12.06.2026
KOMMENTAR

Marktkonsolidierung geht weiter: OpenAI kauft KI-Startup Ona mit Speedinvest als Lead-Investor

Nach der Übernahme des Linzer Startups Emmi AI durch Mistral ist es der zweite große KI-Exit für Speedinvest innerhalb weniger Wochen - und Teil einer größeren Entwicklung. Eine kurze Einordnung.
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Flaggen Europa und USA
Bild: KI-generiert

Es sei einer der größten deutschen Exits der letzten Jahre, schreibt das Magazin Gründerszene mit Verweis auf Insider. Wie gestern verlautbart wurde, übernahm der US-KI-Riese OpenAI das Startup Ona mit Sitz im deutschen Kiel. Das 2020 gegründete Unternehmen ist auf sichere Cloud-Umgebungen für KI-Agenten im Coding spezialisiert. Das Service soll nun für OpenAIs Coding-Agenten Codex genutzt werden.

Holle: „Europäische Gründer bauen Technologien, die selbst die führenden KI-Unternehmen der Welt brauchen“

Bisheriger Lead-Investor von Ona war Speedinvest. Für den Wiener VC ist es der zweite große KI-Exit innerhalb kurzer Zeit – brutkasten berichtete ausführlich über die Übernahme des Linzer Startups Emmi AI durch Mistral. „Europa fragt sich längst nicht mehr nur, welche Rolle es im KI-Zeitalter spielen wird. Die Übernahme des in Deutschland gegründeten Unternehmens Ona durch OpenAI zeigt: Europäische Gründer bauen Technologien, die selbst die führenden KI-Unternehmen der Welt brauchen, um KI in die praktische Anwendung zu bringen“, kommentiert Speedinvest-CEO Oliver Holle.

Marktkonsolidierung oftmals als Verschiebung von Europa in die USA

Die Begeisterung beim Lead-Investor, der mit dem Deal vermutlich einen großen Return einfährt, ist nachvollziehbar. Freilich gibt es aber auch eine andere Lesart: Der Verkauf spezialisierter KI-Startups an die großen Player stellt eine massive Marktkonsolidierung dar, die sich in zahlreichen weiteren Exit-Deals der vergangenen Monate niederschlägt. Die wenigen globalen Giganten nutzen ihre Milliardeninvestments, um durch gezielte strategische Übernahmen auch die Nischen im KI-Bereich zu dominieren. Und das ist nicht in allen, aber in vielen Fällen eine Verschiebung von Europa in die USA.

Schneller Exit statt Folgefinanzierung

Im Lichte der Diskussionen um digitale Souveränität und die globale KI-Dominanz sollte einem diese Entwicklung zumindest zu denken geben. Einmal mehr liefert Europa Talent und starke Technologien, die, noch bevor sie eine kritische Größe erreichen, abfließen. Und der Grund dafür ist derselbe wie immer: mangelnde Folgefinanzierung im Heimatkontinent. Die nationale Begeisterung über den schnellen Exit währt dann meist nur kurz, bevor das Klagen über die US-Dominanz wieder weitergeht. Europäische und nationale Dachfonds, deren Volumina jenes einer einzelnen Investmentrunde für Anthropic, OpenAI und Co. bei weitem unterschreiten, werden das nicht lösen können.

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Apollo, KI, Altgiechisch, Mistral
© Österreichische Nationalbibliothek/ÖAW/Daniel Hinterramskogler - Papyrus aus der römischen Kaiserzeit mit einer griechischen Geburtsanzeige, von Apollo rekonstruiert (Römisches Ägypten, 149 n. Chr.) und Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW.

In Museen und Bibliotheken weltweit lagern hunderttausende Inschriften und über eine Million Papyrusfragmente aus der Antike. Der Großteil des Materials ist fragmentarisch und schwer lesbar. „92 Prozent der Papyri warten bis heute auf ihre Entzifferung. Ein gigantischer, unerschlossener Schatz der Geschichte“, heißt es per Aussendung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Genau hier möchte Apollo ansetzen.

