sich auch gegen die Bankenlandschaft richtete. Doch spätestens im Bullenmarkt 2017 war die Hoffnung auf „institutional adoption“, also den Einstieg traditioneller Finanzakteure in den Kryptobereich, ein großer Kurstreiber. Mit der Zulassung von Bitcoin-ETFs in den USA Anfang 2024 kam der nächste Meilenstein.

Zuletzt ist allerdings wieder ein anderes Krypto-Thema in der etablierten Finanzwelt in den Mittelpunkt gerückt: Stablecoins – also Kryptowährungen, deren Kurs 1:1 an im Regelfall klassische Währungen wie den US-Dollar oder andere Referenzwerte gekoppelt ist. Der Wiener Benjamin Levit gehörte bereits 2023 zu den Gründern der ersten Ratingagentur für Stablecoins und führt sie als CEO. Mittlerweile hat Bluechip seinen Sitz nach Wien verlegt und im vergangenen Herbst hier gemeinsam mit der Raiffeisen Bank International (RBI) eine große Konferenz zum Thema veranstaltet. Im brutkasten Interview spricht Levit über die Entwicklungen in der Stablecoin Landschaft, das zunehmende Interesse von Banken wie Politik und erklärt, warum Österreich als Krypto Standort derzeit so gefragt ist.


brutkasten: Du beobachtest die Stablecoin-Landschaft schon länger. Wo stehen wir 2026?

Benjamin Levit: Ich würde es so beschreiben: Stablecoins haben gewonnen. Sie haben das erreicht, was sie eigentlich schon immer wollten, nämlich dass die Transfer- und Handelsvolumina auf einem Level sind, das man mit Visa und Mastercard vergleichen kann. In den letzten zwölf Monaten im Jahr 2025 haben Stablecoins sogar mehr Handelsvolumen erzeugt als Visa oder Mastercard jeweils für sich.

Man muss dazu natürlich sagen, dass Stablecoins zu einem großen Teil für das Krypto-Trading genutzt werden, was man nicht eins zu eins mit dem klassischen Händler-Käufer-Handel bei Kreditkarten vergleichen kann. Aber es geht ganz stark in die Richtung, dass sie immer mehr für normale Zahlungen verwendet werden.

Jetzt, wo Stablecoins wirklich in der traditionellen Finanzwelt angekommen sind und Banken eigene Stablecoins herausbringen, integrieren und ihren Nutzern anbieten, sehen wir gerade den Beginn einer neuen Ära.

Wenn man vom Use Case Krypto-Trading absieht: Welche Anwendungsmöglichkeiten siehst du aktuell in der realen Welt und wie entwickelt sich das?

Eine große Anwendung ist schlicht das Thema Inflation. In den letzten fünf Jahren ist vielen Menschen viel bewusster geworden, was Inflation bedeutet. Mehr Menschen befassen sich damit, dass es nicht immer die beste Wahl ist, in der staatlichen Währung zu bleiben, und suchen nach Wegen, ihr Geld anders anzulegen.

Hier bieten Stablecoins eine riesige Möglichkeit – vor allem, wenn sie nicht nur durch staatliche Währungen gedeckt sind, sondern vielleicht auch durch tokenisierte Aktien, Immobilien oder Gold. Für Menschen in Ländern mit hoher Inflation, aber auch in der EU, ist das ein extrem spannendes Thema: ein Zahlungsmittel zu haben, in dem man auch sparen kann.

Ein weiterer riesiger Anwendungsfall ist der grenzenlose Transfer von Werten rund um die Uhr, nur mit einem Internetzugang. Während wir innerhalb der EU SEPA-Echtzeitüberweisungen haben, sind weltweite Zahlungen oft noch mit großen Hürden und Kosten verbunden. Hier sind Stablecoins eine Revolution. Zudem wächst die Möglichkeit, Krypto-Assets direkt bei Banken zu halten, was vor einigen Jahren noch undenkbar war.

Zum Thema Inflation könnte man aber argumentieren, dass die allermeisten Stablecoins an Fiat-Währungen gekoppelt sind und im Krypto-Bereich eine Investition z. B. direkt in Bitcoin geeigneter wäre, um der Inflation zu entkommen. Wie beurteilst du dieses Argument?

