27.11.2025
MEDTECH

Quantro Therapeutics: Warum Boehringer Ingelheim auf dieses Wiener Biotech-Startup setzt

Das Wiener Biotech-Startup Quantro entwickelt eine Technologie, die es in der Krebsforschung bisher noch nicht gab. Damit und mit Partnern wie Boehringer Ingelheim erregt es internationale Aufmerksamkeit. CEO Michael Bauer erklärt den Erfolgsweg seines Biotechs, spricht über millionenschwere Milestones und skizziert die verschiedenen Möglichkeiten, das eigene Biotech-Startup zu finanzieren.
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Quantro
© Quantro/Canva - Quantro-CEO Michael Bauer.

Quantro Therapeutics wurde 2019 als Spin-off einer langjährigen Forschungskooperation des Institute of Molecular Biotechnology (IMBA) und des Research Institute of Molecular Pathology (IMP) gegründet – von Stefan Ameres und Johannes Zuber.

Quantro Therapeutics: „Die einzige Firma“

2020 wurde es nicht nur in den Vienna BioCenter Startup Labs willkommen geheißen, sondern erhielt auch eine Startfinanzierung durch den Boehringer Ingelheim Venture Fund (BIVF) sowie durch das Wirkstoffforschungs- und -entwicklungsunternehmen Evotec.

Das Spin-off identifiziert und entwickelt neuartige Wirkprinzipien und Arzneistoffe zur Behandlung von Krebs und anderen Krankheiten auf Basis einer eigenen Technologieplattform. Dazu setzt das Startup neuartige Technologien zur Transkriptom-Profilierung (Gesamtheit aller RNA-Moleküle, Transkripte, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Zelle oder einem Gewebe vorhanden sind) ein – in diesem Bereich eine Neuheit.

„Wir sind die einzige Firma, die Transkriptionsdynamik messen kann“, erklärte CEO Michael Bauer im Rahmen der Bio Europe in Wien. „Das heißt, wir können im Prinzip zeitlich aufgelöst und präzise erfassen, was in einer Zelle passiert, wenn ein bestimmtes Target plötzlich abgeschaltet wird. Das war bisher nicht möglich.“

Transkriptionsfaktoren sind Schaltproteine, die in unseren Zellen bestimmen, welche Gene ein- oder ausgeschaltet werden. Das Problem: Sie funktionieren nur innerhalb einer lebenden Zelle, weil sie dort ein hochkomplexes Umfeld brauchen. Im Reagenzglas lassen sie sich – anders als viele Enzyme – kaum nachbauen oder testen. Um Transkriptionsfaktoren zu untersuchen, müssen Forscher:innen also direkt in die Zelle „hineinschauen“. Doch genau das war bisher schwierig, weil es kaum Methoden gab, die Aktivität dieser Faktoren in Echtzeit messbar machen.

Die Quantro-Methode

Die bisher gängige Technologie, RNA-Sequenzierung, zeigt nur das Endergebnis: wie viele RNA-Moleküle – also die „Abschriften“ der Gene – zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhanden sind. „Das ist so, als würde man auf einen Parkplatz schauen und sehen, dass dort 30 rote und 20 weiße Autos stehen und drei Tage später eine andere Anzahl verschiedenfarbiger Autos – ohne zu wissen, was inzwischen passiert ist. In dieser Analogie können wir die GPS-Daten aller Fahrzeuge erfassen“, vergleicht Bauer. Die eigentliche Dynamik, also wie und wann Transkriptionsfaktoren welche Gene aktivieren oder bremsen, bleibe durch bisherige Methoden unsichtbar. Diese Lücke schließt Quantro Therapeutics.

Bisher konnte man – in anderen Worten – also nur messen, wie viel RNA in einer Zelle vor und nach einer Behandlung vorhanden ist. Das Problem war, dass, wenn sich die Menge ändert, man immer noch nicht weiß, was dazwischen genau passiert ist. Mit den alten Methoden musste man zudem oft zwölf bis 24 Stunden warten, um eine Veränderung zu sehen – aber viele Wirkstoffe wirken schon innerhalb von Minuten. Man habe also praktisch „blind“ zugeschaut, was in der Zelle passiert und versucht, das Ergebnis – oft vergeblich – zu verstehen.