Apollo: „Neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe“

Entwickelt wurde das Large Language Model (LLM) in einer Kooperation zwischen der ÖAW und den europäischen KI-Unternehmen Mistral AI und SAIL Reply. Am gestrigen Mittwoch präsentierten die Forschungspartner die erste Stufe des Apollo-KI-Systems, das ab sofort der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

„Apollo zeigt, was europäische Zusammenarbeit leisten kann, wenn KI, die gezielt an wissenschaftliche Anforderungen angepasst werden kann, auf jahrhundertealtes wissenschaftliches Wissen trifft“, sagt Guillaume Lample, Co-Founder und Chief Scientist von Mistral. „Indem Mistrals Technologie dabei hilft, Texte wiederherzustellen, die seit zweitausend Jahren nur fragmentarisch überliefert sind, eröffnet sie ein neues Fenster zu unserem gemeinsamen kulturellen Erbe – und das ist erst der Anfang.“

600 Millionen Wörter

Die meisten Texte der Antike sind nur unvollständig überliefert und es fehlen einzelne Wörter oder sogar ganze Textpassagen. Das Sprachmodell Apollo könne fehlende Inhalte von Fragmenten eigenständig ergänzen und dabei helfen, das Verständnis und die historische Einordnung eines Schriftstückes zu verbessern.

Obwohl für das Training der KI in Altgriechisch nur 600 Millionen Wörter zur Verfügung standen – mehrere zehn Milliarden Wörter gelten üblicherweise als der Standard für LLMs – sei eigenen Angaben nach Apollo treffsicher.

„Bei einem vorhandenen Originaltext auf Papyrus erreicht das Modell bei maskierten, also bewusst versteckten Passagen eine Trefferquote von rund 80 Prozent“, erklärt Anna Dolganov, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW und Mastermind hinter dem Projekt. Bei tatsächlich unbekannten Textlücken bewerteten internationale Fachexpert:innen, die das KI-System im Rahmen einer Blindstudie evaluiert haben, Apollos Vorschläge in 77 Prozent der Fälle als mindestens ebenso gut wie durch Menschen vorgenommene Ergänzungen und in 16–20 Prozent der Fälle sogar besser, heißt es.

Apollo erkennt Sprachstufen

Besonders beeindruckend sei zudem, wie präzise Apollo zwischen verschiedenen Sprachstufen des Griechischen unterscheiden kann, betont Dolganov: „Unser LLM kann mit vergleichsweise geringem Wissen über einen Kontext weitreichende Schlüsse ziehen. Anhand von Satzbau und Vokabular erkennt Apollo präzise, ob ein Text zum Beispiel aus Homers ‚Odyssee‘ stammt, und ergänzt ihn im passenden Sprachregister.“

Als Beweis zeigte Dolganov bei der Präsentation von Apollo etwa eine antike Geburtsurkunde, die vollständig rekonstruiert wurde. Zudem wurde eine beim Ausbruch des Vesuvs verkohlte Schriftrolle an entscheidenden Stellen „vollständig lesbar gemacht“. Und mit der Rekonstruktion einer fragmentarischen Inschrift aus dem Schwarzmeerraum hat sich der Forscherin zufolge belegen lassen, dass in einer bestimmten Region bereits römisches Recht galt. Die Aussendung sprach hierbei von einer „weitreichenden Erkenntnis, die durch einen Beleg für die römische Prostitutionssteuer untermauert wird.“

Weitere Stufen geplant

„Mithilfe der KI entsteht ein neues Bild der antiken Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, da sich viele Erkenntnisse erst aus der Masse der Dokumente ergeben – etwa bei Steuerquittungen“, präzisiert Dolganov.

Und Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ergänzt: „Apollo bringt die Erforschung von historischen Schriftstücken und Dokumenten in ein neues Zeitalter. Der Einsatz des neuen Sprachmodells wird völlig neue Forschungsfragen zulassen und unser historisches Wissen erweitern. Wir sind stolz, dass die ÖAW gemeinsam mit dem europäischen KI-Unternehmen Mistral diese wegweisende Technologie entwickelt hat. Für die Zukunft streben wir eine vertiefte Zusammenarbeit mit Mistral an.“

© ÖAW/Daniel Hinterramskogler – Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, bei der öffentlichen Vorstellung von Apollo.

Der ersten Stufe des Modells sollen bald noch weitere folgen. „Das Ziel ist ambitioniert, aber machbar“, wie Dolganov betont: Die KI soll künftig unerschlossene Papyri sowohl entziffern als auch rekonstruieren können. Geplant ist außerdem eine Erweiterung, mit der das Modell thematische und semantische Suchen in der gesamten griechischen Textüberlieferung durchführen sowie Parallelstellen suchen soll und so die passende Evidenz für Ergänzungsvorschläge gleich mitliefert.

Dolganov, die ÖAW und Mistral wollen jedoch bei Altgriechisch nicht aufhören. Aufbauend auf den Erfahrungen soll die KI künftig auch mit einem lateinischen Textkorpus trainiert werden. Dafür stehen dann rund zwölf Milliarden Wörter zur Verfügung. Was für das Projekt noch fehlt, sei ein passender Name.

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