Beim Vergleich von Bitcoin mit Stablecoins ist das Thema natürlich die Volatilität. Bitcoin ist ein limitiertes Asset und an nichts gebunden, was es kurzfristig volatil macht – es eignet sich eher als langfristiger Wertspeicher, wie digitales Gold. Wenn man jedoch seinen Alltag und seine Ausgaben planen muss, benötigt man etwas weniger Volatiles, und da kommen Stablecoins ins Spiel. Es stimmt, dass man die Inflation „importiert“, wenn ein Stablecoin zu 100 Prozent an den Dollar oder Euro gebunden ist.

Ich sehe aber eine riesige Welle kommen, in der Stablecoins nicht mehr nur an Fiat-Währungen gekoppelt sind, sondern einen Korb an Assets abbilden – ähnlich einem Warenkorb zur Inflationsmessung. Dieser Korb könnte aus tokenisierten Real-World-Assets wie Gold, Immobilien, Bitcoin, aber auch Teilen von Euro oder Dollar bestehen.

So entstehen Assets, die nicht mehr nur von Fiat-Währungen abhängen, sondern von einem wachsenden Markt limitierter Güter profitieren, sofern die Stabilitätsmechanismen über Smart Contracts richtig aufgesetzt sind.

Wenn man sich den Stablecoin-Markt aktuell anschaut, gibt es eine enorme Dominanz von Dollargekoppelten Stablecoins, fast eine Monopolstellung. Euro-Stablecoins spielen eine untergeordnete Rolle. Was sind die Gründe dafür – und wird sich das diversifizieren?

Ein wesentlicher Grund für diese Diskrepanz liegt darin, dass die USA vor etwa fünf Jahren einfach offener gegenüber Krypto waren und sich viele Firmen dort niedergelassen haben. Zudem werden Bitcoin und Ethereum international meist gegen den Dollar gehandelt. Ich würde aber sagen, dass sich das Blatt wendet und die EU stark aufholen kann. Seit die MiCAR-Regulierung live ist, können Stablecoins auch in der EU reguliert an den Markt gebracht werden. Wir sehen, dass Firmen beginnen, hier zu bauen.

Auch der Euro-Coin von Circle hat bereits ein Market Cap von über 300 Millionen Euro erreicht und wächst in einem gesunden Maß. Ich sehe eine sehr positive Zukunft für Stablecoins in der EU, auch wenn der Dollar aufgrund der historischen Entwicklung des Krypto Handels noch dominiert.

Das heißt, du beurteilst die MiCAR- Regulierung durchaus als innovationsfördernd?

Ja, definitiv. Sie war der Grundstein für Firmen, die Entwicklung sicher zu starten. Bevor so eine Regulierung eintritt, ist der Start eines solchen Projekts ein großes Risiko. Das erste Jahr von „MiCAR in Action“ war sehr erfolgreich; viele Unternehmen sind in die EU und auch nach Österreich gekommen, um sich regulieren zu lassen. Ich bin für die nächsten Jahre hier sehr positiv gestimmt.

Im Stablecoin-Bereich sehen wir, dass das Thema für Banken immer interessanter wird. Ein Beispiel ist das Projekt Qivalis, an dem mehrere europäische Großbanken beteiligt sind – neben der ING und der UniCredit etwa auch die Raiffeisen Bank International (RBI), die auch ein Partner von Bluechip ist. Wie nimmst du den Blick der Banken auf das Thema wahr – und wie verändert er sich?

Banken befinden sich in einer sehr spannenden Situation: Sie haben ein großes Kundennetzwerk, viel Vertrauen und sehr viel Liquidität. Einen Stablecoin auf den Markt zu bringen ist für sie ein attraktiver Business Case, um Gebühren zu generieren und Einfluss zu nehmen. Wenn sie ihren Nutzern die Möglichkeit bieten, Stablecoins jederzeit gegen Euro einzutauschen, ist das ein großer Mehrwert. Es ist daher absolut nachvollziehbar und positiv, dass die traditionelle Finanzwelt hier mitschneiden möchte. Es ist ein Markt, an dem alle teilnehmen wollen, und es wird sich zeigen, welche Stablecoins sich durchsetzen.

Benjamin Levit ist CEO und Co- Founder der Stablecoin- Ratingagentur Bluechip.

Am anderen Ende des Spektrums stehen dezentrale Stablecoins. Nach dem Zusammenbruch von Terra Luna gab es viel Skepsis, aber es starteten auch neue Projekte wie zuletzt etwa auch USPD aus Wien. Wie beurteilst du dezentrale Stablecoins in der jetzigen Situation?