Quantro Therapeutics hat das geändert: Mit der neuen Methode kann man zu jedem Zeitpunkt direkt messen, welche Gene in der Zelle aktiviert oder in ihrer Funktion gebremst werden. Dabei erfasse man nicht nur die Gesamtmenge an RNA, sondern auch, wie schnell sie produziert wird und wie schnell sie wieder abgebaut wird, und dies für jedes der ca. 20.000 Gene, die normalerweise in einer Zelle aktiv sind. So bekomme man ein sehr viel genaueres Bild der Vorgänge in der Zelle, wie Bauer erklärt.

„Wir geben der Zelle sozusagen modifizierte Bausteine, die sie in ihre RNA einbaut. Mit speziellen chemischen Tests kann man dann erkennen, welche RNA neu produziert wurde und welche schon älter ist – und das für jedes einzelne Gen in der Zelle. So lässt sich zum Beispiel sehen, ob sich die Produktionsrate oder der Abbau von RNA verändert haben – und zwar zu jedem beliebigen Zeitpunkt.“

Kooperation mit Boehringer Ingelheim

Mit seiner Drug-Discovery-Plattform kann das Wiener Unternehmen somit neue Wirkstoffe identifizieren, auch für schwer oder bisher gar nicht zugängliche Targets. Auf Basis dieser Technologie baut man eine frühe Entwicklungs-Pipeline für neue Produkte in der Medikamentenforschung auf.

Durch bestehende Kooperationen – unter anderem auch mit Boehringer Ingelheim – gab es bereits früh Aufmerksamkeit für diese Technologie. Ausgehend von den Fortschritten in der seit 2022 laufenden Zusammenarbeit soll nun eine zweijährige Verlängerung das gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprogramm fortführen, um die Entwicklung von „First-in-Class-Wirkstoffkandidaten“ gegen Steuerproteine voranzutreiben, die bei Krebs eine Rolle spielen.

Milestones bis zu 500 Mio. Euro

Im Rahmen der Vereinbarung mit Boehringer Ingelheim hat Quantro bereits Zahlungen erhalten und hat Anspruch auf weitere erfolgsabhängige F&E-, regulatorische und kommerzielle Meilensteinzahlungen mit einem geschätzten Gesamtwert von rund 500 Millionen Euro. Weitere Details zu den Bedingungen der Zusammenarbeit wurden nicht bekannt gegeben.

Die Zusammenarbeit eines Startups mit einem Konzern unterliegt manchen Klischee-Vorstellungen, die mit längeren Entscheidungsprozessen und Behäbigkeit assoziiert werden. Bauer jedoch nennt die Kooperation mit Boehringer Ingelheim „nicht bürokratisch“, die Zusammenarbeit laufe sehr professionell und wissenschaftlich getrieben.

„Ich war früher auch bei großen Firmen. Natürlich gibt es dort komplexere interne Strukturen und Entscheidungsprozesse als in einem Startup mit 18 Mitarbeitern. Wir koordinieren unsere Arbeit mit Boehringer Ingelheim über ein Steering-Komitee mit Vertretern von BI und Quantro, die gemeinsam entscheiden. Wichtige Entscheidungen werden bei BI gegebenenfalls noch auf höherer Ebene geprüft. Wenn man mit einem kleinen Team arbeitet, braucht man diese Governance nicht in demselben Ausmaß wie in einem großen Konzern. Das ist gängige Praxis und eine gute Arbeitsteilung.“

Der Weg der Quantro Therapeutics

Inhaltlich läuft der Arbeitsprozess des Startups so: Am Anfang steht eine erste Suche (Screening) zur Identifikation möglicher Kandidaten, die anschließend hinsichtlich Wirkmechanismus, Selektivität und Wirksamkeit validiert werden. Danach werden die Moleküle chemisch optimiert, um ihre Struktur, und damit die Wirksamkeit und Verträglichkeit zu verbessern, bis ein endgültiger Entwicklungskandidat entsteht. Erst dann kann man Richtung präklinische und klinische Studien gehen. Vom ersten Konzept bis zu einem Produkt, das in die Klinik kommt, dauert es mindestens fünf, normalerweise bis zu etwa zehn Jahre – ein „Long shot“, wie es Bauer nennt.

