13.04.2026
GASTKOMMENTAR

Marktchance Mehrweg: Was bringt die Verpackungswende für Unternehmen?

Gastkommentar. Verpackung als Kostenstelle, die möglichst klein gehalten wird? Das war einmal! Die Spielregeln haben sich geändert - sowohl in Österreich als auch für den EU-Binnenmarkt. Für Unternehmen stellt sich deshalb nicht mehr die Frage, ob sie handeln müssen, sondern ob sie es rechtzeitig tun.
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Martina Scheuch ist Lehr- und Forschungsassistentin am Forschungsinstitut für Urban Management und Governance der WU Wien | (c) Martina Scheuch

1995 lag die Mehrwegquote in Österreich noch bei 80 Prozent. 25 Jahre später – und eine Mehrwegpflichtregelung weniger – waren es nur noch rund 20 Prozent. Nun möchte man aber gegensteuern: Seit 2024 gilt stufenweise eine Mehrwegpflicht für alle großen Verkaufsstellen, seit Jahresbeginn 2025 läuft das Einwegpfandsystem. Die gesetzliche Regelung verbindlicher Mehrwegquoten im Lebensmitteleinzelhandel ist in Europa auf nationaler Ebene einzigartig.

Ob die Ambitionen dabei zu hoch sind, bleibt abzuwarten: Der erste Mehrweg-Jahresbericht des Umweltministeriums zeigt, dass 2024 nur knapp 19 Prozent der verkauften Getränke mehrwegverpackt waren. Das gesetzliche Ziel für 2025 liegt bei 25 Prozent – sechs Prozentpunkte, die Handel und Industrie nun aufholen müssen.

PPWR als europaweiter Standard

Auf EU-Ebene wird außerdem mit der Verpackungsverordnung (engl.: Packaging and Packaging Waste Regulation, PPWR) der nächste Rahmen schlagend, der alle Mitgliedstaaten in die Pflicht nimmt. Verbindliche Pflichten greifen ab 12. August 2026. Die Verordnung geht dabei deutlich weiter als die österreichische AWG-Novelle: Sie regelt Mindestanforderungen an Recyclingfähigkeit, verpflichtende Rezyklatanteile, Designvorgaben für Verpackungen und verbindliche Mehrwegquoten für bestimmte Gewerbe wie Gastronomie und Getränkeindustrie. Wer also in diesen Sektoren auf dem EU-Binnenmarkt aktiv ist, kommt an Mehrwegquoten nicht mehr vorbei.

Gleichzeitig zeigt ein Stimmungsindex des Fraunhofer IML aus 2025, dass in vielen Unternehmen in Deutschland grundlegende Voraussetzungen für eine unionskonforme Ausrichtung des Verpackungsmanagements noch fehlen – besonders klare Verantwortlichkeiten, belastbare Datenstrukturen und eine systematische Analyse des Verpackungsportfolios werden als Problempunkte genannt. Außerdem überschätzt die Hälfte der untersuchten Unternehmen den eigenen Fortschritt. Auch die Altstoff Recycling Austria AG (ARA) mahnt zur rechtzeitigen und zielgerichteten Planung, um EU-Strafzahlungen zu vermeiden – die Rahmenbedingungen seien “nicht zu unterschätzen”. Dazu kommt ein strukturelles Problem von EU-Gesetzgebungsakten – entscheidende Festlegungen, wie etwa die Definition von Recyclingfähigkeit, werden auf nachgelagerte Rechtsakte verschoben, was die Gefahr unterschiedlicher nationaler Umsetzungen in Europa birgt.

Compliance ist das Minimum

Wer also auf endgültige Klarheit wartet, bevor er handelt, könnte zu lange warten. Unternehmen sind stattdessen gut beraten, Mehrwegquoten und Recyclingpflichten nicht als Hürden, sondern  vielmehr als strategische Hebel zu begreifen. Mit Transparenz, Nachhaltigkeit und Effizienz in Verpackungsfragen können sich Unternehmen Aufträge und Finanzierungsvorteile sichern und Marktanteile erobern.

Konkret bedeutet das: Während die Recyclingfähigkeit nur das absolute Minimum für Konformität mit den EU-Vorgaben darstellt, sind “wiederverwendbare Verpackungen” notwendig, um auch die erforderlichen Quoten in bestimmten Gewerben einhalten zu können. Der wahre Wettbewerbsvorteil liegt also klar in Mehrweglösungen.

