30.09.2022

Steckt euch den „Purpose“ sonst wo hin: Deswegen wollen die Jungen „nix arbeiten“

Laut einer Umfrage nimmt die Arbeitsmoral derzeit drastisch ab. Ein Tipp: Versucht es doch einmal mit bezahlten Überstunden statt mit mehr Marketing-Bullshit.
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Purpose Arbeitsmoral Work-Life-Balance Dominik Perlaki
brutkasten-Redakteur Dominik Perlaki | (c) brutkasten / Hintergrund (c) Carl Heyerdahl via Unsplash
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Im Lichte der Diskussionen rund um Vier-Tage-Woche und Co wurde vor allem jungen Arbeitnehmer:innen zuletzt immer öfter fehlende Arbeitsmoral attestiert. Das ist nicht nur „so ein Gefühl“ von Leuten wie KTM-Chef Stefan Pierer und Ex-Spar-Chef Gerhard Drexel. Eine Studie (in Deutschland, die sich gewiss auch auf Österreich anwenden lässt) zeigte nun: Der Arbeitswille ist in der Bevölkerung – und da vor allem in deren jüngerem Teil – in den vergangenen zwei Jahren tatsächlich drastisch zurückgegangen.

Sind die Krisen schuld?

Ist Corona schuld? Oder sind es die vielen anderen Krisen, zu denen gefühlt ständig weitere dazukommen? Ganz gewiss. In mehrerer Hinsicht verstärken diese aber nur bereits bestehende Probleme oder schärfen den Blick auf diese. Wer sich nicht ganz sicher war, ob sein Job wirklich notwendig für die Gesellschaft ist, wusste vielleicht nach ein paar Monaten Corona-Kurzarbeit ganz genau, dass er es nicht ist. Wer schon bislang trotz Vollzeit-Tätigkeit gerade einmal mit dem Gehalt auskam (z.B. wegen in den vergangenen Jahren enorm gestiegenen Mietkosten), weiß jetzt in der starken Inflation nicht mehr weiter.

Willkommen im Arbeitnehmer:innen-Markt

Aber warum sind die (jungen) Leute in der Multi-Krisensituation denn nicht „glücklich, dass sie überhaupt einen Job haben“? Die Unternehmen senden hier mit dem Mantra des „händeringenden Suchens nach Fachkräften“ eindeutig das falsche Signal aus. Wir sind eben nicht mehr in einem Arbeitgeber:innen- sondern in einem Arbeitnehmer:innen-Markt. Vielen Unternehmen gelingt es aber nicht, ihre eignen Mitarbeiter:innen zufrieden zu stellen, obwohl sie sich doch so bemühen…

„Purpose“, „Passion“ und „Commitment“

Sie zahlen zum Beispiel viel Geld für Agenturen, die mit ihnen (Vorsicht Sarkasmus!) super-individuelle „Company Values“ ausarbeiten. „Purpose“, „Passion“, „Commitment“ – viele durften in den vergangenen Jahren dieses Buzzword-Bullshit-Bingo kennenlernen. Der Succus: Als Mitarbeiter:in sollst du die „Mission“ deines Unternehmens mit ganzer Seele mittragen, den Erfolg und Misserfolg als deinen eigenen wahrnehmen und die Bedürfnisse des Unternehmens vor alles andere stellen (auch wenn das natürlich nicht genau so gesagt wird). Das sollst du aus intrinsischer Motivation heraus machen. Deswegen verstehen sich Überstunden vielerorts von selbst und werden nicht gezählt (und schon gar nicht gezahlt), sondern mit einer Pauschale abgegolten.

Purpose ≠ Purpose

Nun gibt es natürlich Unternehmen, der „Mission“ allgemein unterstützenswert erscheint, weswegen auch ihr „Purpose“ Mitarbeiter:innen zu echter „Passion“ und echtem „Commitment“ zu bewegen vermag. Es gibt aber auch eine ganze Menge Unternehmen, die Produkte anbieten, die für die Menschheit oder den Planeten keinen essenziellen Nutzen haben. Sie sind praktisch, machen Spaß, bringen Komfort, Entspannung oder Freude oder helfen anderen Unternehmen, ihre Gewinne zu maximieren. Es ist manchmal mehr, manchmal weniger toll, dass es diese Produkte gibt. Aber ihre Daseinsberechtigung soll an dieser Stelle nicht zur Diskussion gestellt werden, bloß der Narrativ gegenüber den Mitarbeiter:innen.

Der ehrliche Narrativ

Der ehrliche Narrativ gegenüber den Mitarbeiter:innen wäre nämlich: „Es gibt einen Markt für unser Produkt. Deswegen können wir Geld damit verdienen. Und wenn du mitarbeitest, kannst du auch Geld damit verdienen. Und wenn du mehr Leistung erbringst, kannst du noch mehr Geld verdienen“. Diese einfache Erklärung wurde in den vergangenen Jahren durch das oben beschriebene Marketing-Bla-Bla ersetzt. Nicht mehr nur die potenziellen Kund:innen sollen glauben, dass ihre Zufriedenheit der wichtigste Daseinszweck der Belegschaft des Anbieters ist, auch die Belegschaft selber soll davon mit Herz und Seele überzeugt sein.

