05.05.2022

Risk Assessment 2.0: Ein Leitfaden für Investoren zur Risikobewertung

Wenn die Hälfte aller Unternehmen nach fünf Jahren scheitert, warum reden wir dann nicht öfter über das Scheitern?
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(c) Butchershop - Butchershop-Founder Trevor Hubbard.

Risk Assessment: Scheitern ist eine Realität in der Welt des Risikokapitals – in der Anfangsphase sogar noch mehr als bei Investitionen in börsennotierte Unternehmen. Die Risiken sind höher, aber auch die Möglichkeit einer zehnfachen Rendite. Die Erträge können knapp sein: Nur drei Prozent der Startups erreichen eine Bewertung von 100 Millionen Euro. Nach Angaben von „Verve Ventures 2022“ Challenges of Startup Investing ist es nicht ungewöhnlich, dass sechs Prozent des Portfolios eines VC 60 Prozent der Renditen erwirtschaften.

Risk Assessment: Wären Sie bereit, eine Methode anzuwenden, die die Investitionsrendite erhöht?

Die meisten Gespräche über die Risikobewertung konzentrieren sich auf Wachstum und Marktpotenzial. Wir alle kennen die versprochenen „Best-Case-Szenarien“, die sich Gründer für ihr Unternehmen ausmalen. Jeder Investor weiß jedoch, dass die Gewinn- und Verlustrechnung nicht die ganze Wahrheit aussagt.

Der eigentliche Prozess der Risikobewertung beginnt, wenn die Investoren über die Vision hinausblicken. Die Fragen, mit denen versucht wird, tiefer zu gehen und Herausforderungen zu identifizieren, betreffen die Marktgröße, potenzielle Hürden, die Markteinführungsstrategie, die Fähigkeiten des Gründerteams, Kundenreferenzen und den Austausch mit anderen VCs. Jeder Ansatz variiert jedoch je nach VC.

Es gibt eine Methode, die einige in der globalen VC-Welt effizient und erfolgreich umsetzen konnten, um die richtigen Investitionsentscheidungen zu treffen: die Beat Failure-Methode, die auf dem Konzept des Pre-Mortem basiert.

Mehr als SWOT-Analyse

Sequoia, Upside Partnership, ImaginedBy und Dutzende anderer Unternehmen in den USA nutzen diese und ähnliche Methoden bereits, um Herausforderungen und Hauptrisiken anzugehen, die über die übliche SWOT-Analyse der gegensätzlichen Stärken und Schwächen hinausgehen.

Die Beat Failure-Methode identifiziert potenzielle Risiken, bewertet sie, um einen Rahmen für Prioritäten zu schaffen, und weist Teammitgliedern oder Kapitalgebern klare Verantwortlichkeiten zu, um letztlich eine gemeinsame Strategie und einen Aktionsplan für ein stabiles Unternehmenswachstum zu entwickeln.

Gleichzeitig können Investoren aufzeigen, wie ihre Expertise die Wachstumsambitionen potenzieller Portfolio-Startups unterstützen kann. Diese kompakte und digitalisierte Lösung spart den zeitintensiven Prozess der Risikobewertung durch ihren automatisierten Ansatz. Sie hilft auch zu erkennen, wo ein Gründer Hilfe benötigt oder eine Lücke in seinen Fähigkeiten verzeichnet.

Das Scheitern in der Discovery-Phase verhindern

Nach dem initialen Pitch werden offensichtliche Ausschlusskriterien versucht, schnellstmöglich abzusehen. Dies geschieht meist über eine Vielzahl an Meetings, Telefonaten und Gesprächen über Ambitionen und Visionen. Es werden harte Fakten über den Technologiesektor, die Gründungsphase, den geografischen Schwerpunkt, das Marktpotenzial und die Interessen anderer Investoren geprüft. Dann folgt die gründliche Due Diligence, bei der die Details anhand einer Vielzahl von Modellen und Methoden analysiert werden.

Dieser Prozess ist ohnehin schon intensiv. Die Beat Failure-Methode vereinfacht ihn und ermöglicht es Gründern und Investoren, sich mit dem Kernanliegen der Risikoprüfung zu befassen, um solidere Entscheidungen für Investitionen zu treffen.