Unternehmen, die jetzt handeln, können folglich in mehreren Bereichen reale Vorteile nutzen. Nur wer Rezyklatanteile, Mehrwegfähigkeit und Ökobilanz von Verpackungen nachweisen kann, ist für zukünftige Ausschreibungen gut gerüstet. Andernfalls droht – unabhängig vom dahinterstehenden Produkt – ein Ausschluss.

Neue Märkte, neue Chancen

Grüne Logistik und Circular Economy bieten darüber hinaus neue Geschäftsmodelle für Rücknahme, Wiederverwendung und Rückführung von Materialien. Dabei gilt es, auf strukturelle statt individuelle Lösungen zu setzen. Wer heute Mehrwegsysteme, Pooling-Lösungen oder digitale Rückverfolgung aufbaut, bietet eine Infrastruktur, auf die andere morgen angewiesen sein werden.

Auch jenseits der PPWR bringt eine Transformation des Verpackungsmanagements handfeste Vorteile. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) zieht immer weitere Kreise: So werden KMU durch Kund:innen und Banken zunehmend in die Pflicht genommen. Geldgeber:innen koppeln ihre Finanzierung vermehrt an Nachhaltigkeitsaspekte, Verpackungsdaten werden Teil von Kreditgesprächen und Lieferantenaudits. Wer sie nicht liefert, hat ein Problem, das über die Verpackungsabteilung hinausgeht.

Was jetzt zu tun ist

Der Einstieg muss nicht so komplex sein, wie EU-Verordnungen auf den ersten Blick oft wirken. Sinnvoll ist zunächst eine systematische Bestandsaufnahme des eigenen Verpackungsportfolios: Welche Materialien werden eingesetzt, welche Rezyklatanteile sind bereits nachweisbar, wo bestehen Mehrwegalternativen? Darauf aufbauend lassen sich Verantwortlichkeiten klären und Prioritäten setzen, bevor konkrete Fristen Druck machen.

Österreich hat durch seine Pionierrolle einen Rahmen geschaffen, der Unternehmen zwingt, früher zu handeln als Wettbewerber im EU-Ausland. Das ist eine Belastung, aber auch ein Vorsprung gegenüber konkurrierenden Unternehmen, die diese Transformation noch vor sich haben. Die Frage ist also nicht, ob die Verpackungswende Thema im eigenen Unternehmen werden sollte – sondern wann.


Über die Gastautorin

Martina Scheuch ist Lehr- und Forschungsassistentin am Forschungsinstitut für Urban Management und Governance der WU Wien, wo sie derzeit ihr Masterstudium in Wirtschaftsrecht absolviert. Neben ihrer breiten wirtschaftsjuristischen Ausbildung hat sie im Laufe ihres Studiums vor allem umwelt- und menschenrechtliche Schwerpunkte gesetzt. Studienaufenthalte führten sie an die Bocconi University sowie die Tilburg University; praktische Erfahrungen sammelte sie u. a. bei der European Public Law Organization in Athen und in der Umweltrechtsabteilung der Stadt Wien (MA22).

Daneben ist sie als freie Journalistin für das Climate Lab tätig, wo sie über nachhaltige Entwicklung und Kreislaufwirtschaft berichtet. Vor dem Hintergrund der drängenden Klimakrise positioniert sich das Climate Lab als zentraler Knotenpunkt, um Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft in Österreich rascher voranzutreiben.






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Vl. A1-CCO Martin Resel und IBM-Österreich-Chef Marco Porak | © A1/APA/Hörmandinger
Vl. A1-CCO Martin Resel und IBM-Österreich-Chef Marco Porak | © A1/APA/Hörmandinger

Dass für Unternehmen kein Weg mehr an Agentic AI vorbeiführt, ist mittlerweile ein Gemeinplatz. Dass eine sichere und konforme Umsetzung davon nicht so einfach ist, ebenfalls. „Für KI im Unternehmenskontext gelten andere Spielregeln als im privaten Bereich. Ich spreche hier besonders von souveräner KI“, sagt Marco Porak, Generaldirektor von IBM Österreich, bei einem gemeinsamen Pressetermin mit A1 und dessen Cloud-Tochter Exoscale. Mit einer gemeinsamen Plattform, die IBM watsonx auf A1 Exoscale bringt, will man Unternehmenskunden gemeinsam eine sichere und digital souveräne Lösung bieten.

„Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur“

Denn Schatten-KI, also die Nutzung privater bzw. vom Unternehmen nicht genehmigter KI-Anwendungen durch Mitarbeiter:innen, sei ein echtes Sicherheitsrisiko, betont Martin Resel, stv. Vorstandsvorsitzender von A1 und CCO Enterprise. „Unternehmen können es sich nicht leisten, KI nicht zu nutzen. Da geht es um Wettbewerbsfähigkeit. Alles muss effizienter werden, etwa auch in der Verwaltung. Wenn man dann aber Daten global findet, die eigentlich nicht global gespeichert werden sollten, ist das ein Problem“, sagt Resel.

Für viele A1-Unternehmenskunden und auch für A1 selbst sei das besonders relevant. „Wir sind Teil der kritischen Infrastruktur. Viele hochsensible Daten laufen auf unseren Netzen. Wir haben nicht nur Unternehmen aller Größen als Kunden, sondern zum Beispiel auch Ministerien“, sagt der A1-CCO. Gerade in der aktuellen geopolitischen Situation müssten sich Österreich und ganz Europa daher souverän aufstellen.

Orchestrierte KI-Agenten mit klaren Regeln und voller Transparenz

Und wie macht das die gemeinsame Plattform? „Ich bin mir bewusst, dass ich Repräsentant eines amerikanischen Unternehmens bin“, räumt Marco Porak ein. IBM habe aber nach nicht weniger als 98 Jahren am österreichischen Markt ein anderes Standing, als etwa die US-Hyperscaler. Warum? „IBM hat seit jeher das Prinzip, dass Kundendaten Kundendaten sind und die Architektur vom Kunden bestimmt wird“, so Porak. Und: „Globale Innovation und lokale Kontrolle widersprechen einander nicht.“ Genau so sei es auch bei watsonx. Kunden können dort entscheiden, welche KI-Modelle genutzt werden und wo die Daten liegen. Die Bandbreite geht dabei von lokal gehosteten On-Premise-Lösungen über europäische bzw. Open-Source-Modelle auf europäischen Servern bis zu Frontier-Modellen in Datencentern der US-Hyperscaler.

Konkret greift das System auf eine Vielzahl an Large Language Models (LLMs) und Agentic-Modelle zurück und orchestriert KI-Agenten, um Tasks zu erfüllen. Die dazugehörige Governance-Plattform ermöglicht nicht nur das Festlegen der Regeln dafür, sondern bietet auch jederzeit komplette Transparenz, um jeden Arbeitsschritt und die dafür genutzten Modelle nachvollziehen zu können. Für Martin Resel ist dabei ebenfalls klar: „Dass alles, was aus Asien oder Amerika kommt böse ist, sehen wir nicht so. Wichtig ist die Wahlfreiheit.“ Die Plattform sei daher offen für sämtliche Modelle.

„Wir folgen einer sehr strikten Datenklassifizierung – selber und auch für unsere Kunden“

Je nach Usecase und dem damit verbundenen Sicherheits-Level der Daten seien unterschiedliche LLMs und Speicherorte sinnvoll. „Wir folgen einer sehr strikten Datenklassifizierung – selber und auch für unsere Kunden“, sagt Resel. Nach dieser erfolge die Entscheidung, welche Modelle genutzt werden können. Gleichzeitig optimiere die Plattform durch die passende Modell-Auswahl auch den Token-Verbrauch. „Das kann sonst bekanntlich schnell teuer werden“, sagt der A1-CCO.

A1 bietet seinen Enterprise-Kunden nicht nur Zugang zur Plattform, sondern auch begleitende Services, um diese aufzusetzen. Mit den europäischen Datencentern der Tochter Exoscale kommt noch das Angebot der souveränen Cloud im eigenen Land hinzu.

Wie watsonx für A1 und seine Kunden konkret funktioniert, zeigt Exoscale-KI-Experte Christos Kapodistrias beim Pressetermin vor. In seinem Beispiel arbeiteten nicht weniger als 14 KI-Agenten orchestriert zusammen, um eine optimale Vorbereitung auf ein Kundengespräch zu erstellen. „Diesen Usecase nutzen wir auch selber“, erklärt der Experte und zeigt die verschiedenen Sicherheits- und Kontrollmechanismen ebenso wie die Nachvollziehbarkeit über die Governance-Plattform. Marco Porak merkt dazu an: „Man sieht, es gibt mehrere Checkpoints im Prozess, der ‚Human in the Loop‘ bleibt erhalten.“ Denn es gehe eben darum, Menschen bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

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