Das bedeutet jedoch nicht, dass nur der Weg bis zur Markteinführung zählt. Bereits die Plattform zur Entdeckung neuer Wirkstoffe des Biotechs selbst sei ein eigenes wertvolles Produkt. Quantros Geschäftsmodell zielt jedoch nicht nur auf ein späteres Medikament ab: Zusätzlich zur Plattform hat jede einzelne Wirkstoffserie einen eigenständigen wirtschaftlichen Wert, um intern entwickelt, oder über eine strategische Partnerschaft auslizenziert bzw. komplett verkauft zu werden. Damit verfügt das Biotech – wie viele Startups in Österreich – über mehrere mögliche Exit- und Entwicklungswege, von Partnerschaften bis zum Verkauf einzelner Programme.

„Mit der Plattform entwickeln wir verschiedene Wirkstoffserien für unterschiedliche Targets – und jede davon kann ein eigenes Asset sein, das man weiterentwickeln oder verkaufen kann. Dadurch eröffnen sich viele mögliche Exit-Optionen: Man kann die Plattform weiterführen, einzelne Wirkstoffprogramme verkaufen oder Partnerfirmen an Bord holen“, präzisiert Bauer, die Möglichkeiten, die Quantro hat, um zu agieren. Er skizziert damit zugleich die verschiedenen Optionen, die Biotechs in Österreich haben, ihr Geschäftsmodell zu framen.

Biotech-Finanzierung „anders“

Bauer verdeutlicht weiter, dass Biotech-Finanzierung anders funktioniert als in IT oder Automotive, deren Produktzyklen deutlich kürzer und damit übersichtlicher sind: Zwar lassen sich Teile der Forschung über Kooperationen und Fördermittel finanzieren, für die jahrelange präklinische und klinische Entwicklung einzelner Wirkstoffe werden aber schnell 50 bis 60 Millionen Euro allein für die frühen Phasen benötigt. Insgesamt kommen für ein erfolgreiches Projekt Kosten von mehreren 100 Millionen Euro zusammen. Pharma-Partner steigen meist erst später, typischerweise in der klinischen Phase 2 oder 3 ein, doch es gibt unterschiedliche Kooperationsmodelle – von frühen Forschungskooperationen bis hin zu gemeinsamen Entwicklungsprojekten.

Allgemeine Tipps für „den richtigen Erfolgsweg“ für Biotech-Startups in Österreich gibt es laut Bauer nicht. Die Branche folge nämlich Trends: einmal Immunonkologie, dann Antibody-Drug-Conjugates, zwischendurch AI. Wer außerhalb der Trends liegt, habe es schwerer. „Am Ende braucht man gute Wissenschaft, ein Produkt mit klarer Relevanz und viel Ausdauer, um passende Partner zu finden. Entscheidend sei eine solide wissenschaftliche Basis und echte Innovation.

Österreich mit guter Grundlage, aber…

In Österreich – wie in Europa generell – erkennt der Quantro-CEO exzellente Grundlagenforschung und starke staatliche Förderung. Doch die Übersetzung in Produktentwicklung und kommerzielle Anwendungen bleibe schwierig: Für echte Umsetzung brauche man sehr viel Kapital. Europäische Investoren scheinen hier oft vorsichtiger und mit kleineren Investitionsbeträgen zu agieren. Im Gegensatz dazu sind vor allem die großen Venture Funds in den USA oft risikobereiter, größere Beträge auf einen Schlag zu investieren.

Für die Quantro, sagt Bauer, sieht die Perspektive gut aus: „Wir wissen, unsere Plattform funktioniert. Wir finden Wirkstoffe, die mit anderen Methoden nicht auffindbar wären. Wir können Medikamentenkandidaten für bisher nicht behandelbare Krankheiten identifizieren. Unser aktueller Fokus liegt auf Krebs. Nächstes Jahr wollen wir in Autoimmun- und Entzündungserkrankungen expandieren und auf diesem Wege intern und über Partnerschaften weitere Indikationsbereiche erschließen“, sagt Bauer. „Langfristig wollen wir neue Wirkstoffe in die klinische Entwicklung bringen – entweder intern oder mit Partnern.“

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Neuron Automation
© zVg - (v.l.) Heinrich Steininger, Michael Plankensteiner und Michael Kübeck.