Die zwei Fragen beim Risk Assessment

Die Methode beginnt mit einer einzigen Frage: Was würde dazu führen, dass dieses Unternehmen scheitert? Diese Frage kann um einen Zeitrahmen erweitert werden, z. B. Was würde dazu führen, dass das Unternehmen in den nächsten ein bis drei Jahren scheitert?

Sobald eine klare Liste von Hindernissen identifiziert wurde, kann man jede einzelne Hürde weiter untersuchen, indem man fragt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit und die Auswirkung dieser identifizierten Scheiter-Elemente?

Wenn man diese Fragen stellt, erhält man als Investor ein klares Bild davon, wie gut die Gründer auf die Zukunft vorbereitet sind. Es ist eine Sache, ein Ziel zu identifizieren und darauf eine Markteinführungsstrategie aufzubauen, aber die Beurteilung eines Gründers hinsichtlich seiner Fähigkeit, Misserfolge zu antizipieren, ist das, was eine kugelsichere Strategie ausmacht.

Wahrscheinlichkeit und Auswirkung

Mit der Frage nach der Wahrscheinlichkeit und den Auswirkungen erhält man einen zusätzlichen Einblick in die Prioritäten, die das Gründungsteam setzt. Je höher die Wahrscheinlichkeit und die Auswirkung, desto dringlicher und wichtiger ist dieses Hindernis. Schätzt das Team ihn richtig ein? Würde es bestimmte Risiken als weniger wichtig oder wichtiger einschätzen? Besteht ein Bedarf an Klarheit bei der Bewertung von Risiken? Ist die Strategie klar und nachhaltig erfolgreich?

Es könnte sich lohnen, ein Gespräch mit diesen Leitfragen zu führen, um Risiken mit größtmöglicher Klarheit zu bewerten, und zwar auf der Grundlage des Scheiterns und nicht des Erfolgs.

Zeigen Sie ihren Wert: Wie trägt man zum Erfolg des Startups bei?

Je später man investiert, desto mehr muss man als Investor oder VC den Wert des eigenen Beitrags zum Wachstum des Unternehmens nachweisen. Im globalen Pool der zugänglichen Investoren stehen jene immer häufiger vor diesem Wettbewerbsdruck. Wie können man Vertrauen aufbauen und sein Fachwissen auf der Grundlage der Bedürfnisse des einzelnen Startups auf greifbare und (im besten Fall) automatisierte Weise mit jedem Startup teilen, in das man zu investieren erwägt?

Der Austausch von Risiken und Bedenken trägt wesentlich zur Vertrauensbildung bei. Viele Gespräche zwischen Gründern und Investoren bleiben jedoch mündlich, und nur selten wird klar und schriftlich dargelegt, wie der VC ein wachsendes Unternehmen und seine potenziellen Risiken des Scheiterns konkret unterstützen kann. Wie kann man sich von anderen abheben?

Zwei Punkte für Vertrauen

Oft ist es die erste Vorstandssitzung, in der eine gemeinsame Strategie entwickelt wird. Aber ist es nicht ein großes Verkaufsargument als Investor, sich die Hindernisse eines potenziellen Gründers anzuhören und zu zeigen, wie man bei diesen potenziellen Schwachpunkten helfen kann? Auf diese Weise wird ein gemeinsamer und belastbarer Aktionsplan aufgestellt, bevor ein Term-Sheet unterzeichnet wird.

  1. Sammeln und diskutieren sie gemeinsam, welche potenziellen Fehler das Unternehmen zum Scheitern bringen könnten. Bringen sie ihr Fachwissen ein und erinnern sie die Gründer:innen an ihre Rolle bei der Bekämpfung dieser potenziellen Misserfolgspunkte.
  2. Brainstorming von Lösungen: Bringen sie Ihr Fachwissen als Investor in den Lösungsfindungsprozess ein und machen Sie unmissverständlich klar, wo ihre Kompetenzen liegen und wie sie mögliche Schwachstellen direkt angehen können.

Dies ist der Moment, an dem Vertrauen und Klarheit geschaffen werden. Indem man mögliche Misserfolge anspricht und gemeinsam potenzielle Lösungen entwickelt und dabei sein Know-how hervorhebt, werden die eigenen Investitionsentscheidungen fundierter. Und basieren auf einer nachvollziehbaren Methodik, was das Vertrauen auf beiden Seiten stärkt.

