30.03.2026
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Listing Act: Verhaltene Reaktionen auf Erleichterung von Börsengängen

Mit der Umsetzung des Listing Acts der EU in nationales Recht werden die Bestimmungen zu Börsengängen deutlich aufgelockert. Die Maßnahme, von der explizit auch Startups und Scaleups profitieren sollen, vermag im heimischen Ökosystem aber nicht für Begeisterung zu sorgen.
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vlnr.: Hansi Hansmann, Rudolf Kinsky, Hannah Wundsam, Philip Pauer und Philipp Kinsky | (c) Studio KoeKart / AVCO / AustrianStartups / Reploid / Martin Pacher
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„Ich weiß nicht einmal, was das ist.“ oder „Ich hab das bislang nicht wirklich am Schirm gehabt.“ – ein brutkasten-Rundruf bei durchaus exponierten Personen im heimischen Startup-Umfeld erwischte einige eher kalt. Gebeten wurde um ein Statement zur Umsetzung des Listing Acts der EU, die vergangene Woche im Parlament beschlossen wurde – brutkasten berichtete bereits im Vorfeld.

Das Gesetzespaket soll Börsengänge (IPOs) deutlich erleichtern und bringt dazu durchaus umfassende Maßnahmen. So müssen Unternehmen etwa künftig nur mehr ein Jahr statt drei Jahren als Aktiengesellschaft (AG) etabliert sein, um im Hauptmarkt der Börse gelistet werden zu können. Zudem werden die Schwellenwerte für nationale bzw. EU-Prospektpflichten deutlich angehoben und der Mindeststreubesitz deutlich gesenkt (alle Details hier).

Auch Startups und Scaleups sollen profitieren

Profitieren sollen von den Maßnahmen explizit auch Startups und Scaleups – so die Intention des bereits 2024 erfolgten EU-Beschlusses. Sie sollen durch das Gesetzespaket auch von der Abwanderung in die USA abgehalten werden.

Doch für Begeisterung sorgt der Listing Act im heimischen Startup- und Scaleup-Ökosystem nicht. Wie eingangs beschrieben wird er mitunter noch nicht einmal wahrgenommen. Und unter jenen, die sich damit beschäftigt haben, lässt sich ein klarer Tenor ausmachen: Die Richtung stimmt, vom großen Wurf ist das Gesetzespaket dann aber recht weit entfernt.

Hansi Hansmann: „klitzekleiner Baustein“

Besonders pointiert drückt es – wie so oft – Business-Angel-Legende Hansi Hansmann in einem gewohnt kurzen Statement für brutkasten aus. „Es ist ein klitzekleiner Baustein zu einem besseren Kapitalmarkt. Die größeren Bausteine heißen Financial Education – oder grob: Österreicher:innen haben keine Ahnung, wie und warum sie an der Börse etwas machen sollten – und die Möglichkeit, dass Pensionsversicherungen – vor allem die staatliche – einen Teil ihres Geldes am Kapitalmarkt anlegen.“

Auch der in der Startup-Szene weithin bekannte Anwalt und ehemalige „Business Angel of the Year“ Philipp Kinsky äußert sich kurz und prägnant. Der Listing Act sei ein „überfälliges Signal für einen wettbewerbsfähigeren Kapitalmarkt“. Aber: „Ob vereinfachte Prospektregeln und punktuelle MAR-Erleichterungen [Anm. Market Abuse Regulation] ausreichen, um strukturelle Standortnachteile Europas gegenüber den USA oder Asien zu kompensieren, ist offen. Ohne weitergehende Harmonisierung etwa im Steuer- und Gesellschaftsrecht dürfte der Effekt auf die IPO-Aktivität moderat bleiben.“

Hannah Wundsam, Managing Director Austrian Startups, sieht einen „ersten Schritt hin zu einem stärker integrierten europäischen Kapitalmarkt“, der ein zentrales Problem adressiere: den schwachen Exitmarkt in Europa. Schließlich würden in den USA 30 Prozent der Exits von Deep-Tech-Startups über Börsengänge erfolgen, in Europa dagegen nur 17 Prozent. Gleichzeitig ziehe es viele europäische Unternehmen für den IPO in die USA. Aber: „Der nächste wichtige Schritt ist der Aufbau einer starken, gemeinsamen europäischen Börse, die ausreichend Liquidität, Sichtbarkeit und attraktive Rahmenbedingungen für Scaleups bietet“, so Wundsam.