Wir schreiben das Jahr 2006. Irgendwo über den Wolken sitzt Michael Kübeck in einem Flugzeug. Der Private-Equity-Investor, der nach Jahrzehnten bei Philips in Wien eine eigene Firma gegründet hat, sucht nach spannenden Zielen für seine Privatinvestoren. Eine Startup-Szene, wie wir sie heute kennen, existiert in Österreich noch nicht. Im Flieger schlägt das Schicksal zu und er kommt mit einem Bekannten ins Gespräch. Der erzählt ihm von einer kleinen, hochspezialisierten Wiener Softwarefirma im Bereich der Industrieautomatisierung.

Zwei der Gründer wollen aussteigen, ein anderer – Heinrich Steininger – will weitermachen. Kübeck wird hellhörig. Er ahnt damals noch nicht, dass dieser Flug der Startschuss für eine bemerkenswerte Transformationsgeschichte der österreichischen Tech-Industrie werden wird: die Evolution eines stillen Hidden Champions zum international vernetzten Unternehmen.

Die Anfänge von Neuron Automation

Die Wurzeln des 2025 auf Neuron Automation (bis vor kurzem noch als logi.cals firmierend) umbenannten Unternehmens reichen tief in die 80er Jahre hinein. Heinrich Steininger, damals Student der technischen Mathematik, programmiert nebenbei Steuerungen für Kläranlagen und Mischfutterwerke. Als 1986 die Anfrage kommt, ein Programm zu schreiben, das aus, in einem CAD-Programm gezeichneten, Funktionsplänen den Code für eine Steuerung generiert, weigert er sich im „jugendlichen Übermut“, wie er erzählt. „Das kann man schon so tun, aber ich halte das für keine gute Idee“ war seine damalige Antwort. „Wenn, dann sollte man das ordentlich machen.“ So entwickelte über den Sommer einen kompletten Editor.

Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. Ein großer Kunde wird aufmerksam, gibt Geld, und die Firma wird gegründet. Das Unternehmen (Anm.: damals noch Kirchner Soft, ab 2007 logi.cals) wächst organisch, stets nah am Kunden. Ohne Venture Capital, aus dem eigenen Cash Flow heraus, etabliert sich die Firma als Hidden Champion.

© zVg – Die drei Kirchnersoft-Gründer (v.l.): Gründer: Thomas Mayer, Heinrich Steininger und Friedrich Kirchner.

Ein Drittel aller globalen Wasserkraftwerke wird bald mit ihrer Software laufen – ebenso wie ein Großteil der Tachos und Zentralsteuergeräte in Autobussen weltweit. Ein interessantes Detail am Rande ist die Marktstellung eines führenden internationalen Anbieters von Fahrzeugelektronik. Das Unternehmen hält bei Tachos und Zentralsteuergeräten in Bussen einen Marktanteil von 80 Prozent. In der Praxis bedeutet dies: Wer in Wien mit einem Bus fährt und den Haltewunsch Knopf drückt, löst mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Funktion aus, die mit dem Editor von logi.cals programmiert wurde.

„Ganz wichtig war, dass wir relativ rasch erkannt haben, dass wir das System öffnen mussten“, erinnert sich Steininger. „Uns war klar, dass wir anderen Steuerungsherstellern die technische Anbindung ihrer Steuerungen erleichtern müssen. Das war damals nicht unbedingt üblich. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir das umsetzen können, welches Framework dafür geeignet ist, und dabei einige spannende Dinge entwickelt. Das hat uns ermöglicht, über die nächsten Jahre und Jahrzehnte zwar moderat, aber kontinuierlich gut zu wachsen. Und auch mehr als 20 Jahre später ist das Unternehmen nach wie vor profitabel.“

2007: Das Jahr der Weichenstellung

Mit dem Einstieg von Michael Kübecks Investorennetzwerk 2007 werden somit die Weichen auf Wachstum gestellt – doch dann schlägt 2008 die globale Finanzkrise ein. Von einem Tag auf den anderen brechen zwei Drittel des Umsatzes weg.

Zusperren ist in dieser Situation dennoch keine Option. Stattdessen nutzt das Team die Krise für einen radikalen Schnitt. Das Kernprodukt wird technologisch komplett neu aufgesetzt (Re-Engineering), erneut gestemmt durch die finanzielle Rückendeckung von Privatinvestoren, die an die Substanz der Firma glauben.

