14.12.2021

myReha: Wiener Health-Startup holt 2,2 Mio. Euro Investment

Das Wiener Startup myReha entwickelt eine KI-basierte App für die Rehabilitation nach Schlaganfällen.
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Das Team von myReha © myReha
Das Team von myReha © myReha

Das Wiener Health-Startup myReha entwickelt eine App für die Rehabilitation nach einem Schlaganfall. Nach einer klinischen Studie will das Jungunternehmen mit der als Medizinprodukt zugelassenen App nun am Markt starten und holt sich dafür frisches Kapital. Die Pre-Seed-Runde über 2,2 Millionen Euro setzt sich aus Investorengeldern und Förderungen von FFG und Wirtschaftsagentur Wien zusammen.

Die Runde wird von dem Gründer des österreichischen Scaleups Storebox, Johannes Braith, angeführt. Er investiert über die Beteiligungsgesellschaft Hardlymountain Capital, mit er er bereits bei hello bello und Rebel Meat eingestiegen ist. Neben Braith investieren weitere erfahrene Startup-Gründer als Business Angels: Lukas Zinnagl von Diagnosia, Sievert Weiss von Amboss, Stefan Speiser von Latido und Franz Wiesbauer von Medmastery. Kapital kommt außerdem von einem Family Office aus dem Neurologie-Bereich, der Ever Pharma rund um den Arzt Friedrich Hillebrand.

KI passt Übungsplan von myReha laufend an

Die Brüder Philipp und Moritz Schöllauf haben myReha gemeinsam mit Mario Zusag 2020 gegründet. Philipp Schöllauf hat als Arzt täglich mit Schlaganfallpatient:innen gearbeitet und damit auch täglich mit Übungszetteln zu tun und kam so auf die Idee der Digitalisierung. myReha ist aber nicht einfach nur eine App, in der die entsprechenden Übungen abgebildet werden. Ein Algorithmus, der auch auf KI basiert, erstellt einen individuellen Übungsplan und passt ihn während der Therapie dynamisch an den Fortschritt des Patienten oder der Patientin an. Umgesetzt wird das unter anderem in einem FFG-geförderten Forschungsprojekt – getrieben von Co-Founder Zusag, der früher bei IBM Research und Google an AI-Projekten gearbeitet hat.

„Wir haben den Übungskatalog vor dem Marktstart auf 30.000 Beispiele erweitert und der Übungsplan lernt bereits mit“, erklärt Moritz Schöllauf im Gespräch mit dem brutkasten. Die Studie an zwei Wiener Kliniken laufe derzeit noch und das Team sei bereits mit weiteren Kliniken in Österreich und Deutschland in Gesprächen. „Das Feedback aus den Kliniken ist sehr gut“, sagt Schöllauf. Das B2B-Modell soll künftig aber nur ein Standbein des Geschäftsmodells sein.

Abomodell für die Reha daheim

Jährlich gebe es alleine in Österreich 20.000 Schlaganfallpatient:innen, die eine Reha brauchen, sagt der Co-Founder und CEO. Die können ab Jahresbeginn die myReha-App selbstständig herunterladen und entweder selbst einen Fragenkatalog ausfüllen oder ihn von ihrer Therapeutin oder Therapeuten ausfüllen lassen. Auf dieser Basis wird dann ein individueller Übungsplan erstellt. Dafür bietet das Startup ein Abomodell an, das je nach Laufzeit zwischen 50 und 100 Euro pro Monat kosten wird. Die Übungen sind auch für eine Reha oder die Begleitung einer Reha daheim geeignet und können alleine oder mit Angehörigen durchgeführt werden.

Erfahrene Founder helfen bei Skalierung

Zunächst wollen sich die Gründer auf den Heimatmarkt in Österreich konzentrieren, die App ist zum Start aber auch in Deutschland downloadbar. Im DACH-Raum liege die Zielgruppe jährlich im Bereich von 250.000 Patient:innen. „Wir haben nun Investoren an Bord, die wissen, wie man ein solches Modell schnell skaliert und die auch ein gutes Know-how aus der Health-Branche mitbringen“, sagt Schöllauf. Mit dem Amboss-Gründer aus Deutschland kommt die Erfahrung im Aufbau der „Wikipedia für Ärzte“ an Bord, Diagnosia aus Wien ist ein Medikamenten-Informations-Dienst, der 2019 den Exit geschafft hat und Medmastery ein Salzburger Startup, das eine E-Learning-Plattform für Ärzte entwickelt hat.