Aus meiner persönlichen Sicht und aus Sicht von Bluechip ist das sehr spannend. Ich glaube, dass ein dezentraler Stablecoin, der vielleicht durch tokenisierte Real-World-Assets gedeckt ist, ein fast unzerstörbares und zensurresistentes Tool sein kann. Wenn es keine zentrale Angriffsstelle gibt und das System sicher aufgesetzt ist, hat das einen enormen Wert.

Durch Smart Contracts lassen sich reale Werte auf der Blockchain abbilden, was einen inflations geschützten Stablecoin ermöglichen kann. Wichtig ist dabei die Governance: Wenn ein Stablecoin komplett dezentral ist und keine menschlichen Fehler mehr passieren können – vorausgesetzt, der Contract ist korrekt –, profitiert niemand ungerechtfertigt.

Letztlich ist es aber auch eine Frage der Umsetzung und in weiterer Folge der Resilienz, wie man bei Terra Luna gesehen hat. Wie prüft Bluechip, ob dezentrale Modelle von Stablecoins in Stresssituationen resilient sind?

Das Terra-Luna-Thema war tatsächlich der Auslöser für die Gründung von Bluechip, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Es gibt zentralisierte Stablecoins, die 1:1 gedeckt und effizient sind, aber eben einen zentralen Angriffspunkt bieten. Dezentrale Stablecoins sind resilienter, müssen aber meist „überbesichert“ sein – wir verlangen bei Bluechip beispielsweise für Ethereum-Backing mindestens 220 Prozent Besicherung (in der Praxis bedeutet das also, dass man Ethereum im Wert von mindestens 220 Dollar als Sicherheit hinterlegen muss, um Stablecoins im Wert von 100 Euro zu generieren, Anm. d. Red.).

Terra Luna wollte beides: Dezentral sein, aber nur 1:1 gedeckt – und hat das über einen hauseigenen Governance-Token gelöst. Das hat noch nie funktioniert. Bei Bluechip gibt es Regeln, die nicht gebrochen werden dürfen und zu einem automatischen „F“-Rating führen. Eine dieser Regeln ist, dass kein hauseigenes Kapital als Backing verwendet werden darf, was bei Terra Luna der Fall war.

Benjamin Levit auf der von Bluechip und Raiffeisen Bank International (RBI) veranstalteten „Crypto Safety Con ference“ in Wien im November 2025. Er steht auf der Bühne und spricht
Benjamin Levit auf der von Bluechip und Raiffeisen Bank International (RBI) veranstalteten „Crypto Safety Conference“ in Wien im November 2025

Was passiert bei Bluechip gerade und was sind eure weiteren Pläne?

Es ist eine sehr spannende Zeit für uns. Da Stablecoins in der traditionellen Finanzwelt angekommen sind, steigt das Interesse an einer spezialisierten Ratingagentur massiv, da Ratings in der Finanzwelt bereits bekannt und geschätzt sind. Wir sehen Interesse von Medienfirmen, Banken und Zahlungsdienstleistern.

Ein weiterer großer Punkt ist unsere Konferenz „Bluechip 26“, die wir in Wien in Partnerschaft mit der RBI veranstalten. Wir wollen die traditionelle und die dezentrale Finanzwelt zusammen bringen, den Standort Österreich stärken und den Austausch fördern. Wir sehen uns als Brücke, die die komplexe Welt der Stablecoins analysiert und verständlich aufbereitet.

Apropos Standort Österreich: Viele internationale Krypto-Börsen kommen derzeit nach Wien. Zu welchem Anteil würdest du das der Arbeit der Finanzmarktaufsicht (FMA) zuschreiben?

Wahrscheinlich zum größten Anteil. Das ist wirklich der Grund, warum Wien gewählt wird. Es liegt an der Verlässlichkeit der FMA: Unternehmen können sich auf deren Aussagen verlassen. Zudem begleitet die FMA die Prozesse sehr unterstützend, wie ich oft gehört habe. Andere Aufsichtsbehörden in der EU sind entweder zu lax oder zu blockierend. Die FMA scheint hier genau die richtige Balance zu finden, weshalb Wien als Standort so attraktiv ist.

Ihr wollt mit eurer Konferenz auch die politische Ebene erreichen. Gibt es dort mittlerweile ein Bewusstsein für Stablecoins und Krypto?

