06.10.2016

OrgDesign Lab: Ein Geben und Nehmen zwischen Startups und Corporates

"Wie stellen wir unsere Firma organisationstechnisch eigentlich auf?" - Diese Frage genießt bei Startups oft kategorischen Nachrang. Keineswegs aus Ignoranz, sondern weil viele andere Dinge wie das Business Modell, die Investorensuche oder Kundenkontakt anfangs wichtiger erscheinen. Organisationsdesign nimmt man dann nebenbei mit. Weil die Organisationstruktur aber sehr wohl einen essentiellen Stellenwert für eine Firma hat, ging am Mittwoch das OrgDesign Lab in die zweite Runde.
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Im OrgDesign Lab lernen Startups was sie in Sachen Organisation besser machen können. Und Corporates lernen von Startups. (c) Valerie Voithofer

Nach dem Erfolg des Vorjahres, haben sich der „Brutkasten„, “Dwarfs & Giants”, „Inits“ und „Bingenium“ dazu entschlossen, das OrgDesign Lab in eine zweite Runde gehen zu lassen. Erneut haben sich viele interessierte Startups beworben, um die eigene Organisationstruktur einmal auf den Prüfstand zu stellen.

„Ab 10 Mitgliedern spürt man eher etwas“

„Heuer haben wir die Mindestzahl von Organisationsmitgliedern beim Startup von drei auf zehn erhöht. Ab dieser Größe spüren Unternehmer eher, dass sie etwas unternehmen müssen und können folglich auch mehr aus diesem Tag mitnehmen“, sagt Inits Geschäftsführerin Irene Fialka. Im Vorjahr gab Julian Teicke von FinanceFox eine Keynote Speech über das Organisationsmodell Holacracy. Heuer setzte man auf Veranstalterseite weniger auf Input von außen, sondern ließ den Akteuren mehr Platz für die Fallberatung.

Geben und Nehmen

Das OrgDesign Lab sei ein Format aus dem alle etwas mitnehmen können, sagt Matthias Lang von Dwarfs & Giants. Sowohl Startups als auch Corporates. Berater, Alumni und Organisationsexperten gehen individuell auf die Probleme der Startups ein. Im Gegenzug bekommen sie einen Einblick, wie junge Unternehmen denken. „Auf diesem Geben und Nehmen basiert das OrgDesign Lab“. „Es macht Spaß junge Unternehmer in ihrem Tun zu unterstützen. Ich hoffe ich kann ihnen mit meinen Erfahrungen weiterhelfen, bin aber überzeugt auch selbst wieder einiges mitnehmen zu können“, sagt Peter Lehner, Gründer von Bingenium, Berater bei der Neuwaldegg-Gruppe und Inits-Mentor.

Eigene Organisation überdenken

Mit Hilfe des Operating System Canvas (OS Canvas) – einem Analysetool, um herauszufinden wo das eigene Unternehmen steht – wurden die Teilnehmer bereits vor den Gruppenarbeiten dazu angehalten, sich über die eigene Firma grundlegende Gedanken zu machen. Konkret angesprochen werden beim OS Canvas diese Themen:

  • Struktur & Raum
  • wie Entscheidungen getroffen werden
  • Information und Kommunikation im Unternehmen –> was sich sowohl bei Corporates als auch Startups als einer der größten Stolpersteine entpuppen sollte
  • Steuerung & Regeln
  • Purpose & Werte
  • Meetings
  • Strategie & Innovation
  • Verteilung von Budgets und Ressourcen
  • Rollenverteilung

Die Startups und ihre Erwartungen

Anyline (hat bereits zum zweiten Mal teilgenommen)

„Wir haben aus dem Vorjahr sehr viel mitgenommen. Wir haben unseren Purpose definiert und die Rollen klarer verteilt. Ein Startup entwickelt sich jedoch sehr schnell, deshalb sind die Rollen und Prozesse vielleicht nicht mehr ganz passend und wir möchten die Kiste zum OrgDesign noch einmal öffnen. Sozusagen die Weiterentwicklung vom Vorjahr weiterentwickeln”, erläutert Jakob Hofer seine Beweggründe erneut teilzunehmen.

Anyline hat einen Technologie-Baustein entwickelt, der in mobile Apps eingebaut werden kann und Smartphones so das Lesen beibringt. Mit Anyline können über mobile Geräte Zählerstände eingelesen, Blutzuckermessgerätdaten importiert oder Pässe und Barcodes einfach mit der Kamera gescannt werden.

Lithoz

„Wir sind seit der Gründung 2011 stark gewachsen und möchten uns ansehen, ob wir mit unseren Prozessen und Strukturen am richtigen Weg sind. Unsere Agilität und Flexibilität am Markt hat etwas nachgelassen. Deshalb bietet sich diese Veranstaltung perfekt an, um mit Experten unsere Organisation zu challengen“, sagt Johannes Benedikt, CTO von Lithoz.

Lithoz ist Weltmarktführer im Bereich Hochleistungskeramik mittels 3D-Druck. Die Firma beschäftigt 30 Mitarbeiter und befindet sich in der Phase der Internationalisierung.