Diese Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten zieht sich wie ein roter Faden durch die Unternehmensgeschichte – getragen von Vertrauen und Beziehungspflege. Als das Unternehmen später Kredite benötigt, verzichtet man auf vage Versprechungen und legt den Banken stattdessen 15-seitige, schonungslos transparente Sanierungs- und Entwicklungspläne vor. Das Resultat: Die Banken vertrauen dem Team, die Kreditlinien fließen und Transparenz schlägt Pitch-Deck-Geschwaffel.

2016 folgt der nächste essentielle Schritt des Unternehmen: Es kommt Michael Plankensteiner als neuer CEO an Bord. Und bringt frischen Wind mit sich: Nach Stationen bei Boston Consulting Group (BCG) und als Sanierer der Industriegruppe Industrie Holding Operations suchte Plankensteiner Anfang 2016 eine neue unternehmerische Herausforderung. „Ich habe gemerkt: Nach all den Jahren Beratung und Sanierung habe ich keine Lust, dauernd als Söldner in Projekte rein- und dann wieder rauszugehen“, sagt er. Der Unternehmergeist war für ihn nicht neu: Sein Großvater führte einen Greißler-Betrieb in der Südsteiermark, zudem gründete er bereits vor seiner Zeit bei BCG gemeinsam mit Partnern das Karriereservice der Universität Wien.

Das Abhängigkeitsproblem

So tat er sich mit Steiniger und Kübeck zusammen und hatte eine strategische Antwort auf das Abhängigkeitsproblem der beiden: Fokussierung durch M&A (Mergers & Acquisitions). Der erfahrene Berater und Sanierungsexperte analysiert die Lage schonungslos: Das Unternehmen hat zwar eine technologisch brillante Basis, macht aber einen Großteil des Umsatzes mit wenigen großen Kunden. Eine gefährliche Abhängigkeit. Zudem drückt ein deutscher Mitbewerber auf den Markt, der zehnmal so groß ist.

„Das Spannende war, die logi.cals hatte zu dem Zeitpunkt fünf Kunden, mit denen sie 80 Prozent ihres Umsatzes gemacht hat – und alle fünf waren Weltmarktführer“, sagt Plankensteiner. Darunter sehr prominente Unternehmen, deren Namen jedoch ungenannt bleiben sollen. „Alle haben auf unseren Engineering-Editor geschworen. Und trotzdem hatten wir knapp über zwei Millionen Euro Umsatz und waren so am Rande der Profitabilität. Die Frage war: Wo ist eigentlich der Hebel?“

Der Grund für diese Situation lag u.a. in der damaligen Entwicklungsstruktur. Der Editor war zwar ab 2011 durch die gemeinsame Initiative von Steininger und Kübeck neu entwickelt worden, aber 2016 fehlte es an Ressourcen, um das Produkt weiter zu skalieren.

© zVg – Alter Bildschirm mit logiCAD Programmiereditor.

Eine Nische in der Nische

„Wir hatten zehn Entwickler, aber eigentlich keine Investitionen, um die Entwicklung zu pushen. Vieles ist mit den fünf Kunden passiert, dadurch ist relativ viel in die Kundenarbeit geflossen und wenig ins Produkt“, so Plankensteiner. Gleichzeitig war klar, dass ein direkter Wettbewerb mit dem größeren Konkurrenten Codesys nicht sinnvoll war. „Die waren damals ungefähr zehnmal so groß wie logi.cals und hatten rund 100 Entwickler. Hinter denen herzufahren, machte keinen Sinn. Deswegen habe ich gesagt: Wir brauchen eine Fokussierung. Wir brauchen eine Nische in der Nische, damit wir mit weniger Firepower schneller zeigen können, dass wir mehr draufhaben als der Mitbewerber.“ Diese Nische wurde folglich 2017 in Deutschland gefunden.

Die Firma ISH, 1989 gegründet von Axel Helmert, hatte sich auf auf Funktionale Sicherheit (Functional Safety) spezialisiert. Helmert war auf der Suche nach einem Nachfolger – und fand ihn in dem österreichischen Team. 2019 wurde die ISH gekauft und gilt bis heute firmenintern als ein strategisches Masterpiece: Das Engineering-Know-how der Österreicher verschmilzt mit der Safety- und TÜV-Kompetenz der Deutschen. Und so wurde das Unternehmen plötzlich Experte für „Functional Safety“.

