16.12.2025
NAVI-APP

Ontrack: Durch Zufall zur inklusiven Lösung

Ein Ziel, viele Wege, zahllose Navigationsapps. Sich spontan und selbstständig von A nach B bewegen zu können, ist für die meisten selbstverständlich. Für Menschen mit Sehbeeinträchtigung bedeutet genau diese Form von Orientierung im Alltag jedoch oft puren Luxus. Das Grazer Unternehmen Ontours will diese Lücke mit seinem Produkt Ontrack schließen.
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Team schaut auf Mobiltelefon
vlnr: Paul Kalcher, Marie Essert, Aron Garamvölgyi, Oliver Tazl, Sofia Pramstrahler (C) Brand Images e.U.

„Eigentlich war das ein Zufall“, sagt Gründer Paul Kalcher im Gespräch mit brutkasten. Entstanden ist Ontrack nicht aus einem klassischen Innovationsprozess, sondern als Nebenprodukt eines anderen Geschäftsmodells.

Vom Tourismusprodukt zur inklusiven Mobilität

Kalcher ist seit über zehn Jahren unternehmerisch tätig, ursprünglich mit einer Filmproduktion. Während der Corona-Pandemie gründete er gemeinsam mit Co-Founder Oliver Tatzl die Ontours Software GmbH. Daraus entstand das Produkt Ontours, eine automatisierte Audio-Tourismuslösung: Statt klassischer Hop-on-Hop-off-Busse sollten Tourist:innen mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein und dabei über das Smartphone akustisch durch Städte geführt werden – individuell, mehrsprachig und standortbasiert (brutkasten berichtete 2024).

Das Konzept wurde ab 2020 entwickelt, 2023 erstmals in Graz getestet und 2024 unter anderem in Porto und Budapest ausgerollt. Das Feedback war positiv, wirtschaftlich blieb der große Durchbruch jedoch aus. „Wir haben gemerkt, dass der Markt extrem kompetitiv ist und sehr viel Kapital im Vertrieb verschwindet“, so Kalcher. Ontours existiert weiterhin, der Fokus des Unternehmens hat sich jedoch verschoben, aufwändige Werbekampagnen werden zurückgefahren.

Eine Begegnung verändert den Fokus

Der Wendepunkt kam bei einer Präsentation in Graz. Im Publikum saß ein Unternehmer aus Wien, selbst blind. Nach dem Vortrag sprach er Kalcher an und erkundigte sich, ob Ontours jemals daran gedacht habe, Blinde und sehbeeinträchtigte Menschen mitzudenken, denn schließlich gäbe es für diese kaum geeignete Navigation.

„Wir hatten das tatsächlich nie auf dem Radar“, sagt Kalcher. Doch je länger das Team darüber nachdachte, desto klarer wurde: Die Idee hatte Substanz, vielleicht sogar mehr als das bisherige Produkt. Über diesen Kontakt kam Ontours zur Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs, der größten NGO in diesem Bereich. Gemeinsam begann man, den tatsächlichen Bedarf zu analysieren.

Entwicklung nach Lehrbuch – mit der Zielgruppe

Statt erneut von einer Produktidee auszugehen, wählte das Team diesmal einen anderen Weg. Mit Unterstützung einer FFG-Förderung im Rahmen von Expedition Zukunft Start wurden Fokusgruppen in Graz und Wien durchgeführt. Blinde und sehschwache Menschen schilderten, wie sie sich im Alltag orientieren, welche Apps sie nutzen und wo die größten Probleme liegen.

Das Ergebnis war eindeutig: Kulturelle Audioinhalte seien nett, aber nicht entscheidend. Was fehle, sei eine einheitliche, verlässliche Navigationslösung, die Wegeführung, Orientierung und Umgebungsbeschreibung zusammenführt. Viele Betroffene nutzen heute mehrere Apps parallel – Maps, Ampel-Tools oder Speziallösungen – keine davon sei wirklich auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten.

Navigation, aber anders

Aus diesen Erkenntnissen entstand Ontrack. Die App wird seit rund zwei Jahren gemeinsam mit der Zielgruppe entwickelt. Jede Funktion basiert auf Fokusgruppen, Einzelinterviews und laufenden User-Tests. Der derzeitige Prototyp ist bereits im Einsatz, wenn auch noch nicht öffentlich verfügbar.