Johannes Braith hat mit Storebox ein Startups aus Wien heraus international skaliert und steigt über die Hardlymountain ein, die er gemeinsam mit Rudolf und Franziska Fries gegründet hat. „Das starke Gründerteam und ihre Vision Schlaganfallpatienten auch zu Hause eine individuelle Reha für Sprache und Kognition zu ermöglichen, haben mich sofort überzeugt. Dieses Problem betrifft nicht nur Menschen in Österreich oder Deutschland, sondern weltweit viele Millionen. Ihr starker Fokus auf Machine Learning zeigt, dass sie zur perfekten Zeit mit ihrer Lösung an den Start gehen. Ich freue mich, die drei Founder mit meiner Erfahrung bei den nächsten Wachstumsschritten zu unterstützen“, so Braith über das Investment.

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Umarmungen statt Visitenkarten: Zu Besuch beim ersten Conxious Picnic am Otto Wagner Areal

Zwei Tage lang hat die Community rund um Andreas Tschas auf dem Otto Wagner Areal in Wien an einem „neuen Betriebssystem für unsere Wirtschaft“ gearbeitet. Ein Besuch beim ersten Conxious Picnic.
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Business Angel Hansi Hansmann und Conxious-Gründer Andreas Tschas | (c) Luisazzoe / StudioZucker

Es braucht seine Zeit, bis man oben ist. Wer zum Conxious Picnic will, muss hinauf auf die Baumgartner Höhe in Wien-Penzing, fernab der hektischen Innenstadt. Der Ort ist bewusst gewählt.

Das Otto Wagner Areal wurde vor rund 120 Jahren als Heil- und Pflegeanstalt eröffnet und umfasst rund 50 Hektar. Das entspricht der Fläche von rund 70 Fußballfeldern. Nach einem Jahrhundert klinischer Nutzung wird das denkmalgeschützte Jugendstilensemble neu belebt. 2030 oder 2031 soll hier die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK) einziehen. Bis dahin wird das Gelände zwischengenutzt, unter anderem von Kreativkollektiven und für Kunst- und Kulturveranstaltungen.

Das Jugendstiltheater am Otto Wagner Areal in Wien-Penzing war Schauplatz des Conxious Picnic. Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Am 30. September und 1. Oktober war das Jugendstiltheater mit seinen Gärten Schauplatz des ersten Conxious Picnic. Schon beim Hineingehen weiß man: Hier geht es anders zu als bei einem üblichen Business-Event. Man spricht sich mit Vornamen an. Teilweise umarmt man sich bei der Begrüßung.

Das Betriebssystem von morgen

Hinter dem Format steht Andreas Tschas, Gründer von Conxious. Seine Vision fasst er im Gespräch mit brutkasten in einem Satz zusammen: „Ein neues Betriebssystem für unsere Wirtschaft, das auf Vertrauen und innerer Klarheit beruht.“ Nach diesem Gedanken sei auch die Veranstaltung aufgebaut gewesen. Es gehe darum, Wirtschaft wieder menschlicher zu machen: „Weg vom Business, hin zur Wirtschaft, zum Wirt.“ Der Wirt sei jemand, der auf die Ressourcen schaue, ein Host, der auf die Community achte.

Rund 200 Gäste waren laut Andreas Tschas an den beiden Tagen durchgehend vor Ort. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Das Interesse war größer als erwartet. 250 Personen waren laut Tschas angemeldet, durchgehend seien rund 200 vor Ort gewesen. Die Gäste kamen auch aus anderen europäischen Ländern, darunter die Niederlande, Portugal, Deutschland und Italien.

Was man mitbringen muss

Wer mitmachen will, braucht vor allem Zeit. Die Veranstalter baten ihre Gäste vorab, an beiden Tagen zu bleiben. Das Picknick sei als ein Bogen gedacht, bei dem jeder Akt auf dem vorigen aufbaut.

Dazu kommen Neugier, Präsenz und die Offenheit für Menschen, die man noch nicht kennt. So stand es in der Einladung an die Gäste. Wer wollte, brachte eine Blume mit, einen Kuchen zum Teilen oder ein Sitzkissen für die Wiese. Einen Dresscode gab es nicht, Farbe war ausdrücklich willkommen.

Wer sitzt, kann etwas vorbringen

Am zweiten Tag geht es im Jugendstiltheater um Träume. Bianca Gfrei von Conxious steht in der Mitte des Raums. Rund um sie sind Vintage-Möbel des Wiener Generationencafés Vollpension aufgereiht, dazwischen liegen Sitzkissen. Wer hier Platz nimmt, soll die Augen schließen und seine Wünsche benennen.

Bianca Gfrei von Conxious leitete am zweiten Tag die Runde zu den Träumen der Gäste. | Foto: Luisazzoe| / StudioZucker

Dann öffnet Gfrei die Runde. Gefragt wird nach Themen: Wer hat einen Traum, wenn es um Business geht? Wer, wenn es um Räume geht? Wer in der Runde sitzt, kann etwas vorbringen und sagen, welche Unterstützung er oder sie braucht.

