16.02.2026
NACHLESE | FOLGE 4

KI in der Softwareentwicklung: „Senior-Developer werden vom Musiker zum Dirigenten“

Nachlese. Wie wird künstliche Intelligenz (KI) die Softwareentwicklung verändern und wie grenzt sich bloßes "Vibe Coding" vom KI-getriebenem Development ab? Um Fragen wie diese ging es in der vierten Folge der zweiten Staffel von "No Hype KI".
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Johannes Berger (CEO & Co-Founder, Mimo) und Alexander Zeiss (Head of AI, ITSV)
Johannes Berger (CEO & Co-Founder, Mimo) und Alexander Zeiss (Head of AI, ITSV) | Foto: brutkasten

Large Language Models (LLMs) haben ihre Coding-Fähigkeiten insbesondere in den vergangenen beiden Jahren dramatisch verbessert – und zwar soweit, dass manche sogar davon ausgehen, dass es in ferner oder auch naher Zukunft keine menschlichen Programmierer:innen mehr braucht. Aber ist das wirklich realistisch? Und welche Probleme ergeben sich beim praktischen Einsatz von KI in der Softwarentwicklung? Diesem Thema ging die neue Folge der brutkasten-Serie „No Hype KI“ nach. Es diskutierten Johannes Berger, Co-Founder und CEO der auf Entwickler:innen spezialisierten Lernplattform Mimo, und Alexander Zeiss, Head of AI bei der ISTV, dem IT-Dienstleister der österreichischen Sozialversicherungen.

Gleich zu Beginn der Diskussion räumt Johannes Berger mit der Angst auf, der Berufsstand könnte verschwinden. „Software wird es immer geben. Software muss erstellt werden von Entwicklern und Entwicklerinnen“, stellt Berger klar. Doch er fügt sofort eine entscheidende Einschränkung hinzu: „Ob der Job der Softwareentwicklerin, des Softwareentwicklers komplett anders ausschaut in Zukunft, das muss man sich ein bisschen differenzierter anschauen und da könnte die Antwort sein: Ja, der schaut anders aus in Zukunft.“

Der Entwickler als Orchestrator

Alexander Zeiss zieht eine Metapher für den Rollenwandel heran, den er vor allem auf Senior-Ebene beobachtet. „Das wird sich insofern verändern, als dass man sagt, vom Musiker hin zum Dirigenten“, erklärt Zeiss. Während früher Schnelligkeit beim Coden und Erfahrung zählten, verschiebt sich der Fokus nun. Es gehe darum, „viel Domain-Wissen“ zu haben, einen guten Überblick zu bewahren und beurteilen zu können, „ob das Ganze für das Unternehmen einen Sinn ergibt, ob es von der Strategie her passt“.

Auch bei Mimo ist dieser Wandel bereits gelebte Realität. Berger beschreibt die Arbeitsweise seines Teams: „KI schreibt den Großteil des Codes, der Entwickler, die Entwicklerin wird mehr als Dirigent bezeichnet, wird bei uns mehr zum Orchestrator, schaut sich das an, reviewt das, gibt Input.“ Dennoch betont er, dass tiefes Verständnis unverzichtbar ist: „Wir würden niemanden bei uns selbst als Entwickler oder Entwicklerin anstellen, der oder die den Code nicht verstehen kann.“

Die Junior-Falle: Züchten wir abhängige Entwickler?

Womit die Diskussion beim Thema Nachwuchs landet. Alexander Zeiss sieht in der KI zwar einen „super Mentor“, der „24-7 verfügbar“ ist, warnt jedoch eindringlich vor den langfristigen Folgen für die Kompetenzentwicklung: „Die Gefahr, die ich persönlich aber dadurch sehe, ist einfach die, dass man vielleicht sich einer Generation von Entwicklern heranzüchtet, die halt eine irrsinnige Abhängigkeit zur KI haben“, sagt Zeiss. Wenn die KI alle Probleme löse, könnten junge Talente „ein bisschen dieses Problemlösungsverständnis verlieren“. Dann stelle sich aber die Frage: „Was ist, wenn einmal die KI nicht da ist?“

