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Dieser Text ist zuerst im brutkasten-Printmagazin von Mai 2026 „Die nächste Stufe“ erschienen. Eine Download-Möglichkeit des gesamten Magazins findet sich am Ende dieses Artikels.
In der Startup-Szene spricht man offen über Finanzierungsrunden, monatliche Wachstumsraten und die Anzahl der Mitarbeiter:innen, die man in den letzten sechs Monaten eingestellt hat. Was dabei
unerwähnt bleibt, ist, was all das finanziell für die Gründer:innen als Privatpersonen bedeutet – wie viel landet eigentlich auf deren Konto? Wovon leben Gründer:innen eigentlich, während sie ein Unternehmen aufbauen, das nach außen hin floriert?
„Wir leben in einem Co-Working-Space und es ist hier wie so eine Riesen-WG. Trotzdem reden wir über dieses Thema nicht“, sagt Nadina Ruedl. Die Gründerin von Die Pflanzerei beobachtet seit Jahren, wie sich das Schweigen über persönliche Finanzen selbst durch engste Arbeitsbeziehungen zieht. „Sogar in einem vertrauten Verhältnis, wo man sich Tag für Tag sieht, jeden Tag miteinander isst, jeden Tag über Probleme spricht, redet man nicht über das, was das alles monetär heißt“, erzählt sie. Es sei etwas, das zwar natürlich für jeden existiere, aber nie ausgesprochen werde.
Mit dem Thema Gründergehalt verbindet sich in der Szene eine unausgesprochene Wertung, die Ruedl klar benennt: „Damit verbunden wird: Bist du erfolgreich oder bist du nicht erfolgreich?“ Da niemand über sein Gehalt redet, wusste Ruedl anfangs gar nicht, welche Summe überhaupt angemessen wäre. Wer zugibt, sich nichts oder kaum etwas auszuzahlen, riskiert außerdem, als gescheitert zu gelten.
Die Pflanzerei first
Der „Gustl“ ist inzwischen überall in Wien; in Billa-Filialen, in Feinkostläden, in der Gastronomie: Der pflanzliche Leberkäse von Die Pflanzerei hat seinen Weg ins Kühlregal gefunden. Nadina Ruedl hat dafür in den ersten Jahren auf einiges verzichtet: auf Urlaub, Wochenenden und ein regelmäßiges Gehalt. „Ich habe seit fünf Jahren keinen Sonntag mehr, wo ich nicht am Abend noch arbeite“, sagt Ruedl.
Ihr Wiener Unternehmen steht seit seiner Gründung 2021 für pflanzliche Alternativen bei österreichischer Hausmannskost. All das baute Ruedl ohne externes Kapital auf – lediglich mit ihren eigenen Ersparnissen, viel Zeit und Energie. Im ersten Jahr verzichtete sie auf ein Gehalt. Ruedl startete mit insgesamt 47.000 Euro, die sie sich durch vorherige Jobs angespart hatte. Der Cashflow von Die Pflanzerei floss direkt zurück ins Unternehmen – in Kühlschränke, Tiefkühlgeräte, Equipment; die Infrastruktur eines Betriebs, der wachsen wollte. „Ich habe ein Jahr lang alles reinvestiert, was ich an Umsatz gehabt habe. Es ist nichts in meine Tasche gewandert“, erzählt die Gründerin.
Gleichzeitig lebte sie von 1.000 bis 1.500 Euro im Monat. Im ersten Geschäftsjahr reduzierte Ruedl ihre Ausgaben auf das Minimum und verzichtete freiwillig auf Urlaub. „Ich habe gar nicht die Zeit gehabt. Sogar Freunde haben mich drei Monate nicht gesehen, weil ich einfach nur gearbeitet habe. Mein ganzes Leben hat sich darum gedreht“, sagt sie.
Als sie ihren Job kündigte und sich mit einem veganen Food-Startup selbstständig machte, war das für ihre Eltern, die in einer ländlichen Region Österreichs leben, ein Schock. „Meine Mama hat vor Angst geweint; das waren keine Freudentränen“, schildert Ruedl. Die Familie hatte monatliche Gehälter als Normalzustand erlebt, vierzehn im Jahr, Urlaub inklusive. Eine Tochter, die sich nichts auszahlt und sieben Tage die Woche arbeitet, war anfangs sehr ungewohnt für die Eltern.