Rudolf Kinsky: „Kirche im Dorf lassen“

Deutlich ausführlicher äußert sich Rudolf Kinsky gegenüber brutkasten. Der Private-Equity- und Venture-Capital-Experte war unter anderem langjähriger Präsident des heimischen PE- und VC-Dachverbands AVCO (vor dessen Zusammenschluss mit der aaia zu invest.austria) und brachte als solcher bereits vor vielen Jahren das Dachfonds-Konzept für Österreich ins Spiel. „Das ist schon insgesamt als positiv für den Kapitalmarkt zu sehen. Die Vertiefung des Aktienmarkts ist wichtig. Man muss aber die Kirche im Dorf lassen, vor allem, was das für Startups bedeutet“, meint er.

Denn das eigentliche Problem der Liquidität werde damit nicht gelöst. Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds würden dadurch nicht risikofreudiger. Für Startups brauche es also weiterhin VC-Kapital – bei dem es die altbekannten Probleme gebe. Schließlich bräuchten Startups bei Investments auch Begleitung, die Venture-Capital-Geber bieten könnten, Börseninvestor:innen aber nicht. „Das ist kein smartes Kapital“, so Kinsky.

Im Venture-Capital-Bereich gebe es zudem Profis, die Risiken einschätzen und Unternehmen bewerten können. „Im Aktienmarkt gibt es solche Leute für potenziell so kleine Titel in Österreich nicht. Da bräuchte es Investmentbanken, die wir nicht haben“, sagt der Experte. Es gelte also, holistisch zu denken, um wirksame Änderungen für Startups herbeizuführen.

Etwas anders sieht Kinsky den Listing Act im Bezug auf Scaleups und etablierte KMU. „Ein Unternehmen wird aber einige Jahre positive Ergebnisse liefern müssen, bevor Investoren das mitmachen“, gibt er zu bedenken. Daher steht er auch der Anhebung der Schwellenwerte für die Prospektpflicht eher skeptisch gegenüber: „Das halte ich nur für oberflächlich positiv. Die Publizität ist wichtig. Ich hätte die Prospektpflicht nicht angehoben – die Anleger:innen müssen ja informiert sein, wo sie investieren.“

Philip Pauer: „Börse ist kein Spielplatz für junge Startups“

In eine ähnliche Kerbe schlägt Philip Pauer, Gründer des Welser Insektenzucht-Unternehmens Reploid. Dieses ging vergangenes Jahr den für heimische Jungunternehmen ungewöhnlichen Schritt des Börsengangs (im weniger stark regulierten „Direct Market Plus“ der Wiener Börse) nur vier Jahre nach der Gründung (brutkasten berichtete damals). „Die Entscheidung für jemanden, der eine Aktie kaufen möchte, wird dadurch nicht leichter“, sagt er.

Generell seien Maßnahmen für eine Stärkung des Kapitalmarkts aber zu begrüßen, meint Pauer. „Das wird es für die Zukunft brauchen. Es braucht mehr Public Money, mehr Public Interest, mehr Visibilität und auch mehr EU.“ Entsprechend hoffe er auch, dass über die Maßnahme langfristig auch Kapital vom Kapitalmarkt für Wachstumsunternehmen zur Verfügung stehe.