Überforderung für die Jungen

So steht es eben in den „Company Values“ die dann sinnigerweise oft auch noch „Authenticity“ einfordern. Doch den Mitarbeiter:innen sind dann sehr oft doch – Überraschung – ihre Familien, Freunde oder auch einfach Hobbies wichtiger. Die älteren Semester kommen mit dieser Diskrepanz noch recht gut zurecht. Sie haben ihren Modus der „Work-Life-Balance“ (oder besser oft „Work-Familiy-Balance“, weil „Life“ ist beides) gefunden und denken sich ihren Teil zu den übermotivierten Management-Floskeln. Die Jungen aber sehen sich durch die als solche verstandene Forderung, ihre Seele dem Arbeitgeber zu überschreiben, überfordert und versuchen sich mit dem Schrei nach mehr „Work-Life-Balance“ abzugrenzen.

Leistung muss sich wieder lohnen!

Am Ende geht es um den im liberalen Umfeld zum Thema Steuersenkungen beliebten Slogan „Leistung muss sich wieder lohnen“. Sowohl Stefan Pierer als auch Gerhard Drexel fordern eine Steuerfreistellung von Überstunden. Das ist eine tolle Idee, aber dazu müssten diese überhaupt einmal wieder bezahlt werden. Stunden zählen mag für viele antiquiert wirken, wenn es doch um den Output geht. Aber ein Flatrate-Gehalt unabhängig von der Leistung ist hier sicher nicht die motivierende Lösung.

Steckt euch den „Purpose“ sonst wo hin, bezahlt die geleisteten Überstunden und ihr werdet sehen, dass die Jungen wieder gerne mehr als weniger arbeiten. Dann kommen auch „Passion“ und „Commitment“ von selbst.

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Europa-Chef von Philip Morris Marco Hannappel bei der Präsentation zum EU Economic Footprint 2026. © Philip Morris / Footprint study 2026

Die Solvay Library in Brüssel hat etwas festlich Anmutendes. Der Raum wird von indirektem Tageslicht durchflutet, dezentes künstliches Licht sorgt für eine heimelige Stimmung. Vorne stehen drei Talkshow-Sessel, der mittlere ist stark ausgeleuchtet. Auf ihm wird später der Europa-Chef von Philip Morris International, Marco Hannappel, Platz nehmen. Der weltweit führende private Tabakproduzent veranstaltet ein Event, bei dem er neben seiner EU-Wertschöpfung auch seine Transformation weg von herkömmlichen Zigaretten hin zu einer selbsternannten „rauchfreien Zukunft“ bewirbt. Wobei „rauchfrei“ hier E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel inkludiert.

Gleich vorweg: Philip Morris präsentiert in knapp 60 Minuten und auf 52 Seiten seinen EU Economic Footprint 2026, wobei die Daten von EY-Parthenon verarbeitet wurden. Die Marke, die zum Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsnetzwerk EY gehört, schreibt im Disclaimer: „Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Daten von uns nicht unabhängig geprüft oder verifiziert wurden. Daher übernimmt EYP keine Gewähr oder Garantie für die Richtigkeit, Zuverlässigkeit oder Vollständigkeit der von PMI bereitgestellten Daten.“ Wenig überraschend fällt der Bericht sehr gut für den Tabakriesen aus. Philip Morris International liefere über 300 Milliarden Euro Gesamtbeitrag zur EU und sei für rund 0,4 Prozent des EU-BIP verantwortlich.

Alternative Produkte wie E-Zigaretten als „die bessere Wahl“

„Die Nachfrage nach den Nikotinprodukten ist da. Natürlich ist es immer am besten, gänzlich auf Tabak- und Nikotinprodukte zu verzichten. Für erwachsene Raucherinnen und Raucher, die andernfalls weiter rauchen würden, sind rauchfreie Alternativen die bessere Wahl als das Fortsetzen des Zigarettenkonsums“, erklärt Philip Morris Austria. Seine Antworten erhält brutkasten von der Presseabteilung.

Philip Morris versucht daher, eine Branche neu zu denken, und das nicht seit gestern, wie brutkasten berichtete. IQOS, Philip Morris’ eigene Marke für Tabakerhitzer, wurde vor über zehn Jahren in den Markt eingeführt. „Wenn es um innovative Produkte geht, dann ist IQOS unsere wichtigste Plattform. Wir entwickeln sie ständig weiter in Richtung höherer Leistung und geringerer Emissionen“, sagt Hannappel gegenüber brutkasten. Neu sind jedoch die Dimensionen, die Philip Morris erreicht. Im vierten Quartal dieses Jahres werden laut eigenen Angaben bereits 50 Prozent der Nettoumsätze in Europa mit alternativen Produkten erwirtschaftet.