Origimm

„Wir möchten lernen welche Mittel und Wege es gibt, um als Organisation optimal zu wachsen. Trotz eines starken Teams und einem guten Netzwerk blicken wir auf viele Herausforderungen. Von den anwesenden Experten können wir bestimmt viel lernen“, meint Sanja  Selak. Selak ist in Sarajevo geboren und aufgewachsen, hat in Kanada studiert und lebt seit dem Jahr 2007 in Wien.

Origimm Biotechnology entwickelt neue Behandlungsmethoden gegen bakterielle Infekte. In erster Linie hat sich Origimm dem Kampf gegen Akne, wogegen es nach wie vor kein effektives Langzeitmedikament gibt, verschrieben. Origimm steht für „origins of immunity“.

dwh

„Wir haben ein sehr breites Anwendungsgebiet und arbeiten mit bis zu 50 Forschungseinrichtungen gleichzeitig zusammen, um die neuesten Methoden nicht nur in der Theorie sondern auch in der Praxis umzusetzen. Organisatorisch ist das jedoch sehr schwer auf den Boden zu bringen. Diese Veranstaltung ist eine optimale Gelegenheit, sich in diesem Belangen zu verbessern und etwas zu lernen“, so Niki Popper, CEO von dwh.

Dwh macht Evidenz- und datenbasiertes Consulting. Das Startup analysiert Daten, Strukturen und Prozesse. Planungen, Strukturen und Entscheidungen sollen somit einfacher und effizienter gemacht werden. Beispielsweise das Einsatzgebiet von Medikamenten oder die Planung und Nutzung von Gebäuden. Dwh bedient sich dabei unter anderem dynamischer Modelle, visual Analytics oder Populationsmodellen.

Das Ergebnis

Sowohl auf Veranstalter als auch auf Teilnehmerseite blickt man erneut auf einen tollen und sehr produktiven Tag zurück. „Eine Organisation ist nie fertig. Es ist wie eine Produktentwicklung. Man baut einen Prototyp und verbessert diesen ständig. Wir konnten viel mitnehmen“, sagt beispielsweise Johannes Benedikt von Lithoz. Auch bei Origimm habe man viele neue Ideen und Ein

drücke gesammelt, denen man auf jeden Fall noch intensiver nachgehen wolle. „Wenn man das Konzept kennt und weiß wie der Workshop funktioniert, geht man viel offener in die Sache rein. Wir konnten wieder sehr viel mitnehmen“, freut sich Jakob Hofer von Anyline. Zur Veranstalterseite gibt es nicht viel mehr zu sagen, als dass Matthias Lang und Irene Fialka beschlossen haben das OrgDesign Lab auch nächstes Jahr wieder zu veranstalten. Und auch der Brutkasten wird wohl wieder dabei sein.

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Cécile Deterre (Co-Founderin von Blue Planet Ecosystems) und Renaud Viot (CEO und Co-Founder des Startups Lynxia) führen La French Tech Vienna als Co-Präsident:innen | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Im Foyer der französischen Botschaft in Wien läuft an diesem Abend ein Gast auf vier Beinen über den Marmorboden. Auf seinem Rücken sitzt ein Kamerakopf, daneben ragt eine Funkantenne hervor. Im Hintergrund stehen drei Flaggen: die französische, die europäische und die österreichische.

Der Hausherr hält es an diesem Abend betont analog. „Ich muss sagen, meine Rede wurde nicht von ChatGPT geschrieben, sondern von Menschen“, sagt Botschafter Matthieu Peyraud zur Begrüßung. Dann wird er grundsätzlich: Technologische Souveränität lasse sich nur auf europäischer Ebene erreichen, kein Mitgliedstaat schaffe das allein.

Der Anlass für Roboter und Rede am 8. Oktober: der offizielle Start von La French Tech Vienna, laut Peyraud der ersten French-Tech-Community in Österreich. Sie ist Teil von La French Tech, einem Netzwerk mit nach eigenen Angaben mehr als 100 Communities in Frankreich und weltweit, das großteils von Freiwilligen getragen wird.

Zwei Jahre Pilotphase

Neu ist die Initiative nicht. Sie lief zuvor unter dem Namen French Startups Vienna. Peyraud bezeichnet diese Phase in seiner Rede als „eine Art Pilotprojekt“. Seit rund zwei Jahren bringt sie französische und österreichische Gründer:innen, Forschende und Investor:innen zusammen.

Der französische Botschafter Matthieu Peyraud eröffnete am 8. Oktober den offiziellen Start von La French Tech Vienna in der Botschaft in Wien. Seine Botschaft: Technologische Souveränität gelingt nur auf europäischer Ebene. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

„Wir haben sehr klein angefangen, nur mit französischsprachigen Leuten, die mehr über Tech sehen und hören wollten“, sagt Renaud Viot im Gespräch mit brutkasten. Er ist Co-Präsident von La French Tech Vienna und CEO des Startups Lynxia. Er versteht die Initiative als Community: Die Mitgliedschaft ist kostenlos und steht österreichischen wie französischen Startups offen. „Wir verlangen nur, dass die Leute entweder neugierig auf Tech sind oder bereit, ihr Wissen über Tech zu teilen“, sagt er. Das Kernformat sind regelmäßige Events.