Das ist gerade jetzt die spannendste Phase. Ich bin seit neun Jahren im Krypto-Bereich und jetzt kommt erstmals echtes politisches Interesse auf. Das liegt daran, dass viele Börsen nach Österreich kommen und es ein großer Markt wird. Durch ernsthafte Projekte wird der Bereich nicht mehr nur belächelt. Faktisch und fundamental geht so viel voran, dass es auch in der Politik zwangsläufig ein wichtiges Thema wird.

Wenn du fünf Jahre in die Zukunft schaust: Wo werden wir bei Stablecoins stehen?

Ich denke, dass sich die gesamte Marktkapitalisierung von Stablecoins in den nächsten fünf Jahren verzehnfachen kann – wir könnten in Richtung drei bis vier Billionen Dollar gehen. Es wird viele koexistierende Stablecoins geben, wobei Interoperabilität und geringe Tauschgebühren entscheidend sein werden.

Es wird verschiedene Use Cases für verschiedene Bereiche geben, etwa mit integrierten Rewards. Gleichzeitig werden nicht alle überleben; es ist ein harter Wettbewerb. Ich erwarte auch, dass Euro-Stablecoins signifikant Marktanteile gewinnen und Stablecoins viel stärker in unseren normalen Zahlungsalltag integriert werden.

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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 Aufbrechen erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Als die Initiative „EU INC“ im Herbst 2024 erstmals mit einem offenen Brief und einer Petition antrat, erwarteten wohl nicht wenige, dass deren Ruf nach einer paneuropäischen Gesellschaftsform ähnlich verhallen würde, wie es solche Vorstöße oft tun. Es war das Who is Who der europäischen Startup-Bubble, das unterschrieben hatte – Menschen, die außerhalb ebendieser Bubble bestenfalls in ihren Heimatländern bekannt sind und deren politisches Gewicht sich für gewöhnlich in Grenzen hält.

Doch es kam anders: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen griff das Thema schon kurze Zeit später persönlich auf und versprach die Umsetzung. „28th Regime“ lautete das Schlagwort dazu – ein Begriff, dessen Grundidee schon lange kursiert war und der 2024 in den viel zitierten Berichten von Enrico Letta und Mario Draghi an die EU-Kommission abermals ins Spiel gebracht worden war, was gewiss zum Interesse an oberster Stelle beitrug. Für die meisten ist der Terminus wohl etwas weniger selbsterklärend, als man in der EU-Kommission meinen will: Neben den 27 nationalen Rechtsrahmen für Unternehmen in den 27 EU-Mitgliedsstaaten soll ein 28., ein paneuropäischer Rahmen geschaffen werden, so die Idee.

EU statt Delaware

Doch warum das Ganze? Für die europäische Startup-Szene geht es – abhängig von den Regelungen im jeweiligen Heimatland – um eine Vereinfachung der Gründung; es geht, ganz dem europäischen Gedanken folgend, um eine Vereinfachung der Expansion innerhalb der EU; vor allem aber geht es, wie so oft, um das Thema Finanzierung. „Manche amerikanischen Investoren kommen nie nach Deutschland, weil sie sich sonst zwei Tage lang beim Notar den Vertrag vorlesen lassen müssten – ein Kabuki-Theater, das außerhalb des deutschsprachigen Raums als verrückt gilt“, sagt Clark Parsons, CEO des European Startup Network, im brutkasten-Interview. Daher würde es oft heißen: „Es wäre viel einfacher, wenn du eine Delaware Inc. hättest, in die ich investieren kann, statt deine verrückte GmbH-Struktur verstehen zu müssen“.

Diese Delaware Inc., also ein Unternehmen mit formellem Hauptsitz in Delaware – im Normalfall als Briefkastenfirma –, ist der global etablierte Standard, um US-amerikanische und auch andere internationale Investoren anzuziehen. Gebrauch machen von den besonders unternehmensfreundlichen rechtlichen und steuerlichen Bedingungen im zweitkleinsten US-Bundesstaat nicht nur Startups aus aller Welt, sondern auch rund zwei Drittel aller Fortune-500-Unternehmen, darunter etwa Google, Amazon und Walmart. Parsons formuliert dazu die Leitidee hinter der EU Inc.: „Warum schaffen wir nicht etwas, das mit Delaware konkurriert?“ Und er präzisiert: „Man registriert einmal, es gibt ein Vehikel, das jeder kennt. Wir haben Roaming fürs Handy, unsere Bürger und Arbeitnehmer überqueren Grenzen problemlos – aber unsere Startups können das nicht. Das ist doch Wahnsinn“.