Bei der Frage, ob die Anfangsphase des Unternehmens eine mentale Belastung war, winkt Ruedl ab: „Da stellt sich die Frage nicht, ob du mental irgendwas brauchst, sondern da funktionierst du.“ Was von außen nach Erschöpfung klingt, erlebte sie als etwas anderes: „Du bist als Gründerin oder Gründer so dermaßen verliebt in diese Idee – du gibst dafür ohne nachzudenken 200 Prozent.“

Entscheidung mit Konsequenz
Investor:innen an Bord zu holen war für die Pflanzerei-Gründerin nie eine ernst zu nehmende Option. Als ein potenzieller Geldgeber vorschlug, die Produktlinie um Fleischprodukte zu erweitern, war für sie klar, dass das nicht infrage kam: „Ich stehe 100 Prozent zu meiner Vision. Ich verkaufe
mich nicht.“ Die Freiheit, jede Entscheidung selbst zu treffen, sei ihr mehr wert gewesen als die finanzielle Erleichterung, die externes Kapital gebracht hätte. Als der Ukrainekrieg die Rohstoffpreise in die Höhe trieb und die Inflation zehn Prozent erreichte, gab es Monate, in denen sie Vorfinanzierungen aus eigener Tasche stemmen musste. „Du darfst nicht glauben, dass es linear läuft. Es geht immer auf und ab. Und durch deine Reaktion geht es immer weiter“, sagt die Gründerin.
Einen expliziten Plan B hatte Ruedl nicht. Sie wusste jedoch, dass im Notfall die Rückkehr ins Angestelltenverhältnis eine Möglichkeit gewesen wäre. Zuvor hatte sie im Bereich Marketing, unter anderem als Dozentin an Universitäten und als Kommunikationsleitung in Non-Profit-
Organisationen, gut verdient. „Ich habe damals die Entscheidung getroffen, dass ich mich mit der Pflanzerei selbstständig machen will – mit der Konsequenz, dass ich mich einschränken muss. Das war einfach Part of the Deal“, sagt die Gründerin.
Ihr Verhältnis zu Geld habe sich seit der Gründung grundlegend verschoben. „Die Frage ist nicht, was mein Maximum ist, sondern was mein Minimum ist – und das, was das deckt, ist wichtig.“ Heute zahlt sie sich einen Geschäftsführerinnenbezug aus, dessen Höhe regelmäßig mit ihrer Steuerberaterin angepasst wird, immer abhängig vom Cashflow, immer nachrangig zu den Gehältern ihrer Mitarbeiter:innen. „Bevor du dir selbst was auszahlst, kriegt es jeder andere. Meine Mitarbeiter:innen kriegen zuerst.“ Und was ist, wenn es finanziell mal eng wird? „Dann wird halt gestrichen. Und dann wird kein Gehalt der Mitarbeiter:innen später bezahlt oder gestrichen, sondern meines.“
Zehn Millionen Umsatz, privat fast pleite
Michael Kowatschew, Co-Founder von Heizma, sammelte ähnliche Erfahrungen wie Nadina Ruedl. Sein Wiener Startup, das Energielösungen für Einfamilienhäuser anbietet, erlebte einen Wachstumsverlauf, der von außen betrachtet beeindruckend wirkt: Im ersten Jahr wuchs das Unternehmen von null auf 3,5 Millionen Euro Umsatz, im zweiten Jahr knackte Heizma die Zehn-Millionen-Marke. Und trotzdem zahlten Kowatschew und seine zwei Co-Founder sich in dieser ganzen Zeit nichts aus.
„Wir haben 100 Prozent von dem, was wir finanziell erwirtschaften konnten, wieder in die Firma investiert“, beschreibt er die Anfangszeit von Heizma. Er und seine Co-Founder Alexander Valtingojer und Valentin Perkonigg investierten Eigenkapital als Darlehen in die Firma und drückten ihre Lebenshaltungskosten bewusst auf etwa 1.500 Euro im Monat, während jede verfügbare Ressource ins Unternehmen floss.
Was dabei niemand von außen sah: Trotz eines zweistelligen Millionenumsatzes im zweiten Jahr waren die Gründer privat fast am Limit. „Obwohl durch die Firma Millionen liefen, hatten wir persönlich kaum noch Geld und standen fast vor dem Aus“, verrät Kowatschew. Existenzängste? „Ja, Existenzängste waren sicherlich da. Ich glaube, das gehört fast immer dazu.“ Schlaflose Nächte und Angstzustände sind laut dem Mehrfachgründer quasi automatisch Teil der Erfahrung.
