27.04.2026
AUSBAU

myAcker: Kärntner Startup auf Expansionskurs in Europa

Das Kärntner Startup myAcker vollzieht einen strategischen Wechsel: Mit 1. Mai wird ein großer Teil des bisherigen Geschäfts rund um die Ackerboxen an einen neuen Betreiber übergeben. Künftig fokussiert sich das Team um CEO Christoph Raunig vollständig auf das All-in-One-Shopsystem Ackerpay – mit dem Ziel, europaweit in Führung zu gehen.
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Die myAcker CEOs Patrick Kleinfercher und Christoph Raunig stehen in einem Garten und halten ihren Ackersaft in den Händen.
Die myAcker CEOs Patrick Kleinfercher und Christoph Raunig. (c) myAcker GmbH

Mit Ackerpay lieferten die Startup-Gründer eine Technologie für personallose und hybride Geschäfte. Aktuell läuft Ackerpay als Software in 200 Läden in sechs europäischen Ländern. Derzeit kommen jährlich 60-100 neue Läden dazu, im ersten Quartal 2026 sind es knapp 30.

Ackerpay: Täglich 30.000 Personen erreicht

„Zu unseren Kunden zählen neben Hofläden inzwischen auch große Enterprise-Kunden mit eigenen Filialnetzen. Im DACH-Raum sind wir bereits führend, jetzt kommen auch andere Länder dazu. Wir haben gerade in Belgien die ersten zwei Shops eröffnet“, zeigt sich Gründer und Geschäftsführer Christoph Raunig zufrieden.

Täglich erreicht das Unternehmen mit der Software rund 30.000 Menschen. Mit einem großen Investment aus dem vorigen Jahr (brutkasten berichtete) hat myAcker das IT-Team, den Kundendienst und das Partnermanagement aufgestockt. Der Fokus des Wachstums bleibt weiterhin auf den DACH-Raum ausgerichtet, das Unternehmen wächst bislang auch ohne weiteres Investment „organisch vernünftig.“  

Vom Ladenbetreiber zum internationalen Tech-Provider

Begonnen hat alles mit dem myAcker-Online-Garten, der mittlerweile pausiert wurde – zu groß waren die Herausforderungen durch Unwetterschäden und aufwendige Logistik.

Als Kund:innen vermehrt den Wunsch nach physischen Einkaufsmöglichkeiten äußerten, entstand die Idee der Ackerbox. Diese personalfreien Container-Läden für regionale Produkte wurden zum realen Testlabor für die eigene Ackerpay-Technologie.

„Die Ackerboxen waren in den letzten Jahren unser Lern-Ökosystem, wo wir neue Funktionen in den eigenen Läden testen konnten“, erklärt das Unternehmen rückblickend.

Um mehr Ressourcen in das wachsende Produkt von Ackerpay zu stecken, mussten die Ackerboxen abgegeben werden. „Wir haben mit der Ackerpay-Technologie so viele Großkunden, dass wir einfach unseren Fokus dorthin legen“, so Raunig.

Die Ackerboxen werden Anfang Mai an einen neuen Betreiber übergeben (c) myAcker GmbH

Antwort auf Fachkräftemangel

Den enormen Zulauf für die Ackerpay-Technologie erklärt sich der Gründer durch den akuten, branchenübergreifenden Personalmangel. Das System automatisiert den gesamten Laden – vom kameragestützten Einlass über intelligente Eventerkennung (etwa bei medizinischen Notfällen im Shop) bis hin zum Bezahlen am Terminal. Besonders lukrativ seien sogenannte Hybrid-Modelle: Ein Fleischer kann so vormittags persönlich beraten, während er nachmittags auf den autonomen Betrieb umschaltet und seine Fachkräfte stattdessen effizienter in der Produktion einsetzt.

Die Technik der vollautomatisierten Container-Shops ermögliche zudem völlig neue, autonome Nischengeschäfte, die zuvor unrentabel waren – etwa der Verkauf von schwerem Pferdefutter direkt am Reitstall.

