08.02.2019

SixBug: Wiener Low-Carb-Riegel aus 100 Insekten überzeugte im Blindtest

Bei einer Blindverkostung unterschiedlicher Low-Carb-Proteinriegel von 130 TesterInnen an der Wiener Universität für Bodenkultur (BOKU) überzeugte der Insektenriegel SixBug des Wiener Startups Insection. Obwohl die ProbandInnen über die Inhaltsstoffe Bescheid wussten.
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Mehlwürmer sind einer der Bestandteile des Proteinriegel SixBug des Wiener Startups Insection
(c) fotolia.com - unpict: Mehlwürmer sind einer der Bestandteile von SixBug

Gemahlene Grillen bzw. Heimchen und Mehlwürmer machen rund 30 Prozent des Low-Carb-Proteinriegels SixBug des Wiener Startups Insection aus. Es stecke „die Kraft von 100 Insekten“ in jedem Riegel, heißt es vom Startup. Ein Faktum, dass KonsumentInnen abschrecken könnte – sollte man meinen. Doch das Startup konnte nun das Gegenteil beweisen.

+++ Neoh: Wiener Startup verkaufte im ersten Jahr 4 Mio. Schokoriegel +++

Gutes Abschneiden bei Blindverkostung

An der Wiener Universität für Bodenkultur (BOKU) wurden zwei wissenschaftlich begleitete Blindverkostungen von sieben Low-Carb-Proteinriegeln mit insgesamt 130 TesterInnen durchgeführt. Beim ersten Test wussten die ProbandInnen nicht über den Inhaltsstoff Bescheid, beim zweiten schon. Dennoch wurde beide Male gleich – positiv – bewertet. „Dass das Wissen über den Inhaltsstoff Insekt keine Auswirkung auf die Bewertung der Riegel hatte, hat auch uns überrascht, zeigt aber, dass die Konsumenten diese Zutat bereits positiv annehmen“, sagt Insection-Co-Founder Lukas Haider.

Nur NEOH „auf Augenhöhe“

Die TesterInnen mussten die sieben vorgelegten Riegel nach den Kriterien Aussehen, Geruch, Geschmack, Süße, Knusprigkeit und Kaugefühl bewerten. Der Test-Leiter, BOKU-Professor und Sensorik-Experte Klaus Dürrschmid, fasst die Herausforderung zusammen: „Auch bei insektenbasierten Produkten muss ein optimales sensorisches Profil unter Einsatz fortschrittlicher Methoden der Sensory and Consumer Science angestrebt werden“. Einzig der bereits relativ etablierte Riegel NEOH (⇒ zum brutkasten-Bericht) habe im Test „auf Augenhöhe“ mit SixBug abgeschnitten, heißt es in einer Aussendung. Der Test stand am Ende einer achtmonatigen Entwicklungsphase. In Kürze soll der Marktstart erfolgen.

SixBug soll mit Ressourcenschonung punkten

Insection will seine KundInnen nicht nur mit dem üblichen Proteinriegel-Argument überzeugen – SixBug enthält 11 Gramm Eiweiß bei 1,6 Gramm Zucker. Vor allem den Nachhaltigkeitsaspekt kehrt man hervor. So seien die verwendeten Insektenarten äußerst ressourcenschonend. Sie benötigten im Vergleich zu Rindern bloß ein Viertel des Futters, und produzierten gerade ein Hundertstel der Treibhausgase. Abgesehen vom Insektenmehl verwendet Insection nur pflanzliche Inhaltsstoffe. Der Vergleich mit Rindfleisch hinkt zumindest direkt im Low-Carb-Riegel-Segment dennoch. Denn andere Proteinriegel setzen vorwiegend auf pflanzliche Eiweiße, etwa aus Soja. Punkten kann SixBug wiederum durch den Verzicht auf Gelatine und Milch- bzw. Molkepulver.

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Mitarbeiterbeteiligung - Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu
Werner Wutscher | (c) Luiza Puiu

Transkribus ist eine KI-Plattform, die historische Handschriften automatisch erkennt. Entstanden ist sie an der Universität Innsbruck, heute ist sie als Europäische Genossenschaft organisiert und wird weltweit von Archiven und Forschenden genutzt. Ein Paradebeispiel für ein akademisches Spinoff, nur eben keines aus der Technik, sondern aus den Geisteswissenschaften. Genau solche Gründungen will ein neuer Ausgründungsrahmen künftig systematisch ermöglichen.

„SHAPE Austria“ wurde im Rahmen der ECN-Konferenz von Werner Wutscher (New Venture Scouting) und Sektionschef Elmar Pichl vom Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF) vorgestellt. SHAPE steht für Social Sciences, Humanities and the Arts for People and the Economy. Der Bericht ergänzt den Ausgründungsrahmen von 2024, der den Hochschulen erstmals einheitliche Standards für Spinoffs vorgab. „Da war der klare Fokus auf skalierbare, technologieorientierte Startups. Die Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und Künste sind zu kurz gekommen“, sagt Wutscher. Das Ministerium habe den Rahmen komplettieren wollen.

