04.09.2020

Morpher: So funktioniert der „Börsenhandel ohne Börse“ via Ethereum

Mitte August machte das österreichische FinTech Morpher durch ein Investment von u.a. Tim Draper auf sich aufmerksam. Die Experten von Stadler Völkel Rechtsanwälte betreuen das Startup und erläutern nun, wie Morpher genau funktioniert, was daran neu ist und wo noch rechtliche Herausforderungen liegen.
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Decentralized Finance - Wiener Startup Morpher setzt auf DeFi und holt Tim Draper als Investor
(c) Adobe Stock - Plastic man

In den vergangenen Wochen war einer unserer Mandanten, Morpher Labs, auf den Titelseiten der österreichischen Startup-Presse prominent vertreten. Und das zu Recht: Das in Wien ansässige Unternehmen hat mehr als 2,5 Millionen US-Dollar von dem US-amerikanischen Investor Tim Draper und dem österreichischen Unternehmen Apex Ventures eingesammelt. Das Unternehmen steht nun kurz vor dem Launch seiner Plattform, auf der Benutzer rund um die Uhr quasi Derivate handeln können, ohne Mittelsmänner und ohne Handelsgebühren. Für das Projekt haben sich bereits mehr als 50.000 Personen auf der Warteliste angemeldet.

Morpher ist eines der wenigen Fintech-Startups, das die Blockchain-Technologie einsetzt um wahrlich die bekannten Grenzen von Technologie, Wirtschaft und Recht zu erweitern. Wir betreuen das Projekt seit 2018, freuen uns über den nunmehrigen Start der Plattform und sind stolz darauf, das Unternehmen und seine Gründer bei ihrem Weg in eine neue Ära des Finanzmarkts zu begleiten.

Die Technologie hinter Morpher

Mit der Morpher-Plattform können Benutzer auf die Preisentwicklung verschiedener Basiswerte setzen, von traditionellen börsengehandelten Werten wie Aktien und Rohstoffen bis hin zu alternativen Anlageklassen oder Unternehmenskennzahlen (z.B. Kurs-Gewinn-Verhältnissen) oder Bitcoin-Transaktionskosten.

Benutzer setzen mit „MPH-Token“ (ERC20-Token), um „virtuelle Futures“ zu erstellen, die die Preisentwicklung eines Basiswerts verfolgen. Wenn ein Benutzer eine Position schließt, dann erstellt oder zerstört ein Smart Contract MPH-Token entsprechend der Preisentwicklung des jeweiligen Basiswerts. Setzt ein Benutzer beispielsweise 100 MPH-Token auf Apple Stock (AAPL), erhält er 110 MPH, wenn der Wert von AAPL um 10% steigt, oder 90 MPH, wenn der Wert um 10% sinkt.

Fortgeschrittene Benutzer mit technischen Kenntnissen können direkt in der Ethereum-Mainchain mit den Smart Contracts der Plattform interagieren. Das Potential der Plattform wird in der von Morpher betriebenen permissioned Sidechain sichtlich, die mithilfe von Plasma Scaling ein verblüffend schnelles und gebührenfreies Trading-Erlebnis ermöglicht. Um auf die Sidechain zugreifen zu können, müssen Benutzer erst eine KYC/AML-Prüfung durchlaufen.

Am 31. August 2020 begann die öffentliche Beta-Phase der Morpher-Plattform, in der registrierte Benutzer kostenlos MPH-Token erhalten und auf der Sidechain testen können. Die Schnittstelle zwischen Sidechain und Mainchain bleibt jedoch vorerst geschlossen; Benutzer können also keine MPH-Token auf die Ethereum-Mainchain übertragen. In naher Zukunft plant Morpher jedoch, die Schnittstelle zu öffnen. Auch sollen MPH-Token auf Uniswap gelistet werden, um die Entwicklung eines Marktpreises für MPH-Token zu erleichtern.

Morpher als wirtschaftliches Experiment

Ein wesentlicher Aspekt der Plattform ist die völlige Loslösung von der Notwendigkeit einer Gegenpartei. Ein traditionelles Finanzinstrument ist in seiner grundlegendsten Form lediglich ein Vertrag zwischen zwei Parteien, bei dem jede Partei sich dazu bereit erklärt, eine bestimmte Zahlung zu leisten oder eine bestimmte Ware zu liefern, entsprechend den jeweils vereinbarten Bedingungen. Der Gewinn einer Partei ist dabei der Verlust der anderen.