Auch Tschas bringt einen Traum ein, und der betrifft Bildung. Inhalte für Kinder würden künftig viele Unternehmen liefern, entscheidend sei das Erlebnis rundherum. Mit „Conxious in the Garden“ treffen sich bereits Familien an Wochenenden. Er sei nicht überzeugt, dass sich das Bildungssystem in Österreich so schnell anpassen könne wie nötig. Zugleich gebe es sehr gute Schulen, nur brauche es mehr davon. Für das Vorhaben sucht er einen CEO, ein Investor sei bereits interessiert.

Vertrauen als Business Case

So weich das klingt, Tschas argumentiert wirtschaftlich. Das Fundament von Conxious sei Vertrauen, und das Picknick habe mit genau diesem Gedanken begonnen: „Trust as a Business Case“. Er erzählt dazu von Business Angel Hansi Hansmann, einem der Founding Partner von Conxious. Der habe ihm gesagt, dass es um Vertrauen gehe, sei für ihn ein No-Brainer. Für Tschas ist das der Punkt: „Du lernst den Menschen kennen und du vertraust ihm einmal.“ Daraus seien die großen Erfolgsgeschichten entstanden.

Auch der Autor und NEOS-Mitgründer Matthias Strolz war vor Ort. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

In Unternehmen sehe er oft das Gegenteil. Wenn er in Abteilungen nachfrage, wie viel Zeit in Konflikte und interne Politik fließe, höre er im Schnitt 70 Prozent. Der Grund sei ein Vertrauensproblem.

Bei Startups zeige sich das im Founder-Konflikt. Der „Return on Investment on emotional well-being“ werde völlig unterschätzt, sagt Tschas. Er kenne nur wenige Investoren, die vorbeugend etwas tun. Komme es zum Konflikt, könne man „mindestens 50 Prozent der Bewertung abschreiben“.

Auch die Freiflächen rund um das Jugendstiltheater wurden bespielt. | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Wer dabei war

Auf dem Programm standen unter anderem der Impact-Investor Charly Kleissner, die Kulturanthropologin Bettina Ludwig, der Autor und NEOS-Mitgründer Matthias Strolz, Thomas Funke, Mitgründer der Tomorrow University, und Eversports-Mitgründer Hanno Lippitsch. Unter den Gästen waren laut Tschas zudem viele Gründer, die diesen Weg schon gegangen sind, darunter TTTech-Mitgründer Georg Kopetz sowie Busuu-Mitgründer und Investor Bernhard Niesner. Auch Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll und Bernhard Sagmeister, Geschäftsführer der Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws), waren vor Ort.

TTTech-Mitgründer Georg Kopetz im Gespräch mit Conxious-Gründer Andreas Tschas | Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Auch der Unternehmer Klaus Buchroithner war dabei, dessen Firma das Merchandise für Conxious produziert. „Die letzten zwei Tage ist es sehr wenig ums Business gegangen und sehr viel um Persönlichkeitsentwicklung“, sagt er. Es habe Sessions gegeben, in denen man sich bewegt hat, aber auch Vorträge. Eine klassische Business-Konferenz sei es sicher nicht gewesen.

Besonders mitgenommen hat Buchroithner den Beitrag von Ludwig über eine der letzten Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften. Dort sei jeder von Geburt an Teil eines größeren Ganzen, weil die Gemeinschaft nur gemeinsam überlebt. Sein Schluss daraus: Egoistische Entscheidungen seien „eigentlich kompletter Unsinn“.

Foto: Luisazzoe / StudioZucker

Was aus dem Picknick entstehen soll

Beim Reden soll es nicht bleiben. Tschas formuliert eine Hypothese: Unternehmen und Startups, die auf dieser Basis von Vertrauen gegründet werden, funktionieren besser. Aus der Community heraus würden gerade die ersten Unternehmen gemeinsam gestartet.

Konkret denkt man laut Tschas über drei Dinge nach. Ein Magazin, das sich um Bewusstsein in der Wirtschaft dreht. Räume für Meetings, in denen man präsenter und weniger abgelenkt ist. Und eine Schule. In drei bis vier Monaten werde man mehr dazu sagen können.

Das Prinzip dahinter beschreibt er so: „Dem Glück auf die Sprünge helfen, indem wir coole Leute und coole Ideen zusammenbringen und die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.“


Video-Tipp: Andreas Tschas über Conxious: „Ein neues Betriebssystem für die Wirtschaft“

Andreas Tschas spricht im Talk über sein Projekt Conxious – eine kuratierte Community, die Vertrauen und innere Klarheit ins Zentrum des wirtschaftlichen Handelns rücken möchte.

Im Gespräch erklärt Tschas, warum Vertrauen ein unterschätzter Produktivitätsfaktor in Unternehmen sei, wie aus tiefen menschlichen Verbindungen nachhaltige Projekte entstehen können und wie ein zukunftsfähiges Betriebssystem für die Wirtschaft aussehen soll.

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