Dass man sich damit ein ausgesprochen ambitioniertes Ziel gesetzt hat, war auch den Initiator:innen der „EU INC“-Initiative, unter ihnen der aus Österreich stammende Investor Andreas Klinger, von Beginn an klar. Entsprechend wollte man auch bei der ersten Ankündigung von Ursula von der Leyen noch nicht so recht euphorisch werden. Im Gegenteil: Nachdem von der Leyen bei einer viel beachteten Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2025 eine Vision für das 28th Regime ausgegeben hatte, die den Vorschlag der Initiative im Umfang sogar deutlich übertraf, bremste Klinger gegenüber brutkasten: „Wir haben von Beginn an gesagt, wir wollen Arbeitsrecht und Besteuerung nicht als Teil der EU Inc. Wir wollen das nicht anfassen“. Zu groß war die Sorge vor umfassenden Widerständen von EU-Ländern und anderen Playern im Gesetzgebungsprozess. Man bediente sich beim Vorschlag daher eines in der Startup-Welt nur allzu bekannten Konzepts: Er sollte „lean“ sein, ein „Minimum Viable Product“, um die Chance auf Umsetzung zu maximieren.

Bruchlinien

Doch die befürchteten Widerstände ließen auch so nicht lange auf sich warten. Erstmals kamen sie schon Mitte 2025 in Form eines vorauseilenden Gegenvorschlags von EU-Parlamentarier:innen – Monate bevor der formelle Entwurf der EU-Kommission vorlag. In diesem wurden einige zentrale Forderungen der Initiative nicht berücksichtigt bzw. deutlich aufgeweicht, was für eine Welle der Kritik von europäischen Startup-Institutionen sorgte.

Klar wurden bereits damals die Bruchlinien, die mit der Veröffentlichung des Kommissionsentwurfs zur EU Inc. im März 2026 noch deutlicher wurden: Kritik kommt vor allem von Arbeitnehmer:innenverbänden und damit auch von der politischen Linken. So äußert man dort etwa Sorgen zur möglichen Umgehung von Arbeitsrecht und „Sozialdumping“ durch die vorgeschlagene freie Wahl des Hauptsitzes. Ebenfalls sehr skeptisch äußern sich Notariatsverbände; sie befürchten eine Aushöhlung der Rechtssicherheit.

Es sind Argumente, denen man auf Startup-Seite naturgemäß nicht viel abgewinnen kann. „Das hat mit der Realität wenig zu tun“, sagt Clark Parsons in Bezug auf die arbeitsrechtlichen Bedenken – schließlich bleibe das Arbeitsrecht auch im Kommissionsentwurf unangetastet und hänge nicht am Unternehmenssitz, sondern am Betriebsort. Für die Arbeitnehmer:innen zähle weiterhin, in welchem Land sich ihr Arbeitsplatz befinde, und nicht, wo der Firmensitz sei. Den Sorgen der Notariate hält Parsons entgegen: „Viele Mitgliedstaaten kommen ohne Notare im Prozess bestens zurecht. Niemand behauptet, estnischen Startups fehle Rechtssicherheit, obwohl man dort in zehn Minuten online gründet“. Dennoch sieht er auch mögliche Chancen für Notariate in der neuen Rechtsform: „Wenn österreichische oder deutsche Notare zu ihren Regierungen gingen und sagten: ‚Macht uns zum Teil dieser Zertifizierung innerhalb von zwei Werktagen‘ – man würde sie mit offenen Armen empfangen“, meint der European-Startup-Network-Chef und legt Notar:innen ans Herz, „ein bisschen wie Startups zu denken“.

„Eine typische EU-Lösung“

Kritik am Kommissionsentwurf kam aber auch von der Initiative „EU INC“ und Startup-Verbänden. „Das Proposal ist nicht wirklich das, was wir vorgeschlagen haben, sondern eine typische EU-Lösung“, sagte etwa Andreas Klinger nach Veröffentlichung des Entwurfs im brutkasten-Interview. Letztlich belasse dieser noch immer zu viele Kompetenzen bei den Nationalstaaten und erfülle so nicht tatsächlich die Anforderungen eines 28th Regime, so die Argumentation. Es drohe eine Umsetzung in „27 verschiedenen Geschmacksrichtungen“.