Ähnlich wie Rudolf Kinsky hat aber auch Pauer hier nicht Startups, sondern profitable KMU und Scaleups im Sinn. „Europäische Börsen sollen nicht zu Startup-Börsen werden, wo man sich Geld holt und vielleicht funktioniert es nicht. Das kann nicht das Ziel sein“, meint der Gründer. Man müsse den Markt und die Investor:innen sehr ernst nehmen. Und er legt noch nach: „Die Börse ist kein Spielplatz für junge Startups, sondern ist für Unternehmer:innen, die es wirklich ernst meinen. Es ist nicht Crowdfunding 4.0. Als drei Aufsichtsräte Mama, Papa und den Nachbarn festzulegen und mit einer Idee an die Börse zu gehen, wie es in den USA teilweise passiert – dieses Mindset verträgt der europäische Marktplatz nicht.“

Wohl aber könnten solide Unternehmen von der kürzeren Vorlaufzeit durch den Listing Act profitieren. „Wenn man bereits seit Jahren eine GmbH führt und sieht, dass man auf einem Börsenplatz wie Wien einen fruchtbaren Boden hätte, kann man die Wandlung machen, innerhalb eines Jahres alles aufsetzen und dann loslegen. Das ist sicher zu begrüßen“, so Pauer.

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Das Zyglox-Team in Graz, in der Mitte die Gründer Jakob Moder (links) und Erik Gerstl (rechts). © Zyglox

Rund die Hälfte der Lifecycle-Kosten eines Zuges entfällt auf die Wartung, und davon wiederum mehr als die Hälfte auf Räder, Achsen und Fahrwerk, sagt Jakob Moder. Wie stark diese Bauteile im Betrieb tatsächlich belastet werden, wird bisher aber kaum gemessen. Der Grund ist simpel: Es fehlt an präziser Messtechnik, die im Dauerbetrieb einsetzbar ist. Das Grazer Startup Zyglox will das ändern.

„Die Eisenbahn ist nicht ins 21. Jahrhundert gekommen“

Der Name ist ein Wortspiel: Zyglox, gesprochen „Zügloks“, steht für Messtechnik für Züge und Loks. Dahinter stehen Jakob Moder und Erik Gerstl, die zuvor gemeinsam in der Messtechnik gearbeitet haben. Moder wechselte später in den Eisenbahnbereich und erlebte die Lücke dort aus der Praxis. Was es brauche, sei eine Lösung, „die das einerseits zuverlässig erkennt und gleichzeitig gut applizierbar ist“. Sein Urteil: „Bei der Usability ist die Eisenbahn nicht ins 21. Jahrhundert gekommen.“ Ende 2023 gründeten die beiden Techniker Zyglox in Graz.

Die bisherige Methode mit Dehnmessstreifen sei „einfach zu teuer“, erklärt Moder. Der Zug müsse dafür ein bis zwei Wochen zerlegt und instrumentiert werden, deshalb passiere das nur bei der Zulassung. „Das dauert ein Jahr, diese Technik reinzubringen, die Zulassung durchzuführen, und dann wird es wieder rausgenommen.“ Im laufenden Betrieb bleiben nur Beschleunigungssensoren, wie sie auch in jedem Smartphone stecken. „Das ist von der Datenqualität her ganz was anderes. Unser Sensor ist wie 4K, der Beschleunigungssensor liefert ein verpixeltes Foto von den Zuständen.“

Ein Sensor für Zulassung und Dauerbetrieb

Die Lösung von Zyglox lässt sich ohne größere Änderungen am Bauteil anbringen. „Wir haben eine Plug-and-Play-Lösung, die kann man einfach aufstecken“, sagt Moder. Ein Techniker braucht dafür laut Zyglox 30 Minuten. Der Sensor messe Dehnungen an Achsen, Wellen oder Schienen und liefere „gleiche oder bessere Daten als die Lösungen bisher“. Das Ziel ist ein Universalwerkzeug: genau genug für die Zulassung, aber so ausgelegt, dass es danach auf dem Fahrzeug bleibt und die Kräfte im Rad-Schiene-Kontakt dauerhaft erfasst. „Da gibt es ein großes Anwendungsfeld, denn damit wird auch die Infrastruktur überwacht“, so Moder.