Optisch unterscheidet sich Ontrack bewusst von gängigen Apps: hohe Kontraste, große Buttons, textlastige und stark vereinfachte Strukturen. „Für sehende Menschen schaut das vielleicht altmodisch aus, aber für Screenreader ist es genau richtig“, erklärt Kalcher. Dieser Hinweis ist wichtig, denn sehende Personen kämen oft in Versuchung, die Oberfläche nach ihren Bedürfnissen und Gewohnheiten zu bewerten.

Neben klassischer Navigation bietet Ontrack Funktionen wie die Wahl zwischen kürzester und sicherster Route. Letztere berücksichtigt etwa taktile Bodenleitsysteme oder akustische Ampeln – sofern entsprechende städtische Daten verfügbar sind. Wien gilt hier als Vorzeigebeispiel, andere Städte holen langsam auf. 

Eine Übersicht einer barrierefreien Navigationsapp
So sieht die „Ontrack“-App aktuell aus (C) Ontours

Kein Nice-to-have

Obwohl Ontrack noch nicht am Markt verfügbar sei, stößt es laut Entwicklern bereits auf großes Interesse. Das Team wurde zu mehreren Konferenzen eingeladen und erhielt bereits erste Auszeichnungen. Zuletzt wurde es als European Young Innovator 2025 bei den World Summit Awards (WSA) ausgezeichnet (brutkasten berichtete). Nutzer:innen aus den Testgruppen berichten, dass sie einzelne Funktionen bereits regelmäßig im Alltag einsetzen.

„Wir haben beim Prototypen mehr Traktion als Ontours jemals hatte“, sagt Kalcher. Der Grund liege auf der Hand: Ontrack ist kein Nice-to-have, sondern adressiert ein reales Alltagsproblem. Gleichzeitig eröffne das Projekt auch wirtschaftlich stabilere Perspektiven.

Geschäftsmodell zwischen Staat und Markt

Langfristig strebt Ontours einen B2G-Ansatz an. Ziel ist es, Ontrack über öffentliche Stellen zu finanzieren oder zumindest zu unterstützen, um die App für Nutzer:innen möglichst kostenfrei anzubieten. Gespräche mit Behörden und Institutionen laufen, unterstützt durch den Science Park Graz, wo Ontours inkubiert ist. „In Deutschland werden Fitness-Apps durch den Staat finanziert, da muss es ja hoffentlich machbar sein, auch Sehbeeinträchtigte Personen in Österreich zu unterstützen“ kommentiert Kalcher seine Bestrebungen hoffnungsvoll.

Sollte dieser Weg nicht rechtzeitig realisierbar sein, plant das Team alternativ ein B2C-Abomodell. Vorgesehen sind rund 25 Euro pro Monat – in etwa die Kosten einer Assistenzstunde, die viele Betroffene aus Pflegegeld finanzieren würden. Das Versprechen der Entwickler: Ontrack soll mindestens eine solche Assistenzstunde einsparen.

Nächste Schritte

Aktuell arbeitet das Kernteam rund um die Gründer Kalcher und Tazl sowie Projektmanagerin
Marie Christin Essert gemeinsam mit einem eigenen Advisory Board, daran, weitere Fördermittel und eine erste Finanzierungsrunde aufzustellen. Ziel sei es, die Entwicklung zu beschleunigen und bis 2026 den Markteintritt zu schaffen – zunächst in Österreich, später im gesamten DACH-Raum. Eine Umsetzung sei relativ schnell realisierbar, sofern Kartenmaterial durch die jeweiligen Städte zur Verfügung gestellt würde.

Was als Zufallsbegegnung begann, hat sich für Ontours zum zentralen Projekt entwickelt. „Ontrack erfüllt soziale Ziele, schafft echten Mehrwert und ist wirtschaftlich tragfähiger als vieles, was wir zuvor gemacht haben“, sagt Kalcher. Für das Team ist klar: Der Fokus bleibt – im wahrsten Sinne des Wortes – auf dem richtigen Weg.

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Die Stadtwerke Klagenfurt versorgen die Region unter anderem mit Strom, Gas, Fernwärme, Wasser und verantworten den öffentlichen Personennahverkehr. © Stadtwerke Klagenfurt

Ob E-Mails, vertrauliche Kunden-Dokumente oder interne Richtlinien: Viele österreichische Unternehmen haben verstanden, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz unausweichlich wird, stehen allerdings vor der Herausforderung, KI sicher in die eigenen Arbeitsabläufe zu integrieren. Bei den Stadtwerken Klagenfurt entschied man sich bewusst gegen Standard-Lizenzen externer US-Hyperscaler und entwickelte stattdessen eine maßgeschneiderte Inhouse-Lösung: den „Stadtwerke GPT“, auch liebevoll „Susi-Sorglos“ genannt.