Technologieunternehmen Philip Morris

Philip Morris möchte sich weg vom klassischen Tabakunternehmen und Zigarettenhersteller hin zu einem Technologieunternehmen entwickeln (brutkasten berichtete). So betreibt Philip Morris in Portugal ein Zentrum für generative KI, um globale Geschäftsabläufe zu unterstützen, wobei KI-Technologien eingesetzt würden, um die Entscheidungsfindung zu verbessern, Prozesse zu automatisieren und die Unternehmensleistung zu steigern. Für Philip Morris ein wichtiger Schritt, um die Transformation umsetzen zu können.

Im April dieses Jahres gab Philip Morris die Umgestaltung eines Werkes in Berlin-Neukölln bekannt. Anstatt Zigaretten zu produzieren, wird hier an Zukunftstechnologien wie KI oder Robotik gearbeitet.

Europa beschreibt Philip Morris International in seinem Bericht als globalen Hub für „Innovation, Produktion und Export“. Sein Zentrum für Innovationen betreibt Philip Morris International im schweizerischen Neuchâtel, wo Wissenschaftler und Ingenieure an den alternativen Produkten arbeiten. 2,2 Milliarden sollen hier zwischen 2021 und 2025 in die Forschung und Entwicklung investiert worden sein.

Philip Morris und Startups

Der Tabakriese setzt auch auf innovative Ideen von Startups. In dem Projekt „Be Leaf – Be The Future“ entwickeln sie Lösungen in den Bereichen der Agrartechnologie, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Ein Beispiel ist das bayerische Startup Bioplasmar, das eine biologisch abbaubare Alternative zu herkömmlichem Kunststoff herstellt.

Auch in der österreichischen Startup-Szene ist Philip Morris aktiv. Im Mai diesen Jahres erwarb das Unternehmen mit seiner Tochter Aspeya 5,7 Prozent von Waterdrop im Zuge einer Finanzierungsrunde von insgesamt über 100 Millionen Euro.

Zielgruppe: Keine neuen Raucher:innen

„Wenn du bei uns in Wien in die Boutique gehst und sagst ‚Ich hätte gern das Produkt‘, dann ist die erste Frage, die dir gestellt wird: ‚Bist du volljährig'“, erklärt Philip Morris Austria. Auch online will man entsprechende Altersüberprüfungen durchführen. In Österreich arbeitete Philip Morris daher an einem Pilotprojekt zur Altersschätzung per Gesichtserkennung. Auch hier soll KI unterstützen.

„Wenn du volljährig bist, wirst du beraten. Aber nur, wenn du die zweite Frage auch mit ‚Ja‘ beantwortest, und zwar: ‚Sind Sie Konsument von Nikotin- oder Tabakprodukten?'“, heißt es von Philip Morris Austria. Man wolle nicht die Firma sein, über die Menschen mit dem Rauchen beginnen.

Kurzum: Philip Morris präsentiert sich als Unternehmen, das verantwortungsvoll mit sensiblen Themen wie Nikotin umgeht.

Der offene Brief von Frankreich und Co.

Ein Grund dafür kann der wachsende politische Druck sein. Am 6. Oktober schrieben sieben EU-Staaten rund um Frankreich und Spanien einen offenen Brief an den EU-Kommissar für Gesundheit und Tierschutz, Olivér Várhelyi. Sie sehen Regulierungslücken in der Produkt- und Werberichtlinie der Tabakindustrie. Daher fordern sie einen Stopp, neue Produkte „mit Hilfe von aggressivem Marketing und unbegründeten Behauptungen über ein geringeres Risiko auf den europäischen Markt zu bringen, mit dem Ziel, (junge) EU-Bürger zum finanziellen Vorteil der Industrie abhängig zu machen.“ Außerdem fordern die EU-Staaten für alle Produkte ein Aromenverbot sowie ein vollständiges Verbot von Nikotinbeuteln.

Hannappel hat mittlerweile auf dem Podium Platz genommen, seine Präsentation ist vorbei und er beantwortet Fragen von Journalist:innen aus ganz Europa. Angesprochen auf ein Nikotinbeutel-Verbot in Ländern wie z. B. Frankreich antwortet er: „Meiner Ansicht nach sind Verbote nie eine gute Option, weil dann in einigen Fällen illegale Märkte entstehen und man die Möglichkeit verliert, die Konsumenten zu erreichen.“

Das Event stand zwar im Zeichen des Economic Footprint, zeigt aber auch eine Firma, die versucht, sich an eine veränderte Welt anzupassen. Die Marschrichtung hin zu alternativen Produkten will man weiter verfolgen. Hannappel meint, ein solches Event jedes Jahr machen zu wollen, um ein besseres Verständnis in Europa zu erzeugen. Jedenfalls wird Philip Morris gespannt nach Brüssel blicken. Denn die nächste richtungsweisende Entscheidung der EU-Kommission bezüglich der geplanten Überarbeitung des Rechtsrahmens soll noch bis Ende 2026 fallen.


Transparenzhinweis: Die Reise- und Aufenthaltskosten wurden von Philip Morris Austria übernommen. Auswahl und Bewertung der Themen erfolgten unabhängig davon.

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