20.03.2026
KOMMENTAR

Österreich als Braindrain-Europameister?

In einem aktuellen Ranking sind vier der "Top 30 Most Influential People" im Deep-Tech-Bereich in Europa Österreicher, in einem anderen schafft es kein heimisches Startup unter die "Top 100 Rising European Startups". Müssen Österreicher:innen ins Ausland, um richtig erfolgreich zu werden?
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brutkasten-Redakteur Dominik Perlaki | Porträt (c) Dervisevic/brutkasten; Hintergrund (c) Kajetan Powolny via Unsplash
brutkasten-Redakteur Dominik Perlaki | Porträt (c) Dervisevic/brutkasten; Hintergrund (c) Kajetan Powolny via Unsplash

Rankings können sehr subjektiv sein. Vermutlich hätten die Verfasser:innen des „European Deep Tech Report“ von Lakestar, Walden Catalyst Ventures und Dealroom ohne große Not auch 30 andere „Top 30 Most Influential People“ in der europäischen Deep-Tech-Welt finden können. Und vermutlich hätte der Pariser Startup-Event-Veranstalter VivaTech zumindest die Hälfte seiner „Top 100 Rising European Startups“ durch andere austauschen können, ohne zu großes Unverständnis auszulösen.

Aber solche Rankings zeigen Tendenzen. Sie liefern statistische Werte. Im konkreten Fall etwa, dass 28 der 100 Top-Startups aus dem Vereinigten Königreich kommen, je 23 aus Deutschland und Frankreich und je sechs aus Schweden und den Niederlanden, aber kein einziges aus Österreich. Das hat eine gewisse Aussagekraft. Im anderen Ranking kommen dagegen nicht weniger als vier der Top 30 aus Österreich (brutkasten berichtete). Auch das hat eine gewisse Aussagekraft.

Erfolgreich im Ausland

Und zusammengenommen wird die Aussagekraft noch etwas größer: Österreich bringt anscheinend überdurchschnittlich viele herausragende Tech-Persönlichkeiten hervor, während gleichzeitig der Aufbau eines herausragenden Tech-Startups in Österreich überdurchschnittlich schwer zu sein scheint. Die logische Schlussfolgerung: Man muss in vielen Fällen das Land verlassen, um richtig erfolgreich zu werden. Und das bedeutet: Braindrain.

Aber stimmt das wirklich? Zumindest eines der genannten Top-100-Startups hat einen österreichischen Co-Founder und CEO: Isar Aerospace aus München mit Daniel Metzler. Er verließ also das Land, um andernorts durchzustarten. Und er ist bekanntlich nicht der Einzige: Man denke an Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal mit N26 oder Florian Prucker mit Scalable Capital in Deutschland. Oder an Eric Steinberger und Sebastian De Ro mit Magic bzw. Ramin Hasani und Mathias Lechner mit Liquid AI in den USA. Sie alle erreichten im Ausland mit ihren Startups den Unicorn-Status.

Mindestens ebenso gut lässt sich die These mit den Österreichern unter den oben genannten „Top 30 Most Influential People“ illustrieren: Hermann Hauser baute mit ARM einen der weltgrößten Chip-Konzerne vom Vereinigten Königreich aus auf; Peter Steinberger sorgte mit OpenClaw für einen globalen Hype, um sich dann von OpenAI in den USA anwerben zu lassen; Andreas Klinger kehrte nach einer erfolgreichen Karriere im Silicon Valley nach Europa zurück, wählte aber Berlin als Standort; und Apex-Ventures-Gründer und Managing Partner Andreas Riegler hatte bereits eine umfassende internationale Karriere (u.a. bei Sony) hinter sich, bevor er seine VC-Gesellschaft in Österreich gründete.

Warum ist das so? Liegt es am Mindset in Österreich, das sich zumindest langsam zu wandeln scheint? Liegt es an der Kapitalverfügbarkeit, bei der es auf politischer Seite mit dem Dachfonds zumindest guten Willen (wenn auch kein Wundermittel) zu geben scheint? Oder liegt es, wie in einer kürzlich auf LinkedIn aufgekommenen Diskussion zu den Unterschieden zwischen Österreich und Schweden etwa von Andreas Treichl vorgebracht wurde, an der hierzulande schwachen Kapitalmarkt-Kultur, wo sich weiterhin wenig tut?

Vorbilder

Vermutlich sind es alle drei und noch ein paar mehr Faktoren. Der Blick auf Schweden zahlt sich für die heimische Politik in jedem Fall aus. Das Land hat nur etwas mehr Einwohner:innen als Österreich, aber fast zehnmal so viele Unicorns. Und es ist nicht das einzige Land in ungefähr gleicher oder sogar kleinerer Größe, das die alte österreichische „wir sind ja nur ein kleines Land“-These widerlegt. Die Schweiz, Irland, Estland und noch einige mehr – sie alle bieten in bestimmten Bereichen Best-Practice-Beispiele, bei denen Österreich gut beraten wäre, sie sich genauer anzusehen.