Bei Morpher existiert hingegen keine Gegenpartei. Benutzer interagieren ausschließlich mit Smart Contracts, die MPH-Token auf der Grundlage festgelegter Regeln erzeugen (minten) oder vernichten (burnen). Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, Risiken zu hedgen, die andernfalls keine Gegenpartei akzeptieren würde. An die Wertstabilität von MPH-Token könnten sich dadurch jedoch auch Herausforderungen stellen, da sich die Gesamtmenge an MPH-Tokens aufgrund des Erfolgs oder Misserfolgs ihrer Benutzer ständig verändert. Dies wirft wahrlich faszinierende spieltheoretische Fragen auf. Ob ein Gleichgewicht in der Erzeugung und Vernichtung von MPH-Token erreicht werden kann, bleibt abzuwarten.

Der Community-Aspekt der Morpher-Plattform könnte ebenfalls zu interessanten Phänomenen führen, die auf den traditionellen Finanzmärkten nicht zu beobachten sind. Während Gewinne und Verluste einzelner Handelsteilnehmer an den traditionellen Märkten hauptsächlich zu Vermögensübertragungen zwischen Marktteilnehmern führen, wirkt sich der Erfolg oder Misserfolg einzelner Benutzer bei Morpher auf das Gesamtangebot an MPH-Token und damit potentiell auf den Wert der MPH-Token selbst aus. Wir sind gespannt, ob sich aus einer Vielzahl an Eigeninteressen der Benutzer letztlich ein kollektiver Wertzuwachs ergeben kann.

Die rechtlichen Herausforderungen bei Morpher

Aus rechtlicher Sicht testet die Plattform die Grenzen der europäischen und österreichischen Finanzmarktregulierung. Betrachtet man nur ihre Funktion, ähneln virtuelle Futures Derivatkontrakten, insbesondere Differenzgeschäften. Diese sind in Europa stark reguliert und in den USA sogar verboten. In Österreich unterliegen CFDs der FMA-Produktinterventionsverordnung, die Margin-Anforderungen für an Privatanleger verkaufte CFDs sowie Margin-Glattstellung und Schutz vor negativen Salden vorschreibt. Darüber hinaus ist die MiFID II anwendbar.

Ob die europäischen Aufsichtsbehörden diese Anforderungen auf die Morpher-Plattform anwenden, ist eine offene Frage. Wie so oft auf dem Gebiet der Blockchain-Technologie gibt es keine auf diese Fälle zugeschnittenen Gesetze oder Rechtsprechung, die direkt anwendbar wäre. Darüber hinaus gibt es noch keine einschlägigen Leitlinien auf EU-Ebene. Man kann mit Recht sagen, dass die Plattform auf unbekanntes Rechtsgebiet vordringt.

In solchen Situationen empfiehlt es sich, zu allgemeinen Rechtsgrundsätzen zurückkehren, um sich eine Meinung zu bilden. Virtuelle Futures unterscheiden sich grundlegend von CFDs. Im Grunde handelt es sich bei CFDs um rechtliche Vereinbarungen zwischen zwei oder mehr Parteien, die als Nullsummenspiele ausgestaltet sind. Der auf der einen Seite des Vertrags gewonnene Betrag entspricht dem verlorenen Betrag auf der anderen Seite. Bei virtuellen Futures besteht jedoch keine vertragliche Vereinbarung. Benutzer interagieren mit selbst ausführenden Smart Contracts auf der Ethereum-Blockchain, also letztlich Computerprogrammen. Morpher kann in die von Benutzern erstellten virtuellen Futures nicht eingreifen. Selbst wenn Morpher nicht mehr existieren würde, würden die Smart Contracts weiterhin in der Ethereum Mainchain zur Verfügung stehen und auf Zugriffe von Benutzern warten. Und im Gegensatz zu CFDs wird auch kein Wert von einer Partei auf eine andere übertragen. Stattdessen werden Werte in Form von MPH-Token durch die Smart Contracts selbst geschaffen oder zerstört.