27 Institutionen in der Arbeitsgruppe

Erarbeitet wurde der Bericht von November 2025 bis Juni 2026 mit einer Arbeitsgruppe aus 27 Institutionen, darunter 16 Hochschulen von der Universität Wien über das Mozarteum bis zur Kunstuniversität Linz. Dazu kamen Interviews mit 16 Einrichtungen, die bereits weiter sind, etwa dem britischen ARC Accelerator, der Erasmus University Rotterdam oder der Universität Köln.

Das Ergebnis sind elf Empfehlungen, sechs an die Leitungsebene der Hochschulen, fünf an Transferstellen und Career Center. „Um auch strategische Themen zu diskutieren, braucht man unbedingt auch die Leitungsebene, also die Rektorate für diese Diskussionen“, so Wutscher.

Andere Sprache, andere Strukturen

Der zentrale Befund: Gründungen aus diesen Disziplinen folgen einer anderen Logik. Sie entstehen selten aus einer Marktchance, sondern aus einem gesellschaftlichen Problem. Im Bericht ist von „Reluctant Founders“ die Rede, Menschen, die nicht primär ein Unternehmen aufbauen, sondern etwas verändern wollen. „Du musst sehr stark über die Wirkung reden, über den Impact reden, um die dann gut abzuholen“, sagt Wutscher. Empfohlen wird ein „Prinzip der Zweisprachigkeit“: nach innen Wirkungssprache, nach außen klassische Startup-Begriffe, damit Finanzierung und Netzwerke nicht verschlossen bleiben. Statt von Kund:innen spricht man dann von Audiences.

Strukturell sind SHAPE-Gründungen meist günstiger und schneller als Tech-Spinoffs: kein Labor, kein Patentierungsprozess, kürzere Validierungszyklen. Dafür braucht es niederschwellige, mehrstufige Begleitung und offene Rechtsformen. Statt der GmbH kann auch ein Verein, eine Genossenschaft oder ein Hybridmodell passen. „Wenn du einen Verein gründest, um Gesundheitspolitik zu promoten, brauchst du kein Labor“, so Wutscher.

Soft IP statt Patente

Ein eigener Schwerpunkt gilt dem geistigen Eigentum. Wo keine Patente entstehen, sondern Urheberrecht, Software, Daten oder Know-how, greifen die üblichen IP-Richtlinien nicht. Der Bericht empfiehlt getrennte Regeln für Hard und Soft IP mit deutlich günstigeren Konditionen und nennt als Benchmark die University of Bristol: 20 Prozent Beteiligung bei patentbasierten Spinoffs, fünf Prozent bei „IP light“, null Prozent ohne verwertbares IP. Leitprinzip: so offen wie möglich, so geschlossen wie nötig, inklusive Creative-Commons- und Open-Source-Lizenzen.

Weil die Wirkung im Vordergrund steht, sollen Hochschulen auch nicht auf Lizenzeinnahmen hoffen, sondern Impact messen. Anlage 1 des Berichts liefert dafür beispielhafte Indikatoren, von erreichten Nutzer:innen bis zu Impact Case Studies.

Netzwerk und gemeinsames Programm

Weil die Pipelines einzelner Hochschulen klein sind, empfiehlt der Bericht ein österreichweites SHAPE-Netzwerk nach dem Vorbild des britischen Aspect Network und ein gemeinsames Frühphasenprogramm, angedockt an bestehende Strukturen wie AplusB, ECN oder die Ludwig Boltzmann Gesellschaft. New Venture Scouting koordiniert dafür ein Jahr lang Quartalstreffen der Arbeitsgruppe. Dazu kommt die Forderung, Transfer und Gründung in Berufungen und Evaluierungen anzuerkennen, im Sinne der CoARA-Initiative, die von rein publikationsbasierten Metriken abrücken will.

Die Beispiele in Anlage 2 reichen von ArtWave, einem Startup zweier Opernsängerinnen für Stressreduktion und Burnout-Prävention, über die Praxissoftware freudio für Psychotherapeut:innen bis zur Kärntner Freiwilligenplattform inmojo. „Wir haben noch sehr wenige. Deswegen haben wir den Ausgründungsrahmen um Success Stories ergänzt, damit sich die Leute das vorstellen können“, sagt Wutscher.

„Da wären wir mit vorne dabei“

Für Wutscher ist der Zeitpunkt entscheidend: Die großen Fragen rund um KI, Ethik oder Medizin bräuchten interdisziplinäre Teams. Und beim SHAPE-Thema stehe ganz Europa noch am Anfang. „Deswegen wäre das jetzt so spannend, wenn wir das jetzt starten könnten. Da wären wir mit vorne dabei.“

Bleibt der Haken: das neue Universitätsbudget. Wutscher, der auch Vorsitzender des Universitätsrats der Universität Klagenfurt ist, nennt die Kürzungen einen „massiven Dämpfer“. Die große Herausforderung sei, „dass diese Einsparungen nicht dazu führen, dass Innovation und das Neue gedrosselt werden“. Gerade bei Entrepreneurship-Aktivitäten sei die Entwicklung zuletzt nach oben gegangen: Österreichweit gebe es mittlerweile 31 Forschungs-Spinoffs, 2024 waren es noch 25.

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