Jeden Tag werden auf der Schiene hunderttausende Kilometer zurückgelegt. Zyglox will jeden davon nutzbar machen, um zu lernen, zu verbessern und vorherzusagen. Mit herkömmlichen Methoden war das Erfassen dieser Daten bisher zu teuer, zu langsam und zu aufwendig. © Zyglox

Physik aus dem Trafo, Sensoren aus dem Weltraum

Technisch nutzt Zyglox hochsensitive Magnetfeldsensoren aus der Raumfahrt, das Startup ist Teil eines Downstream-Programms der ESA. Das Prinzip erklärt Moder am Transformator: Der brummt, weil das Magnetfeld des Wechselstroms den Stahl minimal dehnt. „Und wir machen das Umgekehrte: Wenn sich der Stahl dehnt, ändert sich sein Magnetfeld in der Umgebung.“ Ein aktives Messverfahren berücksichtigt dabei den linearen Zusammenhang zwischen Belastung und Sensorsignal. Die Technologie ist patentiert, entwickelt und montiert wird in Graz.

Betreiber als Kunden, Wartung als Hebel

Als primäre Kunden sieht Zyglox die Bahnbetreiber, bei denen die Wartungskosten anfallen. Dazu kommt die Sicherheit: „Es gibt viele Vorfälle, die vielleicht nicht zu einem Unfall führen, wo man aber trotzdem sicherer und zuverlässiger unterwegs wäre, wenn man gutes Condition Monitoring hat.“

Ein kleines Pilotprojekt ist bereits abgeschlossen. Für 2027 ist der Einbau des Systems in Fahrzeuge im regulären Streckenbetrieb geplant, zunächst als Prototyp für einige Wochen Messung. Danach folgt die Zulassung. Ende 2027 soll daraus ein fertiges Produkt werden, erst dann könne die Skalierung beginnen, sagt Moder. An Interesse mangelt es nicht: „Wir können gar nicht alle Pilotprojekte machen“, weil Sensorentwicklung samt Software personalintensiv sei. Ende September zeigt das Team den Prototyp auf der InnoTrans in Berlin, der größten Messe für Schienenfahrzeuge.

Mit aws Preseed und aws Seed vom Effekt zum Produkt

Finanziert hat sich Zyglox bisher aus eigenen Mitteln und über die Austria Wirtschaftsservice (aws). Mit aws Preseed, konkret im Programm „aws Preseed | Seedfinacing – Deep Tech“, hat das Startup die ersten eineinhalb Jahre an der Sensortechnologie getüftelt. „Es hat uns die Möglichkeit gegeben, eine Idee, die bereits validiert war, einfach zu erproben. Einfach Zeit zu haben, weil Hardware dauert ein bisschen, etwa Prototypen zu iterieren“, sagt Moder. Es sei vor allem darum gegangen, „sicherzustellen, dass das dann ein Produkt werden kann“. Seit Mitte 2025 ist Zyglox im Seed-Programm der aws, das voraussichtlich bis Anfang 2028 läuft. Das Team ist inzwischen auf rund sieben Personen gewachsen. Für die Skalierungsphase im kommenden Jahr will sich das Startup nach Investoren umsehen: „Wenn eine Bestellung eintritt oder größer wird, werden wir das mit den aktuellen Mitteln wahrscheinlich nicht mehr stemmen können.“

Standortvorteil Graz

Den Standort Graz sieht Moder als klaren Vorteil: Siemens fertigt hier Fahrwerke, dazu kommen Messdienstleister, Prüfstandbauer und Nextsense. Zyglox sitzt direkt am Campus der TU Graz, mit Zugang zu Prüfständen der Universität und Maschinen der voestalpine. „Die gesamte Infrastruktur ist einzigartig“, sagt Moder. „Im Silicon Valley könnten wir das Produkt wahrscheinlich nicht entwickeln, in Österreich geht es besser. Das ist eigentlich ein bisschen verrückt, aber wir haben hier die optimalen Bedingungen.“


Disclaimer: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Medienkooperation mit der Austria Wirtschaftsservice (aws) entstanden.

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