Sein Bewältigungsmechanismus ist typisch für ihn: „Ich kann mich davon immer ein bisschen distanzieren, es von draußen betrachten, und dann finde ich gemeinsam mit den Co-Foundern irgendwie einen Witz daran. Ich weiß einfach, dass es immer einen Weg aus einer schwierigen Situation heraus gibt.“ Als Jugendlicher betrieb Kowatschew Karate, innerhalb von fünf Jahren gewann er den österreichischen Meistertitel. Dasselbe Mindset, sagt er, habe er auf das Gründen übertragen: „Im Unternehmertum wirst du noch mal härter und noch mal länger dranbleiben müssen. Aber ich mache das so lange, bis es klappt.“
Was Heizma von vielen Startups unterscheide, sei das Vorhandensein eines Investorennetzwerks, das Kowatschew als „mentales Safety Net“ bezeichnet. Es wurde in den ersten zwei Jahren nicht genutzt, bot aber durch seine bloße Existenz eine andere Art von Sicherheit. Als externes Kapital nötig wurde, sammelte Heizma 2,5 Millionen Euro in unter zwei Wochen ein. Kowatschew spricht von rund 45 Investorengesprächen in einer einzigen Woche.

Der perfekte Moment und die perfekte Summe
Den Zeitpunkt, an dem sich Gründer:innen selbst das erste Gehalt auszahlen, stellt man sich als außenstehende Person als großen Meilenstein vor. Nadina Ruedl fasste nach etwa anderthalb Jahren die Entscheidung, sich 1.000 Euro im Monat auszuzahlen. Für die Gründerin von Die Pflanzerei war das eine Art von Wertschätzung gegenüber der eigenen Arbeit und Zeit: „Ich arbeite seit vier Jahren sieben Tage die Woche. Irgendwo muss ich meine eigene Arbeit auch selbst wertschätzen“, sagt sie. Es war weniger eine finanzielle als eine symbolische Entscheidung.
Bei Michael Kowatschew verlief es unkompliziert und ziemlich unemotional. Kurz vor dem regulären Auszahlungstermin schrieb er seinen Co-Foundern eine kurze Nachricht. „Ich habe gesagt: Leute, ich würde das jetzt machen – 70.000 Euro Jahresgehalt pro Kopf‘“, erzählt Kowatschew.
Was folgte, war nicht die Erleichterung über das Geld selbst, sondern über das, wofür es stand. „Ob ich jetzt ein Gehalt habe oder nicht – der Stein ist vom Herzen gefallen, weil wir gerade sehr gute Zahlen, sehr gutes Wachstum haben und jetzt Profitabilität erreichen“, sagt der Gründer. „Das Geld war ein ‚Nice, dass das jetzt geht‘ – als Seiteneffekt davon, dass es der Company gut geht. Company Finance ist meine Finance – das sehe ich als eins.“
Ein Privileg, das niemand ausspricht
Wer Ersparnisse hat, kann sie einsetzen – wer ein Investorennetzwerk im Rücken hat, das im Ernstfall innerhalb von zwei Wochen Millionen mobilisiert, trägt ein anderes Risiko als jemand ohne diese Ausgangslage. „Für eine Startup-Gründung musst du ein gewisses Risiko tragen wollen – aber auch können“, sagt Kowatschew. Er hatte bereits zuvor Unternehmen gegründet, kannte gängige Fehler und wusste, wie man im Ernstfall einen kühlen Kopf bewahrt. Wer zum ersten Mal gründe, navigiere oft im Dunkeln.
Auch Ruedl spricht offen darüber: „Man muss immer vorsichtig sein. Ich habe das Glück, dass ich Eltern habe, die mich zwar finanziell nicht unterstützen könnten, aber die trotzdem da wären und sagen würden: ‚Im Worst Case wohnst du bei uns!‘“ Es sei nicht das, womit sie geplant habe, aber es existiere als Möglichkeit. „Das darf man auch nicht unterschätzen: Ich habe eine gute Ausbildung, Berufserfahrung und ein Netzwerk, das mich auffangen kann.“ Wer das nicht habe, trage beim Gründen ein fundamental anderes Risiko.
Wann also ist der richtige Zeitpunkt, sich als Gründer:in ein Gehalt auszuzahlen? Das hängt immer von der Person, dem gewünschten Lebensstil und vom Unternehmen ab, sagen beide Gründer:innen. „Wenn du wirklich an die Firma glaubst und die Möglichkeit hast, dann würde ich so lange wie möglich kein Geld rausnehmen“, meint Kowatschew. „Du wirst im ersten Jahr finanziell sowieso immer besser aussteigen, wenn du woanders arbeitest als in deiner eigenen Firma.“ Diese Empfehlung gelte aber nur, wenn man es sich leisten könne, betont der Mehrfachgründer gleichzeitig. Für Personen, die keinen Geldpuffer haben, keine Familie, kein Netzwerk, gelten andere Voraussetzungen.