Dabei gilt: Natürlich sind auch die anderen Länder nicht perfekt. Natürlich wird auch hierzulande einiges richtig gemacht. Es braucht kein Österreich-Bashing (und auch kein EU-Bashing). Es braucht keine Resignation. Im Gegenteil braucht es den (politischen) Willen und den Antrieb, die Bedingungen zu verbessern, und die nötige Offenheit, um zu erkennen, dass was in anderen europäischen Ländern ähnlicher Größe möglich ist, in Österreich nicht unmöglich sein kann.

Und damit zurück zu den Rankings: Kein Startup unter den Top 100 zu haben, ist bei so einem subjektiven Ranking kein Weltuntergang – vielleicht sind nächstes Jahr zwei drauf. Und vier Leute unter den Top 30 zu haben, ist kein Grund, sich selbst auf die Schulter zu klopfen. Schlüsse kann man dennoch daraus ziehen. Zum Beispiel diesen: In einem Ranking sollte Österreich unbedingt vermeiden, Platz 1 zu holen – lasst uns nicht Braindrain-Europameister werden.

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Die Quivo-Geschäftsführer Christoph Glatzl und Georg Weiß | (c) Quivo
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Mit rund 55 Millionen Euro Schulden war die Insolvenz des von Katharina Schneider aufgebauten Unternehmens MediaShop im Februar eine der aufsehenerregenderen in diesem Jahr. Zunächst war die Zukunft der Marke ungewiss. Mit dem Unternehmer Christoph Bauer mit One Spot fand sich ein Käufer, der die Marke seit Anfang Juni weiterführte und neu aufstellte. Im Zuge dessen wird nun auch die Logistik am deutschen Markt umgestellt. Dieser ist mit rund der Hälfte der Gesamtumsätze der wichtigste Einzelmarkt des Unternehmens. In den drei Monaten nach dem Neustart Anfang Juni wurden dort nach Unternehmensangaben mit rund 60.000 Bestellungen mehr als vier Millionen Euro Umsatz erzielt.

Neuer Partner im Fulfillment ist das vom österreichischen Gründer-Duo Christoph Glatzl und Georg Weiß geführte Scaleup Quivo, das stark auf Automatisierung setzt. Dieses war 2022 aus der Fusion des Wiener Startup Logsta mit der deutschen Ancla hervorgegangen und hat seinen formellen Hauptsitz in Deutschland, seinen operativen Sitz aber in Wien. Vor etwa einem Jahr machte es mit einer großen Finanzierungsrunde auf sich aufmerksam, wie brutkasten berichtete.

Logistische Herausforderungen durch kurzfristige Peaks

Mit der Logistik-Umstellung von MediaShop in Deutschland werden nun rund 10.000 Paletten Ware vom bisherigen Zentrallager in Augsburg nach Frankfurt verlagert. Das ist aber nur die erste von vielen zu erwartenden logistischen Herausforderungen, will das Teleshopping-Unternehmen seine Präsenz am deutschen Markt doch noch stärker ausbauen. So steigerte man die TV-Einschaltungen in Deutschland seit dem Neustart von zwischenzeitlich nur drei Sendern auf zwölf. International stieg die Zahl der Sender seit dem Neustart von 16 in zwei Ländern auf 50 in fünf Ländern.

Das Geschäftsmodell von MediaShop stelle enorme Anforderungen an Geschwindigkeit und Flexibilität, sagt Quivo-CEO Weiß: „Bei MediaShop zeigt sich besonders deutlich, dass modernes Fulfillment weit mehr ist als Lagerfläche und Paketversand. Wenn innerhalb kurzer Zeit große Bestellmengen eingehen, müssen Technologie, Prozesse und Personal nahtlos zusammenspielen.“ Die Plattform verbinde unterschiedliche Systeme und automatisiere große Teile der Bestellabwicklung. „Gleichzeitig haben wir die Infrastruktur und die personellen Ressourcen, um auch kurzfristige Nachfragespitzen abzufangen. Genau für solche Wachstumsszenarien haben wir Quivo aufgebaut“, so der Gründer.

„Wir haben MediaShop in sehr kurzer Zeit neu aufgestellt und sind wieder auf Kurs. Dafür brauchen wir eine Logistik, die nicht nur unser heutiges Bestellvolumen zuverlässig bewältigt, sondern auch mit uns wachsen kann“, kommentiert der neue MediaShop-Inhaber und -Chef Christoph Bauer. „Mit Quivo haben wir einen Partner gefunden, der Technologie, operative Erfahrung und die notwendige Skalierbarkeit verbindet. Das ist für uns insbesondere in einem Geschäft entscheidend, in dem Nachfrage sehr kurzfristig entstehen kann.“

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