Functional Safety

Zur Erklärung: funktionale Sicherheit ist der Teil der Automatisierung, der dafür sorgt, dass eine Maschine abschaltet, bevor Menschen oder die Umwelt zu Schaden kommen. Ein japanischer Automatisierungs-Chef formulierte es bei einem Abendessen in Siegen, Deutschland, gegenüber Investor Kübeck einst so, wie er erzählt: „Safety is a pain in the ass“, hatte jener salopp formuliert.

„Sie betrifft vielleicht nur 15 Prozent einer Anlage, frisst aber dreimal so viel Aufwand. Alles muss redundant ausgelegt sein, jeder Fehler muss vorab überlegt, dokumentiert und beherrschbar gemacht werden. Für Techniker, die Maschinen eigentlich zum Laufen bringen wollen, ist die Programmierung von Not-Aus-Szenarien und Fehlerbeherrschung extrem frustrierend und teuer. Funktionale Sicherheit sagt man immer so leicht daher. Es ist ein Feature der Automatisierung, das eigentlich jeden nervt, aber total wichtig ist, weil es überall dort gebraucht wird, wo es um Menschenleben geht“, betont Kübeck.

Ein zentrales Prinzip dabei sei Redundanz: Steuerungen werden mehrfach ausgelegt, damit Ausfälle verhindert werden. Eine Besonderheit des Marktes: Die Zertifizierung funktionaler Sicherheit erfolgt weltweit über den deutschen TÜV. „Der Japaner muss sich mit dem deutschen TÜV auseinandersetzen, der Franzose und auch der Amerikaner. Das ist für viele die Hölle.“

Vorteil durch Netzwerk

Genau hier sieht Kübeck einen Wettbewerbsvorteil von logi.cals: Mit Helmert habe das Unternehmen nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die TÜV-Prozesse und ein gewachsenes Netzwerk aufgebaut. „Er kennt dort alle , ruft an und sagt, ‚wir haben die und die Idee‘. Das ist unglaublich viel wert.“

Funktionale Sicherheit stellt technisch besondere Anforderungen an die Entwicklung. „Für einen Programmierer ist es psychologisch gar nicht so einfach, sich da hineinzudenken“, erklärt Plankensteiner. „Während klassische Automatisierung darauf abzielt, Anlagen zuverlässig am Laufen zu halten, muss funktionale Sicherheit sicherstellen, dass Systeme im Gefahrenfall kontrolliert abschalten.“

Zwei zentrale Säulen

Die beiden zentralen Säulen seien dabei Fehlervermeidung und Fehlerbeherrschung. „Bei der Fehlervermeidung geht es darum, im Entwicklungsprozess sicherzustellen, dass möglichst wenige Softwarefehler entstehen. Die Anforderungen an Entwicklung und Tests sind dadurch deutlich höher.“ Gleichzeitig müsse ein System auch dann sicher bleiben, wenn Fehler auftreten – etwa durch technische Defekte oder unerwartete Ereignisse“, so der CEO weiter.

Mit der Übernahme der ISH 2019 baute logi.cals genau diese Kompetenz weiter aus und entwickelte daraus ein breiteres Angebot. Heute verbindet das Unternehmen Dienstleistungen mit eigenen Technologien und arbeitet an einer Transformation hin zu einem stärker lizenzbasierten Geschäftsmodell. „Unser Ziel ist, funktionale Sicherheit schneller, günstiger und investitionssicherer zu machen“, so Plankensteiner. Auch KI spielt dabei eine Rolle: Mit einem neuen Ansatz will das Trio die Entwicklung sicherer Automatisierungslösungen weiter vereinfachen und hat dafür bereits ein Patent beantragt.

Man muss wissen, dass Künstliche Intelligenz in der funktionalen Sicherheit lange als unmöglich galt, da KI von Natur aus indeterministisch (also in ihren exakten Ergebnissen schwer vorhersehbar) sei. Doch dem Team ist es gelungen, einen Ansatz zu entwickeln, der KI-gestütztes Programmieren in diesen starren Zertifizierungsrahmen presst.

Das Ende der Bewegung

„Denken wir an humanoide Roboter, wie sie derzeit von großen Tech-Visionären entwickelt werden. Damit so ein Roboter einem Menschen im Alltag nicht den Arm bricht, müssen seine Gelenke über Sensorik erkennen, wenn ein Mensch zu nah kommt. Das Gelenk muss die Bewegung verlangsamen und notfalls blockieren“, sagt Plankensteiner. „Ein Kunde in der Schweiz liefert für einen namhaften Humanoiden die Automatisierung im Gelenk. Die Entwicklung der Hardware dazu, die Firmware und die funktionale Sicherheit kommen von uns“, präzisiert er.