Die Vision: Ein DSGVO-konformer „Büro-Buddy“

Das Hauptziel war von Beginn an klar definiert: eine sichere Umgebung zu schaffen, in der Mitarbeiter:innen Bedenken bezüglich des Datenschutzes komplett ausräumen können. „Wir wollten unseren Mitarbeitern einen souveränen, DSGVO-konformen Chatbot anbieten, den sie komplett bedenkenlos nutzen können, wo sie personenbezogene Daten von Kunden reinkopieren und vertrauliche Dokumente hochladen können“, erklärt Peter Weratschnig, IT-Bereichsleiter der Stadtwerke Klagenfurt.

Neben der Chatbot-Funktion dient die KI als intelligenter „Büro-Buddy“. Über ein Retrieval-Augmented-Generation-System (RAG) wurden ca. 2.000 Seiten an internen Dokumenten, von Konzernrichtlinien bis hin zu IT-Anleitungen, eingebunden, um Fragen zu regulatorischen Vorgaben oder Systembedienungen direkt zu beantworten.

Der Gamechanger: Die Austria Wirtschaftsservice (aws)-Förderung

Das Projekt hat man nicht alleine umgesetzt, sondern entstand durch den Kontakt mit dem Wiener KI-Startup BReact, das 2022 von Raphael Fakhir und Nemanja Klincov gegründet wurde. Der entscheidende Impuls für die Realisierung lag in der Förderlandschaft. Denn das finanzielle Gesamtinvestment bewegte sich im fast sechsstelligen Bereich, erklärte Weratschnig im Interview.

Hier kam die IÖB-Toolbox-Förderung der Austria Wirtschaftsservice (aws) als entscheidender Beschleuniger ins Spiel. „Ohne diese Förderung hätten wir es nicht gemacht“, betont Weratschnig rückblickend. Die Förderung reduzierte das finanzielle Risiko für die Stadtwerke entscheidend und machte den Weg frei für die gemeinsame Entwicklung mit dem Startup.

Das Förderungsprogramm aws IÖB-Toolbox richtet sich an öffentliche Beschaffer und hat den Zweck, die Planung und Umsetzung von IÖB-Challenges als innovativem Instrument der Markterkundung, juristische und/oder technische Expertise für die Erstellung von Unterlagen für eine geplante Ausschreibung (Modul Prepare), sowie die Durchführung von innovativen Beschaffungen (Modul Transfer) zu ermöglichen. Damit sollen Anreize für eine verstärkte Innovationsnachfrage durch den öffentlichen Sektor gesetzt werden, insbesondere für Vorhaben mit positiven Beiträgen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Digitalisierung.

Europäische KI-Architektur On-Premise

Auch technisch setzten die Partner auf digitale Souveränität: Als Sprachmodell dient ein Modell des französischen KI-Unternehmens Mistral, das Mitte des Jahres auch das Linzer Startup EmmiAI kaufte. Die Datenhaltung erfolgt laut Weratschnig ausschließlich On-Premise in eigenen IT-Systemen. Lediglich die reine GPU-Rechenleistung wird bei einem italienischen Anbieter angemietet. „Sobald das Modell nachdenkt, tut es das in dieser Infrastruktur ohne persistente Datenspeicherung. Danach sind keine Datenspuren außerhalb unseres IT-Systems zu finden“, erklärt der IT-Bereichsleiter. Das Resultat ist der angestrebte „Susi Sorglos“-Bot für den internen Arbeitsalltag.

Große Begehrlichkeiten & wertvolle Erkenntnisse

Nach der schrittweisen Bereitstellung als internes Web-Service stieß das Tool auf enormes Interesse in den Fachbereichen. Neben Fachfragen zu Richtlinien entstehen bereits Ideen für eigene Teil-Wissensdatenbanken oder interaktive Schulungsassistenten.

Gleichzeitig liefert das Projekt wertvolle Erkenntnisse für künftige KI-Initiativen. „Der Benefit aus unseren Lessons Learned ist fast ebenso hoch einzustufen wie das Tool an sich“, fasst Weratschnig zusammen. Seine zentralen Ratschläge an andere Unternehmen: Von Beginn an die eigene IT-Architektur und Lieferkette der Dienstleister genau prüfen sowie die Qualität der zugrundeliegenden Analog-Dokumente gründlich analysieren.


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienbeauftragung mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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