Johannes Berger hält dem pragmatisch entgegen: „Was macht ein Entwickler, was macht ein Entwickler, wenn das Internet nicht da ist, wenn der Strom nicht da ist?“. Der Mimo-CEO sieht KI als fundamentale Infrastruktur: „KI ist ein Hilfsmittel, das einfach da sein muss, um vernünftig und produktiv zu arbeiten. Genauso wie das Internet, wie der Computer, wie der Strom.“

Dennoch bestätigt Berger ein strukturelles Problem am Arbeitsmarkt. Da KI-Tools heute oft Aufgaben auf dem Niveau von Einsteigern übernehmen, sinkt die Bereitschaft von Unternehmen, Juniors einzustellen. „Die KI wird heutzutage von unseren Softwareentwickler:innen im Team bei Mimo so verwendet wie ein Junior- oder Mid-Developer“, berichtet Berger.

Das Resultat sei effizient, aber es werfe eine gesellschaftliche Frage auf: „Wenn die Unternehmen weniger bereit sind, in die Bildung zu investieren, wo kommen dann die erfahrenen Entwickler, erfahrenen Entwicklerinnen her in ein paar Jahren?“

Vibe Coding vs. Engineering

Ein zentrales Thema des Talks ist außerdem die Abgrenzung des Trends „Vibe Coding“ von professioneller, KI-getriebener Softwareentwicklung. Berger definiert Vibe Coding als Methode, um Visionen schnell sichtbar zu machen. „Da geht es eigentlich gar nicht darum, dass das wirklich funktioniert, dass das effizient ist, dass das sicher ist. Da geht es einfach nur darum, deine Vision von diesem Pitch, von deiner Idee darzustellen“, erläutert er. Bei Mimo nutzen Mitarbeiter:innen das System, um „direkt einen Prototyp zu erzeugen, der schon dieses Look and Feel von Resultaten hat“.

In der Produktentwicklung gelten jedoch andere Gesetze. Alexander Zeiss warnt vor der Illusion, solche Ergebnisse direkt nutzen zu können: „Das ist ein Prototyp, aber kein produktionsreifes Produkt.“ Die Erwartungshaltung dürfe nicht sein, „dass man beim Prototyp einen Konfigurationsschalter umlegt und dann läuft das Ding in Produktion“.

Zeiss legt großen Wert auf Qualitätssicherung, um „technische Schulden“ zu vermeiden: „Ich muss automatische Überprüfungen haben“, fordert er. KI-Code funktioniere zwar oft auf den ersten Blick, aber: „Du baust dir einfach, wenn du es nicht anpasst, dann nach und nach technische Schulden auf, wo du dementsprechend massiv was tun musst.“

Auch Berger kennt das Problem, wenn Nicht-Entwickler:innen Tools nutzen: „Das ist so weit weg von der Architektur, von der Art und Weise, wie wir unsere Software aufbauen, dass es mehr Arbeit ist, das Ganze dann zu reviewen und zu ändern.“

Sicherheit und der „Human-in-the-Loop“

Im Umfeld der Sozialversicherung, in dem die ITSV tätig ist, spielt Sicherheit eine besonders wichtige Rolle. „Wir haben vier Sicherheitsklassen“, erklärt Zeiss den Umgang mit sensiblen Daten. Man prüfe nicht pauschal Applikationen, sondern spezifische Use Cases: „Wir prüfen einen Use Case. Es kommt einfach unter anderem auf die Daten an, welche verarbeitet werden.“ Die ITSV positioniert sich hier als Vorreiter im SV-Umfeld, der Daten und Modelltraining „on-prem bei uns im Rechenzentrum“ halten kann.

Ein Risiko beim schnellen Vibe Coding ist der sorglose Umgang mit Zugangsdaten – speziell zu Beginn des „Vibe Coding“-Hypes gab es viele Fälle, in denen API-Keys offen im Code auf GitHub veröffentlicht waren. Berger sieht hier jedoch Fortschritte sowohl bei der Ausbildung als auch bei den Tools selbst. Plattformen wie GitHub hätten mittlerweile bereits automatisierte Tests implementiert, die Warnungen ausgeben, wenn es aussieht, als würde jemand unbeabsichtigt sensible Informationen veröffentlichen.