„Automaten oder bemannte Geschäfte lassen sich nicht abbilden, weil dafür ist letzten Endes auch der Bedarf zu klein. Online ist die Logistik viel zu teuer, weil die Säcke meistens 20-30 Kilo haben. Daher eignen sich Container-Shops am besten“, veranschaulicht das Unternehmen.

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Cécile Deterre (Co-Founderin von Blue Planet Ecosystems) und Renaud Viot (CEO und Co-Founder des Startups Lynxia) führen La French Tech Vienna als Co-Präsident:innen | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Im Foyer der französischen Botschaft in Wien läuft an diesem Abend ein Gast auf vier Beinen über den Marmorboden. Auf seinem Rücken sitzt ein Kamerakopf, daneben ragt eine Funkantenne hervor. Im Hintergrund stehen drei Flaggen: die französische, die europäische und die österreichische.

Der Hausherr hält es an diesem Abend betont analog. „Ich muss sagen, meine Rede wurde nicht von ChatGPT geschrieben, sondern von Menschen“, sagt Botschafter Matthieu Peyraud zur Begrüßung. Dann wird er grundsätzlich: Technologische Souveränität lasse sich nur auf europäischer Ebene erreichen, kein Mitgliedstaat schaffe das allein.

Der Anlass für Roboter und Rede am 8. Oktober: der offizielle Start von La French Tech Vienna, laut Peyraud der ersten French-Tech-Community in Österreich. Sie ist Teil von La French Tech, einem Netzwerk mit nach eigenen Angaben mehr als 100 Communities in Frankreich und weltweit, das großteils von Freiwilligen getragen wird.

Zwei Jahre Pilotphase

Neu ist die Initiative nicht. Sie lief zuvor unter dem Namen French Startups Vienna. Peyraud bezeichnet diese Phase in seiner Rede als „eine Art Pilotprojekt“. Seit rund zwei Jahren bringt sie französische und österreichische Gründer:innen, Forschende und Investor:innen zusammen.

Der französische Botschafter Matthieu Peyraud eröffnete am 8. Oktober den offiziellen Start von La French Tech Vienna in der Botschaft in Wien. Seine Botschaft: Technologische Souveränität gelingt nur auf europäischer Ebene. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

„Wir haben sehr klein angefangen, nur mit französischsprachigen Leuten, die mehr über Tech sehen und hören wollten“, sagt Renaud Viot im Gespräch mit brutkasten. Er ist Co-Präsident von La French Tech Vienna und CEO des Startups Lynxia. Er versteht die Initiative als Community: Die Mitgliedschaft ist kostenlos und steht österreichischen wie französischen Startups offen. „Wir verlangen nur, dass die Leute entweder neugierig auf Tech sind oder bereit, ihr Wissen über Tech zu teilen“, sagt er. Das Kernformat sind regelmäßige Events.

Souveränität als Leitthema

Inhaltlich steht der Abend im Zeichen technologischer Souveränität. Künstliche Intelligenz, Cloud Computing, Cybersicherheit, Halbleiter und Dateninfrastrukturen seien zu strategischen Gütern geworden, sagt Peyraud. Frankreich und Österreich hätten starke Forschungseinrichtungen wie das französische CNRS und das AIT Austrian Institute of Technology. Die gemeinsame Herausforderung sei, wissenschaftliche Exzellenz in globale Technologieführerschaft zu übersetzen. Zu oft gelinge es europäischen Innovationen nicht, im Tempo und in der Größe der internationalen Konkurrenz zu skalieren.

Als Beleg dafür, dass es anders geht, nennt der Botschafter Mistral AI. Die Übernahme des Linzer Startups Emmi AI durch Mistral AI zeige, wie Unternehmen aus verschiedenen europäischen Ländern ihre Expertise bündeln. Sie unterstreiche zudem die technologische Stärke Österreichs.