Diese komplexe, sicherheitskritische Programmierung für das Gelenk übernimmt künftig (Anm.: ab nächsten Jahr am Markt) der „Neuro Transformer“ von Neuron Automation. Er nimmt, eigenen Angaben nach, dem Programmierer 90 Prozent der repetitiven, fehlervermeidenden Code-Arbeit ab. Der menschliche Ingenieur steige so in die Rolle des Architekten und Reviewers auf, während die KI zunehmend die Umsetzung übernimmt.

Der geplante Wandel von Neuron Auromation

Dass Technologie allein jedoch nicht reicht, das weiß das Team. Jahrzehntelang war das Unternehmen stark im Projektgeschäft tätig. Das bedeutet: 70 Prozent einmalige Dienstleistungsumsätze (Non-Recurring), 30 Prozent Lizenzen (Recurring). Der Plan bis 2030 sieht eine komplette Umkehrung vor.

Durch hardwareunabhängige Sicherheitslösungen und KI-Tools wie den „Neuro Transformer“ möchte sich das Unternehmen in ein hybrides Modell transformieren: Die Zielvorgabe lautet 70 Prozent Recurring Revenue (wiederkehrende Lizenzen) und 30 Prozent Dienstleistung. Die Projektarbeit bleibt dabei die Antenne zum Markt, um Innovationen überhaupt erst zu erkennen, während das Softwaregeschäft die Profitabilität jenseits der 20-Prozent-Marke treiben soll. So der Plan.

Die DNA des Erfolgs

Allgemein ist festzustellen, dass sich besonders ein Faktor durch die Historie von Neuron Automation zieht. Es ist eine DNA der Zusammenarbeit: Ob es der Einstieg von Kübeck war, die Übernahme von Axel Helmerts Lebenswerk oder das Halten von Schlüsselfiguren über Jahrzehnte hinweg: Alles basiert auf einem tiefen Verständnis von Beziehungen und Partnerschaften.

„Bei uns gibt es keine Schauspieler“, sagt Plankensteiner. „Wenn die Eigentümer, die Entwickler, die in St. Pölten sitzen und die Zukäufe in Deutschland nicht auf einer extrem vertrauensvollen, menschlichen Basis kommunizieren würden, wäre ein solcher Wandel unmöglich gewesen. Innovation entsteht hier oft im Joint-Development – Hand in Hand mit den Kunden, die wir nicht als reine Käufer, sondern als Entwicklungspartner sehen.“

Blick ins nächste Jahrzehnt

Heute steht Neuron Automation, bei 16 Millionen Euro Umsatz und 135 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der Vorsprung der einst übermächtigen Konkurrenz sei drastisch geschmolzen. Durch M&A, sensibles Cash-Flow-Management, Branchenvertrauen und eine besondere KI-Lösung für funktionale Sicherheit .

„Der Wettbewerber ist – statt zehnmal – heute nur noch dreimal so groß. Und sein Vorsprung ist deutlich kleiner geworden. Wir sind technologisch aus unserer Sicht, und das bestätigen unsere Kunden (und auch die des Konkurrenten), deutlich voraus“, sagt Plankensteiner. „Wir haben nicht mehr ‚zehn Jahre Nachteil‘. Als ich 2016 zu Steiniger und Kübeck dazugestoßen bin, war er (Anm.: Der Konkurrent) seit 2006 mit seinem Engineering-Tool breit im Markt unterwegs. Jetzt hat er nur mehr ein Jahr Vorsprung. Schauen wir, was beim nächsten Sprung passiert.“

Die Pipeline von Neuron Automation sei zudem bereits gut gefüllt: Erste Kunden starten noch vor der geplanten Zertifizierung´, wie Planeksteiner mitteilt: „Der erste Schritt unserer Transformation passiert dann zwischen 2028 und 2030. In dieser Zeit wollen wir die 20-Millionen-Euro-Umsatz-Grenze deutlich überschreiten und uns auch klar über 20 Prozent Profitabilität bewegen. Mit dem zunehmenden Anteil des Lizenzgeschäfts soll dann die Marge auch weiter steigen.“

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