Souveränität als Leitthema

Inhaltlich steht der Abend im Zeichen technologischer Souveränität. Künstliche Intelligenz, Cloud Computing, Cybersicherheit, Halbleiter und Dateninfrastrukturen seien zu strategischen Gütern geworden, sagt Peyraud. Frankreich und Österreich hätten starke Forschungseinrichtungen wie das französische CNRS und das AIT Austrian Institute of Technology. Die gemeinsame Herausforderung sei, wissenschaftliche Exzellenz in globale Technologieführerschaft zu übersetzen. Zu oft gelinge es europäischen Innovationen nicht, im Tempo und in der Größe der internationalen Konkurrenz zu skalieren.

Als Beleg dafür, dass es anders geht, nennt der Botschafter Mistral AI. Die Übernahme des Linzer Startups Emmi AI durch Mistral AI zeige, wie Unternehmen aus verschiedenen europäischen Ländern ihre Expertise bündeln. Sie unterstreiche zudem die technologische Stärke Österreichs.

„Noch nicht so sehr am Radar“

Wo es konkret hakt, schildert Arnaud Béasse. Der Managing Director von 1764 Advisory kümmert sich in der Community um die Investorenbeziehungen. „An erster Stelle möchte ich Investoren mit Startups verbinden“, sagt er im Gespräch mit brutkasten. Das gelte in beide Richtungen. Österreicher:innen nach Frankreich zu bringen, habe bisher sehr gut funktioniert. Die größere Aufgabe sei nun der umgekehrte Weg: französische Investor:innen auf das aufmerksam zu machen, was in Österreich entsteht. Das sei bei ihnen „noch nicht so sehr am Radar“.

Das österreichische Deep-Tech-Startup iono Robotics aus Linz hat mit dem WORKMATE den ersten humanoiden Arbeitsroboter „Made in Austria“ entwickelt. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Béasse nennt dafür mehrere Gründe. Größere Fonds würden oft mit Teams aus Deutschland auf Österreich schauen. „Das genügt nicht“, sagt er. Dazu komme bei manchen Venture-Capital-Fonds die Angst vor der Sprachbarriere. Bei Business Angels sei diese Hürde noch höher.

Seine Rolle sieht Béasse deshalb nicht nur im Vermitteln von Kontakten. Es gehe darum, Investor:innen auch beim Ökosystem und bei der Kultur zu begleiten. Aus französischer Sicht sehe man in Europa zuerst Spanien, Italien, Deutschland und die Benelux-Länder. Österreich müsse man erst aus dem Schatten von Deutschland und der Schweiz holen.

Acht Startups aus Frankreich und Österreich pitchten vor dem Publikum in der französischen Botschaft, abgestimmt wurde per Smartphone. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Chancen sieht er bei Corporate Venture Capital. Französische Konzerne seien in Österreich vertreten. Hier gebe es derzeit viele Innovationen in den Bereichen Defense und Dual Use, die für solche Gruppen interessant seien.

ABA will Brücke zwischen den Ökosystemen schlagen

Auf österreichischer Seite ist die Austrian Business Agency (ABA) eingebunden. Verena Gruber, Director Western Europe, ist außerordentliches Mitglied im Board der Community. Als Standortagentur der Republik sei die ABA dafür da, französische Startups dabei zu unterstützen, die Chancen in Österreich zu entdecken, sagt sie im Gespräch mit brutkasten. Mit La French Tech Vienna habe man nun „ein tolles Tool“, um Verbindungen herzustellen, bei Investments ebenso wie bei Kooperationen mit Corporates. Am Tag nach dem Launch standen laut Programm Besuche bei der ABA, der Wirtschaftsagentur Wien und ecoplus sowie eine Führung durch die AI Factory Austria (AI:AT) auf dem Plan.

Die Initiative ist noch sehr jung. Als Beispiel dafür, was möglich ist, nennt auch Gruber den Emmi-AI-Deal. Er zeige die Kompetenz Österreichs bei Industrial AI. „Das ist eine Nische, worauf wir uns auch sehr stark konzentrieren können“, sagt Gruber. Damit könne Österreich auch einen Beitrag zur europäischen Souveränität bei Technologie leisten.

Acht Startups auf der Bühne

Nach den Reden pitchen acht Startups, das Publikum stimmt per Smartphone ab. Aus Frankreich kommen Proxima, VirtualBrowser, PleIAs und Manabou, aus Österreich Cyberaci, Eustella, Prop Corn und Ablatic. Sechs der acht ordnet die Event-Website dem Thema Souveränität zu, von europäischen Sprachmodellen bis Cybersecurity.

Manche der französischen Startups sehen laut Renaud Viot einen Market Fit mit Österreich, andere suchen einen Partner vor Ort, wieder andere haben hier bereits Kund:innen. Die beiden Ökosysteme seien einander ähnlich, beide seien stark bei Spinoffs und in der Forschung. Gemeinsam könne man einander „zu Partnern statt zu Konkurrenten“ machen, sagt Viot.

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