Natürlich könnten Aufsichtsbehörden die rechtliche Einordnung anders sehen und möglicherweise sogar versuchen, die Plattform zu verbieten (was dem Versuch gleichkäme, die Ethereum-Blockchain selbst zu verbieten), Bußgelder verhängen oder Invstorwarnungen veröffentlichen. Ohne die Anleitung des Gesetzgebers oder der Gerichte können Regulierungsbehörden das Gesetz quasi selbst gestalten. Diese Risiken sind wohl den meisten Blockchain-Unternehmen bekannt. Selbstverständlich können alle Maßnahmen letztendlich vor den Gerichten geklärt werden.

Mit Morpher die Zukunft erbauen

Das Morpher-Projekt ist ein großartiges Experiment an der Schnittstelle von Technologie, Wirtschaft und Recht. Aus unserer Sicht zeigt Morpher bereits heute die Zukunft des ‚decentralized finance‘, nicht nur aus technologischer sondern auch aus rechtlicher Sicht. Wir konnten die Personen hinter dem Projekt in den letzten Jahren kennenlernen und sind zuversichtlich, dass Morpher langfristig erfolgreich sein wird. Wir freuen uns auf den vollständigen Start der Plattform und werden das Unternehmen auch in Zukunft unterstützen. Wir hoffen, dass Morpher ein neues Vorzeigeprojekt für den Wirtschaftsstandort Österreich werden kann.

Über die Autoren: Stadler Völkel Rechtsanwälte

Die in Wien ansässige Kanzlei Stadler Völkel ist unter anderem auf das Kapitalmarktrecht sowie auf virtuelle Währungen und digitale Assets spezialisiert. Die Kanzlei berät renommierte österreichische und internationale Startups, Unternehmen und Banken regelmäßig in rechtlichen Fragen der Blockchain-Technologie.

Stadler Völkel engagiert sich aktiv für die Akzeptanz der Technologie. Die Anwaltskanzlei veröffentlicht regelmäßig Mitschnitte von Veranstaltungen, die Einblicke in die Blockchain-Technologie aus verschiedenen rechtlichen Perspektiven bieten. Stadler Völkel organisiert Lehrveranstaltungen an der Universität Wien und war Mitwirkender an der Blockchain Roadmap Austria. Die Anwaltskanzlei ist ein Pionier auf dem österreichischen Markt im Bereich Kapitalmärkte und Krypto-Recht.

Das Beraterteam besteht aus Dr. Oliver Völkel, LL.M. (CLS), Gründungspartner von Stadler Völkel, spezialisiert auf das Bank-, Finanz-, und Kapitalmarktrecht sowie das Recht der digitalen Assets, und Bryan Hollmann, Esq., LL.M., Counsel bei Stadler Völkel mit Expertise im Kapitalmarktrecht und US-amerikanischem Wertpapierrecht (zugelassen in New York).

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Der Startup-Hub Tabakfabrik in Linz © Tabakfabrik Linz Peter Hofstaetter

Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von August 2026 „Aufbrechen“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.


Jung, zufrieden und KI-affin

Ein Blick auf die Ergebnisse des Austrian Startup Monitor 2025 zeigt: Mit seinen 442 Startup-Gründungen seit 2015 liegt Oberösterreich mit 12 Prozent aller Gründungen österreichweit zwar weit hinter dem dominanten Hub Wien (46,5 Prozent), aber nahezu gleichauf mit der zweitplatzierten Steiermark (12,4 Prozent). Während das Bundesland beim Anteil an Scaleups (9,1 Prozent) oder Spinoffs (15,9 Prozent) an sämtlichen Gründungen und noch mehr beim Gründerinnen-Anteil (7,4 Prozent) nicht an die heimischen Spitzenreiter herankommt, stechen drei Statistiken positiv hervor:

  • 37% – Oberösterreich hat laut Austrian Startup Monitor 2025 mit 37 Prozent der Gründer:innen, die bei der erstmaligen Gründung unter 25 Jahre alt waren, eine im Vergleich (Österreich-Schnitt: 25,6 Prozent) sehr junge Founder-Community.
  • 74% – 74 Prozent der oberösterreichischen Startups nennen KI als für sie wichtigste Schlüsseltechnologie — auch das ist ein Spitzenwert innerhalb Österreichs, knapp vor Wien (72,7 Prozent).
  • 7,2 Punkte – Kein anderes Bundesland kommt in der Frage nach dem Standort auf eine so hohe Weiterempfehlungsrate: Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt Oberösterreich mit durchschnittlich 7,2 Punkten österreichweit auf Platz eins und deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 6,2.