Trotz aller Automatisierung bleibt der Mensch die letzte Instanz. Bei der ITSV gilt das bekannte Prinzip „Human-in-the-Loop“. Zeiss bekräftigt dabei: „Der Entwickler, die Entwicklerin ist im Driver Seat.“

Zukunft der Arbeit: Dokumentation und Testing

Blickt man in die Zukunft, sieht Johannes Berger auch im Bereich Software-Testing Veränderungen. Zwar werde man weiterhin Personen brauchen, die kritische Dinge wie Bezahlvorgänge prüfen, aber: „Es wird immer mehr automatisiert getestet.“ Die Lerninhalte bei Mimo passen sich daher auch bereits an. Man müsse „Syntax nicht mehr so stark lernen in Zukunft“, sondern Konzepte „eher auf einer höheren, abstrakteren Ebene verstehen“.

Alexander Zeiss sieht großes Potenzial in der Sicherung von Wissen, insbesondere bei Altsystemen. „Dass man schlussendlich KI dafür nutzt, um von diesem Code automatisierte Dokumentation erstellen zu lassen, damit das Wissen dann nicht verloren geht“, beschreibt er einen Anwendungsfall für Legacy-Code.

Zum Abschluss geben beide Experten Unternehmen einen klaren Rat: Ausprobieren, aber mit Bedacht. „KI ist im Prinzip dazu da, um Menschen zu unterstützen, um Dinge schneller, teilweise effizienter zu machen. KI ist nicht dazu da, um Menschen komplett abzulösen“, resümiert Alexander Zeiss. Er mahnt jedoch, dass Organisationen sich strukturell vorbereiten müssen: „Es werden sich Rollen verändern, es werden sich Skills der Rollen verändern.“ Johannes Berger plädiert für Experimentierfreude: „Einfach probieren und schauen, was es da so am Markt gibt.“ Wichtig sei dabei nur eines: Dies in einem „geschützten Umfeld“ zu tun, um Erfahrungen zu sammeln, ohne Schaden anzurichten.

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v.l. Matthias Schabetsberger, Managing Director Polestar Österreich, mit dem stellvertretenden schwedischen Botschafter Anders Lindgren. | © René Lueger

Der Ort war kein Zufall. „Wir sind eine schwedische Marke”, sagte Schabetsberger vor den Gästen in der schwedischen Botschaft, wo Polestar in Kooperation mit der schwedischen Handelskammer seit Jahren regelmäßig zu Gast ist. Neben Design, Performance und Nachhaltigkeit zahlten die Markenwerte stark auf gesellschaftliche Werte ein, die in Skandinavien hoch gelebt würden: Inklusion, Vielfalt, Gender Equality.

Wie schwedisch das Unternehmen ist, machte er an Zahlen fest: Von den etwas mehr als 2.000 Mitarbeitern arbeiten mehr als zwei Drittel in Schweden. Entwickelt, abgestimmt und designt wird in Schweden, wo die Verbindung zur Schwestermarke Volvo nach wie vor eng ist. Entstanden ist Polestar vor rund zehn Jahren aus einem schwedischen Rennteam, mit einem klaren Bekenntnis zum reinen Elektroantrieb. “So wollen wir als kleine schwedische reine Elektroauto-Marke der Challenger sein für die große Automobilindustrie”, so Schabetsberger.

Der stellvertretende schwedische Botschafter Anders Lindgren nannte Polestar ein gutes Beispiel dafür, wie Innovation den Übergang zur Elektromobilität in praktische Lösungen übersetzt. Die Erfahrung Schwedens zeige, dass Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit einander verstärken.

Fünf Jahre Polestar in Österreich: Jubiläumsempfang in der schwedischen Botschaft im 9. Wiener Bezirk. | © René Lueger

“Wir waren ein Startup und sind jetzt ein Scaleup”

Im Gespräch mit brutkasten zog Schabetsberger eine Parallele zur Gründerszene. Polestar sei ein junges Unternehmen: “Wir waren ein Startup und sind jetzt ein Scaleup.” Diese Dynamik habe man bewusst gewählt, ebenso den Anspruch, Dinge anders zu denken als klassische Mitbewerber. Einen typischen Polestar-Fahrer gebe es nicht, die Marke sei über alle Altersklassen hinweg beliebt, mit einem relativ ausgeglichenen Anteil männlicher und weiblicher Kunden. Was sie verbinde: die Einstellung zur Elektromobilität und zu gesellschaftlichen Werten. Als skandinavische Marke sei Polestar Europas einzige rein elektrische Automarke.