Konkret bekrittelt die Initiative in der aktuellen Version ihres Positionspapiers aus dem Juli etwa, dass kein zentrales EU-Register für die EU Inc. vorgesehen ist und dass die Regelungen zur Arbeitnehmer:innenmitbestimmung nicht klar genug seien. Fast noch stärker als auf die Kritik am Kommissionsentwurf geht die Initiative im Papier aber auf Befürchtungen ein, dass der vorhandene Entwurf verwässert werden könnte. Denn der Prozess bis zum finalen Gesetz ist noch lange nicht vorbei.

Mehrere Schritte bis zum Beschluss

Nach Vorlage des Entwurfs holte nicht nur die Kommission Feedback von Stakeholdern ein – auch das EU-Parlament und der Rat der Europäischen Union, also das Gremium der Mitgliedsstaaten, starteten jeweils kleinteilige Prozesse, um ihre Positionen und Gegenentwürfe festzulegen; ebenfalls unter Einbeziehung von Stakeholdern. Auf Basis der Ergebnisse folgen dann im Herbst sogenannte Trilog-Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und Rat, die laut Plan bis Ende des Jahres abgeschlossen sein sollen.

Bis dahin kann also noch viel passieren – und die diesbezüglichen Befürchtungen, die von der Initiative „EU-INC“ im Positionspapier geäußert werden, gehen weit. Die Kernpunkte sind, dass am Ende statt der geplanten Verordnung doch nur eine Richtlinie herauskommen könnte und dass die freie Wahl des Firmensitzes fallen könnte. Ersteres würde zu einer eigenständigen rechtlichen Umsetzung in den jeweiligen Nationalstaaten führen und das Konzept eines tatsächlichen 28th Regime wohl endgültig kippen; Zweiteres würde es Nationalstaaten erleichtern, die Ziele der EU Inc. durch eigene Gesetzgebung zu konterkarieren – der Druck durch mögliche Abwanderung wäre dagegen ein Ansporn, die EU-weite Vereinfachung mitzutragen.

Dass diese Sorgen nicht aus der Luft gegriffen sind, liegt auf der Hand: Sowohl von der europäischen politischen Linken als auch von Stakeholder-Gruppen und den Regierungen einzelner Nationalstaaten kommen Vorschläge in diese Richtung. Was letztlich bei den Trilog-Verhandlungen herauskommt, bleibt abzuwarten.

Dabei gäbe es im Notfall noch eine Hintertür: Für eine sogenannte „Enhanced Cooperation“ (ein Opt-in-Verfahren für einzelne Länder, das über die EU moderiert wird) braucht es kein einstimmiges Votum innerhalb der EU, sondern lediglich mindestens neun Mitgliedsstaaten, die an Bord sind. Ein Beispiel für dieses Modell ist etwa das EU-Patentgericht, das von 18 der 27 Staaten ratifiziert wurde. „Wir wissen, dass in einigen Ländern ein sehr starkes Interesse besteht. Das eigentliche Problem ist aber, dass die EU keine Regierung im klassischen Sinn ist, sondern eher eine Art Debattierklub. Die Länder müssen sich nun entscheiden: Wollen wir mehr Europa oder nicht?“, so Andreas Klinger im Interview.

Zwischen Vision und Realität

Es geht aber eben nicht nur um die Frage nach einem vereinten Europa – Ziel ist und bleibt die Alternative zur Delaware Inc. und damit zur Abwanderung europäischer Unternehmen mit hohem Potenzial in die USA; zumindest, was den Hauptsitz anbelangt. Clark Parsons setzt ein noch größeres Ziel und definiert dazu einen KPI: „Wie viele EU Incs werden von Menschen gegründet, die gar nicht in Europa sitzen? Amerikaner, Inder, Chinesen gründen in Delaware. Warum sollten sie nicht eine EU Inc. gründen – und damit sofort Zugang zu einem Markt von 450 Millionen Menschen haben?“. Für Unternehmer:innen aus den EU-Beitrittskandidatenländern (etwa Ukraine, Montenegro), aber auch aus der Schweiz, Norwegen oder dem Vereinigten Königreich könnte das „die Speerspitze wirtschaftlicher Integration“ werden, skizziert der European-Startup-Network-Chef.

Doch seine Vision droht, eine solche zu bleiben. Einstweilen heißt es: Warten auf den Kompromiss. Und der könnte, wie es mit Kompromissen oft so ist, nicht nur für die europäische Startup-Szene, sondern für alle Beteiligten unbefriedigend werden.

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