Startups und Scaleups: Die Aushängeschilder

Oberösterreich brachte schon eine ganze Reihe großer Startups und Scaleups hervor. Bei manchen liegt der Exit mittlerweile lange zurück, etwa bei Dynatrace oder Runtastic, bei anderen wie Agilox ein paar Jahre, bei Tractive ist er erst kürzlich (in Rekordhöhe) erfolgt. Wieder andere, etwa der von Analysten milliardenbewertete Spezialist für Sicherheitslösungen Loxone oder das Spacetech Peak Technology, sind der Scaleup-Phase bereits entwachsen und haben sich endgültig als große Player am Weltmarkt etabliert. Es gibt aber auch einige aktive „heiße Eisen“ — rechts vier herausragende Beispiele.

Storyblok

Die Storyblok-Founders Alexander Feiglstorfer und Dominik Angerer. © Storyblok

Mit mehreren Mega-Investments, zuletzt einer 80-Millionen-US-Dollar-Runde im Jahr 2024, steht Storyblok aus Linz auf der exklusiven Liste der heimischen „Soonicorns“ und ist damit das Scaleup-Aushängeschild Oberösterreichs. Mit seinem Headless-CMS kann das Scaleup Referenzen wie Netflix, Tesla und Adidas vorweisen.

neoom

Zu den herausstechenden Scaleups Oberösterreichs zählt auch das auf Energielösungen spezialisierte Unternehmen neoom aus Freistadt. Auf sich aufmerksam machte es mit mehreren achtstelligen Investmentrunden, darunter eine 25-Millionen-Euro-Series-B-Runde 2023. Der Außenumsatz ist laut Unternehmensangaben indes neunstellig.

Walter Kreisel ©neoom

hello again

Entstanden im Runtastic-Umfeld ist hello again aus Leonding längst selbst eine Größe. Das Scaleup ist Marktführer im DACH-Raum bei Kundenbindungs-Apps und erreicht über diese mehr als 16 Millionen Endnutzer:innen. Unter den mehr als 1.000 Unternehmenskunden sind etwa Deichmann, Müller und Klipp.

Franz Tretter © hello again

Blockpit

Und noch einmal Linz: Blockpit hat mit seinem Steuer-Tool erfolgreich eine Nische im gigantischen Krypto-Markt besetzt, die vor allem in der EU von Bedeutung ist. Das Linzer Scaleup ist in seinem Bereich Marktführer im DACH-Raum und hat seine Lösung bei Playern wie Bitpanda und Bybit EU integriert.

Florian Wimmer © Blockpit

Vielseitiges Ökosystem

Wer in Oberösterreich ein Startup gründet, kann neben den bundesweiten Angeboten auf eine ganze Reihe von landesspezifischen Unterstützungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Viele davon, etwa der Tech-Inkubator tech2b, der Co-Working-Anbieter Tech Harbor, der auch umfassende Werkstattflächen bereitstellt, und der Kreativwirtschafts-Spezialist creative region, haben gemeinsam mit den oberösterreichischen Unis und FHs, der Wirtschaftskammer und weiteren Playern eine zentrale Anlaufstelle geschaffen: hub’ert. Dort können Startups die passende Unterstützung bzw. die passenden Unterstützungen für ihr Business finden.

Oberösterreichische Startups profitieren nicht nur von der Fülle an einzelnen Angeboten, sondern auch von der Vernetzung zwischen diesen. Dabei spielt — wie sollte es anders sein? — auch die Industrie eine entscheidende Rolle, zum Beispiel über Pier4 von tech2b, das Startups mit etablierten Unternehmen vernetzt. Und wer etwa im MedTech-Inkubator von tech2b ist, findet damit bereits Anschluss an den Medizintechnik-Cluster Oberösterreich.

Teil dieses Ökosystems, wenn auch nicht Teil von hub’ert, ist auch die Startrampe der Sparkasse Oberösterreich mit Sitz in der Linzer Tabakfabrik. Sie bietet unter anderem einen Accelerator, Workspace und Beratung bei Businessplänen und Finanzierung.

Finanzierung

Wer in Oberösterreich Kapital für sein Startup braucht, wird sowohl bei öffentlichen als auch privaten Geldgebern fündig. Mit Business Upper Austria hat auch Oberösterreich eine landeseigene Förderstelle; und mit dem OÖ Gründerfonds und dem Landes-VC OÖ HightechFonds zwei weitere Finanzierungsvehikel.