Polestar ist darüber hinaus eng mit dem schwedischen Innovationsökosystem verbunden. In Göteborg ist Polestar Partner von MobilityXlab, einem Innovationshub am Lindholmen Science Park, der Tech-Startups mit Unternehmen wie Ericsson, Volvo Group und Zenseact zusammenbringt. Ursprünglich auf Mobilität und Konnektivität fokussiert, öffnet sich die Plattform seit September 2026 auch für weitere Industrien. Ausgewählte Startups arbeiten eng mit Polestar an Proofs of Concept, etwa für digitale Customer Journeys und das Erlebnis im Fahrzeug.

Quiet Luxury statt noch mehr Touchscreens

Auf die Frage nach dem Design antwortete Schabetsberger mit einem Begriff aus der Mode: Quiet Luxury. Für Polestar heiße das: “wir brauchen aus unserer Sicht nicht mehr, sondern besser”. Während viele Premiumhersteller im Innenraum mit Holz, Alu, Leder, vielen Lichtvarianten und immer mehr Bildschirmen arbeiten, gehe Polestar einen anderen Weg: klare Linien, reduziertes, funktionales Design. “Wir finden immer mehr Kunden, die in einer aufgeregten Welt mit ständig neuen Produkten und ständiger Veränderung genau dieses reduzierte Design, diesen Quiet Luxury schätzen.” Das Prinzip gelte auch für den Auftritt der Marke: “Man muss jetzt nicht unbedingt immer laut schreien, um gehört zu werden.”

Der Polestar 5 vor der schwedischen Botschaft in Wien: Der vollelektrische Grand Tourer ist das neue Flaggschiff der schwedischen Marke und leistet in der Performance-Version bis zu 650 kW. | © René Lueger

Weniger Bildschirme heißt dabei nicht weniger Technologie. Beim neuen Polestar 4 SUV zieht mit Google built-in der KI-Assistent Google Gemini ins Auto ein. Dank der engen Partnerschaft mit Google ist dieser sukzessive auch in weiteren Modellen verfügbar. Funktionen wie Vehicle-to-Load und ein Camping Mode kommen per Software-Update. Die Transparenz, die Schabetsberger betont, hat eine Zahl: Für den Polestar 4 SUV weist Polestar den CO2-Fußabdruck bis zum Werkstor aus, 20,2 Tonnen CO2-Äquivalent bei der Rear-Motor-Variante. Bis 2030 will Polestar die Treibhausgasemissionen pro verkauftem Fahrzeug halbieren, bis 2040 in der gesamten Wertschöpfungskette klimaneutral sein. Und Polestar Charge bündelt mehr als 1,25 Millionen Ladepunkte in Europa über ein Konto, inklusive Tesla Supercharger.

Von drei auf 13 Standorte

Gestartet ist Polestar in Österreich mit einem Direct-to-Consumer-Modell und einem Polestar Space in der Wiener Herrengasse, später kamen Graz und Linz dazu. Im Vorjahr wurde das Modell erweitert: Online bestellen geht weiterhin, zusätzlich können Kunden bei regionalen Partnern in einem Agentursystem Probe fahren, kaufen und das Fahrzeug ausgeliefert bekommen. Die Zahl der Standorte wuchs von drei auf 13, von Dornbirn bis Wien.

Dahinter steht eine Marktbeobachtung: Traditionell seien Flottenkunden die Early Adopter gewesen, in den vergangenen zwölf bis 24 Monaten komme das Wachstum aber vor allem von Privatkunden und Kleinunternehmen. Um sie in Vorarlberg, Tirol oder Salzburg zu erreichen, brauche es regionale Partner. Fünf Jahre nach dem ersten Polestar Space blickt Schabetsberger nach vorne, auf “weitere Jahrzehnte in enger Kooperation”.

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