„Noch nicht so sehr am Radar“

Wo es konkret hakt, schildert Arnaud Béasse. Der Managing Director von 1764 Advisory kümmert sich in der Community um die Investorenbeziehungen. „An erster Stelle möchte ich Investoren mit Startups verbinden“, sagt er im Gespräch mit brutkasten. Das gelte in beide Richtungen. Österreicher:innen nach Frankreich zu bringen, habe bisher sehr gut funktioniert. Die größere Aufgabe sei nun der umgekehrte Weg: französische Investor:innen auf das aufmerksam zu machen, was in Österreich entsteht. Das sei bei ihnen „noch nicht so sehr am Radar“.

Das österreichische Deep-Tech-Startup iono Robotics aus Linz hat mit dem WORKMATE den ersten humanoiden Arbeitsroboter „Made in Austria“ entwickelt. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Béasse nennt dafür mehrere Gründe. Größere Fonds würden oft mit Teams aus Deutschland auf Österreich schauen. „Das genügt nicht“, sagt er. Dazu komme bei manchen Venture-Capital-Fonds die Angst vor der Sprachbarriere. Bei Business Angels sei diese Hürde noch höher.

Seine Rolle sieht Béasse deshalb nicht nur im Vermitteln von Kontakten. Es gehe darum, Investor:innen auch beim Ökosystem und bei der Kultur zu begleiten. Aus französischer Sicht sehe man in Europa zuerst Spanien, Italien, Deutschland und die Benelux-Länder. Österreich müsse man erst aus dem Schatten von Deutschland und der Schweiz holen.

Acht Startups aus Frankreich und Österreich pitchten vor dem Publikum in der französischen Botschaft, abgestimmt wurde per Smartphone. | (c) Emma Brycove/Französische Botschaft in Österreich

Chancen sieht er bei Corporate Venture Capital. Französische Konzerne seien in Österreich vertreten. Hier gebe es derzeit viele Innovationen in den Bereichen Defense und Dual Use, die für solche Gruppen interessant seien.

ABA will Brücke zwischen den Ökosystemen schlagen

Auf österreichischer Seite ist die Austrian Business Agency (ABA) eingebunden. Verena Gruber, Director Western Europe, ist außerordentliches Mitglied im Board der Community. Als Standortagentur der Republik sei die ABA dafür da, französische Startups dabei zu unterstützen, die Chancen in Österreich zu entdecken, sagt sie im Gespräch mit brutkasten. Mit La French Tech Vienna habe man nun „ein tolles Tool“, um Verbindungen herzustellen, bei Investments ebenso wie bei Kooperationen mit Corporates. Am Tag nach dem Launch standen laut Programm Besuche bei der ABA, der Wirtschaftsagentur Wien und ecoplus sowie eine Führung durch die AI Factory Austria (AI:AT) auf dem Plan.

Die Initiative ist noch sehr jung. Als Beispiel dafür, was möglich ist, nennt auch Gruber den Emmi-AI-Deal. Er zeige die Kompetenz Österreichs bei Industrial AI. „Das ist eine Nische, worauf wir uns auch sehr stark konzentrieren können“, sagt Gruber. Damit könne Österreich auch einen Beitrag zur europäischen Souveränität bei Technologie leisten.

Acht Startups auf der Bühne

Nach den Reden pitchen acht Startups, das Publikum stimmt per Smartphone ab. Aus Frankreich kommen Proxima, VirtualBrowser, PleIAs und Manabou, aus Österreich Cyberaci, Eustella, Prop Corn und Ablatic. Sechs der acht ordnet die Event-Website dem Thema Souveränität zu, von europäischen Sprachmodellen bis Cybersecurity.

Manche der französischen Startups sehen laut Renaud Viot einen Market Fit mit Österreich, andere suchen einen Partner vor Ort, wieder andere haben hier bereits Kund:innen. Die beiden Ökosysteme seien einander ähnlich, beide seien stark bei Spinoffs und in der Forschung. Gemeinsam könne man einander „zu Partnern statt zu Konkurrenten“ machen, sagt Viot.

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