Auf privater Seite sind es vor allem erfolgreiche Gründer:innen, die über ihre Vehikel als Investor:innen agieren. Heraus stechen hier die Runtastic-Gründer mit ihrer gemeinsamen Investmentgesellschaft 8eyes, aber etwa auch Tractive-Gründer Michael Hurnaus, der schon vor seinem Rekord-Exit (siehe Abschnitt zu Exits) als Business Angel agierte. Mit startup300 nahm zudem das bislang wohl ambitionierteste heimische Angel-Netzwerk seinen Ausgang in Linz, zog sich aber bereits vor einigen Jahren schrittweise wieder zurück.

Auch Österreichs nach Assets under Management größter Private-Equity-Investor hat seinen Sitz in Oberösterreich: die Invest AG der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich. Sie hat ein breites Portfolio unterschiedlicher Unternehmen, wobei Startup-Finanzierungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Rolle spielen.

Der monumentale Knotenpunkt

Was hub’ert auf der organisatorischen Ebene ist, ist die Tabakfabrik Linz auf der physischen: Nicht alle, aber viele Fäden des oberösterreichischen Startup-Ökosystems laufen in der ehemaligen Fabrik zusammen — wo sonst in der Industriestadt? Auf den nicht weniger als 80.000 Quadratmetern Nutzfläche haben nicht nur zahlreiche Ökosystem-Player, sondern auch eine große Zahl an Startups ihren Sitz. Auch das einstmals denkbar ambitionierte Projekt startup300 wählte die Tabakfabrik als Hauptquartier — und betreibt hier heute unter anderem noch den Co-Working-Bereich factory300.

© Tabakfabrik Linz Peter Hofstätter

Spinoff-Schmieden und Österreichs jüngste Uni

Mit der IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria) hat Österreichs jüngste öffentliche Universität ihren Sitz in Linz. Neben einem neuen inhaltlichen Fokus auf digitaler Transformation und neuen Wegen in der Lehre setzt die IT:U von Beginn an auch auf eine Spinoff-Strategie. Dabei kann sie in Oberösterreich durchaus auf ein starkes Ökosystem aufbauen: Sowohl die Johannes Kepler Universität Linz (JKU) als auch die FH Oberösterreich können jeweils eine ganze Reihe erfolgreicher Spin-offs vorweisen. Außerdem setzen beide stark auf die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft. Besonders deutlich wird das im Softwarepark Hagenberg: Dort betreibt die JKU Forschungsinstitute und die FH OÖ ihren IT-Lehr-Standort und den Coworking- und Inkubationsspace Bytewerk. Dabei werden Synergien mit dem außeruniversitären Comet-Zentrum Software Competence Center Hagenberg und mehreren Konzernen und großen Playern am Standort gelebt.

KI-Forschung von Weltrang

Wer die oberösterreichische Universitätslandschaft durch die Innovationsbrille betrachtet, kommt an KI-Koryphäe Sepp Hochreiter nicht vorbei. Der gebürtige Bayer gilt mit seiner Arbeit über Long Short-Term Memory (LSTM) als einer der globalen Wegbereiter der modernen KI. Bereits seit 2006 lehrt er an der JKU und leitet dort das Institut für Machine Learning. Bei der Lehre belässt Hochreiter es aber nicht: Mit dem Spinoff NXAI arbeitet er an der nächsten KI-Grundlage „xLSTM“ (Extended Long Short-Term Memory). Die ist wiederum Basis für spezialisierte KI-Modelle, die die globalen Größen in der jeweiligen Nische übertreffen. Der Schwerpunkt ist dabei — auch hier zeigt sich das oberösterreichische Ökosystem — Industrial AI. In diesem Feld bewegt sich auch das NXAI-Spinout Emmi AI, das mit seinem Exit an den französischen KI-Riesen Mistral dieses Jahr für Aufsehen sorgte.

Doch auch abseits der JKU entstehen in Oberösterreich KI-Startups, etwa das Linzer Unternehmen Straion, das dieses Jahr eine Seed-Finanzierungsrunde im Millionenbereich abschloss. Die Plattform des Startups stellt sicher, dass KI-generierter Code interne Standards, Sicherheitsanforderungen und Architekturvorgaben von Unternehmen einhält und damit „enterprise-ready“ ist.