Koordinierung des „Cap Tables„

Ob Lead-Investor oder nicht, die Verbindungen zwischen den Investoren sind ein wichtiges Element im Entscheidungsprozess und geben oft den letzten Anstoß für den Abschluss eines Term-Sheets.

Normalerweise sind die Dinge rosiger, bis die Runde abgeschlossen ist und die erste Vorstandssitzung bevorsteht. Unerwartete Risiken und Herausforderungen werden in der Regel zu diesem Zeitpunkt besprochen. Je besser die Koordination und Kommunikation zwischen Gründern und potenziellen Investoren ist, desto weniger Überraschungen gibt es nach der Unterzeichnung des Term-Sheets. Wie können wir also sicherstellen, dass wir so früh wie möglich für maximale Klarheit sorgen und uns effizient zwischen den Beteiligten abstimmen?

In der Strategiesitzung sollte man eigene Pläne und seinen Beitrag zum Wachstum des Unternehmens vorstellen. Man sollte damit beginnen, eine Strategie für den Erfolg mit einem klaren Fahrplan, Erwartungen und Verantwortlichkeiten zu entwickeln. Dies ist „der Moment“, in dem man den gesamten Beat Failure-Ansatz anwendet, damit dieser letzte Schritt reibungslos abläuft.

Sechs wichtige Punkte: Wissen, haben, tun

1) Gehen sie gemeinsam der Frage nach: Was würde dazu führen, dass dieses Unternehmen in den nächsten ein bis drei Jahren scheitert?

2) Gruppieren sie die zu erwartenden Scheiter-Elemente, um Gewissheit über die wichtigsten Problembereiche zu erhalten.

3) Bewerten sie jedes Risiko auf der Grundlage der Wahrscheinlichkeit und der Auswirkungen.

4) Setzen sie Prioritäten auf der Grundlage des Scorings, um strategisch zu handeln.

5) Machen sie ein Brainstorming über Lösungen, mit denen diese Fehler vermieden werden können. Ermitteln sie, was sie wissen müssen, was sie haben müssen und was sie tun müssen, um eine Strategie für jedes Risiko und die entsprechenden Maßnahmen zu entwickeln.

6) Legen sie klare Verantwortlichkeiten fest, z. B. wer für welches Scheiter-Element verantwortlich ist, und definieren sie Ziele für das nächste Meeting.

Fazit: Ein glaubwürdiges Instrument zur Maximierung des Erfolgs von Anlegern

Der Beat Failure-Ansatz entwickelt sich hier bereits zu einer wichtigen Methode und einem glaubwürdigen Instrument, um den Risikobewertungsprozess zu automatisieren, sinnvolle Gespräche über Risiken zu führen, das Vertrauen zu stärken und die eigene Rolle als Investor bei der Beseitigung potenzieller Scheiter-Elemente zu untersuchen.

Das übergeordnete Ziel eines Investors ist es, bessere Investitionen zu tätigen, Zeit im Prozess zu sparen, Gründern Klarheit zu verschaffen, die Erfolgsquote des Portfolios zu erhöhen und höhere Gewinne zu erzielen.

Die Einschätzung der Fähigkeit des Gründerteams, Scheitern zu antizipieren und darauf aufbauend eine Erfolgsstrategie zu entwickeln, ist ein großer Vorteil, wenn es darum geht, eigene Investitionsrisiken zu bewerten. Die gleichzeitige Entwicklung von Vertrauen und Klarheit über den Beitrag zum Wachstum des Unternehmens ist ein wesentliches Element dieses Prozesses. Und schließlich spart ein klarer Plan Zeit und Energie und schafft eine nachhaltige, resiliente Strategie, die sowohl für Investoren als auch für Gründer eine erfolgreiche Investitionsentscheidung verspricht.


Am 2. Juni findet im Talent Garden zum Thema „Beat Failure before you Fail Often – Powered by Butchershop“ eine Veranstaltung statt, bei der Butchershop-CEO Trevor Hubbard über Resilienz, Decision-Making, Klarheit im Unternehmen und die Pre-Mortem-Methode erläutern wird.

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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