Katrin Freihofner, Straion

Das Exit-Bundesland

Der oben erwähnte Verkauf von Emmi AI an Mistral um kolportierte mehr als 300 Millionen Euro war spektakulär — ist aber bei Weitem nicht der einzige große oberösterreichische Startup-Exit. Ebenfalls dieses Jahr gelang dem Paschinger Haustier-Tracking-Scaleup Tractive mit dem Verkauf an die italienische Bending Spoons um kolportierte 900 Millionen US-Dollar der vermutlich größte Übernahmedeal der heimischen Startup-Geschichte. Mehr als ein Jahrzehnt zuvor hatte der Exit von Runtastic an Adidas um 220 Millionen Euro maßgeblich zum ersten großen Startup-Hype in Österreich beigetragen. Die vier Runtastic-Gründer — Florian Gschwandtner, René Giretzlehner, Christian Kaar und Alfred Luger — wurden danach nicht nur über ihre Beteiligungsgesellschaft 8eyes selbst zu wichtigen Ökosystem-Playern: Tractive etwa wurde von Gschwandtner mitgegründet; bei Scaleups wie hello again waren die vier Gründer von Beginn an als Investoren an Bord.

  • 300 Mio. € – Verkauf von Emmi AI an Mistral
  • 900 Mio. $ – Verkauf von Tractive an Bending Spoons
  • 220 Mio. € – Exit von Runtastic an Adidas

Alte, neue und große Player

Als Industrie-Bundesland beheimatet Oberösterreich bekanntlich Größen wie voestalpine, Miba, KTM, FACC, Lenzing, Greiner oder Engel — um nur ein paar zu nennen. Einige davon sind längst ins Ausland verkauft, haben aber nach wie vor ihren Sitz in Oberösterreich. Hinzu kommen internationale Riesen wie BMW und Siemens, die im Bundesland konzernweit wichtige Standorte betreiben.

Doch auch Tech-Größen sind in Oberösterreich zu finden. In der Schnittmenge zwischen Industrie- und Tech-Unternehmen befindet sich Keba, das mit seinen Lösungen für industrielle Automatisierung zu den globalen Playern im Feld zählt und dabei massiv auf KI setzt — mehr dazu in der Coverstory mit Keba-CEO Christoph Knogler. So wie Keba stammt ebenfalls aus Linz das international erfolgreichste IT-Unternehmen mit Wurzeln in Österreich: Dynatrace. Seinen formellen Sitz hat der Observability-Weltmarktführer, bei dem Co-Founder Bernd Greifeneder nach wie vor CTO ist, zwar schon lange in den USA; der weltweit größte Standort ist jedoch in der Stahlstadt und wurde erst dieses Jahr mit einem neuen Campus erheblich ausgebaut.

Über Industrie und IT hinaus hat Oberösterreich noch ein drittes Aushängeschild: die Ars Electronica. Was 1979 als Festival an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Gesellschaft begann, ist heute eine vierteilige Institution aus Festival, Prix, dem Museum Ars Electronica Center und dem Futurelab. Letzteres ist für das Innovationsökosystem das relevanteste Element: Das Labor entwickelt gemeinsam mit Unternehmen Prototypen und Zukunftskonzepte und schlägt damit die Brücke zurück zur Industrie. Linz trägt seit 2014 den Unesco-Titel „City of Media Arts“.

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AI Summaries

Morpher: So funktioniert der „Börsenhandel ohne Börse“ via Ethereum

  • Das in Wien ansässige Unternehmen hat mehr als 2,5 Millionen US-Dollar von dem US-amerikanischen Investor Tim Draper und dem österreichischen Unternehmen Apex Ventures eingesammelt.
  • Das Unternehmen steht nun kurz vor dem Launch seiner Plattform, auf der Benutzer rund um die Uhr quasi Derivate handeln können, ohne Mittelsmänner und ohne Handelsgebühren.
  • Benutzer setzen mit „MPH-Token“, um „virtuelle Futures“ zu erstellen, die die Preisentwicklung eines Basiswerts verfolgen.
  • Am 31. August 2020 begann die öffentliche Beta-Phase der Morpher-Plattform, in der registrierte Benutzer kostenlos MPH-Token erhalten und auf der Sidechain testen können.
  • Aus rechtlicher Sicht testet die Plattform die Grenzen der europäischen und österreichischen Finanzmarktregulierung.

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